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Johanna Fleischhauer: Von Krieg betroffene Kinder

Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 06.01.2009

Cover Johanna Fleischhauer: Von Krieg betroffene Kinder ISBN 978-3-940755-11-7

Johanna Fleischhauer: Von Krieg betroffene Kinder. Eine vernachlässigte Dimension von Friedenskonsolidierung. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 400 Seiten. ISBN 978-3-940755-11-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.
Reihe: Psychologie & Politikwissenschaft
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Thema

Wenn es um Kinder und Krieg geht, stehen meist die sog. Kindersoldaten im Mittelpunkt des Interesses. Dabei wird leicht übersehen, dass eine wesentlich größere Zahl von Kindern als Teil der Zivilbevölkerung unter Kriegen leiden muss. Als humanitäre Organisationen in der Zeit des Ersten Weltkrieges begannen, für Kinder spezifische Rechte zu fordern und zu formulieren, hatten sie nicht zuletzt die Kriegsfolgen für Kinder im Sinn. Es scheint, dass mit der Verlagerung der Kriege in außereuropäische Regionen der Welt die Sorge um Kinder, die von Kriegen betroffen sind, nachgelassen hat. Während die Rekrutierung von Kindersoldaten Anlass eines wichtigen Zusatzprotokolls zur UN-Kinderrechtskonvention war und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) diese zu einer der schlimmsten Formen von "Kinderarbeit" erklärte, finden in den diversen Konzepten und Aktionen zur Friedenskonsolidierung, dem sog. "post-conflict peacebuildung", Kinder nur am Rande Beachtung. Allein schon deshalb ist das hier zu besprechende Buch von besonderem Interesse.  

Inhalt

Die Autorin nähert sich dem Thema von zwei Seiten. Zum einen bezieht sie sich auf die seit der "Agenda für den Frieden" des früheren UN-Generalsekretärs Boutros-Ghali geführte politikwissenschaftliche Diskussion über Grundlagen der Friedenskonsolidierung. Zum anderen eruiert sie Möglichkeiten psychosozialer Unterstützung für von Krieg betroffene Kinder an Hand sozialwissenschaftlich geprägter traumapsychologischer Ansätze. Beide Stränge sind in dem Konzept der "human security" enthalten, dessen zentrales Anliegen darin besteht, den Menschen – und nicht wie herkömmlich den Staat – in den Mittelpunkt des sicherheitspolitischen Diskurses zu rücken. Im Rahmen dieses Konzepts, in dem sich die Dimensionen Sicherheit (im Sinne des Schutzes vor Furcht), Entwicklung (im Sinne des Schutzes vor Not) und Menschenrechte verbinden, geht die Autorin den persönlichen Erfahrungen vom Krieg betroffener Kinder in Wechselwirkung mit dem sozialen und politischen Umfeld nach. Besondere Aufmerksamkeit widmet die Autorin der Problematik der kriegsbedingten Trennung der Kinder von ihren Müttern.

Im Mittelpunkt steht der Kampf um die nationale Unabhängigkeit und gesellschaftliche Neugestaltung Eritreas und die damit verbundenen gewaltsamen Konflikte mit der regionalen Großmacht Äthiopien in den Jahren 1961 bis 2000 sowie die ersten Nachkriegsjahre. In einer empirisch sehr komplex und an­spruchsvoll angelegten Untersuchung rekonstruiert die Autorin anhand sensibel geführter qualitativer Interviews mit 30 jungen Männern und Frauen im Alter von 15 bis 37 Jahren deren Erfahrungen als Kinder und Jugendliche in verschiedenen Stadien dieser kriegerischen Auseinandersetzung. Bei der Interpretation der Erfahrungen stützt sie sich auf den theoretischen Ansatz der "sequentiellen Traumatisierung", der in Studien mit ehemaligen jüdischen Flücht­lingskindern nach der Naziherrschaft von Hans Keilson entwickelt und in Studien zu den psychischen Folgen der chilenischen Militärdiktatur von David Becker weitergeführt wurde. Nach diesem Ansatz werden Traumatisierungen bzw. psychosoziale Verletzungen als lang dauernder Prozess aufeinander folgender Extrembelastungen verstanden. Ebenso wichtig an dem Ansatz ist, dass er im Unterschied zu dem nach dem Vietnamkrieg in den USA entwickelten und bis heute einflussreichen PTSD(post-traumatic stress disorder)-Ansatz in der Traumatisierung nicht nur krankhafte Symptome wahrnimmt, sondern die psychischen Prozesse als spezifische Formen der Angstbewältigung im sozialen und politischen Kontext deutet.

In ihrer Untersuchung, die neben den ausführlich dargestellten Prozessen in Eritrea auch Erfahrungen in Mozambique (Bürgerkrieg nach Erlangung der Unabhängigkeit), Südafrika (Kampf gegen die Apartheid) und Ruanda (Genozid) aufgreift, kommt die Autorin zu dem Ergebnis, dass die Traumatisierungsrisiken besonders groß sind, wenn während des erlebten kriegerischen Konflikts kindliche Grundbedürfnisse wie Schutz, emotionale Zuwendung und Verlässlichkeit nicht annähernd gewährleistet werden können. Der Zusammenbruch erfolge nicht notwendigerweise bereits während des Konflikts, sondern als "sleeping effect" oft erst Jahre danach. Auch in den Nachkriegssituationen sei ein eigenes, im "post-conflict peacebilding" meist unterschätztes psychisches Belastungspotential enthalten, wozu die Autorin neue Trennungs- und Verlusterfahrungen, "social silencing", kulturelle Konflikte, extreme Armut, Ausgrenzung und Beziehungskonflikte zählt.

