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Klaus Wahl, Katja Hees: Täter oder Opfer?

Rezensiert von Dr. Regine Drewniak, 19.03.2009

Cover Klaus Wahl, Katja Hees: Täter oder Opfer? ISBN 978-3-497-02037-9

Klaus Wahl, Katja Hees: Täter oder Opfer? Jugendgewalt - Ursachen und Prävention. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. 174 Seiten. ISBN 978-3-497-02037-9. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 34,70 sFr.

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Thema und Autoren

Ende 2007: Ein gewalttätiger Überfall zweier junger Menschen auf einen Rentner in der Münchner U-Bahn mit gravierenden Folgen – Wieder einmal wurde ein extremer Einzelfall von Jugendgewalt in besonders spektakulärer Weise medial aufbereitet und sogleich zum Gegenstand von politischen Instrumentalisierungen. In typischer Weise wurden so reflexartige Reaktionen in Form von Verschärfungsforderungen als generell erforderliche Reaktionen auf Jugendgewalt laut.

Klaus Wahl, Leiter der wissenschaftlichen Stabsabteilung des Deutschen Jugendinstituts (DJI), und die Journalistin Katja Hees nehmen die um den Münchner Vorfall entbrannte Debatte zum Anlass, über das Phänomen Jugendgewalt umfassend aufklären zu wollen:

  • Werden immer mehr Jugendliche immer gewalttätiger?
  • Wie äußert sich Jugendgewalt?
  • Wie entsteht sie?
  • Wie lässt sie sich verhindern?

Anhand dieser grundsätzlichen Fragen verfolgen die Autoren ein doppeltes Anliegen: Beantwortet werden sollen sie auf der Grundlage aktuellen Wissens aus Forschung und Praxis „in einer leicht verständlichen Sprache“ (Klappentext). Gleichzeitig sollen Eltern und andere Ratsuchenden Informationen dazu an die Hand gegeben werden, „wohin sie sich wenden können, wenn sie Hilfe beim Umgang mit Kindern und Jugendlichen suchen“ (9).

Aufbau ...

Die Darstellung folgt vier Hauptteilen zu Umfang, Erscheinungsformen und Ursachen von Jugendgewalt sowie Ansätzen zu deren Prävention. In jeweils kurzen Texten werden Unterthemen behandelt, wobei einzelne Fachbegriffe jeweils farblich unterlegt gesondert erläutert werden. Zusätzlich veranschaulicht werden ausgewählte gewaltbereite Jugendszenen/Jugendgruppen, indem exemplarisch Lebensgeschichten einzelner „Gewalttäter“ (die weiteren Publikationen entnommen sind) präsentiert werden.

... und Inhalt

Im ersten Teil werden Zahlen und Daten zum Phänomen Jugendgewalt präsentiert. Der Versuch, die grundsätzlich interessierende Frage, ob immer mehr Jugendliche gewalttätig werden, zu beantworten, beginnt mit dem zutreffenden Verweis auf die nur eingeschränkte Aussagekraft der gleichwohl verbreitetsten Informationsquelle zu Kriminalität und Gewalt: die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS). Weder für Kinder und Jugendliche insgesamt, noch für die beiden erwähnten Untergruppen der Mädchen und jungen Migranten lassen sich dieser Statistik zuverlässige Zahlen entnehmen. In Fachkreisen unbestritten ist indessen, dass ein Großteil der verzeichneten Gewaltdelikte der kleinen Gruppe der sogenannten Mehrfach- und Intensivtäter zuzurechnen ist. Erwähnung findet auch der für die Interpretation der polizeilichen Zahlen relevante Hinweis aus der Dunkelfeldforschung: Einiges spricht dafür, dass der in der PKS verzeichnete Anstieg der Jugendgewalt auf eine gesteigerte Anzeigebereitschaft zurückzuführen ist (19). Der Blick auf internationale Befunde veranlasst die Autoren zu dem Resumé, dass die Gewaltbereitschaft von Kindern und Jugendlichen in Deutschland „nicht übermäßig hoch zu sein“ scheint (20).

