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Reinhold Schwarz, Susanne Singer: Einführung Psychosoziale Onkologie

Rezensiert von Prof. Dr. Margret Dörr, 15.10.2009

Cover Reinhold Schwarz, Susanne Singer: Einführung Psychosoziale Onkologie ISBN 978-3-8252-3071-5

Reinhold Schwarz, Susanne Singer: Einführung Psychosoziale Onkologie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 314 Seiten. ISBN 978-3-8252-3071-5. 26,90 EUR.
Reihe: PsychoMed compact - Band 3. UTB - 3071
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Thema

Eine Krebserkrankung kann das Leben von Betroffenen und Angehörigen in seinen Grundfesten erschüttern. Dann stellt sich die Frage, wie man diese Krise bewältigen kann sowie, wie und welche Unterstützungshilfen zur Bewältigung die verschiedenen Professionellen des Gesundheitswesens leisten können. Dies sind Fragen der modernen psychosozialen Onkologie. Unter Psychosozialer Onkologie verstehen die AutorInnen „die Lehre von den Wechselwirkungen zwischen seelischen und sozialen Prozessen einerseits und Entstehung und Verlauf von Tumorerkrankungen und deren psychosozialen Begleiterscheinungen andererseits.“ (S. 15) Ihr primäres Ziel ist es, die Belastung durch Krankheit und Behandlung zu lindern, die Patienten in der Auseinandersetzung mit Krankheit und Krankheitsfolgen zu unterstützen bzw. psychische Fehlentwicklungen vorzubeugen und gemeinsam neue Perspektiven in der gewandelten Lebenssituation zu entwickeln.

Mit diesem einführenden Lehrbuch werden Grundkenntnisse über typische psychosoziale Problemlagen, über Bewältigungs- und Abwehrprozesse, Gesprächsführung mit Tumorpatienten, spezielle psychodiagnostische Methoden, psychosoziale Interventionen und über Weiterbildungsmöglichkeiten im Bereich der psychosozialen Onkologie vermittelt. Diese Wissensbestände werden vor dem Hintergrund einer psychotherapeutischen (verstehenden) Grundhaltung beschrieben.

Autor und Autorin

Prof. Dr. med. Reinhold Schwarz und Dr. Dipl.-Psychologin Susanne Singer arbeiten beide in der Abteilung Sozialmedizin in der „Psychosozialen Beratungsstelle für Tumorpatienten und Angehörige“ der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Entstehungshintergrund

Die demografische Entwicklung und der medizinische Fortschritt haben das Krankheitspanorama in den industrialisierten Ländern insgesamt verändert. Auch akut und rasch tödlich verlaufende Krebs-Erkrankungsprozesse sind seltener geworden und die durchschnittlich zu erwartende Lebensspanne hat sich ausgeweitet. Diese zunehmende Verlängerung der Überlebenszeit der Menschen ist aber oftmals von einer chronischen Beeinträchtigung und bleibenden Behinderung begleitet. Auf diesen Wandel des Krankheitsbildes reagierten in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts verschiedene Initiativen der psychosozialen Medizin (Psychoonkologie). Dank der fachspezifischen Weiterentwicklung sowie u.a. der Einbeziehung (sozial)pädagogischer Ansätze hat sich die Psychoonkologie in Richtung einer psychosozialen Onkologie entwickelt. Sie stützt sich auf Kompetenzen einer Vielzahl medizinischer und psychosozialer Disziplinen und ist somit kooperativ angelegt.

Aufbau

Der Band ist entsprechend eines Lehrbuchs aufgebaut. Er umfasst 6 Kapitel sowie Literatur und ein Sachregister. An den Randspalten werden zur schnellen Orientierung Piktogramme benutzt, die jeweils auf Begriffserklärung/Definition; Literaturempfehlung; Pro- und Contra/Kritik; Beispiel und Forschungen/Studien verweisen sowie jeweils am Ende eines Kapitels Fragen zur Wiederholung enthalten.

