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Konrad Bundschuh: Heilpädagogische Psychologie

Cover Konrad Bundschuh: Heilpädagogische Psychologie. Mit 2 Tabellen und 83 Lernfragen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 4., überarbeitete, erweiterte und neu gestaltete Auflage. 359 Seiten. ISBN 978-3-8252-1645-0. 29,90 EUR.

Reihe: UTB - 1645.
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Autor

Konrad Bundschuh, Professor für Verhaltensgestörten- und Geistigbehindertenpädagogik in München seit 1993, Diplom Psychologe, Lehrer an Regel- und Sonderschulen legt 2008 eine überarbeitete, erweiterte und neu gestaltete Auflage des erstmals 1991 erschienenen Buches vor.

Thema

Heilpädagogische Psychologie zieht ganz im Sinne der Interdisziplinarität psychologische Erkenntnisse heran, um im Rahmen des Schulsystems in „Not geratenen Kindern“ Unterstützung anbieten zu können. Dazu wird zunächst die Bedeutung der Heilpädagogischen Psychologie für die Theorie und Praxis der Heilpädagogik dargestellt und dann die folgenden fünf für das Arbeitsfeld der Sonder- und Heilpädagogik grundlegenden Bereiche der Psychologie vorgestellt: Entwicklung, Lernen, Förderdiagnostik, Therapeutische Methoden und sozialpsychologische und soziologische Aspekte.

Aufbau

Der Aufbau des Buches weist eine „lernprozessorientierte Vorgehensweise“ auf, d. h. den einzelnen Kapiteln sind „inhaltlich curriculare Schwerpunkte vorangestellt“, i. S. allgemeiner Lernziele, gefolgt von Grundlageninformationen zum jeweiligen Themenbereich und die Würdigung von deren Bedeutung für die Heilpädagogik; auch Querverbindungen zwischen den einzelnen Inhalten werden hergestellt und am Ende eines jeden Kapitels finden sich Lernfragen. Die Randspalten des Buches bieten Piktogramme und Stichworte, die eine schnelle Orientierung ermöglichen sollen. Am Ende der meisten Kapitel werden „Querverbindungen“ zu anderen Bereichen der (heilpädagogischen) Psychologie hergestellt.

Die Bedeutung der Heilpädagogischen Psychologie

Das Kapitel beginnt mit der knappen Vorstellung verschiedener Teilgebiete der Psychologie, die für die Heilpädagogik relevant sind (Entwicklungs-, Sozial-, Pädagogische, Lern- und Klinische Psychologie, Heilpädagogische und Förderdiagnostik) und deren wechselseitigen Beziehungen. Im Folgenden werden verschiedene psychologische Paradigmen als Erklärungsmodelle für erwartungswidriges Verhalten anhand von Fallbeispielen verdeutlicht. Hier irritiert, dass der Protagonist des ersten Beispiels bereits 1966 geboren wurde, was dessen Biographie natürlich mit beeinflusst. Diesen Aspekt spricht Bundschuh allerdings nicht an. Bei den weiteren Fallbeispielen nennt er keine Jahreszahlen, bezieht sich bei der theoretischen Einordnung der Geschehnisse aber nur auf Literatur aus den 1970er Jahren. Auch wenn anhand der beschriebenen Fälle das dahinterstehende Paradigma deutlich herausgearbeitet wird, erschiene hier eine Aktualisierung durchaus wünschenswert. (Entsprechendes gilt auch für weitere Fallbeispiele.)

Der dritte Teil des ersten Kapitels beschäftigt sich mit der schulischen Erziehungs- und Lernwirklichkeit. Hier werden die subjektiven Erfahrungen von in unterschiedlicher Hinsicht als auffällig geltenden Schülern betrachtet und zu psychologischen Modellen in Beziehung gesetzt. Bundschuh bezieht sich hier auf das Humanistische Paradigma Maslows und den Ansatz Wygotskis, ohne sie kurz einzuführen. Auch die aus der Sozialpsychologie stammenden Begriffe des realen und idealen Selbst werden ohne weitere Erläuterung verwendet. Dies wäre aber in einem Lehrbuch mit didaktischem Anspruch zu erwarten, um den Lesern (und Lernenden) das Verständnis zu erleichtern und eine Einordnung zu ermöglichen. Der stringent vorliegende Bezug zur Schulwirklichkeit gleicht dieses Defizit nicht aus.

