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Iver Hand: Strategisch-systemische Aspekte der Verhaltenstherapie

Cover Iver Hand: Strategisch-systemische Aspekte der Verhaltenstherapie. Eine praxisbezogene Systematik in ihren historisch-autobiografischen Bezügen. Springer (Berlin) 2008. 276 Seiten. ISBN 978-3-211-25219-2.
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Autor und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Summe der langjährigen Erfahrungen und reichlichen Überlegungen, die Iver Hand als Psychotherapeut mit verhaltenstherapeutischer Grundorientierung gemacht bzw. angestellt hat. Drei Jahrzehnte lang (1976 – 2006) war er Leiter des von ihm gegründeten Arbeitsbereichs Verhaltenstherapie an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, und dort hat er als Mitglied eines sich in ständiger Inter- und Supervision austauschenden Teams seinen unverwechselbaren Beitrag zu einer modernen Verhaltenstherapie entwickelt: eine biographische und strategisch-systemische Orientierung. Im Verlagsprospekt wird das vorliegende Buch als „moderne, integrative Ergänzung aktueller Lehrbücher“ (zur Verhaltenstherapie) präsentiert. Das ist unter Marketinggesichtspunkten verständlich und der Sache nach auch nicht falsch. Aber: Es scheint mir nur die Hälfte der Wahrheit zu sein. Die andere: Iver Hand macht mit dem vorliegenden Buch in einer Weise, wie es zuvor kein anderer Verhaltenstherapeut getan hat, Ernst damit, systemisches Denken (dies vor allem) und systemisches Handeln (soweit es angezeigt scheint) für die Praxis der Verhaltenstherapie fruchtbar zu machen.

Er selbst hat zu einer solchen Erweiterung des Blickfeldes und des Handlungsspielraumes durch seine Publikationen seit den 1980ern beigetragen. Er war er bei diesem Bemühen nicht der Einzige; v.a. in den USA gab es immer wieder einzelne Anstrengungen, systemisches denken und Handeln für die Verhaltenstherapie fruchtbar zu machen. So sind etwa unter den zahlreichen Möglichkeiten der Verhaltenstherapie, Partner und Familie einzubeziehen, schon seit Längerem vereinzelte Modelle und Ansätze zu finden, in denen sich systemisches Denken niedergeschlagen hat (Heekerens & Ohling, 2004). Zu nennen ist in dem Zusammenhang v.a. die schon vor einem viertel Jahrhundert entwickelte Funktionale Familientherapie: ein anschauliches Beispiel einer theoretisch gelungen und praktisch wirksamen Integration von kognitiv-behavioraler und systemischer Perspektive (Heekerens, 2006). In neuerer Zeit vermehren sich zudem im deutschsprachigen Raum die Anzeichen dafür, dass bestimmte „klassische“ Konzepte der Psychotherapie wie etwa „Krankheitsgewinn“ systemisch rekonzeptualisiert und in ihrer Bedeutung für jegliche Form psychotherapeutischer Arbeit – auch der verhaltenstherapeutischen – fruchtbar gemacht werden (Heekerens, 2008). So ist das hier zu rezensierende Buch denn auch das richtige Buch zur rechten Zeit. Man kann auch sagen: Die Zeit war reif für dieses Buch.

Aufbau und Inhalt

„Strategisch-systemische Aspekte der Verhaltenstherapie“ ist ein - hoch reflektiertes! – Buch aus der Praxis für die Praxis. Das macht die Rezensentenpflicht zur zusammenfassenden Darstellung mitunter schwierig; Gedankengebäude lassen sich – zumindest verbal – leichter komprimieren als Handlungsleitlinien. Das Buch besteht neben einem siebenseitigen Prolog, einem Inhaltsverzeichnis, einer Kurzbiographie von Iver Hand (alles am Anfang) und einem sechsseitigen Literaturverzeichnis (am Ende) aus sechs Kapiteln.

