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Stefan Berzel: Pädagogik und Theologie

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 17.12.2008

Cover Stefan Berzel: Pädagogik und Theologie ISBN 978-3-86585-207-6

Stefan Berzel: Pädagogik und Theologie. Perspektiven nach den Ansätzen Paulo Freires. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2008. 2., unveränd. Auflage. 116 Seiten. ISBN 978-3-86585-207-6. 22,90 EUR.
Pädagogische Reihe - Band 7
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Angst vor der Freiheit?

Die vom lateinamerikanischen Pädagogen Paulo Regules Neves Freire (1921- 1997) formulierte Metapher, die vor ihm auch immer wieder andere Denker (Platon, Kant…) thematisiert haben, von der die Pädagogin Maria Montessori feststellt: "Wirkliche Freiheit beginnt am Anfang des Lebens" und die Frankfurter Publizistin und Politologin Ulrike Ackermann mit Gleichgesinnten in einem deutscher und internationaler Freiheitsfreunde versammelt hat, um in ihrem Essaysammelband "Welche Freiheit" (2007) den heutigen Stand freiheitlichen Denkens und Hoffnungen zu bilanzieren, ist aktuell und notwendig zugleich. Denken wir, 60 Jahre nach der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte daran, wo überall auf der Welt Hier und Heute die Grundposition des Artikels Eins nicht verwirklicht ist: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren…"; schauen wir in die sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnde globale Welt, mit all der Ungerechtigkeit und Unfreiheit – dann ist die Freiresche Vermutung von der Angst vor der Freiheit berechtigt. Freires Menschenbild freilich gründete bei dieser Feststellung nicht auf einem Pessimismus oder gar Fatalismus; ihm wäre die Aussage niemals über die Lippen gekommen: Der Mensch ist zur Freiheit unfähig; vielmehr war er überzeugt, dass Freiheit ein grundlegendes menschliches Gut ist, das sich der Mensch jedoch erringen muss. Die aristotelische Gleichung, dass es nur unter Freien und Gleichen ein politisch Gerechtes gibt, hat Freire in seiner Pädagogik immer wieder hoch gehalten. Ontologisch und philosophisch betrachtet war Freires Menschenbild geprägt von der Überzeugung, dass der Mensch nicht nur das Recht hat, frei und gerecht in der Welt zu leben, sondern auch die Macht besitzt, sich selbst und die Gemeinschaft der Menschen zum Objekt dieses Bewusstseins zu machen. So kommt er auch zu der Überzeugung, dass der Weg hin zu einer solchen Erkenntnis niemals neutral sich vollziehe, sondern politisch durchgesetzt werden muss. Demnach ist für Freire die "Furcht vor der Freiheit" ein Ergebnis der ungerechten und unfreien gesellschaftlichen Zustände, die es zu überwinden gilt – durch Erziehung und politisches Denken und Handeln.

Autor und Inhalt

Stefan Berzel, Pädagoge und Theologe, als Dozent am Institut für Ganzheitliche Pädagogik und Seelsorge (IGPS), Rheinland-Pfalz/Saarland e. V. tätig, macht sich in seiner Analyse daran, Freires Gedankengut für die theologische Reflexion auszubreiten. Dabei ist klar, wie könnte es anders sein, dass Freire kein "Kirchgänger" und unkritischer "Ja-Sager" zu religiösen Dogmen und Hierarchien war: "A theology that serves the bourgeoisie cannot be utopian and prophetic and hopeful", weil sie zu einem passiven und irgendwie auch fatalistischen Denken verführe. Deshalb hat Freire Zeit seines Lebens der Befreiungstheologie Lateinamerikas das Wort geredet. Seine Vision von einer "befreiend-prophetischen Kirche" kann nur im Dialog der Gläubigen erreicht und legitimiert werden, niemals durch hierarchisches Denken und durch papalistische Strukturen.

Fazit

Solche Gedanken sind sicherlich für die Amtskirche(n) nicht alltäglich und selbstverständlich. Sie zu denken, zuzulassen und sie in den pädagogischen und theologischen Diskurs einzubringen, ist etwas, was Paulo Freire als Freiheit verstanden hat. Wenn es dann auch noch gelingen sollte, dass die Auseinandersetzung zu Veränderungen führt, hin zur Befreiung des Menschen aus seiner unverschuldeten Unfreiheit, dann hätten die Reflexionen Berzels einen Anschub gegeben, hin zu einer humaneren, gerechteren und friedlicheren Einen Welt.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1555 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.12.2008 zu: Stefan Berzel: Pädagogik und Theologie. Perspektiven nach den Ansätzen Paulo Freires. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2008. 2., unveränd. Auflage. ISBN 978-3-86585-207-6. Pädagogische Reihe - Band 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6953.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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