Abschließend greift Bundschuh den Gedanken der Integration auf, auf den Begriff und das Konzept der Inklusion geht er nicht ein. Auch hier fällt auf, dass er sich auf ältere Literatur bezieht. So beruht seine Angabe zur Anzahl von integrativen Klassen auf einer Quelle von 1988 (es waren damals in Hamburg 30 Klassen) und ergänzt, „inzwischen dürften es über 100 sein“ (S. 56). Dieser vagen Aussage folgt die Information, dass „es sich bei integrierten Schulen meist noch um Versuche handelt“ (S. 57), was so nicht mehr zutrifft.

Handlungs- und Gegenstandsbereiche der Heilpädagogischen Psychologie

Bundschuh legt im Folgenden die Definition von Psychologie als „Lehre vom Erleben und Verhalten des Menschen“ (S. 64) zugrunde. Er betrachtet zunächst den Begriff des Verhaltens und geht kritisch auf die Aspekte des Beschreibens, Erklärens, Verstehens und Vorhersagens von Verhalten ein, wie sie in der Psychologie verstanden würden. Hier wird ein deutlich verkürztes Bild eines psychologischen Vorgehens vermittelt, das an verschiedenen Stellen explizit auf das lerntheoretische Paradigma Bezug nimmt und andere Sicht- und Zugangsweisen außen vor lässt.

In Zusammenhang mit der Beschreibung von Verhalten spricht er insbesondere die Problematik der Klassifizierung und Normorientierung an. Das Verstehen von Verhalten in der Heilpädagogik erfordere, die subjektiven Beweggründe für die Handlungen einer Person und die möglichen Zusammenhänge mit ihren lebensweltlichen Bedingungen zu erkennen. Prognosen, die die künftige Entwicklung betreffen, seien gerade in der Heilpädagogik nicht unproblematisch, so Bundschuh, denn: „Das erwartete Verhalten tritt einfach ein,weil man es bereits erwartet hat, die eigene erzieherische Wahrnehmung sich auf die Prognose verengt hat, quasi keinen anderen Spielraum zulässt“ (S. 75). Als Ansätze zur Verhaltensveränderung aus Sicht der Psychologie nennt Bundschuh vor allem verhaltensmodifikatorische Methoden, die aber immer auch die Möglichkeit der Manipulation beinhalteten, ohne die Bedürfnisse des betroffenen Kindes zu berücksichtigen.

Bei der Erläuterung des Begriffs des Erlebens orientiert sich Bundschuh insbesondere an der „Verstehenden Psychologie“ Diltheys und dessen grundlegenden Prinzipien der Zeitlichkeit, Ganzheitlichkeit und Unmittelbarkeit. Auch hier attestiert der Autor der „Sonderschule“, dass sie diesen Prinzipien mit ihrer Didaktik häufig nicht gerecht werde und die Lebenswirklichkeit der Schüler, deren Lebens- und Handlungsräume zu wenig berücksichtige.

Abschließend und zusammenfassend wird heilpädagogische Psychologie definiert als ein „Wissenschaftsbereich, der psychologische Erkenntnisse auf das Arbeitsfeld der Sonder- und Heilpädagogik transferiert, um bessere Aussagen über Ursachen (Ätiologie), Erscheinungsweisen (Phänomene), Diagnose und Möglichkeiten der Förderung (Lernen/Therapien) bei vorliegenden erschwerten Erziehungs- und Lernprozessen zu ermöglichen, als dies auf der Basis einer rein pädagogisch-sonderpädagogischen Fragestellung möglich wäre“ (S. 85).

