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Svenja Taubner: Einsicht in Gewalt

Cover Svenja Taubner: Einsicht in Gewalt. Reflexive Kompetenz adoleszenter Straftäter beim Täter-Opfer-Ausgleich. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2008. ISBN 978-3-89806-878-9. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.

Reihe: Forschung psychosozial.
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Thema

Die Wirkungsforschung kriminalpräventiver Projekte und justitzieller Maßnahmen zur Reintegration und Prävention als Reaktion auf abweichendes Verhalten, vor allen Dingen jugendlicher und heranwachsender Rechtsbrecher, hat in jüngster Vergangenheit wieder mehr Beachtung gefunden und durch, zwar leider immer noch wenige, dafür aber um so beachtlichere Arbeiten, Aufwind erfahren. Eine dieser beachtlichen Arbeiten ist das hier vorliegende Werk von Svenja Taubner, die sich mit der Wirkung des Täter-Opfer-Ausgleichs auf jugendliche bzw. heranwachsende Rechtsbrecher auseinandersetzt. Svenja Taubner geht der Frage nach, ob der Täter-Opfer-Ausgleich geeignet ist, Einsicht in das gewalttätige Verhalten der Täter zu erzeugen. Damit wird nach über 20jähriger Praxis des Täter-Opfer-Ausgleichs und in Wissenschaft und Praxis genereller Akzeptanz dieser, weil das Opfer in besonderer Weise inkludierenden Maßnahme, der Versuch unternommen, die Wirkung auch praktisch und nicht länger nur theoretisch nachzuweisen. Vorsicht sei für all´ diejenigen angemahnt, die sich auf eine scheinbar einfach gestellte Frage, wie die nach der Wirkung, auch monokausale Antworten erhoffen. Es gibt sie auch in dem hier vorliegenden Kontext nicht, wie die Erklärung abweichenden Verhaltens und der Versuch der Eindämmung auch niemals monokausal erklärt werden kann, es sei denn an Stammtischen.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um die Dissertation der Verfasserin. Die Dissertation ist vor dem Hintergrund eigener Tätigkeit der Verfasserin als Mediatorin in Strafsachen entstanden, die sie beim Täter-Opfer-Ausgleich in Bremen ausgeübt hatte. Der Täter-Opfer-Ausgleich in Bremen zeichnet sich durch eine analytisch-orientierte Sichtweise und Herangehensweise an die Schlichtungsfälle aus und beschäftigt überwiegend psychologisch ausgebildete Mediatoren in Strafsachen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die Autorin nach ihrer Mediationstätigkeit in einer Ausbildung zur analytischen psychologischen Psychotherapeutin befindet. Diese analytisch-psychologisch orientierte Sichtweise auf eine ansonsten überwiegend von Juristen, Kriminologen und der Sozialen Arbeit dominierten Materie bereichert die Diskussion zur Mediation im Strafrecht und die Wirkungsforschung ungemein.

Aufbau

Das umfangreiche Werk der Verfasserin gliedert sich in einen theoretischen (Kapitel 1 – 4) und einen empirischen Teil (Kapitel 5 – 9). Es folgt ein ausgesprochen eindrucksvolles Literaturverzeichnis, welches an sich schon ein Gewinn ist. Über 23 Seiten wurde die Literatur zu dem Thema zusammengetragen. Im Anhang finden sich dann die Untersuchungs- und Erhebungsinstrumente, gefolgt von einem umfangreichen Tabellen- und Abbildungsverzeichnis zu den Auswertungen.

Theoretischer Teil

Im theoretischen Teil der Arbeit setzt sich die Verfasserin im 1. Kapitel mit der Entwicklung von Einsichtsfähigkeit als Chance des Täter-Opfer-Ausgleichs auseinander. Immerhin ist es ein erklärtes Ziel dieser Maßnahme, über die Entwicklung von Einsicht Empathie für das Opfer und eine Anerkenntnis der Normen zu erreichen, damit zukünftige Straftaten möglichst verhindert werden können. Die Beförderung von Einsicht beim Täter stellt also ein zentrales Element des Mediationsverfahrens dar. Allerdings kommt die Autorin nach der Aufarbeitung der theoretischen und empirischen Forschungsarbeiten zum Täter-Opfer-Ausgleich zu dem Ergebnis, dass gerade die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Einsicht und erst recht eine empirische Überprüfung ein Desiderat darstellen.

