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Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Einführung in die Kindheitsforschung

Cover Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Einführung in die Kindheitsforschung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-25282-1. 14,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Die Kindheitsforschung hat seit mehr als 10 Jahren Hochkonjunktur. Angeregt durch Forschungsarbeiten aus Skandinavien und Großbritannien formuliert sich hier ein neuer Blick auf die 'Lebensphase Kindheit'. Die moderne Kindheitsforschung - dies ist der gemeinsame Nenner aktueller Veröffentlichungen - zieht eine kritische Grenze zu sozialisationstheoretischen Denkmodellen, die noch in den 1990er Jahren die forscherische Arbeit anleiteten. Dieses Sozialisationsparadigma - so die aktuelle Kritik - folgt einer deterministischen Vorstellung von kindlicher Persönlichkeitsentwicklung, es begreift die Entwicklung von Identität und "Eigen-Sinn" als das Produkt der von Eltern und anderen Erwachsenen konstruierten Erziehungsumwelten und vernachlässigt damit die aktiven Aneignungsprozesse, in denen sich Kinder mit materiellen und sozialen Umwelten auseinander setzen und ihre Lebenswelt aktiv gestalten. Das Interesse der Sozialisationsforschung gilt zudem in erster Linie der Zukunft des Kindes als Erwachsener. Sozialisationsprozesse werden vor allem unter der Perspektive des Erwachsen-Werdens betrachtet (Kindheit als "Durchgangsstation" auf der Reise ins Erwachsenenalter), während hingegen die alltägliche Lebenspraxis der Kinder, ihre Erkundung der Welt, ihre Orientierungssuche im Supermarkt der Lernangebote, ihre Bearbeitung von belastenden und schmerzlichen Lebensereignissen nur wenig Beachtung finden. Aus dieser Kritik formuliert die neue Kindheitsforschung ihr Programm: ihr geht es um die Analyse der alltagskulturellen Praxis der Kinder. Die Veränderungen und Umbrüche in den Lebenswelten der Kinder, der Umgang der Kinder mit diesen sich rasch verändernden Lebensbedingungen und die unterstützenden Erziehungssettings, die Eltern und Pädagogen für Kinder konstruieren können, um ihnen auf ihrem Weg in die Welt einen sozialen Geleitschutz zu geben - ihnen gilt die forscherische Aufmerksamkeit. Die von Klaus Hurrelmann und Heidrun Bründel in zweiter Auflage vorgelegte "Einführung in die Kindheitsforschung" steht ganz in der Linie dieser Forschungsprogrammatik. "Kinder" - so schreiben die Autoren in der Einleitung zu diesem Buch (S. 7/8) - "werden als Akteure wahrgenommen, die sich ihre Welt aneignen und sie nach eigenen Bedürfnissen zu gestalten versuchen ... Kinder können die Anforderungen des sozialen Lebens bewältigen, wenn sie lernen, die vielfältigen Einzelaspekte ihrer äußeren Lebenswelt miteinander zu verknüpfen, Beziehungen zwischen sich und anderen Menschen selbständig herzustellen und verschiedenartige Interaktionsfelder des Alltags in einen Sinnzusammenhang zu bringen. Sie kommen am besten zurecht, wenn sie kreativ Einfluss auf ihre Umwelt nehmen, sie zu gestalten in der Lage sind und eine Fähigkeit der 'Selbstorganisation' ihrer Persönlichkeit entwickeln. Voraussetzung dafür ist die zuverlässige und einfühlsame Unterstützung von Eltern, Erziehern, Lehrern und anderen Erwachsenen, die sie bei den ersten Schritten in das gesellschaftliche Leben begleiten".

Gliederung und Inhalt

Das vorliegende Buch ist als Einführungstext konzipiert, der den Leser in kompakter und gut lesbarer Form durch das bisweilen unübersichtliche Terrain der Kindheitsforschung führt. Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert:

(1) Eingeleitet wird die Arbeit durch drei Zugänge zum Thema: So liefern die Autoren zunächst eine grundlegende Definition von Sozialisation. Sozialisation wird hier begriffen als "der Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt" (S. 12). In einem zweiten Schritt werden sodann die psychologischen und soziologischen Basistheorien referiert, die die Geschichte der Sozialisationsforschung geprägt haben (S. 20 ff.). In einem letzten Zugang werden die oben skizzierten Grundpositionen der neuen Kindheitsforschung vorgestellt und an ausgewählten Untersuchungsbefunden bebildert (S. 40 ff.).

(2) Das zweite Kapitel gilt der Kindheit als Phase im Lebenslauf. In einer knappen historischen Übersicht skizzieren die Autoren hier die 'Entdeckung der Kindheit' im ausgehenden 18. Jahrhundert und die Wandlungen des historischen Bildes vom Kind bis in die Jetzt-Zeit (S. 58 ff.). Angeleitet durch das Konzept der Entwicklungsaufgaben (Havighurst 1981) folgen sie der Abfolge von Entwicklungsschritten, die den Lebenslauf von der frühen Kindheit bis in das Erwachsenenalter bestimmen (S. 71 ff.). Die Autoren schließen mit einer Diskussion der These von der 'Individualisierung der Kindheit', die das hohe Maß der Selbständigkeit thematisiert, das Kindern heute zugestanden wird und das es ihnen möglich macht, auch jenseits der kulturellen Vorgaben von Elternhaus und Milieu ihre Individualität zu entfalten und neue Lebenswege zugehen (S. 89 ff.).