Entwicklung im Rahmen sonder- und heilpädagogischer Fragestellungen

In diesem Kapitel werden Reifungs-, Milieu-, interaktionistische und konstruktivistische Theorien kurz vorgestellt und ihre Bedeutung und Implikationen für die Sonder- und Heilpädagogik kritisch diskutiert. Als für die Entwicklung von Kindern mit Behinderungen relevante Aspekte nennt Bundschuh:

  1. Prozesshaftigkeit: als dynamisches Geschehen vor dem Hintergrund von Reifungsvorgängen und Aktionen der Person (Interaktion, Kommunikation).
  2. Persönlichkeitsentwicklung: als Forderung nach gezielterer und differenzierterer Förderung und Kommunikation, als sie bei unbeeinträchtigten Kindern erforderlich ist.
  3. Irreversibilität: eine einmal eingetretene Behinderung wird als irreversible Tatsache betrachtet, mit der der Betroffene umgehen und sie in seinen Entwicklungsprozess integrieren muss, wobei auch Wechselwirkungen auf die Entwicklung in verschiedenen Bereichen zu berücksichtigen sind.
  4. Zeitliches Kontinuum: Entwicklung findet bei Kindern mit Beeinträchtigungen u. U. zeitlich verschoben und/oder verlangsamt statt und „z. T. auch hinsichtlich einzelner Prozessbereiche (z. B. Motorik, Wahrnehmung, Sprache) qualitativ verändert, weniger differenziert“ (S. 102).
  5. Relativierung von Entwicklungszielen: die Verbindung von Entwicklungszielen mit bestimmten Altersstufen wird Kindern mit Beeinträchtigungen nicht gerecht; hier sind intraindividuelle (Entwicklungs-)Maßstäbe anzulegen.
  6. Erlebens- und Verhaltensveränderung: Entwicklung bedeutet auch bei Kindern und Jugendlichen mit schwersten Beeinträchtigungen für diese Bereiche Veränderungen.
  7. Entwicklungsnormen: Kenntnisse zum „normalen“ Entwicklungsverlauf sind zwingend erforderlich, da die Entwicklung beeinträchtigter Kindern dem gleichen Ablauf folgt, wobei aber die Orientierung an den Möglichkeiten des einzelnen Kindes und nicht an festen Entwicklungsmodellen zu beachten ist.
  8. Forschungsauftrag: Erforschung von Entwicklungsvorgängen und deren Beeinflussungsmöglichkeiten bei Kindern mit Beeinträchtigungen.

In Zusammenhang mit den entwicklungsrelevanten Aspekten klingt an einigen Stellen eine eher defizitorientierte Sicht an. Auch werden die Integrations- und Inklusionsmodelle nicht angesprochen, wobei hier auch (sozial-) psychologische Fragestellungen und Erkenntnisse von Bedeutung sind.

Im folgenden Abschnitt stellt Bundschuh „Grundlegende Entwicklungsprozesse und mögliche Störfaktoren“ vor. Beginnend mit der Bedeutung der Reflexe für Neugeborene, deren fortschreitender Differenzierung, Integrierung und Zentralisierung, beschreibt er mögliche Störungen dieser Entwicklungsprozesse. Hier bezieht sich der Autor unter anderem auf das Modell der sensorischen Integration (Ayres 1979), verweist aber immer wieder auch auf Einflüsse der (Lern-) Umwelt. Bei der Beschreibung der weiteren Entwicklung von Schülern der Förderschule und für Praktisch Bildbare bezieht sich der Autor auf zwei Untersuchungen aus den 1970er und 1980er Jahren, wobei auch hier eine Aktualisierung wünschenswert wäre.

Die folgenden 30 Seiten widmet Bundschuh der Beschreibung der „genetischen Erkenntnistheorie“ Piagets. Er stellt die grundlegenden Begriffe und das Phasenmodell vor und erläutert deren Bedeutung für die heilpädagogische Förderung. Darauf folgt der Punkt „Konstruktivismus und Ko-Konstruktion“. Bundschuh beschreibt kurz den Ansatz des Radikalen Konstruktivismus und stellt Zusammenhänge mit dem Konzept der „Zone der nächsten Entwicklung“ von Wygotski und zur Bindungstheorie her. Kenntnisse zur Bindungstheorie setzt er dabei offenbar voraus. Auch hier stellt er Bezüge zu Beratung und Förderung her.