Aus der Untersuchung entwickelt die Autorin einige Grundsätze psychosozialer Intervention für Kinder. Neben dem "parenting enrichment" zur Stärkung sozialer Bindungen plädiert sie dafür, psychosoziale Hilfen mit anderen Überlebenshilfen zu kombinieren, da Individuen, Familien und Gemeinden nach Kriegen nicht nur unter Traumatisierungen, sondern auch unter der Zerstörung ihrer Lebens- und Erwerbsgrundlagen sowie unter Verwundungen und Krankheiten leiden. Die Hilfe soll ganzheitlich auf das Lebensumfeld bezogen und partizipativ konzipiert werden, um die in Gewaltsituationen erlebte Hilflosigkeit nicht noch zu verstärken, um Kompetenzen zu aktivieren und tragfähige Beziehungen aufzubauen. "Kinder sollten in diese Prozesse integriert sein" (S. 344).

Die Autorin wendet sich ausdrücklich dagegen, Friedenskonsolidierung nur als von außen oder oben gesteuertes "social engineering" oder "political engineering" zu betreiben. Stattdessen müssten die Prozesse von der Bevölkerung vor Ort (mit-)getragen werden, wobei darauf zu achten und notfalls darauf zu dringen sei, dass sie ihre Bedürfnisse bei Entscheidungsträgern zur Geltung bringen kann. Sie begründet dies mit dem Ergebnis ihrer Untersuchung: "Auch unter schwierigen Bedingungen, sogar in extremen Situationen überleben konstruktive psychosoziale Kräfte, die Kindern Entwicklung ermöglichen. Sie zu identifizieren, zu schützen und zu stärken, ist existentiell für die von Krieg betroffenen Gesellschaften und Staaten wie auch für die internationale Gemeinschaft" (S. 358).

Diskussion

Die vorliegende Studie zeichnet sich dadurch aus, dass sie empathisch und differenziert den psychischen Spuren eines kriegerischen Konflikts retrospektiv im Lebenslauf von Kindern und Jugendlichen nachgeht. Die Autorin achtet darauf, nicht nur immer wieder den politischen und sozialen Kontext zu berücksichtigen, sondern in der Lebenssituation der Kinder neben den destruktiven auch die entlastend und stabilisierend wirkenden Erfahrungsanteile ausfindig zu machen. Umso erstaunlicher ist, dass sie sich ausdrücklich von der Resilienzforschung abgrenzt, die zumindest in ihren sozialwissenschaftlichen und politisch reflektierenden Varianten genau dies im Auge hat.

Ein besonderes Verdienst der Untersuchung sehe ich in dem Nachweis, dass die psychisch destruktiven Folgen der Kriegserlebnisse noch wesentlich größer gewesen wären, wenn die Befreiungsbewegung den Kindern nicht mit großer Wertschätzung begegnet wäre sowie den spezifischen Entwicklungsbedürfnissen und der besonderen Verletzlichkeit der in ihrem Einflussbereich lebenden Kinder starke Beachtung geschenkt hätte. So hat sie sich in allen Kon­fliktphasen bemüht, den oft auf sich allein gestellten Kindern eine lebensnahe und handlungsorientierte Bildung ("Revolution School") sowie Schutz, Zuwendung und soziale Bindungen (besondere Betreuung von Waisen, Behinderten und Verwundeten) zu ermöglichen. Obwohl viele Kinder immer wieder darauf drängten, sich am bewaffneten Kampf zu beteiligen, scheint die Befreiungsbewegung selbst in äußerst prekären Momenten strikt darauf bestanden zu haben, Kinder bis zum 18. Lebensjahr aus ihm herauszuhalten. Zudem bot sie den älteren Kindern und den Jugendlichen Handlungsalternativen, indem sie diesen ermöglichte, sich aktiv und verantwortlich an einer Alphabetisierungskampagne ("Literacy Campaign") zu beteiligen.  

In der Untersuchung wird deutlich, wie sehr die Bewältigung der Nachkriegsprobleme und die Konsolidierung des Friedens davon abhängt, dass bereits in der Kriegssituation Gegen­kräfte und soziale und personale Ressourcen entstehen. Von Krieg betroffene Kinder können unter diesen Umständen in der Nachkriegszeit als junge Erwachsene eine wichtige stabilisierende Rolle spielen.    

Fazit

Das Buch ist eine instruktive und unentbehrliche Lektüre für alle, die sich in der Friedenssicherung engagieren (wollen). Es bietet eine Fülle von Anknüpfungspunkten für eine psychosoziale Interventionspraxis, die ihre Adressaten nicht als hilflose Opfer, sondern als Subjekte mit spezifischen Handlungskompetenzen und Stärken anspricht. 

Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children’s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 06.01.2009 zu: Johanna Fleischhauer: Von Krieg betroffene Kinder. Eine vernachlässigte Dimension von Friedenskonsolidierung. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-940755-11-7. Reihe: Psychologie & Politikwissenschaft. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7027.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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