Es folgt im Kapitel 2 eine philosophische und juristische Auseinandersetzung zur Auffassung von Einsicht. Die Autorin stellt den philosophischen und juristischen Diskurs zur Einsicht überaus interessant und lesenswert dar und bietet eine Fülle hervorragender Literatur als Grundlage ihrer Ausführungen an. Letztendlich, so ihr Fazit, liegt die Herangehensweise der jeweiligen Disziplinen gar nicht so weit auseinander. Im juristischen Diskurs, so stellt die Autorin fest, wird ein Ringen um Definitionen deutlich, das Einsicht als Erkenntnis des Unrechts einer Tat nicht von der emotional getragenen moralischen Entwicklung einer Person trennt und in den sozialen Kontext des Handelnden einbettet. Der aus dem juristisch-philosophischen Diskurs heraus entwickelte Einsichtsbegriff bietet also stärkere Differenzierungen als wir es bislang in der Forschung zum Täter-Opfer-Ausgleich vorfinden. Um im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs eben auch mit der Gewinnung von Einsicht „werben“ zu können, darf die empirische Überprüfbarkeit nicht fehlen. Hier bietet die Autorin in ihrem Werk geeignete Kriterien für die Entwicklung eines Begriffs von Einsicht an, die dann die empirische Überprüfung erst ermöglichen würde. Die Autorin wird darlegen, dass das Konzept der Reflexiven Kompetenz einen derartigen Begriff von Einsichtsfähigkeit transportiert.

Dem psychoanalytisch begründeten Einsichtsbegriff ist das gesamte 3. Kapitel gewidmet. Hier entwickelt die Autorin einen explizit psychoanalytisch begründeten Begriff von Einsicht. Den Vorteil psychoanalytischer Erklärungsansätze sieht die Autorin darin, dass Einsicht nur dann die von Mediationsverfahren erhofften Auswirkungen haben kann, wenn sie sich nicht nur kognitiv sondern auch emotional-sinnlich einstellt, also Einsicht auch erlebt werden kann. Damit werden die emotionalen und psychodynamischen Aspekte als Grundlage aller kognitiven Prozesse unterstrichen. Zumindest für die Förderung von Empathie und Akzeptanz der Gefühle des Opfers als wesentliche Zielsetzung des Täter-Opfer-Ausgleichs wirkt dieses Konzept überzeugend. Die Autorin weist zugleich darauf hin, dass damit natürlich entsprechende Anforderungen an das Setting des Täter-Opfer-Ausgleichs verbunden sind als auch an die Ausbildung der Mediatoren. Ein psychoanalytisch ausgerichtetes Konzept und eine entsprechend adäquate Ausbildung der Mediatoren müssen dann Hand in Hand gehen – wie im Bremer Täter-Opfer-Ausgleich seit 20 Jahren erfolgreich praktiziert.

Im 4. Kapitel findet die Auseinandersetzung mit dem Einsichtsbegriff vor dem Hintergrund gewalttätigen Verhaltens in der Adoleszenz statt. Hier diskutiert die Autorin die vorangegangenen Ausführungen unter Berücksichtigung psychoanalytischer und kriminologischer Erkenntnisse zur Einsichtsfähigkeit in der Adoleszenz generell und besonders gewalttätiger Jugendlicher speziell. Besonders hervorzuheben ist hier die Darstellung des Zusammenhanges von beschädigten bzw. gescheiterten Lebenspfaden und Entwicklungsverläufen, möglicherweise verbunden mit einer beginnenden schwerwiegenden Ich-Störung im Sinne des dissozialen Syndroms auf der einen Seite und gewalttätigem Verhalten auf der anderen. Diese Zusammenhänge von nicht immer klar zu trennenden Opfer-Täter-Rollen in der Biographie des einzelnen Jugendlichen und Täters im Täter-Opfer-Ausgleich stellt eine Herausforderung für die Strafjustiz und Soziale Arbeit im Umgang mit ihnen unter Berücksichtigung des „Erziehungsprinzips“ dar. Für den Täter-Opfer-Ausgleich bedeuten diese Voraussetzungen in der Person des jugendlichen Täters mögliche Grenzen in dem, was die Maßnahme als Zielsetzung für sich (auch) formuliert.

Empirischer Teil

In Teil II ihres umfangreichen Werkes stellt die Verfasserin ihren empirischen Teil dar.

Sie beschreibt in Kapitel 5 die Planung und Operationalisierung ihrer Vorher – Nachher – Studie mit Fragestellung und Forschungsannahmen, dem Konzept der Studie, Durchführung und Darlegung ihrer Forschungsinstrumente. Ihre Untersuchungsgruppe bestand aus 19 adoleszenten Beschuldigten, die auf Grund einer Gewalttat im Bremer Täter-Opfer-Ausgleich an einem Mediationsverfahren teilnahmen. Diese 19 männlichen Probanden wurden jeweils vor Beginn des Täter-Opfer-Ausgleichs befragt; 18 von ihnen konnten in einem Abstand von mindestens einem Jahr nach Abschluss der Schlichtung und des Verfahrens im Rahmen einer Nachuntersuchung erneut befragt werden.

