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Andreas Reckwitz: Unscharfe Grenzen (Kultursoziologie)

Cover Andreas Reckwitz: Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie. transcript (Bielefeld) 2008. 352 Seiten. ISBN 978-3-89942-917-6. 29,80 EUR.

Reihe: Sozialtheorie.
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Kultursoziologie ist – alles?

Diese Metapher verführt allzu leicht dazu, zu der genau so nichts sagenden Phrase, das ergänzende "und nichts" hinzuzufügen. Doch dies wäre nicht nur unangemessen im wissenschaftlichen Diskurs darüber, was Soziologie leistet und wofür die Disziplin steht, sondern auch allzu platt und diskussionsverweigernd. Denn die immerwährende Frage, was Wissen ist und wie dieses Wissen geschafft werden kann, wird ja bereits mit dem aristotelischen Paradigma beantwortet: Es ist das Wissen von einer Sache im Sinne der Kenntnis der Ursachen dieser Sache! In den wissenschaftlichen Fächern und Bereichen ist spätestens seit der Situation, dass die Welt sich immer interdependenter entwickelt, aber auch der explosionsartig wachsenden Wissensanteile in den einzelnen Disziplinen, das Bewusstsein gewachsen, dass es bei den wissenschaftlichen Fragestellungen notwendig der "Bindestriche" bedarf, soll heißen, einer kooperierenden und ganzheitlichen Betrachtungsweise der jeweiligen Sache und des Phänomens. "Es hängt alles mit allem zusammen", diese platonische Erkenntnis kann auch heute als Antriebsriemen für wissenschaftliches Denken und Handeln gelten. Denn der Wandel ist es, der uns bewegt!

Autor und Thema

Der am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Kultursoziologie der Universität Konstanz tätige Soziologe Andreas Reckwitz schreibt ein Buch zwischen zwei Büchern. In der Zuordnung der beiden Buchtiteln "Die Transformation der Kulturtheorien" (2000) und "Das hybride Subjekt" (2006) lässt sich die "unscharfe" Benennung der soeben vorgelegten Fragen nach "Perspektiven der Kultursoziologie" erklären. Mit dem Fokus auf "unscharfe Grenzen" wird bereits deutlich, dass hier ein Soziologe sein Forschungs- und Arbeitsfeld nicht in Stein meißeln, sondern in den wissenschaftlichen Diskurs stellen will. Immerhin gibt der Autor eine vorläufige Richtungsweisung vor: "Kultursoziologie perspektiviert … das Soziale insgesamt und damit alles, was innerhalb einer Gesellschaft stattfindet, als Kulturelles: von der Ökonomie bis zur Technik, von der Politik bis zur Kunst". Zwangsläufig ergeben sich dabei "unscharfe Grenzen" bei der Zuordnung der Ziele und Möglichkeiten eines so verstandenen Wissenschaftsbereichs, wie auch Spannungsfelder, etwa "zwischen Kulturtheorie und materialen Kulturwissenschaften; zwischen Gegenwartsorientierung und Historisierung;  zwischen einer Mikrologie des Alltags und einer Makroperspektive auf die Moderne".

Inhalt

Die in Aufsatzform vorgelegten Reflexionen über das Fach "Kultursoziologie" wie über die Methoden und Fragestellungen eines "Kultursoziologen" werden in fünf Kapiteln gegliedert.

  • Im ersten geht es um die Auseinandersetzung über den Kulturbegriff, die Kulturtheorien und den in den Sozialwissenschaften erfolgten Cultural Turn (vgl. dazu auch die Diskussion um Raum und Ort in der Humangeographie: Christian Berndt / Robert Pütz (Hg.), Kulturelle Geographien. Zur Beschäftigung mit Raum und Ort nach dem Cultural Turn, 2007; siehe die Rezension).
  • Im zweiten Kapitel werden Elemente einer "Theorie sozialer Praktiken" diskutiert. Dabei wird die Analyse der "Sozialwelt" damit begründet, dass "das Kulturelle nicht in erster Linie auf der Ebene von Ideen oder von Symbolen und Texten, sondern im impliziten Wissen körperlicher Routinen zu verorten" ist.
  • Die beiden weiteren Kapitel beschäftigen sich mit "Subjektformen" und "Ästhetisierungen" mit den Begründungen für eine "materiale Kultursoziologie". Die postmoderne Gegenwartskultur liefert für die Soziologie vielfältige Formen der Subjektkonstitution, die in ein "historisch-soziologisches Prozessmodell der Kultur der Moderne eingebettet" werden; aber auch Fragen nach "modernen Modellierungen von Geschlechtlichkeit", genau so wie die spannende Frage: "Wie bürgerlich ist die Moderne?", werden diskutiert. Die Darstellung des Subjekts in der Form einer ästhetischen Konsumtion, wie auch als "Kreativsubjekt", werden in einer "Theorie sozialer Praktiken" entfaltet.
  • Im fünften Kapitel schließlich werden die eingangs gestellten Fragen, was Kulturtheorie und Kultursoziologie leisten können, in der sowohl für die Soziologie als auch die gesellschaftliche Verfasstheit wichtigen Kontroverse diskutiert, wie sich die klassische Tradition der "Kritischen Theorie" und der aktuelle Poststrukturalismus zu den Anforderungen einer kritischen Gesellschaftstheorie verhalten. "Es wird im Poststrukturalismus ein Erbe der Kritischen Theorie verarbeitet und zugleich in eine andere Richtung umgewendet: Der Poststrukturalismus liefert den tentativen Rahmen für eine kritische Kulturtheorie, die zugleich einen Hintergrund für die materialen Kulturwissenschaften bieten kann".

Fazit

Grenzüberschreitungen und Grenzstabilisierungen sind Bestandteile und Motive gesellschaftlichen und kulturellen Handelns. Im soziologischen Diskurs einer kultursoziologischen Fragestellung bedarf es der Suche nach den "konstitutiven Spuren des Vergangenen im Gegenwärtigen", wie auch des "vorgeblich Traditionalen im Modernen". Mit der poststrukturalistisch inspirierten Perspektive lässt sich, so Andreas Reckwitz, die Weiterentwicklung der Kultursoziologie hin zu einem politischen Projekt denken, indem sie "demonstriert, wie sich die propagierten Grenzmarkierungen in der Geschichte der Moderne auf verschiedensten Ebenen immer wieder selber dementieren und sich ein ganz anderes Bild der Moderne ergibt". 


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.12.2008 zu: Andreas Reckwitz: Unscharfe Grenzen. Perspektiven der Kultursoziologie. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-917-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6963.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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