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Dominic Johnson: Kongo

Cover Dominic Johnson: Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. 212 Seiten. ISBN 978-3-86099-743-7. 19,90 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Kongo verstehen

Es gibt nicht viele (aktuelle) Berichte über kriegerische Konflikte und chaotische Zustände in der Welt, bei denen die Analyse nicht mit dem besserwisserischen Fingerzeig und dem überheblichen, ethnozentrischen Anspruch beginnen: Wenn sie nur wollen, können sie den Krieg beenden! Der Auslandsredakteur der taz für Afrika, Dominic Johnson hat in fast zwei Jahrzehnten die politische, wirtschaftliche und humanitäre Entwicklung in der Demokratischen Republik Kongo beobachtet und mit insgesamt 23 Reisen das Land von der Größe Westeuropas besucht. In Zeitungs-, Zeitschriften-, Radio- und Internetberichten, bei Veranstaltungen, auch im Zusammenhang mit Konzertreisen, informiert Dominic Johnson über die Jahrzehnte langen Konflikte im Kongo, das früher Zaire hieß, immer wieder mit der benachbarten Republik Kongo verwechselt wird und das vor der Kolonialzeit ein Durchzugs- und Siedlungsgebiet der Bantu- und Pygmänen-Völker in der Region des Kongo-Flusses und der Großen Seen war, mit kriegerischen Groß- und Königreichen, bis hin zu ethnischen Dorfgemeinschaften.

Inhalt

Als Besonderheit während der europäischen Expansion und kolonialen Eroberungen in Afrika steht, dass der Kongo als Freistaat (tat Indépendant du Congo) Privatterritorium des belgischen Königs Leopold II. und nicht staatliche Kolonie war. Die Geschichtsschreibung registriert, dass die von der Kongo-Konferenz (15. 11. 1884 bis 26. 2. 1885 in Berlin) bestätigte Gründung des Freistaats Kongo "nur die Hülle eines Staates" war. Denn, "der Freistaat Kongo hatte sein Staatsgebiet nicht verwaltet, sondern verwüstet". In den Jahren zwischen 1880 und 1920, so die Schätzungen, hat rund die Hälfte der damaligen Bevölkerung, etwa 20 Millionen Menschen, durch Sklavenhandel, Schlafkrankheit, Zwangsarbeit und Hunger, nicht überlebt. Der Rohstoffreichtum in der Region – Kupfer, Diamanten, Kobalt, Gold, Erdöl … – kam und kommt weitgehend bis heute der einheimischen Bevölkerung nicht zugute: "Obwohl reich an Rohstoffen zählt der Kongo zu den ärmsten Ländern der Welt". Als Belgisch-Kongo am 30. Juni 1960, wie die meisten afrikanischen Länder, unabhängig wurde, taten die weißen Kolonialherren, Minenbesitzer und Militärkommandanten so, "als ginge die Unabhängigkeit sie nichts an". Der erste kongolesische Premierminister, der 34jährige Patrice Lumumba, der bis heute bei den Kongolesen als der "Vater der Unabhängigkeit" gilt, hatte keine Chance, das Land der vielen Völker zu einen und insbesondere den Interessen der Bergbauindustrie zu widerstehen. Als die rohstoffreiche Provinz Katanga sich am 11. Juli 1960 für unabhängig erklärte, brach der blutige Bürgerkrieg los, der in die Geschichte als "Kongo-Krise" eingegangen ist. Die Verhaftung Lumbumbas und seine Hinrichtung im Januar 1961, die Verfolgung der Anhänger und Mitglieder der Partei MNC (Mouvement National Congolais) führte zur Flucht der "Lumumbisten". Lumbumbas Vizepremier Antoine Gizenga, ein radikaler Sozialist, erreichte Stanleyville (Kisangani) im Osten des Landes und gründete auf dem gegenüber liegenden Ufer des Kongo-Flusses, in Brazzaville, den Conseil de Libération Nationale (CNL). Die politische Spaltung des Landes war damit vorher bestimmt. Am 7. September 1964 wurde dort die "Volksrepublik Kongo" ausgerufen, jedoch durch Regierungstruppen und eine Söldnerarmee wenige Monate später erobert und wieder abgeschafft. Am 24. November 1965 kam der Armeechef Joseph-Désiré Mobutu durch einen Putsch an die Macht und verfügte durch die "Verfassung von Luluabourg", dass das Land sich in 26 weitgehend autonome Provinzen gliederte, mit föderalen Strukturen. Die autoritäre Einparteienregierung Mobutus gab dem Land am 29. 10. 1971 einen neuen Namen: Zaire. Mit der "Zairianisierung" sollte erreicht werden, alle ausländischen Unternehmen an Zairer zu übertragen und die Bergbaugesellschaften zu verstaatlichen. Bereicherung der Mächtigen, Korruption und Kriminalität führten bald dazu, dass die Wirtschaft des Landes ins Bodenlose versank. Bürgerkriegsähnliche Zustände, Gewalt und Ermordung von Andersdenkenden. Im Osten des Landes entstand Widerstand gegen die Macht Mobutus und seiner Partei, bis schließlich im September 1996 die bewaffnete Rebellion ausbrach und zum Sturz Mobutus und zum Verfall Zaires führte. Die neue Macht kam aus einer von den politischen Zentren des Landes entfernten Provinz: Kivu, im Osten der Demokratischen Republik Kongo. In dem am dichtesten besiedelten landwirtschaftlichen Gebiet Afrikas, zwischen Tieflandsavanne und fruchtbarem grünem Hochland, leben Völker und Ethnien, die im Laufe der Jahrhunderte aus den heutigen Nachbarländern Ruanda und Uganda zugewandert sind. Die rivalisierenden Völker der Hutu und Tutsi in Ruanda und in der Region und ihr seit Jahrhunderten schwelender Konflikt um Macht und Boden, die Massenvertreibung der Tutsi in den Jahren 1959 bis 1962 aus dem heutigen Ruanda, die Ansprüche und Repatriierungen in den folgenden Jahrzehnten, bildeten schließlich das Zündblättchen, das zum Bürgerkrieg in Ruanda 1990 bis 1993 führte. In Nord-Kivu bildeten sich ruandische Hutu-Kämpfer, die gegen die dort lebenden Tutsi vorgingen. Die mühsam von den Vereinten Nationen zustande gekommene Beruhigung der Lage hielt nicht lange. Die von Laurent-Désiré Kabila im Exil gegründete Rebellenkoalition ADFL bezwang in einem achtmonatigen Krieg (1996/97) die Regierung Mobutus und setzte ihn ab. Die Auseinandersetzungen begannen in Süd-Kivus Hauptstadt Bukavu und setzten sich in Nord-Kivus Hauptstadt Goma fort. Kabila wurde Präsident des Landes. Doch für die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo änderte sich nichts. Kabila, der – wie Mobutu – alle Macht in seiner Person konzentrierte und seine Anhänger regierten, als ob ihnen das Land persönlich gehörte. Unzufriedenheit, Meutereien der rivalisierenden militärischen Gruppen, weiterhin eskalierende Auseinandersetzungen zwischen den Tutsi und Hutu, aber auch zwischen Banyamulenge-Truppen und katangischen Soldaten, mündeten zwangsläufig in den so genannten Zweiten Kongokrieg vom August 1998, in dessen Verlauf Kabila am 16. Januar 2001 in seinem Büro in Kinshasa erschossen wurde. Sein 29jähriger Sohn Joseph Kabila wurde als "Präsident mit simbabwischer Leibgarde" vereidigt; eine beredte Aussage. Die ungelösten Konflikte zwischen Ruanda und Uganda um die Macht im Osten Kongos ließen politische Rivalitäten entstehen, die sich direkt in der Region Kivu entluden und zu Verfolgungen, Ermordungen und Massakern führten. Erst als, auf Vermittlung Südafrikas, am 22. Juli 2002 ein Friedensabkommen zwischen Ruanda und Kongo zustande kam, schien endlich Ruhe in der Region einzukehren.

