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H. Elisabeth Philipp-Metzen: Die Enkelgeneration im ambulanten Pflegesetting bei Demenz

Rezensiert von Prof. Dr. Gabriele Kleiner, 03.04.2009

Cover H. Elisabeth Philipp-Metzen: Die Enkelgeneration im ambulanten Pflegesetting bei Demenz ISBN 978-3-531-16118-1

H. Elisabeth Philipp-Metzen: Die Enkelgeneration im ambulanten Pflegesetting bei Demenz. Ergebnisse einer lebensweltorientierten Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 424 Seiten. ISBN 978-3-531-16118-1. 39,90 EUR.
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Thema

Die Verbesserung der Unterstützung und Betreuung von Menschen mit Demenz – innerhalb und außerhalb familiärer Strukturen - ist eines der wichtigsten Zukunftsthemen der Gesellschaft. Es ist hinlänglich bekannt, dass die spezifischen Bedürfnisse von Menschen mit Demenz in den herkömmlichen Betreuungsstrukturen nicht umfassend zufrieden gestellt werden können. Vielfältige Veränderungen und Weiterentwicklungen unterschiedlichster Konzepte haben in den vergangenen Jahren stattgefunden, so auch vielfältige Versuche, eine stärkere Unterstützung von pflegenden Angehörigen zu ermöglichen. Als pflegende Angehörige werden in ersten Linie Ehepartner/innen sowie Kinder und Schwiegerkinder wahrgenommen; sie spielen im ambulanten Pflegesetting bei Demenz eine wichtige Rolle. Doch da gibt es noch eine Gruppe von Angehörigen, die weniger im Zentrum steht: Enkelinnen und Enkel. Dieser Gruppe unterstützender Angehöriger widmet sich H. Elisabeth Philipp-Metzen in ihrer Arbeit. Im Zentrum der lebensweltorientierten Studie steht die Enkelgeneration im ambulanten Pflegesetting, aus deren Ergebnisse weiterführende Erkenntnisse gezogen und ausgewählte Aspekte von Praxisimplikationen formuliert werden.

Autorin und Entstehungshintergrund

H. Elisabeth Philipp-Metzen ist Diplom-Sozialpädagogin und Diplom-Sozialgerontologin. Neben langjähriger praktischer Erfahrung im Arbeitsfeld „Versorgungssituation bei Demenz“ und Forschungstätigkeit ist sie als Leiterin des Demenz-Servicezentrums für die Region Südwestfalen tätig. H. Elisabeth Philipp-Metzen formuliert, dass der Forschungsprozess für die vorliegende Studie bereits viele Jahre im Vorfeld begann. Im ambulanten Pflegesetting, in Beratungssituationen begegnete die Autorin der Enkelgeneration und es entwickelten sich ihrerseits die ersten Fragen bezüglich dieser Generation, z. B.: Was empfindet eigentlich die Enkeltochter? (S. 205). Die Bestätigung der Forschungslücke in Fachkreisen führte zum Beginn der Studie. Insofern stellt die Publikation, die sich aus Praxiserfahrungen heraus entwickelte, eine Forschungsfragestellung mit hohem Anwendungsbezug dar. Die vorliegende Publikation wurde im Februar 2008 als Dissertation vom Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel angenommen.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in drei Hauptteile und stellt an den Beginn eine Einleitung der Autorin, in der sie in den Forschungsgegenstand ihrer Studie einführt; sie formuliert ihr Forschungsinteresse, welches in den „subjektiven Erfahrungen und Bilanzierungen von Enkeln demenzkranker Großeltern im Kontext familialer Pflege- und Hilfeleistungen in ihrer individuellen Lebenswelt“ (S. 17) liegt.

Teil A „Die Enkelgeneration im ambulanten familialen Pflegesetting bei Demenz – zum Stand der Forschung“

  • In Kapitel 1 „Ambulantes Pflegesetting bei Demenz“ wird zunächst auf Krankheitsbild, Diagnostik und Symptomatik sowie auf die Epidemiologie der Demenz eingegangen. Es schließt sich daran ein Überblick über die Versorgungslage sowie über die Situation ambulanter familiärer Pflege bei Demenz und Auswirkungen auf Angehörige an, bevor abschließend das Thema Belastungsprävention bearbeitet wird. Familie wird – so das erste Resumee – „als eine wichtige soziale Ressource bei einer Pflegebedürftigkeit im Alter betrachtet“ (S. 78).
  • Mit der Interpretation eines „gesamtfamilialen" und häufig auch „generationenübergreifenden Geschehens“ leitet H. Elisabeth Philipp-Metzen zu dem Kapitel 2 „Familiale Generationen“ über, in dem sie sich mit Familie als soziales Gebilde, mit dem Begriff der ’Generationen’ und den Wirkungen der einzelnen Generationen auf das Mehrgenerationengefüge auseinandersetzt, um auf dieser Folie Aspekte von Generationenbeziehungen herauszuarbeiten.
  • Kapitel 3 stellt den aktuellen Forschungsstand aus nationalen und internationalen Studien mit dem Fokus „Enkel demenziell erkrankter Großeltern im ambulanten familialen Pflegesetting“ dar und formuliert bereits vorhandene intergenerationelle Ansätze im Praxisfeld.

Teil B „Theoretische und methodische Hintergründe der Erhebung“

In diesem Teil der Publikation leistet die Autorin auf der Grundlage des Erfahrungsspektrums der Enkelgeneration „einen Beitrag zu einer weiteren Erkenntnisgewinnung“.