Abschließend wird die emotionale Entwicklung kurz dargestellt und die zugehörigen Entwicklungsphasen kurz beschrieben. Besonderes Gewicht legt Bundschuh hier, wie auch in weiteren Kapiteln des Buches, auf frühe Erfahrungen (prä-, peri- und postnatal), und fährt fort, über deren Bedeutung für den weiteren Verlauf sei noch zu wenig bekannt. Einen Schwerpunkt für weitere Forschung sieht er dementsprechend in der Bedeutung der sozialen und emotionalen Begegnungen und der Kind-Umfeld-Bedingungen.

Lernen im sonder- und heilpädagogischen Arbeitsfeld: Neurobiologische und neuropsychologische Erkenntnisse

Nach einer differenzierten Darstellung der Funktionsweise des menschlichen Gedächtnisses geht Bundschuh auf die besondere Bedeutung der Emotion und Motivation für das Lernen unter Berücksichtigung neuronaler und hormoneller Prozesse ein. Dies geschieht in einer Weise, die auch einem Leser ohne Vorkenntnisse erlaubt, die Zusammenhänge auch mit dem Unterrichtsgeschehen zu verstehen. Im Weiteren wird die Bedeutung neuerer Erkenntnisse zur Vermittlung und zum Einsatz metakognitiver Strategien insbesondere bei Schülern mit Lernschwierigkeiten angesprochen. Dabei verweist Bundschuh konsequent immer auch auf die emotionale und motivationale Bedingungen des Lernens. Abschließend erläutert er mögliche Ursachen von Lern- und Wahrnehmungsstörungen.

Heilpädagogische Diagnostik als Förderdiagnostik

In diesem Kapitel schildert Bundschuh die Aufgaben sonder- und heilpädagogischer Diagnostik und die Erwartungen, die vor dem Hintergrund eines hierarchisch strukturierten Schulsystems an sie gestellt werden. Im Weiteren stellt er kurz verschiedene diagnostische Modelle vor (medizinisches, traditionelles psychologisches, verhaltensdiagnostisches, interaktionistisches, didaktisch orientiertes Modell).

Förderdiagnostik wird hier als ein „mehrperspektivischer Ansatz“ verstanden, der die pädagogische, die anthropologische, die soziale, die didaktische und die therapeutische Dimension beinhaltet. Die pädagogische Dimension steht für den „von der Pädagogik unmittelbar beeinflussten und beeinflussbaren Bereich“. Die anthropologische Dimension beschreibt die „prinzipielle Erziehungsbedürftigkeit“ und „Bildsamkeit des Menschen zur Selbstentscheidung“ (S. 219ff.). Die soziale Dimension berücksichtigt die Sozialisationsbedingungen, Erziehungsverhältnisse und behindernde Bedingungen im Umfeld. Die didaktische Dimension erfasst die Lernausgangslage und daraus resultierend mögliche weitere Lernprozesse, sowie mögliche psychische Hemmnisse für das Lernen. Die Einbeziehung einer therapeutischen Dimension schließlich betrachtet Bundschuh nicht als zwingend, sie kann aber mit unterschiedlichen Methoden „das Finden und ‚Aufgreifen des Möglichen‘“ erleichtern. Seinen skizzierten Ansatz zur Förderdiagnostik bezeichnet Bundschuh als „‘eklektische Vorgehensweise‘ mit pragmatischer Intention“ (S. 223).

Im Folgenden werden die theoretischen Hintergründe und das konkrete Vorgehen bei der Prozessdiagnostik und der Lern- und Fehleranalyse beschrieben.

Als erforderliche Kompetenzen auf Seiten des Diagnostikers nennt Bundschuh neben fachlichen, diagnostischen, beraterischen und didaktischen Kompetenzen auch therapeutische. Unter den letztgenannten Kompetenzen versteht er Möglichkeiten „zur Beseitigung psychisch bedingter Lernhemmnisse, für die konstitutiv-aufbauende, innovatorische, emanzipatorisch-ganzheitliche Förderung“ (S. 233). Die explizit therapeutische Bedeutung arbeitet er an dieser Stelle nicht heraus, ein entsprechendes Vorgehen dürfte auch von (Sonder- und Heil-) Pädagogen ohne therapeutischen Anspruch erwartet werden.

