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Achim Schröder, Helmolt Rademacher u.a. (Hrsg.): Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik

Cover Achim Schröder, Helmolt Rademacher, Angela Merkle (Hrsg.): Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik. Verfahren für Schule und Jugendhilfe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 479 Seiten. ISBN 978-3-89974-311-1. 26,80 EUR.

Reihe: Politik und Bildung - Band 46.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-9541-4006-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Immer wenn Extremfälle bekannt werden, neigt auch die Politik, erkannt zu haben, dass gehandelt werden muss. Allerdings bleiben die Handlungsalternativen lediglich beim abstrakten und diffusen Fordern, die in erster Linie Restriktion oder härtere Strafen beinhalten, ohne in die unbeliebten und langwierigen Präventionsprojekte zu investieren. Wer in den deutschen Schulhöfen, Straßen und U-Bahnen ein besseres Klima erreichen möchte, sollte nicht bei Sonntagreden die Lehrkräfte, Sozialarbeiterinnen/Sozialarbeiter und Jugendliche defizitär brandmarken, sondern nachhaltig in bessere Rahmenbedingungen – Bildung und Ausbildung der Jugendlichen und in bessere Arbeitsbedingungen der Fachkräfte – investieren. Die Gewalt kommt nicht von Heute auf Morgen aus heiterem Himmel auf die Straßen. Bis zur Anwendung der Gewalt ertragen die Betroffenen viele Demütigungen, Respektlosigkeiten, eigene Gewalterfahrungen, Diskriminierungen etc. Mit der Anwendung der Gewalt können sich Kinder, Jugendliche und Heranwachsende Respekt verschaffen, den sie an anderer Stelle nicht erfahren haben. Mit der Forderung nach höheren Strafen oder Verschärfung des Jugendstrafrechtes wird man die Jugendgewalt nicht lösen. Es fehlt in Deutschland nicht an harten Strafen und Sanktionen, sondern an flächendeckenden Präventionskonzepten. Ausgerechnet in die Gewaltprävention wird nicht investiert, im Gegenteil es wird kräftig gespart. Den Fachkräften in Deutschland ist es seit Jahrzehnten bekannt, dass es zahlreiche (gewalt-)präventive Maßnahmen und Projekte gibt. Die Umsetzung dieser Maßnahmen ist regional unterschiedlich, weil nicht ausreichende Ressourcen (Personal und finanzielle Mittel) zur Verfügung gestellt werden. Dieses Handbuch von Schröder, Rademachen und Merkle fasst nicht nur alle Gewaltpräventionsmaßnahen in Deutschland zusammen, sondern blickt darüber hinaus ins Ausland.

HerausgeberInnen

Achim Schröder ist Professor für Kulturpädagogik und Jugendarbeit am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt. Darüber hinaus ist er Dekan des Fachbereichs und Leiter des Projekts „Pädagogische Konflikt- Gewaltforschung“.

Helmolt Rademacher ist Lehrer, Dipl-Pädagoge, Ausbilder am Studienseminar GHRF Offenbach, Projektleiter: Gewaltprävention und Demokratielernen (Projekt des Hessischen Kultusministeriums), Mediator und Mediationstrainer, Mitglied am Landespräventionsrat Hessen, AG Jugendkriminalität.

Angela Merkle ist Dipl.-Sozialpädagogin/-arbeiterin, Bildungsreferentin an der Bildungsstätte Alte Schule Ansbach, freie Mitarbeiterin des Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften und Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt im Projekt „Pädagogische Konflikt- Gewaltforschung“.

Aufbau und Inhalt

Dieses Handbuch ist abgesehen vom Vorwort und thematischer Einführung in drei Kapiteln aufgeteilt.

Das erste Kapitel trägt den Titel „Eröffnungsbeiträge zur Gewaltthematik unter besonderer Berücksichtigung des Jugendalters und der pädagogischen Institutionen“ und beinhaltet fünf Einzelbeiträge.

