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Ernst Peter Fischer: Das große Buch der Evolution

Cover Ernst Peter Fischer: Das große Buch der Evolution. Fackelträger Verlag (Köln) 2008. 394 Seiten. ISBN 978-3-7716-4373-7. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.
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Thema

Mit einer mittlerweile kaum noch zu überschauenden Anzahl von Büchern, Ausstellungen und Fernsehsendungen über Charles Darwin wird daran erinnert, dass wir in einem Darwin-Jahr leben. Am 12. Februar 2009 jährte sich sein 200. Geburtstag, am 24. November vor 150 Jahren erschien sein Hauptwerk „On the origin of species“ - Über die Entstehung der Arten. „Dieses Ereignis war vielleicht der größte Umbruch in der Menschheitsgeschichte“, so der große Evolutionsbiologe Ernst Mayr. Man muß dieser Bewertung nicht unbedingt folgen, dennoch gehörte Darwin zu den Forschern, die - wie Freud und Einstein auf anderen Gebieten - die bis dahin gültige Weltsicht grundlegend veränderten.

Aus der riesigen Zahl der aktuellen Veröffentlichungen zu Charles Darwin ragt der Band von Ernst Peter Fischer, „Das große Buch der Evolution“, eine wunderschön gestaltete, unterhaltsame und ungemein informative Darstellung der Evolution, sicher heraus.

Autor

Ernst Peter Fischer gehört zu den renommiertesten Wissenschaftshistorikern und -journalisten im deutschsprachigen Raum. Geboren 1947 in Wuppertal, studierte er Mathematik, Physik und Biologie und promovierte 1977 am California Institute of Technology. Er habilitierte sich im Fach Wissenschaftsgeschichte und lehrt an der Universität Konstanz. Er schreibt für „Geo“, „Bild der Wissenschaft“, die „Weltwoche“ und die „FAZ“. Für seine Arbeit erhielt er mehrere Preise, u. a. den Sartorius-Preis der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Fischer ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Der Physiker. Max Planck und das Zerfallen der Welt“, „Aristoteles, Einstein und Co. Eine kleine Geschichte der Wissenschaft in Porträts“ und „Am Anfang war die Doppelhelix. James D. Watson und die neue Wissenschaft vom Leben".

Aufbau und Inhalt

Wer das Wort „Evolution“ hört, denkt zumeist an Dinosaurier, Fossiliensucher und Darwin-Finken. Das ist nicht falsch, doch zu kurz gegriffen, denn wir stecken mittendrin in der Evolution, der „längsten Geschichte der Menschheit“. „Die Schöpfung ist niemals vollendet. Sie hat zwar einmal angefangen, aber sie wird niemals aufhören. Sie ist immer geschäftig, mehr Auftritte der Natur, neue Dinge und neue Welten hervorzubringen“, so Immanuel Kant, den Fischer zu Beginn seines Buchs zitiert. Oder anders: Die Evolution geht weiter – mit und durch uns. (91ff.)

Ausgehend von den aus heutiger Sicht spärlichen und begrenzten, aber intensiven Beobachtungen und Sammlungen des Weltreisenden und späteren Taubenzüchters Charles Darwin steht die Evolutionsforschung nach Fischer heute imponierender da als jemals zuvor. Und in der Tat, es gibt nur noch wenige Wissenschaftsdisziplinen, die sich der Faszination der Evolutionsgedankens (Variation, Selektion, Mutation, dem verführerischen und fehlleitenden „survival of the fittest“ etc) entziehen können, bis hin zu den Organisations- und Managementwissenschaften (Neo-Institutionalismus, population ecology). Selbst eine darwinistisch angehauchte Literaturwissenschaft behauptet sich. Und die neuesten Forschungen im Bereich der Genetik und Molekularbiologie, die nicht nur die Veränderlichkeit der Arten deutlich belegen, rühren gar an das Selbstverständnis der Spezies Mensch.

Das Buch gliedert sich in drei Kapitel.