  • Kapitel 4 stellt die Problemanalyse dar und formuliert Forschungsfragen- und ziele. Dabei steht die Mehrgenerationenfamilie im Blickpunkt der Studie. „Die subjektiven Erfahrungen und Bilanzierungen von Enkeln demenzkranker Großeltern … in ihrer individuellen Lebenswelt“ (S. 164), angelehnt an den Lebensweltansatz nach Alfred Schütz, stellen den Forschungsgegenstand dar. H. Elisabeth Philipp-Metzen formuliert einen engen Zusammenhang von Forschungszielen und abgeleiteten Praxisimplikationen, wenn sie „eine Verbesserung der familialen Versorgungssituation durch den Einbezug des Erlebens der Enkel“ (S. 165), formuliert.
  • Im anschließenden Kapitel 5 „Theoretischer Rahmen der Untersuchung“ werden die grundlegenden Aspekte des angewandten Forschungsansatzes - „Lebenswelt als theoretische Perspektive professioneller Interventionen und Forschungsanliegen“ (S. 181) - bearbeitet. Im Zentrum stehen dabei die subjektiven Sichtweisen, die Alltagserfahrungen im Kontext der Pflege, womit einem Forschungsverständnis nachgegangen wird, welches die Subjektivität von Herstellungsprozessen sozialer Realität als Ausgangsprämisse einordnet (S. 171).
  • Die detaillierte Darstellung der Forschungs- und Auswertungsmethoden – das problemzentrierte Interview nach Witzel und die qualitative Datenanalyse nach Mayring findet im Kapitel 6 und die Beschreibung des Forschungsprozesses im Kapitel 7 Berücksichtigung.

Teil C „Ergebnisse“

  • In Kapitel 8 werden „Die Interviewteilnehmenden und ihre Pflegesettings“ vorgestellt.
  • Daran anschließend erfolgt in Kapitel 9 die „Auswertung der Einzelfälle“ mit drei ausführlichen Fallanalysen, die sich darin unterscheiden, das die Bilanzierung des Pflegesettings als „positiv“, „gemischt“ oder „belastungsgeprägt“ bewertet wird. Daran schließen sich Kurzportraits und zusammenfassende Auswertungen der weiteren zwölf Enkel/innen an.
  • In Kapitel 10 erfolgt die „Fallübergreifende Auswertung“ in Form induktiver wie deduktiver Kategorienanwendung, die in der Anlage der Publikation nachvollziehbar dargestellt sind.
  • Die in Kapitel 11 dargelegte „Theoretische Diskussion der Ergebnisse“ bezieht sich auf Erfahrungen, Bilanzierungen und Generationenbeziehungen sowie auf Belastungsprävention und Pflegebereitschaft.
  • In Kapitel 12 werden einzelne Ergebnisse als „Ausgewählte Aspekte für Praxisimplikationen“ diskutiert und konkretisiert, so z. B. „Die Mehrgenerationenfamilie in der häuslichen Pflege bei Demenz als Querschnittsthematik“.
  • Kapitel 13 fasst die Arbeit in einem „Resümee und Ausblick“ zusammen.
  • Der Publikation ist Material im Anhang angefügt, welcher ausschließlich dem Forschungsteil der Arbeit zuzuordnen ist. Auf einen weiteren Anhang, der als OnlinePLUS beim Verlag zur Verfügung steht, wird verwiesen.

Diskussion

H- Elisabeth Philipp-Metzen nimmt mit der Fokussierung auf die Enkel/innengeneration eine neue Perspektive im familiären Pflegesetting ein. Sie verlässt den Weg des tradierten Blickes auf familiäre Unterstützungspotentiale und hebt die Engführung auf die Generation von Kindern und Schwiegerkindern auf. Dabei verfällt sie weder dem in moderne Form gekleideten Mythos der Großfamilie als mulitlokale Mehrgenerationenfamilie noch der Idealisierung der z. T. hochengagierten Enkel/innengeneration. Besonders sympathisch sind die „Aspekte von Praxisimplikationen“. Spätestens hier wird deutlich, dass H. Elisabeth Philipp-Metzen eine Autorin mit langjähriger Praxiserfahrung ist, was noch einmal in ihrem Plädoyer im letzten Satz des Buches deutlich wird, in dem sie die Implementierung lebensweltorientierter Maßnahmen zur Förderung von generationengerechten Pflegesettings formuliert. H. Elisabeth Philipp-Metzen hat mit ihrer Publikation einen Beitrag dazu geleistet, „die „strukturelle Ignoranz“ gegenüber der Enkelgeneration“ im ambulanten Pflegesetting (S. 396) aufzubrechen.

Fazit

Die Dissertation von H. Elisabeth Philipp-Metzen ist für Leser/innen interessant, die sich im wissenschaftlichen und praktischen Kontext mit dem Thema „Demenz“ beschäftigen. Die differenzierten Ausführungen zu der angewandten qualitativen Sozialforschungsmethodik machen das Buch aber ebenso interessant für Forschende und Studierende der Sozialen Arbeit sowie der Gesundheits- und Pflegeberufe. Und nicht zuletzt: Dieses Buch muss auch interessierten Enkelinnen und Enkel und betroffenen Familien empfohlen werden.

Rezension von
Prof. Dr. Gabriele Kleiner
Evangelische Hochschule Darmstadt, Fachbereich Soziale Arbeit
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Es gibt 3 Rezensionen von Gabriele Kleiner.

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Zitiervorschlag
Gabriele Kleiner. Rezension vom 03.04.2009 zu: H. Elisabeth Philipp-Metzen: Die Enkelgeneration im ambulanten Pflegesetting bei Demenz. Ergebnisse einer lebensweltorientierten Studie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16118-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6988.php, Datum des Zugriffs 03.07.2022.


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