  1. Im 1., der Einleitung wird das Programm des Buches so skizziert: „Darstellung einer (Be-)Handlungsstrategie der Verhaltenstherapie, die, auf dem Hintergrund detaillierter biographischer Analysen, die Funktionsdiagnostik des Krankheitsverhaltens (intrapsychische und interaktionelle Funktionalität) bei Patient und sozialem Umfeld betont.“ (S. 1) Diese Strategie passe gut in die im System der deutschen gesetzlichen Krankenversicherung übliche multimodale Therapie.
  2. In Kapitel 2, Geschichte der Verhaltenstherapie, benennt Iver Hand drei Entwicklungsstufen: die Entwicklung einer eigenständigen klinischen Verhaltenstherapie, die kognitive Wende und die (neoanalytisch beeinflusste) Wiederentdeckung prägender Gefühle und Beziehungen. Vielleicht, so möchte der Rezensent hier einfügen, vielleicht wird ein späterer Chronist von einer vierten Entwicklungsstufe – „die systemische Blickfelderweiterung“ - sprechen und dabei Iver Hands Buch als „epochemachend“ bezeichnen.
  3. Kapitel 3 trägt die Überschrift Von der Symptom- zur auch Person-spezifischen Orientierung: Autobiographische Skizzen aus einem „Learning by Doing“ und schildert den Lernprozess des Buchautors; höchst lehrreich, diesen lesend nachzuvollziehen – und mit dem eigenen Werdegang als Therapeut zu vergleichen.
  4. In Kapitel 4 Multimodale, strategisch-sytemische Verhaltenstherapie legt Iver Hand zunächst dar, wer in der Bundesrepublik an der Realdefinition von Verhaltenstherapie in welcher Weise mitwirkt, er benennt dann grundlegende Inhalte und Zielsetzungen von Psychotherapie überhaupt, um damit zum zentralen Inhalt des 4. Kapitels zu kommen: „Im Folgenden wird eine multimodale verhaltenstherapeutische (Be-)Handlungsstrategie mit sowohl initialer, differenzieller als auch mit prozessbegleitender , adaptiver Indikationsstellung für einzelne Interventionen im Rahmen einer übergeordneten, systemisch orientierten Grundstrategie dargestellt.“ (S. 53f)
  5. Ist Kapitel 4 mit 51 Seiten das zweitgrößte Kapitel, so darf man Kapitel 5 Strategie der Integration systemischer Aspekte in den Verhaltenstherapieprozess mit seinen 154 Seiten – das ist mehr als die Hälfte des Textumfangs – als das Kernstück, in dem das in Kapitel 4 angeschlagene Grundthema in vielfältigen Variationen entfaltet wird, ansehen. Hier finden sich viele lehrreiche Fallbeispiele. Lehrreich, weil sie zum Teil für sich selbst sprechen, lehrreich aber besonders durch die Kommentierungen Iver Hands und lehrreich nicht zuletzt deshalb, weil hier nicht nur die „gelungen“ Fälle ihren Platz haben, sondern auch all jene, deren Nicht-Gelingen zu hilfreichen Fragen, Hypothesen und Verstörungen führen.
  6. Mit Kapitel 6 Epilog: Freie Assoziationen schließt das Buch von Ivan Hand. Es enthält anregende Gedankengänge zur Abrechnungsmöglichkeit von systemisch „angereicherter“ Verhaltenstherapie, Bedeutung psychisch schmerzhafter Beziehungserfahrungen, Unterscheidung von erfolgreichen und nicht erfolgreichen Verhaltenstherapeuten und „unbewussten Behandlungsmotivation“.

Zielgruppe und Fazit

Das richtet sich in erster Linie und hauptsächlich an verhaltenstherapeutisch ausgebildete oder in entsprechender Ausbildung befindliche Psychotherapeut(inn)en im Bereich der Erwachsenen- wie der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, ob sie nun mit Einzelnen, Gruppen, Paaren und/oder Familien arbeiten. Und es ist in einem Stil geschrieben, den ich für die Lesegewohnheiten und die Lektüremotivation von überwiegend praktisch tätigen Psychotherapeut(inn)en für angemessen halte. Was den Inhalt betrifft, so dürfte er bei dieser Zielgruppe in Abhängigkeit von Erfahrung, Wissen und Können sehr unterschiedliche Reaktionen auslösen; das kann i.Ü. auch bei ein und derselben Person der Fall sein. Zustimmend-erleichtertes Kopfnicken dürfte so häufig vorkommen wie verwundert-ablehnendes Kopfschütteln. Im letzten Fall wünscht man, dass die mögliche Verstörung eine heilsame ist. Und im ersten könnte der Positiveffekt ein zwiefacher sein: (endlich) eine Begrifflichkeit für das haben, was schon oft getan wurde, ohne es recht benennen zu können, oder (endlich) eine Erklärung dafür zu haben, weshalb es in diesem oder jenem Fall nicht weiter ging, ohne dass dies in Inter- und Supervision hätte befriedigend geklärt werden können. Dieses Buch gehört auf die Pflichtlektüreliste jedes Ausbildungsinstituts für Verhaltenstherapie, auf den Schreibtisch jedes Verhaltenstherapeuten und unter die Leselampe jedes Supervisors in Verhaltenstherapie.

Ergänzende Literaturnachweise:

  • Heekerens, H.-P. (2006). Die Funktionale Familientherapie: Ein effektives klinisches Behandlungsverfahren. Psychotherapie, 11, 16-24.
  • Heekerens, H.-P. (2008). Funktion, Krankheitsgewinn und Passung - Variationen eines therapeutischen Themas. Psychotherapie, 13, 147-154.
  • Heekerens, H.-P. & Ohling, M. (2004). Einbeziehung von Partner und Familie bei verhaltenstherapeutischer Psychotherapie. Verhaltenstherapie und psychosoziale Praxis, 36, 75-80.

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 01.04.2009 zu: Iver Hand: Strategisch-systemische Aspekte der Verhaltenstherapie. Eine praxisbezogene Systematik in ihren historisch-autobiografischen Bezügen. Springer (Berlin) 2008. ISBN 978-3-211-25219-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/6993.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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