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Gerhard Kolb: Wirtschaftsideen. Von der Antike bis zum Neoliberalismus

Cover Gerhard Kolb: Wirtschaftsideen. Von der Antike bis zum Neoliberalismus. Oldenbourg Verlag (München) 2008. 137 Seiten. ISBN 978-3-486-58852-1. 26,80 EUR.
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Ökonomisches Denken als Allgemeinbildung 

Angesichts der verwirrenden, mit allerlei Schimpfwörtern belegten Diskussion um die Weltökonomiekrise ist man versucht, analog zum Diskurs um die Frage, was "Entwicklung" ist, festzustellen: Die ökonomischen Theorien sind gescheitert (vgl. dazu die Rezension zu: Olaf Gerlach, u.a., (Hrsg.): Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie, 2004); zumindest diejenigen, die auf der Grundlage des ("raubtier"-) kapitalistischen Denkens beruhen.

Autor und Ansatz des Buchs

Diese Position jedoch vertritt der bis 2001 als Lehrstuhlinhaber für Allgemeine Wirtschaftslehre und ihre Didaktik an der Universität Hildesheim tätige Gerhard Kolb nicht. Ökonomisches Denken ist für ihn Voraussetzung für ein gelingendes Alltagshandeln, weil "Erwerbsstreben" immer schon für die Menschen Antrieb und Existenzbasis war. Der griechische Philosoph Aristoteles etwa unterscheidet in seiner Lehre von der Ethik die oikonomia, die Haushaltsführung, die für das tägliche und gute Leben notwendig ist, von der chrêmatistikê, als die Form, ohne Beschränkung und Verantwortung, Reichtum zu erwerben. In der aktuellen Diskussion um die Ursachen und Folgen der globalen Finanzkrise fällt in diesem Zusammenhang oft der Begriff "Gier". Weil aber das Nachdenken über ökonomisches Handeln im Laufe der Menschheitsgeschichte vielfältige Theoriebildungen hervor gebracht hat, ist es notwendig, so Kolb, "wer wirtschaftliche und politische Diskussionen wirklich verstehen will und schon gar, wer sich als von der Wirtschaftspolitik Betroffener selbst in solche Diskussionen einbringen will…, sich einen Überblick über die unterschiedlichen Positionen des ökonomischen Denkens zu verschaffen"; also sich mit der Geschichte der Volkswirtschaften zu befassen. Dazu legt der Autor eine ideengeschichtliche Kurzfassung vor (für weitere Informationen sei auf sein, in zweiter Auflage 2004 erschienene Buchverwiesen: Geschichte der Volkswirtschaftslehre. Dogmenhistorische Positionen des ökonomischen Denkens).

Aufbau und Inhalt

Kolb beginnt seine "allgemeinverständlich formulierten und von überzogenen mathematischen Zutaten frei gehaltenen" Informationen über das ökonomische Denken tatsächlich mit den Vorsokratikern, über Platon bis Aristoteles, bis hin zu einer Reflexion über das ökonomische Denken im Mittelalter. Im Merkantilismus, die in der Geschichtsschreibung auch als "Epoche des Frühkapitalismus" bezeichnet wird, kommen die Phänomene "Macht" und "Expansion" zum Zuge; und Theorien, wonach "Wirtschaft … grundsätzlich als eine Aufgabe zur Gestaltung menschlichen Zusammenlebens und somit als ein Feld politischer Einwirkung" definiert wird, erhalten Allgemeingültigkeit. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Frankreich die "Schule der Physiokraten", die mit der "Herrschaft der Natur", dem Naturrecht also, Rechtsauffassungen implementierten, die sich etwa in der "Lehre vom Wirtschaftskreislauf" und einer Reform der Staatseinnahmen, den Steuern, und dem rigorosen Verbot einer Staatsverschuldung, zeigten.

Mit dem Schotten Adam Smith (1723 – 1790) entstand der klassische Liberalismus und die Nationalökonomie, mit dem Optimismus, dass es ein natürliches Streben jedes Menschen sei, seine Lage zu verbessern und so "die Befriedigung aller Kollektivbedürfnisse dem freien Spiel der Kräfte" überlassen werden könne. Sozialistische Strömungen, als Kritik an den sozialen Zuständen, hat es im politischen und ökonomischen Denken immer gegeben. Gegenmodelle zu den bürgerlichen und kapitalistischen Auffassungen jedoch, sind erst in der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert mit Konzeptionen frühsozialistischen Denkens, aktuell geworden; und als Kapitalismusanalyse der Wissenschaftliche Sozialismus, wie dies Karl Marx mit seiner "Kritik der politischen Ökonomie" formuliert hat.

