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Ingrid Breig, Verena Leuther: 50plus und arbeitslos - ohne Arbeit leben lernen?!

Cover Ingrid Breig, Verena Leuther: 50plus und arbeitslos - ohne Arbeit leben lernen?! Frank & Timme (Berlin) 2007. 221 Seiten. ISBN 978-3-86596-129-7. 24,80 EUR, CH: 37,20 sFr.

Reihe: Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften - Band 6.
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Entstehungshintergrund

Das Buch „50plus und arbeitslos – ohne Arbeit leben lernen?! von Ingrid Breig / Verena Leuther ist als sechster Band der Schriftenreihe des Fachbereichs Sozial-und Kulturwissenschaften der Fachhochschule Düsseldorf erschienen. Es handelt sich dabei um eine Diplomarbeit. Der Fokus der beiden Autorinnen liegt darauf, wie ältere Menschen mit Arbeitslosigkeit umgehen und welche Bewältigungsstrategien sie entwickeln. Darüber hinaus wird im empirischen Teil der Arbeit dargestellt, „welche Perspektiven jenseits der Erwerbstätigkeit für die Gruppe 50plus möglich und wünschenswert erscheinen“ (S. 12)

Autorinnen

Ingrid Breig (Dipl.-Sozialpädagogin) ist in der beruflichen Rehabilitation psychisch Kranker tätig.

Verena Leuther (Dipl.-Sozialpädagogin) arbeitet im Bereich Arbeitsvermittlung und Arbeitsberatung SGB II.

Thema

Das im Buch behandelte Thema der Altersarbeitslosigkeit unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung auf beschäftigungspolitischer Ebene wird um praktische Handlungsweisungen aus der Sozialarbeit erweitert. Während Jugendarbeitslosigkeit regelmäßig auf ein großes Interesse in der Öffentlichkeit stösst, findet die Arbeitslosigkeit im Alter eine wesentlich geringere Beachtung. Jedoch ist unausweichlich festzuhalten: Die Lebenserwartung der Menschen steigt, sie bleiben länger gesund und sie wären folglich in der Lage eine längere Erwerbsphase auszuüben. „Die erwartete künftige Arbeitsmarktsituation – mit knapper werdenden Nachwuchs und kontinuierlich älter werdenden Belegschaften – erfordert bereits heute einen pfleglichen Umgang mit den jüngeren, mittelalten und älteren ArbeitnehmerInnen…“ (S. 93). Die beiden Autorinnen weisen in ihrer Arbeit auf die notwendige Berücksichtigung der individuellen Betrachtung hin, die nach ihrer Meinung in der Debatte um das Thema viel zu kurz kommt und das lediglich „die Folgen der Arbeitslosigkeit Älterer fast ausschließlich unter rentenfiskalischen und demographischen Aspekten diskutiert werden“(S. 94).

Langzeitarbeitslosigkeit ist ein breites Feld, derer es noch vieler Untersuchungen bedarf, vor allem dann, wenn es um die Betroffenen selbst geht. In Hinblick auf ältere Arbeitnehmer wird das Thema Langzeitarbeitslosigkeit noch einmal in Kapitel 4 gesondert betrachtet, da die ohnehin bestehenden Einflussfaktoren von Politik und Ökonomie hier um den demographischen Faktor erweitert werden, welche für die meisten Betroffenen in einer kaum zu bewältigenden Herausforderung münden und meist in einer bislang gesellschaftlich legitimierten Abwärtsspirale enden.

Aufbau

Die Autorinnen verknüpfen makrosoziologisches Wissen mit subjektiven Aspekten. Sie gliedern ihre Arbeit in zwei Abschnitte: der erste Teil besteht aus einer allgemeinen theoretischen Einführung in das Thema „Arbeit und Demographischer Wandel“. Darauf aufbauend folgt dann eine empirische Untersuchung, im Rahmen derer auf die subjektive Wahrnehmung von Arbeitslosigkeit eingegangen wird.