Der "große Krieg" war zwar zu Ende, doch die "Milizenkriege" begannen, wieder auf Kosten der hungerleidenden Bevölkerung. "Überall im Ostkongo flohen die Menschen zu Tausenden in die Wälder, sobald Ruandas Armee abzog – ein schlechtes Omen für das Schicksal Kivus nach der Befriedung des Kongo auf nationaler Ebene". Die resignative Einschätzung Dominic Johnsons – "Als Kongo insgesamt zum Frieden fand, war Ostkongo ein politisches Niemandsland, wo bewaffnete Gruppen aller Art frei agieren konnten" – wirft ein bezeichnendes Licht auf die Lage des Landes, bis heute. Während zu den Kriegszeiten insgeheim die an den Bodenschätzen des Landes interessierten Kräfte die Konflikte schürten und unterstützten, nicht zuletzt durch Waffenlieferungen, traten noch zu Kabilas Zeiten internationale Investoren, wie etwa die kanadische Eurocan und die Schweizer Groupe Lundin, wie auch die US-amerikanische American Mineral Fields, auf, um die großen Kupfervorkommen in Katanga auszubeuten. Weitere "Nebenkriegsschauplätze" tun sich auf; etwa bei der Gewinnung der Erzmischung Colombit-Tantalit, das als Coltan für die Hochelektronik Verwendung findet und bei dessen Export aus dem Kongo angeblich die deutsche Firma H. C. Starck, ein Tochterunternehmen von Bayer, eine bisher ungeklärte und unrühmliche Rolle spielt. Die Kriege gegen weiter. Der "Dritte Krieg" 2007, bei dem es wieder um die Macht, um Einfluss und Kontrolle über die Bodenschätze des Landes geht, tobt weiterhin. Wieder sind es die meist Unbeteiligten, die Menschen zwischen den Fronten, die die Zeche zahlen, durch Flucht, Vertreibung und Tod.