Mit Friedrich List (1789 – 1846), Wilhelm Roscher (1817 – 1894) und anderen, entsteht die Staats- und Wirtschaftslehre der Romantik, der Historismus, kommt der Gedanke zum Tragen, dass das Individuum einem übergeordneten und organischen Ganzen gegenüber stehe und eine "ontologische Fundierung" anstreben solle. Nutzentheoretische Überlegungen, die Fragen nach dem Gebrauchswert von Waren, haben eine Reihe von wirtschaftstheoretischen Grenznutzenanalysen hervor gebracht. Hermann Heinrich Gossen (1810 – 1858) hat mit den so genannten "Gossenschen Gesetzen", wonach der Wert einer Ware aus dem Nutzen, statt aus den Produktionskosten zu bestimmen sei und damit Begriffe, wie "Bedürfnissättigung" und "sinkender Grenznutzen" etablierte, die bis heute den ökonomischen Diskurs bestimmen.

Mit der "Wiener Schule", der "Lausanner Schule" und der "Cambridger Richtung" entwickeln sich Varianten der Grenznutzenlehre.

Die neoklassische Theorie, die durch den englischen Partialanalytiker Alfred Marshall (1842 – 1924) und dem schwedischen Nationalökonomen Gustav Cassel (1866 – 1945) begründet wurde, geht von einem allgemeinen Gleichgewicht der Märkte aus, das als "ohne äußere Einwirkungen sich reproduzierender Zustand des Ausgleichs von gegensätzlichen Kräften" entsteht.

John Maynard Keynes (1883 – 1946) entwickelt die "Neue Wirtschaftslehre", indem er seine Theorie "auf die effektive, d. h. mit Kaufkraft versehene, gesamtwirtschaftliche Nachfrage auf dem Gütermarkt" stützt. Die Nachfrage nach Konsumgütern steht im Abhängigkeit zum Realeinkommen, was bedeutet, dass die gesamtwirtschaftliche Konsumnachfrage als "Funktion des Volkseinkommens" anzusehen ist.

Als einer der Verfechter der freien Marktwirtschaft gilt der US-Amerikaner Milton Friedman (1912 – 2006). Der Begründer des "Monetarismus", der 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, sieht in der Nachfrage nach Geld und ein "im Voraus benanntes potenzialorientiertes und zugleich verstetigtes Geldmengenwachstum" die Funktionsfähigkeit des Marktes. Es seien die "Selbstheilungskräfte des Marktes", die das Wirtschaften bestimmten. Kolb kritisiert, dass der Begriff "Neoliberalismus", wie er heute benutzt und diskriminiert wird, nicht den ursprünglichen Ideen und sozialreformerischen Ansätzen dieser ökonomischen Denkrichtung entspricht. Neoliberales Gedankengut beruhte ursprünglich auf der Forderung, einer "Vermachtung der Wirtschaft" entgegen zu treten und staatliche Interventionen auf marktkonforme Maßnahmen zu beschränken. Es war in Deutschland insbesondere die "Freiburger Schule" unter Führung von Walter Eucken (1891 – 1950), die den am mittelalterlich-scholastischen Ordo-Gedanken orientierten Ordoliberalismus begründete und das ökonomisches Denken und Handeln in der Nachkriegszeit bestimmte. Dabei war das "Denken in Ordnungen", im Gegensatz zum "Denken in Entwicklungen" der prägende Impuls neoliberalen Wirtschaftens. Die "Evolutorische Wirtschaftstheorie", die etwa ab der 1980er Jahre entstand, jedoch bereits bei Joseph A. Schumpeter (1883 – 1950) grundgelegt wurde, wendet sich gegen die Kreislaufidee des Wirtschaftens und gegen das Wachstumsdenken. Weil Wirtschaftsprozesse ungleichgewichtig verlaufen, bedarf es beim wirtschaftlichen Denken und Handeln der Spontaneität, also der Ermöglichung von Selbstorganisationsprozessen, und der Beachtung der Diskontinuität, dem Wissen von Entwicklungsschüben als Wandlungsverläufe.

Fazit

Gerhard Kolb wendet sich mit seiner kleinen Einführung in ökonomisches Denken und die historischen wie aktuellen wirtschaftlicher Theorien an Studierende, Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und Interessierte an der Geschichte der Ökonomie. Damit beansprucht er – zu Recht – dass die Kenntnis und die Auseinandersetzung mit Wirtschaftspolitik und ökonomischem Handeln ein Bestandteil unserer aller Allgemeinbildung sein solle. Denn das zeigen nicht zuletzt die mit Überraschung und Unbehagen spätestens bei der aktuellen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise wahr genommenen Unsicherheiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, die den Boden bereiten für Rezepte und Ideologien. Dagegen ist nur gefeit, wer in der Lage ist, seriöse, auf theoretischen und wissenschaftlichen Grundlagen aufbauende ökonomische Konzepte von Heilsversprechen zu unterscheiden. Die Kenntnis der in der Geschichte der Menschheit entstandenen Wirtschaftsideen sind dafür Grundlage.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.12.2008 zu: Gerhard Kolb: Wirtschaftsideen. Von der Antike bis zum Neoliberalismus. Oldenbourg Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-486-58852-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6968.php, Datum des Zugriffs 14.12.2019.


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