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Tobias Moorstedt: [...] Wie die digitalen Medien die Politik verändern

Cover Tobias Moorstedt: Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2008. Orig.-Ausg., 1. Auflage. 165 Seiten. ISBN 978-3-518-12571-7. 9,00 EUR.

Reihe: Edition Suhrkamp - 2571.
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Wahlkampf 2.0

Der us-amerikanische Präsidentschaftswahlkampf des Jahres 2008 war ein Duell der Superlative: am längsten, am teuersten und mit einer Rekordbeteiligung der Wählerinnen und Wähler. Doch unterschied er sich nicht nur in Quantität von vorhergehenden Veranstaltungen, sondern auch in der Art und Weise der Mediennutzung. Das Internet als virtuelle Wahlkampfplattform hatte eine entscheidende Bedeutung für den Wahlsieg des Demokraten Barack Obama. Dies belegen die 600 Millionen US-Dollar Wahlkampfspenden, die der Kandidat über das Netz akquirieren konnte. Mit dem Einsatz einer massiven Internetpräsenz für die  Wahlwerbung, zur Organisation der Helfer und für den politischen Diskurs hat sich nicht nur ein Kandidat durchgesetzt, sondern auch eine neue Art Politik zu treiben.

Rund 200 Jahre nach der Gründung der Vereinigten Staaten sei das technologisch transportierte Demokratieverständnis jedoch gar nicht so weit entfernt von den Gedanken der Gründerväter. Dies behauptet zumindest Tobias Moorstedt, der in der politischen Netzbewegung der USA "Jeffersons Erben" erblickt.

In seinem Buch beleuchtet der Autor seine These von verschiedenen Standpunkten aus und nutzt dazu weitenteils authentische Erfahrungen und Begegnungen mit Schlüsselpersonen, die er während eines längeren USA-Aufenthalts interviewen konnte.    

Autor

Tobias Moorstedt, Jahrgang 1977, ist freier Autor und arbeitet unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, GQ TV und den Sender ARTE.      

Inhalt und Aufbau

Anknüpfend an den vergangenen us-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf kreist die Einführung – unter dem Motto: "This is the moment!" - um die zentralen Themen des Buches: Web 2.0-Kultur und partizipative Demokratie, Entwicklung der Medien und Wahlkampf: Moorstedt beobachtet, dass diejenigen Präsidenten besonderen Erfolg hatten, die auch medienaffin waren, d.h., die es verstanden zeitgemäße Formen der Interaktion mit den Massen zu nutzen. Dabei bleibt es Moorstedt keineswegs verborgen, dass es sich bei digitaler Politik durchaus um einen finanziell attraktiven Markt handelt – und die aufklärerischen, sozialen Grundstrukturen des Internet prinzipiell auch immer dem Missbrauch dienen können.

"D.C. digital", das erste Kapitel, befasst sich mit dem Markt des digitalen Wahlkampfes und den Personen "dahinter". Dabei geht es zunächst um "Hypermedien-Kampagnen"-Software, die verschiedene wahlkampfstrategische Funktionen in sich vereint. Dass der Wahlkampf und der Austausch über politische Themen sich immer stärker in das Internet als soziales Medium verlagern, sei allerdings noch kein Zeichen für demokratische Qualität: Vielmehr sieht Moorstedt die Gefahr, dass den Anwendern aufgrund von Nutzungsprofilen nur noch maßgeschneiderte, selbstreferentielle Informationen zur Verfügung gestellt werden. Insofern besitzt die Software als politischer "System-Builder" einen wesentlichen Einfluss auf die Machtstruktur der virtuellen Demokratie.

"Der virtuelle Kandidat" wird dann im zweiten Kapitel mittels aktueller und vergangener Beispielen näher beleuchtet: Zunächst anhand der medialen Darstellung im Netz und an der Art und Weise, Aktivisten und Unterstützer für den Wahlkampf zu motivieren, sowie Spendengelder zu akquirieren. Im Zentrum von Moorstedts Analyse steht das Modell des "Long Tail". Diese Web 2.0-Metapher besagt, dass über die globale, gleichberechtigte Kommunikation auch abseitige Kandidaten die Chance haben, ihre Themen in den Fokus der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit zu rücken.