Im zweiten Teil wird das Phänomen Jugendgewalt anhand bestimmter Orte, Szenen und Gruppen dargestellt. Ausgewählt und jeweils von betroffenen Jugendlichen in ihren eigenen Worten veranschaulicht, wurden folgende Erscheinungsformen:

  • Tatort Schule: Vandalismus, Bullying, Amokläufe
  • Hooligans
  • Skinheads und Neonazis als Beispiele der rechten Gewaltszene
  • Punks, Autonome und Antifa als Beispiele der linken Gewaltszene
  • Interethnische Gruppengewalt
  • Islamistische Täter
  • Gewalttätige Mädchen

Wie Aggression und Gewalt entsteht, ist Gegenstand des dritten Teils. Dargestellt werden Erkenntnisse zum komplizierten Zusammenspiel von genetischen Anlagen, familiären und weiteren Umweltfaktoren, die die Aggressionsentwicklung von früher Kindheit an determinieren und – im ungünstigen Fall der aggressionsverstärkenden „Negativspirale“ (77) - in eine Kriminalkarriere münden. „Gesellschaftliche Verwerfungen“ in Form von sozialen Ausgrenzungsprozessen und problematischem Medienkonsum finden ebenso Erwähnung wie die gewaltlegitimierende Funktion von Ideologien.

Der vierte Teil widmet sich Beispielen der Gewaltprävention. Dargestellt werden Programme, die aus den unterschiedlichen Abteilungen und Projekten des DJI bekannt sind und die – wie eingangs im Buch erwähnt – „ansatzweise auf Wirksamkeit getestet“ (9) sind: Präventionsmöglichkeiten in Familie, Kindergarten, Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe. Eindeutig beziehen die Autoren hier Position dafür, dass in jedem Fall der Prävention vor der Repression der Vorrang zuzukommen habe. Zutreffend ist gleichwohl der Hinweis auf den nach wie vor defizitären Kenntnisstand in Hinblick auf die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen: Evaluation ist in viel größerem Umfang erforderlich, um jene Programme identifizieren zu können, „die tatsächlich nachhaltig verändern“ (153).

Das Buch schließt in einem Ausblick mit dem Verweis auf die zunehmend schwierigen gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens, die konkrete wirtschafts- und sozialpolitische Erfordernisse verdeutlichen. Deutlich fällt das Plädoyer der beiden Autoren für frühzeitige präventive Arbeit aus, um in Form professioneller Hilfe für gefährdete Kinder und Jugendliche letztlich Schäden, Ausgrenzungen und nicht zuletzt Wegsperren zu verhindern.

Fazit

Es bleibt ein schwieriges Unterfangen, vielfältige und komplizierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem komplexen Phänomen kurz, einfach und nachvollziehbar darzustellen, ohne dass diese falsch werden. Darstellungen zum Themenkomplex „Jugendgewalt“ geraten zudem immer wieder in Gefahr, dem Vorwurf entweder der Skandalisierung oder aber der Verharmlosung ausgesetzt zu werden. Dass die beiden Autoren gerade dies antizipieren, wird an vielen Stellen deutlich. Hilfreich sind in jedem Fall die zahlreichen Verweise auf weiterführende (Überblicks-)Literatur. Um sich einen Überblick über relevante Facetten bei der Betrachtung des Phänomens Jugendgewalt zu verschaffen, ist das Buch sicherlich zu empfehlen.

Rezension von
Dr. Regine Drewniak
Kriminologin/Evaluatorin, wissenwasgutist, Göttingen
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Es gibt 7 Rezensionen von Regine Drewniak.

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Zitiervorschlag
Regine Drewniak. Rezension vom 19.03.2009 zu: Klaus Wahl, Katja Hees: Täter oder Opfer? Jugendgewalt - Ursachen und Prävention. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-497-02037-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7007.php, Datum des Zugriffs 04.03.2024.


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