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Reinhard Sieder: Patchworks [...] (getrennte Eltern und ihre Kinder)

Rezensiert von Dr. Rosa Heim, 30.11.2008

Cover Reinhard Sieder: Patchworks [...] (getrennte Eltern und ihre Kinder) ISBN 978-3-608-94506-5

Reinhard Sieder: Patchworks. Das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 409 Seiten. ISBN 978-3-608-94506-5. 29,50 EUR. CH: 49,80 sFr.

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Autor

Dr. phil. Reinhard Sieder ist a.o. Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien und in der Ausbildung für Paar- und Familientherapeuten tätig.

Thema

Wer selbst als Elternpaar von Trennung betroffen ist oder mit solchen Paaren zu tun hat, hält mit diesem Buch eine wertvolle und fundierte theoretische und praxistaugliche Aufbereitung dieses Themas in der Hand. Aufgrund der steigenden Anzahl der Trennungen in der Moderne, mittlerweile sind es in den westlichen Ländern bereits 50 bis 60 Prozent im Verhältnis zu den geschlossenen Ehen, ist die Veränderung der Liebe zwischen Mann und Frau ein brisantes sozial- und kulturhistorisches Thema geworden. Auf sehr feinfühlige und differenzierte Weise - entmoralisiert und entideologisiert - schärft der Autor den Blick für die sozialökonomischen Wirklichkeiten und verortet Veränderungsprozesse von Paaren und Eltern, die vor allem kumuliert im mittleren Lebensalter auftreten, anhand von soziologischen, kulturhistorischen und sozialpsychologischen Skizzen anschaulich und nachvollziehbar.

Aufbau und Inhalt

Klar strukturiert wird anhand von elf Kapiteln ein Bogen von der Sehnsucht nach Intimität, über die Geschichte der Liebe, das Phänomen Trennung und sechs unterschiedlichen Fallanalysen, die anschließend verglichen werden, zur Intimität in der zweiten Moderne gespannt.

Die Auseinandersetzung in Bezug auf Veränderungen der Liebe zwischen Mann und Frau beginnt mit einer Entlarvung betörender und zählebiger Familienmythen als eine Fiktion, denen eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und nach Ganzheit zu Grunde liegt. Anhand geschichtlicher Abrisse wird aufgezeigt, dass der Mythos Liebe nicht unbedingt eine entsprechende Praxis der Liebe hervorbringt. Eine zentrale Ursache für Trennung und Scheidung wird gegenwärtig auf den Wandel vom patriachalen zum egalitären, geschlechterdemokratischen Code im Privatleben zurückgeführt, was sich in den Erwartungen in einem im Alltag präsenten "Miterzieher" der Kinder und "Partner" der Frau manifestiert. Viele Männer sind allerdings nicht bereit dazu, sich an diesem Gestaltungsprozess des Paares und Familienlebens zu beteiligen. Da grundsätzlich dem Paar- und Familienleben hohe Bedeutung zugeschrieben wird, wird das Scheitern durch nicht angemessene Strategien der Bewältigung von Krisen und Konflikten erklärt. Durch die Trennung und Scheidung kommt es zur Aufspaltung des Familienlebens in zwei Folgefamilien und zur räumlichen Trennung eines Elternteils von seinem Kind. Vor allem zwei Familienformen wird besondere Aufmerksamkeit gewidmet, der Eineltern-Familie und der Stieffamilie.

Ein zentraler Teil des Buches analysiert sechs Fallgeschichten. Diese werden fesselnd und lebendig aufbereitet und mit einer umfangreichen Literatur zu diesem Thema verwoben. Der Autor zeigt auf, wie sich die Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster eines Paares im Laufe des Prozesses der Trennung und des Um- und Neubaues des Familienlebens verändern. Er spricht von bi- und polynuklearen Familiensystemen, in denen getrennte Eltern, deren Kinder, neue Intimpartner, auch Großeltern und anderen Verwandten eine Bedeutung zu geschrieben wird. Trotz der Vielschichtigkeit und Komplexität des Themas kann er deutlich trennen, was der einzelne dabei fühlt und erlebt und was die Handlungen im sozialen System auslösen.