Inhalt

  1. Das erste Kapitel informiert über den Gegenstand des Fachs Psychosoziale Onkologie: Dabei greifen die AutorInnen Ausgangssituation, Definition und Entwicklung des Faches sachhaltig und prägnant auf, erläutern gut nachvollziehbar die ‚Somato-psychische –‘ und ‚Sozio-kulturelle Perspektive‘ der Disziplin und Profession, zeigen ‚Psychosoziale Arbeitsfelder in der Onkologie‘ auf und informieren über die ‚Selbsthilfebewegung‘. Der erste Abschnitt endet – wie alle weiteren Kapitel - mit ‚Fragen zum Kapitel‘.
  2. Der zweite Punkt nimmt wesentliche Dimensionen der „psychsozialen Onkogenese“ in den Blick. Fundiert wird die Leserin über Krebserkrankungen aus subjektiver und objektiver Sicht, auf die – für die Betroffenen oft unheilvollen – Fallstricke einseitiger Theorien und Konzepte psychosozialer Ätiologievorstellungen (psychosoziale Krebsgenese) sowie kritisch über aktuelle Studien zur Entstehung von Krebs durch die Psyche (Krebspersönlichkeit) aufgeklärt. Ebenso gehaltvoll sind die sich daran anschließenden Auseinandersetzungen über medial verbreitete diverse ‚kausale Psychotherapiemethoden‘, die letztlich keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhalten. Des Weiteren klassifizieren sie das mittlerweile wissenschaftlich anerkannte Phänomen „Spontanremission“ nicht ohne darauf hinzuweisen, dass die Frage nach den Ursachen dieses Phänomens keineswegs beantwortet ist. Ein nächster Abschnitt behandelt verschiedene Risikoverhaltensweisen, die allerdings in ihren jeweils lebensgeschichtlichen und soziokulturellen Kontexten verstanden sein müssen, wenn Präventionsprogramme erfolgreich sein sollen. Auch in diesem Kapitel wird die professionelle Grundhaltung von Schwarz und Singer wohltuend erkennbar, da sie einer sekundären Viktimisierung der erkrankten Menschen sinnverstehend entgegen treten.
  3. Die Krankheitsfolgen und Verarbeitung sind Inhalte des dritten Kapitels. Typische Belastungssituationen im Krankheitsverlauf (einschließlich der Sterbephase) werden sachhaltig und kompetent erläutert. Anschaulich und einfühlsam (auch durch die vermehrte Einbeziehung von Interviewausschnitten erkrankter Menschen) werden die verschiedenen Auseinandersetzungsweisen mit dem Kranksein im Zusammenhang mit der jeweiligen Bedeutungszuschreibung, emotionalen Antwort einschließlich diverser Abwehrmechanismen und Verarbeitungsformen dargestellt. Die nächsten Unterpunkte informieren über den Sachverhalt und Gründe, dass Tumorpatienten von einer ‚psychischen Komorbidität‘ betroffen sind, erläutern verschiedene Betrachtungsebenen des Therapieziels Lebensqualität, stellen die hohe Inzidenz von tumorassoziierten Schmerzen und ihre (palliative) Behandlung dar, gehen differenziert und beispielreich auf die chronische Müdigkeit (Fatique) sowie auf das Körpererleben von Krebserkrankten ein. Zudem werden die sozialen Folgen einer Krebserkrankung anschaulich aufgeführt.
  4. Das vierte Kapitel vermittelt der Leserin ein reichhaltiges Grundwissen Onkologie. Neben Epidemiologie sind verschiedene Klassifikationsweisen, diverse Tumordiagnostiken und zentrale Onkologische Behandlungsformen ausführlich und in einer sprachlich gut verständlichen Weise beschrieben. Diese medizinisch-onkologischen Wissensbestände über Krebserkrankungen und Behandlungsmöglichkeiten gehören sicherlich zu den Voraussetzungen einer professionellen Tätigkeit im interdisziplinären Behandlungsteam und erweisen sich als hilfreich für Gespräche mit Betroffenen und Angehörigen.
  5. Angesichts der sich in den letzten Jahren verkürzenden stationären Verweilzeiten, der oft ambulanten Fortsetzung der Behandlung und den zahlreichen chronischen Krankheitsverläufen gewinnt auch der ambulante Sektor in der onkologischen und psychosozialen Versorgung an Bedeutung. Diesem Sachverhalt wird das 5. Kapitel gerecht, indem es zahlreiche psychosoziale Versorgungsmodelle (stationär, ambulant, schnittstellenübergreifend) ausführlich darstellt und dabei auf kulturelle und gesellschaftliche, auf juristische und psychologische Aspekte Bezug nimmt. Diese Dimensionen sind sowohl in Aufklärungsgesprächen als auch in den diversen Interventionskontexten (Begleiten, Beraten und Behandeln) zu beachten, um die Fachlichkeit in der psychosozialen Onkologie zu wahren. Auch in diesem Kapitel werden unterschiedliche Ansätze sachhaltig dargestellt und ihre jeweiligen Prämissen durchaus auch kritisch diskutiert: Ziel von Schwarz und Singer bleibt konsequent die weitestgehende Erhaltung bzw. (Rück)Gewinnung der Autonomie der Adressaten, wobei regressive Reaktionen der Erkrankten in ihrer Sinnhaftigkeit empathisch und sinnverstehend aufgegriffen und mögliche Antworten der Professionellen beispielhaft dargestellt werden. Des Weiteren erläutern die VerfasserInnen Spezifische Interventionen der Sozialarbeit, Pflege, Seelsorge und betrachten die positiven Einflussnahmen von Sport und körperliche Bewegung, künstlerische Therapien und Entspannungsmethoden.
  6. Der sechste und letzte Abschnitt hat kurz und knapp einige Anmerkungen zur Professionalisierung des Fachgebietes, die einhergeht mit der Formierung von wissenschaftlichen Fachverbänden, der Etablierung von (anerkannten) Fort- und Weiterbildungscurricula und letztlich mit der Bestimmung des Berufsbildung und Bildung von Berufsverbänden.