  1. Im ersten Aufsatz erläutert und diskutiert Mario Erdheim die Bedeutung von Adoleszenz, Omnipotenz und Gewalt im Leben Jugendlicher. Er geht davon aus, dass das Konzept der Adoleszenz als zweite Chance auch im Hinblick auf die Interpretation von Gewalterfahrungen und Kriminalität von Jugendlichen eine wichtige Rolle spielt (vgl. Erdheim, S. 31.f).
  2. Der Beitrag von Wilfried Schubert trägt den Titel „Jugend und Gewalt heute – Forschungsergebnisse und Folgerungen für die Prävention“. Der Autor diskutiert das zentrale Thema, ob die Jugendgewalt zunimmt, geht auf die schwierige Datenerfassung von Jugendgewalt ein und diskutiert das Phänomen der rechten Jugendgewalt und leitetet aus diesen Erkenntnissen Folgerungen für die Prävention ab.
  3. Ferdinand Sutterlütys Abhandlung „Entstehung und Verlauf von Gewaltkarrieren im Jugendalter“ diskutiert den Umstand, welche Bedingungen für Gewaltkarrieren verantwortlich sind. Er diskutiert den Kontext Familie, die biographischen Wendepunkte im Leben Jugendlicher, um nur einige Stichpunkte zu nennen.
  4. „Zu Entwicklungen von Rechtsextremismus und rechtsextremer Gewalt“ heißt der Beitrag von Bernd Wagner. Er geht nicht nur auf die Entwicklung von rechter Gewalt ein, sondern macht Vorschläge, wie man damit umgehen soll. Zentraler Vorschlag von Wagner besagt, dass die rechtsextreme Gewalttat öffentlich thematisiert werden soll (vgl. S. 85f.).
  5. Das erste Kapitel wird mit dem Beitrag von Angela Merkle und Ulrike Leonhardt „Konfliktbewältigung und Gewaltprävention im Kooperationsfeld Schule und Jugendhilfe und ihre Bedeutung für Schulentwicklungsprozesse“ abgeschlossen. Hier gehen die beiden Autorinnen auf die Rahmenbedingungen und Konzepte zweier unterschiedlicher Handlungsfelder (Schule und Jugendhilfe) ein und erarbeiten Schnittstellen, wie eine erfolgreiche Kooperation aussehen kann.

Diese Einführungsthemen stellen den theoretischen Rahmen des Buches dar. Fast alle zentralen Subthemen, die mit Gewalt, Gewaltprävention und Konflikten zu tun haben, werden bearbeitet. Auch wenn die vorgestellten Theorieansätze teilweise anspruchsvoll sind, sind die Texte sehr gut lesbar. Bei den Beiträgen von Sutterlüty und Wagner wird der Schwerpunkt auf die rechte Gewalt gelegt. Man darf zwar die rechte Gewalt nicht verharmlosen, aber die Thematisierung der rechten Gewalt hätte in einem Beitrag gereicht, weil die Autoren sonst auf keine andere „Rand- oder Jugendgruppen„ eingehen. Ein Kapitel oder Unterkapitel zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund hätte diesem theoretischen Kapitel auch gut getan.

Das Herzstück dieses Handbuches ist das zweite Kapitel. 17 Einzelaufsätze werden unter dem Titel „Verfahren und Konzepte zum pädagogischen Umgang mit Konflikt und Gewalt“ zusammengefasst. Von der Konzeption her haben sich die HerausgeberInnen an das Buch „Leitfaden Konfliktbewältigung und Gewaltprävention“ von Schröder und Merkle orientiert. Der Unterschied zum aktuellen Buch besteht darin, dass einerseits die vorgestellten Methoden mannigfaltiger sind. Anderseits stellen die Autorinnen und Autoren ihre Methode oder Ansatz selber vor. Da diese einzelnen Methoden nicht im Einzelnen vorgestellt werden können, hier ein kurzer Hinweis auf die Beiträge:

  1. Helmolt Rademacher. Mediation in der Erziehungs- und Bildungsarbeit
  2. Thomas Grüner. Der Täter-Opfer-Ausgleich
  3. Marion Altenburg-van Dieken. Programme zum Sozialen Lernen in der Schule
  4. Anna Buhbe. Das Anti-Bullying-Konzept nach Olweus und seine Umsetzung in Schleswig-Holstein
  5. Heidrun Bründel. Das Trainingsraumkonzept
  6. Rolf-Dieter Baer, Christa Kaletsch. Prävention im Team – ein hessisches Projekt zur Gewaltprävention von Schule, Polizei und Jugendhilfe
  7. Stephan Bundschuh. Zivilcouragetraining
  8. Rainer Kilb. Konfrontative Verfahren in der Pädagogik
  9. Regine Drewniak. Soziale Trainingskurse in der Jugendhilfe
  10. Jürgen Körner, Rebecca Friedmann. DENKZEIT für delinquente Jugendliche – ein sozialkognitives Trainingsprogramm
  11. Reiner Steinweg. „Gewalt hat viel mit Deutungshoheit zu tun.“ Interview mit Reiner Steinweg zur Lehrstückarbeit und Theaterpädagogik
  12. Jörg Kowollik. Let‘s play about it – Szenisches Spiel als Lernform
  13. Gunter A. Pilz. Sport und Gewaltprävention
  14. Ulrich Lakemann. Gewaltige Erlebnisse – Erlebnispädagogik gegen Gewalt
  15. Franz-Josef Röll. Medienpädagogische Konzepte im Umgang mit „Gewalt in den Medien“
  16. Hanns-Dietrich Dann, Winfried Humpert. Das Konstanzer Trainingsmodell – ein Verfahren zur Qualifizierung pädagogischen Personals
  17. Siegfried Preiser, Uli Sann. Gewalt- und Konfliktprävention: Evaluationsstudien und Anforderungen an Qualitätssicherung

