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Kurt Witterstätter: Soziale Hilfen im Alter

Rezensiert von Angela M. Laußer, 01.12.2009

Cover Kurt Witterstätter: Soziale Hilfen im Alter ISBN 978-3-7841-1855-0

Kurt Witterstätter: Soziale Hilfen im Alter. Eine Sozialgerontologie für die Pflegearbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 14., überarbeitete und erweiterte Auflage. 307 Seiten. ISBN 978-3-7841-1855-0. 24,80 EUR.

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Autor und Entstehungshintergrund

Kurt Witterstätter, Diplomsozialwirt und Lehramtassesor, lehrte bis zu seiner Emeritierung 2004 als Professor Soziologie, Sozialpolitik und Geronotologie an der Fachhochschule Ludwigshafen. Derzeit arbeitet der Verfasser als Schriftleiter beim Ev. Seniorenwerk ESW Stuttgart und im Sektor Altenhilfe der Georg-Kraus-Stiftung Hagen.

Die erste Auflage des vorliegenden Buches ist unter dem Titel „Soziologie für die Altenarbeit“ 1981 erschienen. Die Hinwendung zu einer ganzheitlichen Sicht des alten Menschen wie auch zu themen- und handlungsbezogenen Curricula in der Gesundheits-, Kranken- und Altenpflege bestimmten das zentrale Motiv für den neuen Titel wie auch die inhaltlichen Erweiterungen, die vorrangig innovativen Lebensformen im Alter wie auch den Neuerungen des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes von 2008 Rechnung tragen.

Zielgruppe

Der Autor formuliert den hohen Anspruch, sich mit dem vorliegenden Buch an alle die Laien, Semiprofessionellen und Professionellen zu wenden, die im Bereich der Altenhilfe und Altenpflege tätig sind, zumal sie zukünftig verstärkt zusammenarbeiten müssen.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in zwei große Teile mit insgesamt 15 Einzelkapitel aufgeteilt.

Im ersten Teil werden allgemeine gerontologische Erkenntnisse für die Altenarbeit zusammengetragen. Wie bereits in der 13. Auflage wird im ersten Kapitel ein Fallbeispiel geschildert auf das vor allem im ersten Teil aus unterschiedlichen Perspektiven und anhand spezieller Fragestellungen immer wieder zurückgegriffen wird. Des Weiteren werden im ersten Kapitel die Herkunft der Gerontologie wie auch ihr Wissensarsenal aus den Disziplinen der Biologie, der Medizin, der Psychologie und Pädogogik bezogen auf die Lehre vom alten Menschen dargestellt. Ebenso werden die unterschiedlichen Altersbegriffe skizziert. Und im Schnelldurchgang werden die derzeitigen und kommenden Szenarien des demografischen Wandels, allerdings nur im Blick auf die als „Alterslast“ bewertete Entwicklung der Rentenzugänge und der statistisch prognostizierten Zunahme an Hilfe- und Pflegebedürftigen abgehandelt.

Kapitel zwei beschäftigt sich mit den neuen Anforderungen im Alter. Angefangen von einem kurzen Abriß zum lebenslangen Sozialisationsprozess wird dann die Bedeutung von Normen und Werten sowie Rollen und Rollenkonflikte im Alter wie auch in der Altenpflege mehr angerissen als fundiert bearbeitet. Auch der letzte Abschnitt zu Verlusten, Pflegebedürftigkeit und Zugewinne im Alter ist ein ziemlich willkürlich beschriebenes Gemengelage von Versatzstücken unterschiedlichster, nicht weiter erläuterter theoretischer Aussagen und Annahmen, die sich dem Leser teilweise als seltsame, kaum verständliche Behauptungen darstellen, wie z.B. folgende: „Die Lösung der alltagsbezogenen Aufgaben benötigt jedoch die bei alten Menschen ungebrochen vorhandene kristalline Intelligenz (wird nicht weiter erklärt A.L.) und eine weniger von Neurotizismus geprägte, extravertierte, Neuerungen aufgeschlossene Persönlichkeit (was immer das ist…)“ S. 62.