  1. Im ersten Kapitel („Eine Sternstunde der Menschheit“) beschreibt Fischer das Umfeld der Entstehung der Darwinschen Auffassung mit seiner komplizierten persönlichen Entstehungsgeschichte („Mir ist, als gestehe ich einen Mord“), wobei auch die wissenschaftlichen Vordenker bzw. Zeitgenossen (Wallace, Spencer, Lamarck, Malthus) entsprechend gewürdigt werden. Fischer macht hier deutlich, weshalb Darwins Thesen eine solche Zäsur und Herausforderung waren, mit Wirkungen bis ins 20. Jahrhundert. Der Schatten Darwins ist lang, insbesondere wenn man die politischen Folgen berücksichtigt: Eugenik (Galton, dessen Vetter Darwin war), Sozialdarwinismus, die „Ausmerzung unwerten Lebens“. Fischer übergeht diese Thematik nicht - wie könnte er auch - doch hätte man sich gerade diesen Teil etwas gründlicher gewünscht, speziell was das problematische Hin- und Herspringen zwischen Natur- und Gesellschaftsbetrachtung angeht. Und der selbsternannte Gegen-Papst Ernst Haeckel, Deutschlands berühmtester Zoologe, dem Fischer „auffallendes Herrenmenschendenken“ bescheinigt (89), kommt sicher zu gut weg.
  2. Im 2. Kapitel („Wunder der Natur“) erzählt Fischer mit wunderschönen Abbildungen von der Vielfalt und Schönheit der Natur, denkt über den Anfang („Der Untergang der Dinosaurier und andere Katastrophen“), die Entstehung des Lebens und die Ausbildung der Arten nach, schildert faszinierende Entwicklungen der Natur („Im Reich der Sinne“, „Die Welt der Farben“) und beschäftigt sich schließlich mit der Rolle des Zufalls, die immer noch nicht geklärt ist und vermutlich auch in absehbarer Zeit nicht geklärt werden wird. Und so gibt es überhaupt mit der Evolutionstheorie und dem Darwinismus ein Problem: Wissenschaft nach Popper ist vieles bei Darwin, der sich auf Erfahrungen als Sammler, Beobachter und Tierzüchter stützte, sicher nicht, und man muß nicht unbedingt Kreationist oder Anhänger des Intelligent Design sein, um an vielen Darwinschen „Makro-Thesen“ zu zweifeln. Und trotzdem hat die Lehre Darwins für die Wissenschaft und die Gesellschaft bis zum heutigen Tag kaum zu ermessende Auswirkungen gehabt.
  3. Im dritten Teil („Der Mensch“) beschäftigt sich Fischer u.a mit der „Einzigartigkeit des Homo sapiens“ - Was zeichnet uns aus ? - und der Frage nach dem Anfang: „Woher kommen wir“? Besonders in diesem spektakulären Teil wird deutlich, dass wir noch noch lange nicht alles über die Mechanismen der Evolution wissen. Der Forschung bleiben hier unendlich viele Fragen, die sie lösen kann. - Die Molekularbiologie steht hierbei gegenwärtig im Mittelpunkt.

Und auch der Tod ist letztendlich ein Thema der Evolutionsgeschichte, bei Fischer in einem abschließenden Essay „Wir sind nicht zum Sterben auf der Welt. Der Tod im Bereich der Evolution“ (354ff.) gewürdigt. „ Nichts ergibt in der Biologie einen Sinn, außer man betrachtet es im Lichte der Evolution“, dieser berühmte Satz von Theodosius Dobshansky, den Fischer an den Anfang seines Buchs stellt, hätte er auch für das Ende wählen können.

Fazit

Der Rezensent ist von diesem Band schwer beeindruckt. Es trägt sicher zurecht den Titel „Das große Buch der Evolution“ und kann nur uneingeschränkt empfohlen werden. Sobald man dieses prächtige, dicke Buch einmal aufgeschlagen hat, kann man nicht aufhören zu blättern und zu lesen. Das Lob bezieht alles mit ein: die abwechslungsreich präsentierten Inhalte, die Infokästen, das Glossar, vor allem aber auch die oft spektakulären Abbildungen.

Früher hätte man zurecht gesagt, ein solches Buch gehört in jede Haus- oder Familienbibiliothek. Da nicht unbedingt davon auszugehen, dass damit jegliche Form des Zusammenlebens abgedeckt ist: Der Band gehört auch in jeden Single- und WG-Haushalt.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Langnickel
Hochschule Lausitz
Standort Cottbus
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Zitiervorschlag
Hans Langnickel. Rezension vom 20.04.2009 zu: Ernst Peter Fischer: Das große Buch der Evolution. Fackelträger Verlag (Köln) 2008. ISBN 978-3-7716-4373-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6974.php, Datum des Zugriffs 21.10.2021.


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