  1. Fallanalyse: Simon Kepler repräsentiert ein Beispiel für hochwertige Väterarbeit nach der Scheidung und erklärt, dass nicht die fehlende biologische Bindung, sondern die Deutung der fehlenden biologischen Bindung, den Mann zum Stiefvater und das Kind zum Stiefkind macht.
  2. Fallanalyse: Am Beispiel Norma von Echtheim wird eine Geschichte von einer Karrierefrau erzählt, die sich den kostspieligen Wunsch nach einem Kind erfüllte, aber nicht gewohnt ist, eine egalitäre Beziehung einzugehen: Das Muster der Familiendelegation wiederholt sich durch eine enge Bindung des Kindes an die Mutter und den Rest ihrer Ursprungsfamilie.
  3. Fallanalyse: Sylvia Mayer befreit sich aus einer Gewaltbeziehung. Sie kämpft gegen das Besuchsrecht des Vaters und möchte die Folgefamilie "normalisieren", indem die Liebe des Kindes auf den neuen "Lebenspartner" übertragen werden soll. Durch die neu entstandenen Kommunikationsformen werden die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes pathologisiert, als auch eine Unvereinbarkeit zwischen den Folgenfamilien hergestellt.
  4. Fallanalyse: Nina Leynes steht für eine Frau, die sich weitgehend aus patriachalen Konventionen und Definitionsmächten des Umfeldes befreit hat und ihre Partnerwahl auf ihre berufliche und persönliche Entwicklung abstimmte. Es zeigt sich, wie ihr Zukunftsentwurf jeweils die Beziehungsgeschichten bestimmte.
  5. Fallanalyse: Theresia Zadek geht nach ihrer gescheiterten Ehe mit einem Mann, der oft betrunken war und sie geschlagen hat, eine pragmatische Liebe ein. In der Folge will sie in der neuen Familie die Qualität der zerbrochenen vorherigen Familie übertreffen. Jedoch das Kind spielt nicht mit und leistet Widerstand gegen das Umerziehungsprogramm der neuen Intimpartnerin des Vaters, da ursprüngliche Loyalitäten nicht erkannt wurden.
  6. Fallanalyse: Nachdem Jakob Valentin die heimliche Liebesaffäre seiner Frau aufgedeckt hat, geht er ins Exil. Er hat den Wunsch nach einem radikalen Neuanfang und erlebt viele Verluste. Anhand dieses Beispieles wird der wiederkehrende Wechsel zwischen Gefühlen der Vertrautheit und der relativen Fremd- und Andersartigkeit gegenüber Kindern nach der Trennung deutlich.

Ein weiterer zentraler Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Vergleich der Fallanalysen. Es werden gemeinsame und unterschiedliche Muster von Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster herausgearbeitet und anhand folgenden Teilprozessen genauer beschrieben: Entliebung und Abwertung, Moratorium und Durchführung der Trennung, Erholphase, Beginn einer neuen Intimbeziehung und Einrichtung von Folgefamilien sowie die Herausbildung von bi- und polynuklearen Familiensystemen. Weiters werden auch die Konflikte im Trennungs- und Scheidungsprozess und unterschiedliche Strategien zwischen den InitiatorInnen und Leidtragenden näher erläutert. Manche Antriebe und Motive in diesem Prozess bleiben allerdings in einem erhöhten Maße intransparent. Die Fallanalysen bestätigen, dass gebildete und beruflich erfolgreiche Frauen die Trennung häufiger und früher in Betracht ziehen. Hingegen in bildungsfernen und sozial-ökonomisch schwachen Milieus besteht eine raschere Notwendigkeit, neue Intimbeziehungen aus materiellen und sozial-kulturellen Gründen einzugehen.

Der Autor befreit zugleich von der Vorstellung, dass Trennung zwangsläufig zu Schädigungen bei Kindern führen muss und erläutert die Faktoren, die darauf Einfluss haben. Dies gilt vor allem für Kinder aus Familien mit höherem Bildungsniveau. Unter anderem können Auswirkungen stark reduziert werden, wenn den Kindern glaubhaft vermittelt werden kann, dass trotz der Trennung die Beziehung zu beiden Elternteilen erhalten bleibt und die gegenseitige Kommunikation nicht behindert wird. Unter solchen Bedingungen können Kinder sogar von neuen Lebensumständen in ihrer Entwicklung profitieren, sozial, emotional und kognitiv sowie betroffene Männer und Frauen selber auch. Der Elternarbeit wird daher erhöhte Aufmerksamkeit im Buch beigemessen. Vielfach sind die Ressourcen und die verfestigten Gewohnheiten und Neigungen entscheidend, wie die Kommunikation und Kooperation der Eltern während und nach der Trennung erfolgt.

Im Epilog wird nochmals darauf verwiesen, dass sich nicht die Menschen in ihren wichtigsten Entscheidungen wie in der Partnerwahl irren, sondern im Nachhinein mit zeitlicher Distanz zum Geschehen, die Um- und Abwertungen aus dem aktuellen und zukunftsgerichteten Interesse des Erzählers erfolgen.

Fazit

Da die Paarbeziehung und die Elternarbeit in der Moderne zu einer primären Kampfzone geworden sind, ist dieses Werk aus meiner Sicht für alle Eltern und im Besonderen für betroffene Eltern eine äußerst spannende Lektüre, die den Blick für die kommunikativen Prozesse der Wirklichkeitskonstruktionen in diesem Geschehen erhellt und zum Nachdenken anregt. Durch die intensive Verwobenheit der Analysen mit der Fachliteratur und durch das kritische Hinterfragen eigener Erkenntnisse des Autors wird zugleich auch Fachleuten eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit diesem Thema geboten. Aus meiner Sicht handelt es sich um eine einzigartige Aufbereitung des Themas Patschworkfamilien in einer gut lesbaren, verständlichen und wissenschaftlich profunden Weise.

Rezension von
Dr. Rosa Heim
SOS-Kinderdorf, Colleg für FamilienPädagogik
Aus- und Weiterbildungseinrichtung für Betreuungspersonen in einem sozial- und familienpädagogischen Feld
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Es gibt 2 Rezensionen von Rosa Heim.

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Zitiervorschlag
Rosa Heim. Rezension vom 30.11.2008 zu: Reinhard Sieder: Patchworks. Das Familienleben getrennter Eltern und ihrer Kinder. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-94506-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6925.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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