Kapitel drei thematisiert den Strukturwandel des Alters. Auch hier streift und benennt der Autor lediglich die von Tews (Lebenslagen im Strukturwandel des Alters 1993) beschriebenen markantesten Strukturveränderungen der Verjüngung, Entberuflichung, Feminisierung, Singularisierung und Hochaltrigkeit der modernen Gesellschaften, in denen ein einheitliches Bild von „den Alten“, ausser in Vorurteilen, nicht mehr zur Differenzierung in Schichten, Gruppen und Milieus mit entsprechend unterschiedlichen Bewältigungsstrategien in Bezug auf das Alter, passt.

Im vierten Kapitel werden die Themen Sucht, Kriminalität und Depression als Formen von abweichendem Verhalten im Alter beschrieben.Ausgehend von soziologischen Erkenntnissen zu Funktionsverlusten, psychologischen Erkenntnissen zu unzulänglichen Bewältigungsstrategien und medizinischen Wissen zu physiologischen Abbauprozessen im Alter können aus der Sicht des Autors die genannten Formen abweichenden Verhaltens erklärt und darauf aufbauend entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen werden.

Der zweite Teil des Buches umfasst unter der Überschrift Besondere Beiträge der Alterswissenschaften für die Altenarbeit die Kapitel 5 bis 15.

Kapitel fünf wendet sich zwar der Vorbereitung auf das Alter zu, doch ausser nicht besonders nützlicher Textvorschläge zu Vorsorgevollmacht, Betreuungsverfügung und Patiententestament wird lediglich aufgelistet, welche Aspekte und Fragen bei der Gestaltung von Altersvorbereitungskursen zu berücksichtigen sind.

Im sechsten Kapitel wird das komplexe Thema der sozialen Sicherung, der Altersarmut und des Pflegenotstandes etwas ausführlicher erörtert, auch unter Berücksichtigung neuester Gesetzesänderungen. Trotzdem bleiben die Erörterungen insbesondere hinsichtlich der Einschätzungen zur zukünftigen Entwicklung sehr an der Oberfläche.

Das siebte Kapitel trägt den Titel Familie und Alter und benennt nur die Probleme von pflegenden Partner und Angehörigen, ohne sich nur einmal die Frage zu stellen, auf welche Ressourcen die Pflegenden zurückgreifen. Ziemlich unvermittelt und ohne jeglichen Bezug zu den vorausgehenden Abschnitten werden im letzten Abschnitt die Themen Partnerschaft und Sexualität, Eheschließungen im Alter, alternative Lebensformen aufgegriffen.

Im achten Kapitel werden unter der Überschrift Bildungsanstösse und Tagesgestaltung die unterschiedlichsten Erkenntnisse und praktische Ansätze zur Bildungsarbeit mit den unterschiedlichsten Gruppen von alten Menschen vorgestellt.

Kapitel neun beschäftigt sich vor allem mit alten Menschen im sozialen Engagement, die eigeninitiativ diverse kommunikativ, sozial und politisch ausgerichteten Gruppen und Aktivitäten entwickeln.

Das zehnte Kapitel alte Menschen in ihrer eigenen Wohnumfeld gibt einen guten und relativ umfassenden Überblick zu der Vielzahl von Beratungsstellen, von Hilfen und ambulanten Diensten, die das Wohnen in der eigenen Häuslichkeit ermöglichen, wenn Hilfe- und Pflegebedürftigkeit gegeben ist. Fragen der Finanzierung wie auch die Grenzen der häuslichen Pflege und Betreuung werden bearbeitet. Teilstationäre Hilfen werden seltsamerweise hier überhaupt nicht erwähnt.

Noch ausführlicher ist das elfte Kapitel zur stationären Altenhilfe. Diskutiert wird das gesamte Spektrum an Problemlagen und Gestaltungsmöglichkeiten: angefangen von den möglichen Gründen für eine Übersiedlung in ein Pflegeheim und den Eingewöhnungsschwierigkeiten, über Fragen zu Leitbildern, zur Aufbau- und Ablauforganisation von Heimen, zu Konfliktsituationen bis zu den negativen Auswirkungen der Institutionalisierung und deren Reduzierung durch den mehrdimensionalen Ansatz der Interventionsgerontologie (u.a. Normalisierungsprinzip, Mileutherapie, personzentrierte Therapien).

