Kenan H. Irmak: Alte Menschen und die stationäre Altenhilfe [...]
Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 28.01.2003
Kenan H. Irmak: Der Sieche. Alte Menschen und die stationäre Altenhilfe in Deutschland 1924 - 1961.
Klartext Verlag
(Essen) 2002.
466 Seiten.
ISBN 978-3-89861-004-9.
59,90 EUR.
Der Sieche. Alte Menschen und die stationäre Altenhilfe in Deutschland 1924 - 1961.
Zur Thematik und Vorgeschichte des Buches
Einrichtungen der stationären Altenhilfen, Alten- und Pflegeheime, haben gegenwärtig in Deutschland keinen leichten Stand. Obwohl die stationäre Altenhilfe sich aufgrund der gesellschaftlichen Überalterung ständig ausweitet und auch weiter differenziert u. a. in Gestalt der Einrichtungen des Betreuten Wohnens, wird von vielen Seiten Druck ausgeübt. Während stichprobenartige Erhebungen teilweise Mängeln in der Pflege und Versorgung aufdecken, wird von Teilen der fachlichen Öffentlichkeit der Einrichtungstypus Heim an sich in Frage gestellt. Diskurse über Alternativen und Weiterentwicklungen der Heime stehen augenblicklich auf der Tagesordnung.
In diesem Kontext ist von Bedeutung, sich die Entwicklungsgeschichte der Altenhilfeeinrichtungen zu vergegenwärtigen. Wenige Studien liegen hierüber erst vor, so dass fast von kollektivem Nichtwissen ausgegangen werden kann.
Die vorliegende Untersuchung ist die Dissertation eines Historikers an der Universität Bielefeld, die teils mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.
Aufbau und Inhalt
Im ersten Teil der Arbeit "die Umwelt der Anstalten" stehen Studien über gerontologische Themen und Kontroversen wie "die Alterslast", "der Altersschwache", das Entstehen der gesellschaftlichen Konzepte des "Rentners", "des Hilfebedürftigen" und des "Wohnungsinhabers", der möglichst seine Wohnung gegen einen Heimplatz eintauschen sollte. Doch auch Themen, die in der Gegenwart äußerst geläufig sind, wie "der Heimbewohner", der "fehlplazierte Pflegefall" und "der Verplante" als Konzept erster altenspezifischer Sozialplanung werden sozialhistorisch erarbeitet.
Im zweiten Teil - "die Innenwelt der Anstalten" - befasst sich der Autor vorrangig mit den einrichtungsspezifischen Verhältnissen und deren Veränderungen in den Einstellungen und der Sozialplanung. Hierbei werden u. a. die Entwicklung sozialtherapeutischer Konzepte wie Beschäftigungsangebote, Veränderungen in der Position der Bewohner hinsichtlich neuer Freiheiten und auch die beginnende Professionalisierung der Pflegekräfte und Betreuer (vom unausgebildeten "Wärter" zum "Altenpfleger") in ihrem zeitgeschichtlichen Werdungsprozess dargestellt.
Den Abschluss des Buches bilden 2 Kapitel: über die Heimbewohner als teils noch Werte schaffende Mitarbeiter innerhalb und außerhalb der Einrichtungen ("der Produktive") und über die Euthanasie und deren geistige Vorläufer (Eugenik und die "Sozial- und Rassenhygiene") ("der Lebensunwerte").
Kritische Würdigung
Obwohl es sich um historische Studien handelt, sind doch unmittelbare Gegenwartsbezüge präsent: Wenn bereits vor über 80 Jahren die drohende Vergreisung der Gesellschaft angeprangert wird, oder wenn die dreigliederige Altenhilfeeinrichtung bereits Mitte der 20er Jahre als Prototypus der stationären Altenhilfe propagiert wird. Auch die Fragen erforderlicher Binnendifferenzierung (Integration versus Homogenisierung der Bewohnergruppen) in den Einrichtungen waren bereits vor 2 Generationen zentrale Themen der fachlichen Auseinandersetzung.
Diese historischen und gleichzeitig auch aktuellen Fragestellungen und Kontroversen der Altenhilfe in Deutschland herausgearbeitet zu haben, ist ein großes Verdienst dieser Arbeit.
Positiv hervorzuheben ist auch der Sachverhalt, dass die Themen differenziert in ihrer Zeitgebundenheit dargestellt und vermittelt werden.
Verwundert ist der Rezensent nur darüber, warum der Autor bei diesen Studien einen Rekurs auf Philosophen wie Michel Foucault und zwischenzeitlich längst widerlegten Soziologen Norbert Elias ("Zivilisationstheorie") nehmen musste.
Fazit
Die vorliegende Arbeit besitzt einen bedeutenden Stellenwert, indem viele Ansätze und Konzepte der Altenhilfe in Deutschland auf ihre historischen Ursprünge und Entwicklungslinien zurückgeführt werden. Hieraus kann ein fundiertes Verständnis für die Gegebenheiten der gegenwärtigen Altenhilfe in Theorie und Praxis geschöpft werden. Aus diesem Grunde wird dem Buche ein großer Leserkreis gewünscht.
Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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