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Gabriele Schmied, Christine Reidl: Männliche Jugendliche. Sexualität und Aufklärung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Michael Hummert, 29.05.2009

Cover Gabriele Schmied, Christine Reidl: Männliche Jugendliche. Sexualität und Aufklärung ISBN 978-3-902426-47-5

Gabriele Schmied, Christine Reidl: Männliche Jugendliche. Sexualität und Aufklärung. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und -sozialforschung (Wien) 2008. 216 Seiten. ISBN 978-3-902426-47-5. 28,00 EUR.
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Thema und Autoren

Die vorliegende Studie umfasst nach einer Einleitung, die bereits wesentliche Ergebnisse zusammenfasst, acht Kapitel mit 190 Textseiten sowie einem Anhang inklusive weiterführender Literatur. Im Fokus steht die Frage, wie gute Arbeit im Bereich sexueller und reproduktiver Gesundheit mit Jungen – vor allem in Österreich – gelingen kann. Dabei versucht die Studie zunächst einmal die aktuelle Situation von österreichischen Jugendlichen zu beschreiben. Dabei wird auch die Situation von Jungen mit Migrationshintergrund analysiert. Die Studie will Menschen aus der Praxis der Jugendarbeit befähigen, Projekte im Bereich sexueller und reproduktiver Gesundheit mit Jungen zu entwickeln anhand von umfangreichen Qualitätskriterien zu überprüfen. Hilfreich für die Lektüre der Studie ist, dass am Ende eines jeden Kapitels eine längere Zusammenfassung steht. Die Autorinnen, die beide am Europäischen Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien arbeiten, haben umfangreiche Interviews mit Jungen, Experten und einer vergleichenden Gruppe mit Mädchen durchgeführt. Durch die Analyse der Interviews mit ExpertInnen und Jugendlichen, dem zu Rate ziehen wissenschaftlicher Grundlagen und dem internationalen Blick auf best-practice Projekte werden viele verschiedene Aspekte beleuchtet.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung werden Ausgangslage, Ziel der Studie, Gliederung und Hauptergebnisse präsentiert. Den Schwerpunkt bildet dabei die Darstellung der Hauptergebnisse. Unter anderem wird aufgezeigt, dass das Angebot für Jungen sehr viel spärlicher und schlechter (bekannt) ist als das Angebot für Mädchen. In Österreich sind viele verschiedene Träger auch mit diesem Thema beschäftigt, es fehlt jedoch an Qualitätskriterien für die Arbeit, finanzieller Sicherheit für die Träger, Qualifizierungsmöglichkeiten der Mitarbeiter und Vernetzung zwischen den Trägern. Gleichzeitig stellen die Autorinnen gerade bei Hauptschülern oder Jungen mit Migrationshintergrund erhebliche Mängel in den Bereichen Kenntnisstand, Informationsbeschaffungsmöglichkeiten und Kommunikationsfähigkeiten fest. Diese zentralen Ergebnisse werden bereits in der Einleitung deutlich und im weiteren anhand verschiedener Beispiele belegt. Nachdem die Diskrepanz zwischen geringem Angebot und großem Bedarf festgestellt wurde, äußern die Autorinnen Empfehlungen, um diese Lücke zu füllen.

Im ersten inhaltlichen Hauptteil des Buches, dem Kapitel Sexuelle und reproduktive Gesundheit männlicher Jugendlicher: Literaturbericht wird in angemessener Länge der aktuelle Literaturstand wieder gegeben. Mit „Sexueller und reproduktiver Gesundheit“ sind alle körperlichen, seelischen und sozialen Aspekte von Sexualität und Fortpflanzung gemeint. Wesentliche Aspekte zur Lebenswelt von Jungen werden besprochen und in der Prävention von Teenangerschwangerschaften, der Prävention von sexuelle übertragbaren Krankheiten und der Prävention von sexueller Aggression und Gewalt gute Gründe genannt, warum mit Jungen zu diesem Thema gearbeitet werden sollte. Dabei wird von Jungen ein differenziertes Bild gezeigt. Außerdem werden umfangreiche, aus der Praxis bewährte Qualitätskriterien für die Durchführung von verschiedensten Projekten vorgestellt. Wie verschieden diese Möglichkeiten sein können, wird durch die Auflistung von Projekten verschiedener Träger, mit verschiedenen Medien und aus verschiedenen Ländern untermalt.