Therapien im sonder- und heilpädagogischen Arbeitsfeld

Bundschuh diskutiert hier zunächst in Form von These und Gegenthese kritisch die Vor- und Nachteile von Kenntnissen über psychotherapeutische Methoden bei (Sonder- und Heil-) Pädagogen. Die Art der Darstellung ermöglicht dem Leser eine Auseinandersetzung mit der jeweiligen Argumentation. Bevor einige therapeutische Ansätze vorgestellt werden, beschreibt Bundschuh sein Verständnis von psychischen Störungen oder Auffälligkeiten in Abgrenzung von der medizinisch-psychiatrischen Sichtweise: „Auffälligkeiten, psychische Störungen und Belastungen sind - wie jedes Verhalten eines Menschen - das Resultat eines komplexen Geschehens zwischen mehreren Personen. Störungen können wiederum von zahlreichen psychischen, sozialen und auch materiellen Gegebenheiten abhängen“ (S. 257). Dabei gilt es immer auch zu beachten, wer ein Verhalten als „auffällig“ definiert, d. h. es ist die Frage nach der zugrunde gelegten Norm zu stellen.

Als therapeutische Ansätze werden mit ihrem theoretischen Hintergrund, dem zugrunde liegenden Menschenbild und möglichen Interventionen folgende Methoden vorgestellt: Tiefenpsychologie, Individualpsychologie, Spiel-, Zeichen- und Gruppentherapien, lerntheoretische Ansätze und Verhaltenstherapie, Gesprächstherapie, Kindertherapie und Gestalttherapie. Dabei gibt der Autor auch Hinweise zum möglichen Anwendungsfeld im Rahmen der Sonder- und Heilpädagogik und gegebenenfalls den Grenzen einer Methode.

Abschließend geht Bundschuh hier auf die „Möglichkeiten und Grenzen von Therapien im Rahmen sonder- und heilpädagogischerAufgabenfelder“ ein. Als Ziele der Therapie in diesem Rahmen nennt er „Förderung von Identität, Selbstfindung und Emanzipation“ (S. 297). Eher unvermittelt erwähnt er dann die „Lerntherapie“ von Metzger, geht aber nicht erneut auf die bis hierhin vorgestellten therapeutischen Ansätze ein, um zu guter letzt die Forderung aufzustellen: „Jeder im sonder- und heilpädagogischen Arbeitsfeld Tätige sollte sich im Rahmen seiner Ausbildung theoretisch und praktisch mit mindestens einer Therapieform beschäftigen und sie nach Möglichkeit auch zumindest ansatzweise flexibel anwenden“ (S. 299). Dies ist eine Forderung, die sicher nicht von allen Lehrern und Therapeuten ohne weiteres geteilt wird.

Sozialpsychologische und soziologische Grundfragen im Rahmen der Heilpädagogischen Psychologie

Zunächst bennent Bundschuh die grundlegende Bedeutung sozialpsychologischer und soziologischer Aspekte für die sonder- und heilpädagogische Psychologie, um im Folgenden einige zentrale und für die Heilpädagogik besonders relevante Begriffe genauer zu erläutern, wie den der Einstellung, des Vorurteils und des Stigmas. Er stellt dabei immer wieder konkrete Bezüge zu in unterschiedlicher Weise von sogenannten Behinderungen betroffenen Personen her. Gerade auch die „Funktion“ von Vorurteilen und Stigmatisierungsprozessen wird deutlich herausgearbeitet.

Kritisch ist hier anzumerken, dass Bundschuh in diesem Kapitel fast ausschließlich Bezug nimmt auf Literatur aus den 1970er und 1980er Jahren. Eine Ausnahme bildet der Verweis auf das „bio-psycho-soziale Modell der Funktionsfähigkeit und Behinderung“ der WHO in der ICIDH-2.

Diskussion

Im Folgenden wird besonders die Eignung als Lehrbuch betrachtet, da das Buch ausdrücklich als solches gedacht ist.