In Kapitel 6 werden in einer deskriptiven Analyse die Ausgangsmerkmale der Untersuchungsgruppe behandelt Hier sind u. a. sehr eindrucksvoll und anschaulich-nachvollziehbar die Auswertungsbeispiele gelungen.

Es folgt die statistische Analyse der Vorher – Nachher – Untersuchung in Kapitel 7 mit anschließender qualitativer Auswertung der Prä-Post-Veränderungen von Einsicht in Kapitel 8. Hier sind exemplarisch die Textbeispiele zur Reduktion des Datenmaterials (Kap. 8.1.2) hervorzuheben.

Diesen zweiten Teil der Arbeit von Svenja Taubner ausführlich zu besprechen, sprengt den Rahmen. Der empirische Teil ist so ausgezeichnet gelungen und so dezidiert und akribisch beschrieben, dass er nahezu als exemplarisch für hervorragende Forschungsarbeit bezeichnet werden kann. Bei dieser Sorgfalt im Umgang mit ihrer Fragestellung zeigt sich die analytische Herangehensweise der Verfasserin, und es wird deutlich, wo die Zeit während eines Forschungsprojektes bleiben kann!

Im 9. Kapitel werden die Ergebnisse diskutiert und die Schlussfolgerungen vorgestellt. Hier wird überaus differenziert die Wirkung des Täter-Opfer-Ausgleichs auf die einzelnen Probanden geschildert, und die Autorin kommt zu teilweise überraschenden Ergebnissen.

Zielgruppen

Das vorliegende Werk von Svenja Taubner ist besonders mit seinem theoretischen Teil für all´ diejenigen, die im Täter-Opfer-Ausgleich involviert sind, ein sehr horizonterweiterndes und zum Nachdenken anregendes Werk! Gerade Konfliktschlichter, Mediatoren, Jugendstaatsanwälte und Jugendrichter und an diesem Thema interessierte Juristen, Kriminologen und Rechtspsychologen bekommen fundiert analytische Einsichten über den Hintergrund und die Haltung jugendlicher (Gewalt-)Straftäter und die Frage präsentiert, welcher Umgang mit ihnen dergestalt von Nutzen ist, dass sie ihre Gewalttätigkeit überdenken und im besten Falle aufgeben können und so in die Gesellschaft wieder integriert werden. Das gesamte Buch mit seinem empirischen Teil erweitert die Adressatengruppe auf die in Forschung und Wissenschaft Tätigen und an diesen methodischen Fragen besonders Interessierten. Speziell für Doktoranden bzw. Habilitanden der einschlägigen Wissensrichtung kann die Arbeit von Svenja Taubner ein hervorragendes Beispiel guter wissenschaftlicher Arbeit sein. Dabei sollte allerdings berücksichtigt werden, dass nach den Standards guter wissenschaftlicher Arbeit die Ich-Form in einer wissenschaftlichen Schrift nichts verloren hat!

Fazit

Das Werk von Svenja Taubner ist von großem Wert für die Wirkungsforschung und die Auseinandersetzung mit der Effektivität des Täter-Opfer-Ausgleichs. Es bringt nicht nur Einsicht in Gewalt sondern Einsicht in die Wirkungsweise justitzieller Maßnahmen für jugendliche (Gewalt)-Straftäter. Der Blick auf jugendliche Rechtsbrecher wird jenseits medialer Inszenierungen und Schuldzuweisungen ganz analytisch-nüchtern auf die Ursachen abweichenden Verhaltens aufgrund schwierig verlaufender Lebenswege gerichtet und hat damit gleichzeitig Appellwirkung, zielgerichteter und ursachenorientierter in der Auswahl von Maßnahmen zur Reintegration jugendlicher Straftäter vorzugehen.


Rezension von
Prof. Dr. jur. Ute Ingrid Haas
Professur für Kriminologie und Viktimologie, Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Hochschule Braunschweig/Wolfenbüttel, Fakultät Soziale Arbeit - Institut für angewandte Rechts- und Sozialforschung
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/fbs/not_in_menu/personenhaas ...
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Zitiervorschlag
Ute Ingrid Haas. Rezension vom 09.04.2009 zu: Svenja Taubner: Einsicht in Gewalt. Reflexive Kompetenz adoleszenter Straftäter beim Täter-Opfer-Ausgleich. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2008. ISBN 978-3-89806-878-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6972.php, Datum des Zugriffs 24.01.2021.


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