Inhalt

  • Im ersten Kapitel wird die derzeitige Situation am deutschen Arbeitsmarkt und der daraus entstehenden Fragestellung und Zielsetzung der beiden Autorinnen vorgestellt. Darin machen sie deutlich, dass der psychosozialen Komponente eine hohe Gewichtung bei der Betrachtung dieses Themas beigemessen werden wird, die sich dann wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit zieht.
  • Kapitel Zwei und Drei bestehen zunächst aus einer definitorischen Abgrenzung von Arbeit, Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit und ihrer Bedeutung bzw. Funktion in der Gesellschaft. Im Anschluss werden sowohl statistische Daten, Ergebnisse aus der Arbeitslosenforschung dargestellt als auch Auswirkungen für die Betroffenen auf psychosozialer Ebene. Diese theoretische Einbettung und Erörterung der Begriffe verschaffen dem Leser zum einen guten Überblick über die derzeitige Beschäftigungssituation in Deutschland und über gesetzliche Regelungen, welche mit Arbeitslosigkeit einhergehen. Zum anderen ist diese Abgrenzung notwendig, da das Verständnis und die Bedeutung von Arbeit in der modernen Gesellschaft begrifflich stark variiert.
  • Im vierten Kapitel wird das Thema Alterslangzeitarbeitslosigkeit konkreter dargestellt und theoretisch eingegliedert. Auch hier erfolgt eine definitorische Bestimmung der Kategorie Alter und es wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung dem Alter in unserer Gesellschaft beigemessen wird.
  • Im fünften Kapitel steht somit nach einer Einführung über die angewendeten Methoden der empirischen Untersuchung und des Analysemodells die Darstellung der Untersuchungsergebnisse im Mittelpunkt, die sich auf das Erleben, die Bewältigungsstrategien und Perspektiven älterer langzeitarbeitsloser Männer und Frauen beziehen. Als Forschungsmethode entschieden sich die beiden Autorinnen für die Anwendung von problemzentrierten Interviews, die mit 10 Befragten durchgeführt wurden. Die beiden Autorinnen zeigen eindrucksvoll und detailliert wie Arbeitslosigkeit von einst dauerhaft im Beruf stehenden Personen im Alter erlebt wird. Es werden unterschiedliche Arten der Bewältigung dargestellt, die je nach individuellem Hintergrund stark variieren– meist jedoch in Form von sozialer Ausgrenzung und einem Leben am Existenzminimum bestimmt sind.
    Interessant hierbei ist die Darstellung einer anderen Herangehensweise an dieses Thema, indem nicht an einem „berufsfixierten Lebenskonzept“ festgehalten wird, sondern Hinweise gegeben werden, wie Arbeitslose besser mit ihrer Erwerbslosigkeit zurechtkommen könnten (S.186). Jenseits von Fragen der Reintegration von Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie es gelingen kann auch außerhalb von Erwerbsarbeit ein wertvolles Leben führen und empfinden zu können. Hier werden Überlegungen angeführt, das Leben nicht über den Soll-Zustand (der bislang hauptsächlich mit dem Wiedereintritt in das Berufsleben verbunden wurde), zu definieren. Die beiden Autorinnen kritisieren, dass die eigene „Lebensbewältigung“ aufgrund von fehlenden Alternativen zu diesem berufsorientierten Modell erschwert wird (S.186). Veränderungen diesbezüglich können auf individueller Ebene jedoch nur dann umgesetzt werden, wenn passende institutionelle Rahmenbedingungen geschaffen werden. Es wird darauf hingewiesen, dass die bislang einbezogenen Institutionen den Betroffenen in arbeitsrechtlichen Angelegenheiten Hilfestellungen anbieten, jedoch meist untätig sind, wenn es um die Hilfestellung in psychosozialen Belangen geht. Sie nennen dafür als Voraussetzung beispielsweise eine Gestaltung von „angstfreien Räumen“, die Arbeitslosen das Gefühl der Anerkennung für ihre bisherigen Leistungen geben könnten (S.194). Diese würden Möglichkeiten bieten, über ein arbeitsfreies Leben nachzudenken, ohne an der Normvorstellung gemessen zu werden.
  • Darauf wird im sechsten Kapitel näher eingegangen. Es wird darauf hingewiesen, dass der Mittelpunkt nicht einzig und allein auf die Tatsache gelenkt werden darf, dass Arbeit in der individuellen Biographie fehlt, sondern auch die Bewegungen zu fördern, die den Betroffenen ihre Lebensrealität besser begreifbar machen und ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern können.

Diskussion

Die durchgeführte Untersuchung legt eine gute Richtung in ein bislang noch unerforschtes Feld vor und gibt einen gelungenen Anschluss für weitere Forschung. Es bietet sich an in weiteren Untersuchungen die Untersuchungsgruppen zu vergrößern. Beispielsweise die Gruppe der Alleinstehenden, aber auch die Vertiefung des Themas, indem der Aspekt der sozialen Ungleichheit unter Berücksichtigung von Qualifikationsniveaus untersucht wird.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist ein Gewinn für Studierende und an der Arbeitssoziologie Interessierte aus sozialen - und Gesundheitsberufen. Es ist den Autorinnen gelungen, die komplexen Verknüpfungen, welche auf politischer Ebene und individueller Ebene bei diesem brisanten Thema entstehen, dem Leser vorzustellen.


Rezensentin
Talar Valentina Acemian
Institut für Gerontologie an der Universität Dortmund Abteilung "Demographischer Wandel und Arbeitswelt" Homepage www.ffg.uni-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Talar Valentina Acemian. Rezension vom 06.03.2009 zu: Ingrid Breig, Verena Leuther: 50plus und arbeitslos - ohne Arbeit leben lernen?! Frank & Timme (Berlin) 2007. ISBN 978-3-86596-129-7. Reihe: Transfer aus den Sozial- und Kulturwissenschaften - Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6924.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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