Mit dem "voter generated content", einer Übertragung des Web 2.0-Begriffs "user generated content", richtet das dritte Kapitel "Pop und Politik" das Augenmerk auf die kreativen Beiträge, die von den Nutzern in den virtuellen Wahlkampf eingebracht werden. In erster Linie sind es die Videoclips mit und über Kandidaten, die eine politische Kampagne beflügeln oder gar schwer beschädigen können. In diesem Sinne sei die gegenwärtige amerikanische Politik "Popkultur", in der die Bürgerinnen und Bürger sowohl Konsumenten als auch Produzenten von Inhalten werden.       

Ein wesentlicher Vorteil der virtuellen Demokratie ist es, mit relativ geringem finanziellem Einsatz weitläufige Netzwerke zu bilden – die auch politisch Wirksamkeit entfalten können. Kapitel vier, "Die dritte Partei", beschäftigt sich mit solchen Gruppen. Als mächtige Organisationen neben den Parteien schalten sie sich auch aktiv in den Wahlkampf ein, wie das Online-Netzwerk MoveOn, über dessen Hintergründe Moorstedt berichtet.    

"In der Blogosphäre" – zumindest den politischen Weblogs - entdeckt der Autor eine weitere demokratische Kraft, der er im vierten Kapitel nachgeht. In den Blogs finde eine lebendige politische Diskussion statt, die nicht bloßer Abklatsch und Reaktion auf andere Medienberichterstattung sei, sondern es als gut organisiertes Teamwork parallel zu den Printmedien ermögliche, vernachlässigte Themen anzustoßen. In ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten politischen Lagern erzeugen Blogs allerdings nicht nur akademischen Diskurs, sondern auch knallharte Konfrontation, so dass Moorstedt sich hier auch des Bildes vom "digitalen Bürgerkrieg" bedient.

Von den Bloggern ist es dann nicht mehr weit zu den "Bürger-Journalisten" von Kapitel 6. Als prominentestes Beispiel rangiert die HuffingtonPost und ihr Nachrichtenmagazin "Off the Bus"  ganz vorne in Moorstedts Rangliste von politischen Bürgerjounalismus-Projekten. Angesichts defizitärer Berichterstattung der herkömmlichen Medien (den Niedergangs des herkömmlichen Zeitungswesens eingeschlossen) und ausgestattet mit einer gleichberechtigten Partizipationsstruktur biete das Internet geradezu einen Nährboden für Amateur-Journalismus, der mitunter ein durchaus hohes Niveau beweise.

Im siebten und letzten Kapitel "Der Tag danach" geht es dann eher um die resümierende philosophische Betrachtung der E-Demokratie: Nicht allein, dass auf diesem Wege die repräsentative Demokratie teilweise in direkte Formen zurückgeführt werde; auch erweise sie sich mit dem Open Source-Gedanken kompatibel, der für Zugänglichkeit, Transparenz und gleichberechtigte Zusammenarbeit  steht. Dies für demokratische Prozesse zu realisieren, sei die Vision, die die virtuelle politische Bewegung trägt.

Zielgruppe  

Mit seinem gut lesbaren Stil eignet sich das Buch für alle Personen, die an Zeitthemen, insbesondere Politik, Bürgerbeteiligung und Internetkultur interessiert sind.                                                                   

Diskussion: Demokratie 2.0 ?

Die Aktualität des Buches liegt nicht allein in seinem Bezug zum laufenden us-amerikanischen Wahlkampf. Auch nachdem der Wahlsieger feststeht, bietet das Buch einen interessanten Einblick in das "Labor, in dem an der Zukunft demokratischer Prozesse gebastelt wird" (Seite 10). Offensichtlich sind das Web 2.0 und die Uridee der amerikanischen Demokratie kompatibel: wollen beide in ihrem Kern doch Partizipation und Informationsaustausch sicherstellen. Wir lernen durch Moorstedt die persönliche Seite dieses Labors kennen. Durch Softwarenentwickler, Wahlkampfstrategen, NGO-Aktivisten, Blogger und Bürgerjournalisten: Vor allem aber bekommen wir Einblick in deren Ideale, Visionen und Interessen. Das Ganze erinnert mich der Atmosphäre nach ein bisschen an "Democracy in America" von Tocqueville. Gegen dieses lebendige Bild der Graswurzelaktivisten und die allgemeine Aufbruchstimmung sieht das, was im Deutschen eher bürokratisch mit dem Terminus "E-Partizipation" belegt wird, etwas unbeholfen und blass aus.        