Bundschuh legt die überarbeitete, erweiterte und neu gestaltete Auflage seines Lehrbuchs der Heilpädagogischen Psychologie vor. Die Neugestaltung wird dem Anspruch an ein Lehrbuch durchaus gerecht, denn als Orientierungshilfe werden in den Randspalten Schlagwörter und Piktogramme verwendet. Zu Beginn eines jeden Kapitels werden die Lernziele benannt und den Abschluss bilden Lernfragen zur Wiederholung. Die didaktische Aufbereitung ist auf formaler Ebene durchaus als gelungen und übersichtlich zu bezeichnen.

Schwieriger gestalten sich die Überarbeitungen und Erweiterungen. An einigen Stellen wurden zwar neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aufgenommen, eine wirkliche Intergration, im Sinne eine Gegenüberstellung mit älteren Sichtweisen und Konzepten, erfolgt aber nur selten. So wurden z. B. Verweise auf die sensorische Integration von Ayres und das Konzept der MCD beibehalten und an anderer Stelle auch aktuelle neuropsychologische Erkenntnisse aufgenommen, ohne dass auf die Weiterentwicklungen in der Sichtweise explizit hingewiesen würde, was das Verständnis auf Seiten der Lernenden vertiefen könnte. Auch bezieht Bundschuh aktuelle Literatur durchaus mit ein, mehrheitlich werden aber Quellen aus den 1960er bis 1980er Jahren verwendet. Entsprechend veraltet erscheint teilweise die verwendete Begrifflichkeit, wie „Schule für geistig Behinderte“; hier wäre eine konsequentere Aktualisierung auch in Bezug auf die verwendete Terminologie wünschenswert. Auch das wiederholte Rekurrieren auf die Heimerziehung wird der aktuellen Situation zur Betreuung und Förderung von Kindern und Erwachsenen mit Behinderung nicht mehr wirklich gerecht.

An einigen Stellen werden Kenntnisse vorausgesetzt, z. B. zur Bindungstheorie, die im Rahmen eines Lehrbuchs unter Umständen erst noch zu vermitteln wären. Der Wechsel zwischen dem Bezug auf entwicklungsverzögerte und in der emotionalen Entwicklung auffällige Kinder, was sich gegenseitig nicht ausschließt, aber unterschiedliche Fachrichtungen der Sonder- und Heilpädagogik betrifft, wird nicht immer deutlich hervorgehoben.

Nicht ganz unproblematisch erscheint die ausführliche Beschäftigung mit therapeutischen Methoden. Studierende der Sonder- und Heilpädagogik befinden sich überwiegend in der Ausbildung für das Lehramt und der Autor nimmt auch immer wieder Bezug auf den schulischen Kontext. Schule ist aber in erster Linie, und das gilt auch für Förderschulen, ein Ort der Erziehung und Bildung und nicht der Therapie. Unbestritten ist allerdings auch, dass (therapeutische) Selbsterfahrung für Lehrer hilfreich und fast ein professionelles Muss ist, auch und gerade wenn sie mit sogenannten „schwierigen“ Schülern arbeiten. Dieser Aspekt klingt mit an, wird aber zu wenig von therapeutischem Handeln abgegrenzt, was den Eindruck vermitteln könnte, Lehrer seien auch therapeutisch tätig oder sollten es zumindest sein.

Fazit

Das vorliegende Werk erscheint als ein „Lehrbuch für Fortgeschrittene“, die im Stande sind, eigene Verbindungen herzustellen, so z. B. eine auch historische Einordnung des MCD-Konzepts in neuere Forschungsergebnisse vorzunehmen oder Erziehung, Unterricht und Lernen von therapeutischen Interventionen abzugrenzen.


Rezension von
Dr. Inge Brachet
Gastprofessorin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diagnostik und Psychologie im Förderschwerpunkt Lernen
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Zitiervorschlag
Inge Brachet. Rezension vom 11.04.2009 zu: Konrad Bundschuh: Heilpädagogische Psychologie. Mit 2 Tabellen und 83 Lernfragen. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2008. 4., überarbeitete, erweiterte und neu gestaltete Auflage. ISBN 978-3-8252-1645-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7008.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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