Das anschließende zwölfte Kapitel befasst sich mit dem Thema Sterben und Tod. Von der Aufbaulogik auf den ersten Blick zwar etwas irritierend, doch aufgrund der Begründung, dass das Sterben heute zu fast 90% in Krankenhäusern, Heimen oder Einrichtungen stattfindet, thematisch nachvollziehbar. Diskutiert werden hier Fragen der Sterbehilfe, der Sterbe- und Trauerphasen wie Anliegung und Merkmale der Hospizbewegung.

Das dreizehnte Kapitel umfasst unter dem etwas merkwürdigen Titel Netzwerke zwischen Hütte und Heim, die in den letzten 20 Jahren entstandenen Versuche, entweder das bestehende Versorgungssystem zu optimieren oder innovative bzw. alternative Wohn- und Betreuungsformen aufzubauen, um so den veränderten, individualisierten Bedarfen alter Menschen besser gerecht zu werden. Diskutiert wird hier die Forderung nach Auflösung von Heimen, Optimierungsansätze der geriatrischen Rehabilition, wie auch auf Selbsthilfe basierende gemeinschaftliche Wohnprojekte, wie z.b. Wohngemeinschaften für demenzkranke Menschen, Mehrgenerationsprojekte oder multifunktionale Servicehäuser. So interessant die Thematik ist, die Darstellung und Diskussion ist allerdings etwas verwirrend, zumal jedes Thema nur angerissen wird.

Das vierzehnte Kapitel beschäftigt sich mit den veränderten Anforderungen der Sozialarbeit und dem Fallmanagement in der Altenhilfe. Dargestellt werden sozialarbeiterische Tätigkeiten in der offenen bzw. ambulanten Altenhilfe sowie in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Neu aufgenommen sind hier die gesetzlich verankerten Aufgaben der Pflegeberatung und der geplante Aufbau von Pflegestützpunkten nach dem 2008 reformierten Pflegeweiterentwicklungsgesetz.

Das fünfzehnte und letzte Kapitel zur Altenhilfeplanung und Qualitätsmanagement diskutiert die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit kommunaler Altenhilfeplanung. Im letzten Abschnitt wird dann noch auf Fragen zur Qualitätssicherung in der Altenpflege eingegangen und skizzenhaft ein Qualitätsmanagementmodell für stationäre Einrichtungen dargestellt, was an dieser Stelle für den Leser etwas irritierend ist.

Fazit

Das vorliegende Buch ist, wie oben schon erwähnt, für alle, die im Bereich Altenhilfe und Pflege tätig sind, gedacht. Diesen Anspruch wird es nur im Ansatz gerecht. Als Überblick zu all den Themen, die in der Sozialgerontologie und in der Praxis der Altenhilfe relevant sind, ist es durchaus geeignet. Wer jedoch genauere und fundiertere sozialwissenschaftliche Theorieansätze wie auch Erkenntnisse aus empirischen Untersuchungen zu bestimmten Themen sucht, der erhält durch die Lektüre allenfalls anregende Fragen und Verweise. Auch für die Laien, Semiprofessionellen und Professionellen die in der Praxis tätig sind, enthält das Buch für die alltägliche Arbeit wenig konkrete Infomationen und Anregungen. Und leider sind auch viele der Kapitel in ihrer Kürze eher irritierend und stellenweise gänzlich unverständlich, zumindest für Auszubildende oder Laien, die sich erstmals mit gerontologischen Theorien, Annahmen und Fragestellungen beschäftigen.

Rezension von
Angela M. Laußer
Dipl. Soziologin, Beraterin, Trainerin und Coach
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Es gibt 15 Rezensionen von Angela M. Laußer.

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Zitiervorschlag
Angela M. Laußer. Rezension vom 01.12.2009 zu: Kurt Witterstätter: Soziale Hilfen im Alter. Eine Sozialgerontologie für die Pflegearbeit. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 14., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-1855-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7023.php, Datum des Zugriffs 02.12.2023.


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