Allerdings muss man zur Kenntnis nehmen, dass Moorstedt vor allem den Blick auf die "Schokoladenseite" der virtuellen Demokratie richtet. Dagegen gilt es auch die Bedenken des Autors ernst zu nehmen: Allen voran die Gefahr, dass Nutzer im Netz aus politischen Informationen durch wenige Hauptportale manipuliert werden, indem sie aufgrund ihrer Profile maßgeschneiderte Häppchen erhalten, die mit freier Information eigentlich nichts mehr zu tun haben. Zweitens – und dies wird vom Autor weniger beleuchtet - bietet das Internet zwar die Möglichkeit, lockere Bündnisse zu schließen, die dem Zeitmanagement der Mehrzahl ihrer Nutzer entgegenkommen. Fragt man sich andererseits bloß, von welcher Konstanz (sowohl zeitlich als auch in der inhaltlichen Verbundenheit) diese Bündnisse sein werden. Sind es nur vorübergehende (Re-) Aktionen oder manifestiert sich hier ein nachhaltiges politisches Konzept?     

Drittens schließt das Medium Internet auch demokratisch relevante Nutzergruppen aus – diejenigen nämlich, die sich einen dauerhaften Zugang nicht leisten wollen oder können.

Schaut man allein auf die ungeklärten Fragen dieser virtuellen Demokratie, mag man sich vor allem an dem Fortschrittsoptimismus und dem Pioniergeist des Autors stören. Ich würde raten, das Buch daher weniger als "Verfassung" zu lesen, sondern als eine anregende Reportage über die Wirkung des Internet auf das Politiktreiben in den USA. Das wirft natürlich auch ein Licht auf die Übertragbarkeit auf deutsche Verhältnisse, wo sich zu Zeit ein anderes Bild bietet. Dabei ist es jedoch fraglich, ob die gefühlte "Rückständigkeit" nicht etwas grundlegend Positives besitzt: Denn schwerlich wären alle dargestellten Entwicklungen hierzulande auch wünschenswert, zum Beispiel Wahlkampf als Popkultur. So regt Moorstedts Reportage dazu an, für hiesige Verhältnisse wertvolle Aspekte weiterzuverfolgen, etwa den Gedanken der Bürgerbeteiligung über das Web 2.0 wenn nicht wieder zu beleben, so doch zu fördern.

Bedenkt man den stetig wachsenden Einfluss des Mediums Internet auf alle Lebensbereiche, dann lässt sich allerdings kaum hinter die von Moorstedt aufgezeigte Entwicklung zurückgehen. Auch hier gilt: Nach der Wahl ist vor der Wahl: Vieles, was im Buch analysiert wird, wird in zukünftigen Wahlkampagnen und in demokratischen Prozessen zumindest in den USA - und einiges mit gewisser Verzögerung wohl auch in Deutschland – seinen Niederschlag finden.

Fazit

Thematisch eingebettet in den us-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008 illustriert Moorstedts Buch, wie das Internet Politik verändern kann. Darüber hinaus bietet "Jeffersons Erben" eine sehr lesenswerte - aber durchaus auch kontrovers zu erörternde - Diskussionsanregung über die Gestaltung demokratischer Prozesse und Partizipation durch das Web 2.0.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 25.12.2008 zu: Tobias Moorstedt: Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern. Suhrkamp Verlag (Frankfurt/M) 2008. Orig.-Ausg., 1. Auflage. ISBN 978-3-518-12571-7. Reihe: Edition Suhrkamp - 2571. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6934.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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