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Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive

Cover Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag (Hamburg) 2008. 348 Seiten. ISBN 978-3-88619-336-3. 19,50 EUR.
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Thema

Die Autorin möchte gegen die landläufig verbreitete Unsicherheit und Resignation in Bezug auf Themen wie Erwerbsarbeit, bzw. Erwerbslosigkeit ein Umdenken bewirken. Sie möchte den Begriff Arbeit erweitern auf alle "sonstigen menschlichen Tätigkeiten". "Es ist an der Zeit,,aus den falschen Alternativen (…) herauszukommen und die Fragen anders zu stellen" sagt Frigga Haug und bietet mit ihrem Buch einen "Kompass" für vier in der Regel getrennt behandelte Bereiche des Lebens:

  • Erwerbsarbeit
  • Reproduktion und Sorgearbeit
  • Kulturelle Entwicklung und Selbstentfaltung
  • Politik von unten

Sie entwickelt eine Utopie der "Gerechtigkeit für alle", bei der Erwerb, Familie, Gemeinwesen-Arbeit und individuelle Entwicklung für jeden möglich sein sollen und auf gleicher Ebene gesehen und verteilt werden.

Autorin

Frigga Haug (* 28. November1937) ist eine international renommierte Sozialwissenschaftlerin, deren Interesse und Forschungen insbesondere der weiblichen Vergesellschaftung und Frauenpolitik, dem Thema Arbeit und Automation sowie den sozialwissenschaftlichen Methoden, besonders in der biographieorientierten Alltagsforschung gilt.

In den 70ger Jahren hat sie Lehraufträge an der Medizinischen Fakultät inne, ist Assistentin am Psychologischen Institut der FU Berlin. Sie habilitiert sich 1978 für Sozialpsychologie und ist von 1980 – 2001 als Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg tätig. Bis heute ist sie Vorsitzende im Institut für Kritische Theorie. Frigga Haug ist mit dem Philosophen Wolfgang Fritz Haug verheiratet.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin möchte schwierige Fragen mit alltäglicher Erfahrung verknüpfen und bietet dafür gleich zu Beginn eine ungewöhnliche Perspektive an: Sie erzählt und deutet das Grimmsche Märchen von den drei Spinnerinnen, um in die Themen von Abhängigkeit, Arbeit und Armut aber auch Widerstand gegen stumpfsinnige Arbeit einzuführen. Weiterhin berührt das Märchen auch die Sehnsucht nach Faulheit sowie den Wunsch nach Teilhabe an Kultur und Herrschaft. In dieser Geschichte ist dieser Wunsch nur durch weibliche List zu erreichen.

In der zukünftigen Gesellschaft sollte dies für jeden denkbar sein. Die Träume und Verwirklichungen im Märchen sollen uns helfen, Utopien zu entwickeln und zu handeln. Änderungen müssen in die Richtung von Freiheit, Gleichheit und Solidarität (Brüderlichkeit) zielen und damit eine höhere Gerechtigkeit schaffen.

Überarbeitete Aufsätze und Vorträge aus ihrer jahrzehntelangen Arbeit (siehe unter Autorin) werden in diesem Buch versammelt dargestellt und miteinander vernetzt. Nach der Einleitung werden in vier Themenbereichen auf ca.50 Seiten vier bis sechs Unterthemen behandelt.

Das Kapitel Erwerbsarbeit beginnt mit anregenden Darstellungen ihrer eigenen Entwicklung von Begeisterung bei einer Tätigkeit bis zur Langeweile oder gar Abscheu und zu verschiedenen Formen der Abgrenzung zu Arbeit. Das Kapitel setzt sich im Folgenden mit dem Arbeitsbegriff bei Marx, in der kritischen Psychologie, bei Habermas und anderen auseinander. Danach geht es um Arbeit im Bereich der Mikroelektronik und die daraus entstehende Wandlung von den Siebzigern bis in unsere Zeit. Danach folgt eine ausführliche kritische Besprechung der Ideen von Peter Hartz.

Das folgende Kapitel Reproduktionsarbeit meint nicht nur die Haus-und Familienarbeit, sondern alles, was zur Wiederherstellung von Zivilgesellschaft gebraucht wird. Es behandelt den Feminismus (der nicht nur Gleichberechtigung, sondern eine bessere Gesellschaft erreichen will) und deren Widersprüche, Fragen, die sich nach der Wiedervereinigung stellten, Bewegungen im Neoliberalismus und eigene Erfahrungen mit diesem während einer Krankheit im Krankenhaus. Daraus folgernd sei für sie das Ziel eine allgemeine Emanzipation zu sozialen, menschlichen Fähigkeiten zu erreichen.

Das Kapitel Kulturelle Entwicklung meint die lebenslange Entfaltung des eigenen Selbst. Dazu braucht jeder die Zeit und den Raum sowie das Recht auf eigene Wege auch bei eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten.

Das letzte Kapitel Politik von unten beleuchtet Bedingungen und Hemmnisse für diese Forderung, dass ebenfalls die Gesellschaftsgestaltung, also die Politik, kein arbeitsteiliger Prozess sein soll, sondern von allen mitgestaltet werden soll.

Diskussion

Dies Buch ist eine Herausforderung!

  • Erstens, weil es Themen aus allen Lebensbereichen behandelt und zwar auch aus vergangenen Jahrzehnten;
  • zweitens, weil es feministisch geprägt ist, ohne sich damit abzugrenzen;
  • drittens, weil der biographische Hintergrund immer wieder aufscheint und auch beschrieben wird und
  • viertens, weil die Lesbarkeit manchmal Mühe bereitet (Satzlängen, Vortragsstil u.a.).

All das macht das Lesen manchmal schwer, aber gleichzeitig auch interessant, denn man bekommt ausführlich und teilweise ursächlich mit, wie Frigga Haug zu ihrer Utopie kommt.

Fazit

Dies Buch will Anregungen zum Neu-und Umdenken geben. Aktuelle gesellschaftpolitische Fragen, die (fast) alle Bereiche des Lebens betreffen, werden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Dabei werden sowohl Meinungen von Philosophen, Politikern, Wirtschaftlern, Wissenschaftlern (natürlich auch: –innen) aus anderen Fakultäten, wie aus feministischen Bewegungen, aber auch aus Gesprächsgruppen und aus alltäglichen Begegnungen diskutiert. Damit ist dies Buch keins, das theoretisiert. Es ist somit für Interessierte geschrieben, die Gefallen an übergeordneten anspruchsvollen Themen haben, diese aber nicht vom Alltagsleben trennen möchten.


Rezensentin
Dr. Christiane Ebert
Diplompädagogin und Physiotherapeutin, Interessenschwerpunkt: Umgang mit Zeit
Homepage www.zeit-und-bewegung.de


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Zitiervorschlag
Christiane Ebert. Rezension vom 30.01.2009 zu: Frigga Haug: Die Vier-in-einem-Perspektive. Politik von Frauen für eine neue Linke. Argument Verlag (Hamburg) 2008. ISBN 978-3-88619-336-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6944.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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