Diskussion

Reinhold Schwarz und Susanne Singer haben eine theoretisch kenntnisreiche, prägnante und durch die Struktur der Darstellung mit ihren anschaulichen Beispielen, Diskussionen unterschiedlicher Perspektiven und der Information zu zahlreichen Forschungen/Studie eine sehr gehaltvolle und lesenswerte Einführung in ein Fachgebiet gegeben, dass für diverse Professionen im Gesundheitswesen, die mit krebserkrankten Menschen zu tun haben, eine wertvolle Lektüre darstellt. In einer klaren und gut nachvollziehbaren Sprache werden auch äußerst komplizierte Zusammenhänge (sowohl der biologisch-körperlichen als auch psychosozialen Dimensionen einschließlich ihrer Wechselwirkungen) für Nichtmediziner mehr als gut verständlich erläutert.

Fazit

Dieses gut zu lesende Lehrbuch führt in die psychosozialen Aspekte von Krankheitsverlauf und -verarbeitung ein. Es vermittelt Grundwissen über Onkologie, medizinische Behandlung und psychosoziale Versorgung. Methoden der Psychodiagnostik und der Gesprächsführung werden anschaulich beschrieben, psychosoziale Interventionsstrategin vorgestellt, mit Fallbeispielen erläutert und auf ihre Wirksamkeit hinterfragt. Die anregenden Fragen zum Ende der einzelnen Kapitel ermöglichen der Leserin konstruktiv ihren jeweiligen Wissensstand über einzelne Themen zu überprüfen.

Das Buch ist für die Ausbildung an Universitäten und Hochschulen sowie anderen Fort- und Weiterbildungsstätten für Professionelle im Gesundheitswesen ausgesprochen empfehlenswert.

Rezension von
Prof. Dr. Margret Dörr
Professorin für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt „Theorie Sozialer Arbeit, Gesundheitsförderung“ an der Katholischen Hochschule in Mainz.
Arbeitsschwerpunkte: ‚Biographieforschung,’ ‚Psychoanalytische (Sozial)Pädagogik’, ‚Klinische Sozialarbeit’‚Abweichendes Verhalten und Psychopathologie’.
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Es gibt 25 Rezensionen von Margret Dörr.

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Zitiervorschlag
Margret Dörr. Rezension vom 15.10.2009 zu: Reinhold Schwarz, Susanne Singer: Einführung Psychosoziale Onkologie. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. ISBN 978-3-8252-3071-5. Reihe: PsychoMed compact - Band 3. UTB - 3071. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7006.php, Datum des Zugriffs 08.08.2022.


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