Um den gerade wenig auf Österreich spezifizierten Literaturbericht auf die Situation in Österreich zu fokussieren, führten die Autorinnen umfangreiche Gespräche mit acht Experten von verschiedenen österreichischen Institutionen . Dieses dritte Kapitel Interviews mit ExperInnen ist der textmäßig umfangreichste Teil der Studie. Genau wie im Kapitel vorher wird hier von den Experten eine Analyse der Informationsquellen, des Informationsstandes und des Informationsbedarfs vorgenommen, der sich eine Auseinandersetzung mit der Praxis anschließt. Dabei wird deutlich, dass die Qualität der Jungenarbeit in Österreich maßgeblich durch die äußeren Rahmenbedingungen erschwert wird. Den Einrichtungen fehlt eine gesicherte Basisfinanzierung und die ständige Entwicklung neuer, innovativer Projekte verhindert eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Arbeit. Auf der Basis der Gespräche mit den ExpertInnen wird die Situation der Jungenarbeit zum Thema sexuelle und reproduktive Gesundheit deutlich gemacht. Dieses Bild ist konkret genug, um handlungsleitend für die Entwicklung von Projekten zu sein. Außerdem wird mit den Experten zusammen eine Perspektive entwickelt und zentrale Aufgaben für eine langfristige Qualitätssicherung vorgestellt.

Im vierten Kapitel Interviews mit den Burschen gehen die Autorinnen einen ähnlichen Weg: 49 Jungen (von denen etwa die Hälfte einen Mitgrationshintergrund haben) aus verschiedenen Regionen Österreichs wurden in halbstündigen Interviews zu relevanten Aspekten für die Gestaltung ihres Lebens befragt, wobei der Schwerpunkt auf Fragen zur Sexualität lag. Die (sexuelle) Lebenswelt der Jungen und ihre eigenen männliche Rolle werden differenziert dargestellt. Immer wieder wird zwischen einheimischen Jungen und Jungen mit Migrationshintergrund unterschieden. Auf der Basis der Gespräche werden Informationsquellen, Informationsstand und Informationsbedarf vorgestellt.

Im fünften Kapitel der Fokusgruppe mit Mädchen werden die Ergebnisse von drei Gruppengesprächen mit Mädchengruppen (15 bis 18 Jahre) dargestellt. Die Ergebnisse werden mit denen der Jungen verglichen und können dadurch das Bild von den Jungen noch weiter präzisieren.

Der ExpertInnen-Workshop als sechstes Kapitel präsentiert die Ergebnisse eines eintägigen Workshops mit acht z.T. anderen Experten als im dritten Kapitel. Hier geht es in knapper Form um die Entwicklung von Kriterien für die erfolgreiche Jungenarbeit und darum Anregungen für mögliche Modellprojekte vorzubereiten.

In einem eigenen siebten Kapitel wird ein Kriterienkatalog für außerschulische Burschenarbeit im Bereich SRG pointiert und übersichtlich geordnet dargestellt.

Im achten und neunten Kapitel werden Empfehlungen für ein Modellprojekt gegeben und Beispiele für gute Praxis präsentiert. Die Beispiele sind sehr vielfältig, reichen von Internetseiten über SMS-Service bis hin zu Großveranstaltungen, sind knapp beschrieben und in den meisten Fällen mit Kontaktdaten der entsprechenden Institutionen versehen.

Fazit

Eingangs des Fazits soll noch einmal darauf hingewiesen sein, dass die Studie sich im Wesentlichen mit der Situation von Jungen in Österreich beschäftigt. Der Rezensent kennt als in Deutschland tätiger Sexualpädagoge die Situation in Österreich nicht aus erster Hand. Gemessen am Anspruch der Studie selbst, die Situation männlicher Jugendlicher in Fragen rund um das Thema Sexualität besser verständlich zu machen, kann gesagt werden, dass die Studie diesem Anspruch genügt. Darüber hinaus zeichnet sie ein umfangreiches Bild von der sexualpädagogischen Situation in Österreich und gibt Menschen, die mit Jungen arbeiten, hinreichende Argumente, um sexualitätsbezogene Themen aufzugreifen und innerinstitutionell durchzusetzen. Die Studie hilft Sexualpädagogen nicht nur in Österreich bei der Beurteilung und Verbesserung der eigenen Praxis. Hierfür bieten gerade die erarbeiteten Qualitätskriterien eine umfangreiche Hilfe. Darüber hinaus kann die Lektüre Ideen für neue Projekte in der Arbeit mit Jungen und wahrscheinlich auch Mädchen liefern. Dabei ist die Studie allerdings kein Methodenbuch, sondern beschreibt in sehr knapper Form viele verschiedene Modelle – deren Qualität in der Kürze der Schilderung jedoch nur schwer einzuschätzen ist.

Rezension von
Dipl.-Päd. Michael Hummert
Sozialdienst katholischer Frauen e.V. Münster. Sexualpädagogik und Väterberatung
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Es gibt 2 Rezensionen von Michael Hummert.

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Zitiervorschlag
Michael Hummert. Rezension vom 29.05.2009 zu: Gabriele Schmied, Christine Reidl: Männliche Jugendliche. Sexualität und Aufklärung. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und -sozialforschung (Wien) 2008. ISBN 978-3-902426-47-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7011.php, Datum des Zugriffs 24.05.2022.


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