Die Stärke dieses Buches ist aus meiner Sicht das zweite Kapitel, in dem sehr unterschiedliche Methoden der Gewaltprävention vorgestellt werden. All diese Präventions- und Interventionsmodelle wurden vom Herausgeberteam sehr sorgfältig im Hinblick auf die einzelnen Autoren und Themen ausgewählt. Fast alle Methoden sind ähnlich gegliedert, was die Lesbarkeit und Vergleichbarkeit erleichtert. Die einzelnen Methoden werden nicht nur beschrieben, sondern auch mit Evaluationsergebnissen (wenn vorhanden) und Kritik angereichert. Eine eher dem schulischen Kontext anzusiedelnde Methode, Peer-Mediation, wird leider wird leider nur "beiläufig" im Beitrag von Rademacher berücksichtigt.

Der dritte und letzte Abschnitt des Buches fasst zwei Bereiche zusammen: übergreifende Fragestellungen und internationale Perspektiven. Im Einzelnen handelt es sich um folgende Abhandlungen:

  • Manfred Gerspach. Kritische Anmerkungen zum Störungsbegriff
  • Achim Schröder. Geschlechtsspezifische Aspekte von Gewalt und pädagogischer Gewaltprävention
  • Stefan Rech. Interkulturelle Pädagogik – ambivalente Bindestrichdisziplin im Lichte von Konflikt- und Gewaltpädagogik
  • Benno Hafeneger. Konflikt und Gewalt als Themen in der politischen Jugendbildung. Historische Entwicklungslinien und gesellschaftspolitische Verflechtungen
  • Wolfgang Edelstein. Gewaltprävention durch Demokratielernen. Ein Interview mit Wolfgang Edelstein
  • Helle Becker. Eine Zwillingsaufgabe von Europarat und EU: Von Human Rights Education zu Education for Democratic Citizenship
  • Annette Richter, Hermann Josef Abs. Gewaltintervention und –prävention im Rahmen des finnischen Schulsystems. Unter Einbeziehung eines Interviews mit Christina Salmivalli
  • Rüdiger Blumör, Verena Priesnitz. Gewaltprävention durch Bildungs- und Jugendförderung – ein Handlungsfeld der Entwicklungszusammenarbeit

Jeden einzelnen Beitrag in diesem Kapitel finde ich sehr interessant und gewinnbringend. Was mir etwas zu kurz kommt, ist die internationale Perspektive. Beispiele aus Frankreich und Niederlanden hätte dieses Handbuch sicherlich noch interessanter gemacht als es ohnehin ist.

Zielgruppen

Praktikerinnen und Praktiker (Schule und Jugendhilfe), die mit gewalttätigen und gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen arbeiten sowie Lehrende und Studierende an den Hochschulen. Des Weiteren kann das Buch interessierten Bildungs- und Kommunalpolitikern empfohlen werden, die sich einen Überblick über Gewalt und Präventions- und Interventionsprogrammen verschaffen wollen.

Fazit

Ein ausführliches, interessantes und sehr gut lesbares Handbuch, das ich nicht nur Lehrenden und Studierenden an den Hochschulen wärmsten empfehlen möchte, sondern auch Praktikerinnen und Praktikern in der Jugendhilfe und Schule. Das Buch darf in keiner Schul- und Hochschulbibliothek fehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Ahmet Toprak
Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
Homepage www.soziales.fh-dortmund.de
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Zitiervorschlag
Ahmet Toprak. Rezension vom 26.03.2009 zu: Achim Schröder, Helmolt Rademacher, Angela Merkle (Hrsg.): Handbuch Konflikt- und Gewaltpädagogik. Verfahren für Schule und Jugendhilfe. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-89974-311-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6942.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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