An dieser Stelle würde so mancher Bericht enden, evtl. mit einem moralischen Appell, oder auch mit einer resignativen, pessimistischen Aussage. Doch Dominic Johnsons Analyse über die Situation im Kongo endet so nicht. Er will in seinem Buch den Kongo nicht  mystifizieren, sondern erklären, denn: "Kriege und Krisen im Kongo sind nicht weniger rational als anderswo auf der Welt, und sie sind auch nicht komplizierter". Sie lassen sich erklären und verstehen, wenn man die Geschichte des Landes und seiner politischen Entwicklungen begreift. Eine gesellschaftliche Analyse tut gut daran, Vergleich anzustellen, indem etwa der Entwicklungsverlauf in einem Land historisch betrachtet wird. Im Fall der Entwicklung des Kongo fällt dieser Vergleich pessimistisch und zugleich überraschend aus: "Die Situation von heute ist mit der von 1965 kaum vergleichbar. Damals war der Kongo ein Land mit einer produktiven Wirtschaft und einem ausgebeuteten, unterwürfigen Volk. Heute ist von der Wirtschaftsbasis fast nichts mehr übrig, während das Volk noch ärmer ist als damals, aber mit reicher Erfahrung, wie es sein Leben selbst organisiert". Nicht nur deshalb, weil die Bevölkerung seit der Unabhängigkeit 1960 von rund 13 Millionen auf heute 60 Millionen angestiegen ist, nicht nur, weil das Vertrauen der Menschen im Land in die immer wieder korrupten Regierungen und Machthaber auf den Null-Punkt gesunken ist, sondern auch, weil sich zwangsläufig aufgrund dieser Unfähigkeit, ein Land zu führen, eine Schattenwirtschaft auf allen Gebieten des Lebens entwickelt hat. "So funktionieren alle Märkte Kinshasas auf den ersten Blick chaotisch, auf den zweiten streng und doch schlicht organisiert". Der informelle Handel in allen wirtschaftlichen Bereichen und Ebenen, hat längst den offiziellen Warenverkehr abgelöst. Besonders in den Provinzen Nord- und Süd-Kivu, einem Gebiet größer als die Bundesrepublik Deutschland, haben die Menschen die Hoffnung verloren, der "Staat" könne sie aus ihrer Misere befreien.

Das Problem: Nationale Identitätsbildung in einem Land mit so vielen konkurrierenden und verfeindeten Ethnien ist schwierig, zumal dann, wenn jede Perspektive für ein Zusammenwachsen und eine Verständigung fehlt. Die Folge: Die einzelnen Völkergruppen schließen sich noch mehr zusammen, kapseln sich ab und bilden Abwehrkräfte gegen die "Fremden", was, wie die Konflikte und Kriege zeigen, zu Rassismus und Völkermord ausartet.

Fazit

Das Fazit von Dominic Johnson freilich liest sich wie eine unerfüllbare Hoffnung; doch es ist die einzige Chance für die Menschen im Kongo (und anderswo): "Die positive Wendung des Widerstands gegen Ausbeutung und Unterdrückung wäre Selbstbestimmung – über die eigenen Reichtümer und über die eigene Politik". Die Menschen im Kongo werden dies alleine nicht zustande bringen. Sie brauchen unsere Solidarität und Hilfe, die damit beginnt, informiert zu sein! In diesem Zusammenhang könnte ein positives Beispiel sein, was ehemalige deutsche und europäische Entwicklungshelfer, die in Nord- und Süd-Kivu gearbeitet haben, aufbauten: ProKivu e. V. (www.prokivu.de), ein Verein, der Projekte der Entwicklungszusammenarbeit mit verlässlichen, einheimischen Partnern durchführt und insbesondere darum bemüht ist, die Menschen in Kivu durch gemeinsame Vorhaben, wie etwa den Bau und der Ausstattung von Schulen und Sozialeinrichtungen, dem Anbau von landwirtschaftlichen Produkten, zusammen zu bringen und ein Bewusstsein zu schaffen, dass nur ein friedliches, auf Toleranz beruhendes Zusammenleben die Existenz des Einzelnen wie des Staates ermöglicht.    


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.12.2008 zu: Dominic Johnson: Kongo. Kriege, Korruption und die Kunst des Überlebens. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2008. ISBN 978-3-86099-743-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6957.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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