(3) Die wichtigsten Sozialisationsinstanzen im Leben von Kindern sind Familie, Kindergarten und Schule. Sie haben die gesellschaftliche Funktion, die Persönlichkeits- und Leistungsentwicklung von Kindern durch Erziehung und Bildung zu fördern. Hinzu kommt als "heimlicher Miterzieher" (S. 144) insbesondere die Medienwelt, die Kinder in virtuelle Räume entführt. Das mit Gewinn zu lesende dritte Kapitel stellt diese Sozialisationsinstanzen vor.

Hinzuweisen ist hier insbesondere auf die Ausführungen zum Strukturwandel der Familie (S. 96 ff.): In einem gelungenen Exkurs in die Familiensoziologie thematisieren die Verfasser die veränderten Schnittmuster familiärer Lebenswelten (die zunehmende Berufsorientierung der Mütter; Trennung und Scheidung; Armuts- und Verelendungsrisiken; die schwierige Dynamik der Eltern-Kind- und der Geschwister-Beziehungen) und skizzieren hierin die Grundmuster einer modernen Familienkindheit, in der ein von Respekt und Anerkennung der Subjekthaftigkeit des Kindes geprägter partizipativer familiärer Beziehungsstil und neue sozialstrukturelle Risikolagen immer wieder aufs Neue miteinander 'versöhnt' werden müssen.

(4) Im Mittelpunkt des vierten Kapitels stehen die Entwicklungs- und Gesundheitsprobleme von Kindern (S. 153 ff.). Vorgestellt werden hier Befunde, die in den letzten Jahren im Bielefelder Forscherkreis um Klaus Hurrelmann erarbeitet worden sind. In einer griffigen Systematik werden unterschiedliche Erscheinungsformen von Entwicklungsbeeinträchtigungen diskutiert: soziale Auffälligkeit und aggressives Verhalten; Beeinträchtigungen durch psychische, körperliche und sexuelle Gewalt; chronische körperliche Krankheiten; kognitive Auffälligkeiten; psychosomatische und affektive Störungen. Befunde zu den geschlechtsspezifischen Mustern der Konfliktverarbeitung und des Gesundheitsverhaltens und hieraus abgeleitete Anregungen für eine neue kindorientierte Gesundheitsförderung beschließen dieses Kapitel.

(5) Im abschließenden fünften Kapitel präsentieren die Autoren Vorschläge für eine politische Neugestaltung der Lebensphase Kindheit. In relativer Nähe zu aktuellen sozialpolitischen Diskursen skizzieren sie die Grundlinien einer zukunftsorientierten Kinderpolitik in den Bereichen Familien-, Schul-, Medien- und Gesundheitspolitik für Kinder (S. 193 ff.) und beschließen ihre Argumentation - mit Blick auf die Entwicklung einer nationale Grenzen übergreifenden Kinderpolitik - durch eine Bewertung der politischen Bedeutung der Kinderrechtskonvention der Vereinigten Nationen (S. 213 ff.).

Diskussion

Zielgruppen des Buches sind Lehrende und Studierende der Erziehungswissenschaften, der Sozialen Arbeit und anderer sozialwissenschaftlicher Studiengänge sowie interessierte Praktiker.

Das vorliegende Buch erfüllt seinen Selbstanspruch als "Einführung" in gelingender Weise. Es ist flüssig und gut lesbar geschrieben. Seine Gliederung und sein thematischer Aufbau sind klar, einführende Inhaltsübersichten und Überleitungen verknüpfen die Kapitel und geben dem Leser einen 'roten Lesefaden' an die Hand. Das Literaturverzeichnis ist umfangreich und aktuell (Datenstand: Mitte 2002). Gegenüber der ersten Auflage (erschienen 1996) ist der Text inhaltlich ergänzt, aktualisiert und ein wenig kompakter formuliert, so dass das Buch mit Gewinn als Basistext in der Lehre eingesetzt werden kann.

Bei allem Plus hier abschließend zwei kritische Anmerkungen. (1) Das einführende Kapitel "Theorien der kindlichen Persönlichkeitsentwicklung" wird einem mit Texten von Klaus Hurrelmann vertrauten Leser sicher bekannt vorkommen. Es ist eine recht komprimierte (fast wortgleiche) Zusammenfassung seines bekannten Studientextes "Einführung in die Sozialisationstheorie" (8. Aufl., 2002) und hat gegenüber diesem Text keinen 'Neuigkeitswert'. Hier wäre m.E. eine Kürzung angezeigt, so dass eine solche Textdoppelung vermieden werden könnte. (2) In dem sehr lesenswerten Kapitel über die zentralen Sozialisationsinstanzen im Leben von Kindern gehen die Autoren ausschließlich nur ein auf formelle Instanzen (Familie; Kindergarten; Schule; Medien- und Freizeitmarkt). Gerade in der neueren Kindheitsforschung aber finden die informellen Lebenszusammenhänge von Freundschaft, Gleichaltrigengruppe und Kindernetzwerken eine besondere Beachtung. Diese informellen Netzwerke sind - so aktuelle Forschungsbefunde (vgl. z.B. Zinnecker 2000) - wichtige Orte der Selbstsozialisation und der kindlichen Selbstkonstruktion sozialer Wirklichkeit. Unverständlich also, warum die Autoren diesem neu entdeckten Sozialisationsort im Rahmen ihrer Darstellung keine systematische Beachtung schenken.

Fazit

Trotz einiger 'Wermutstropfen': insgesamt ein empfehlenswertes Arbeitsbuch, das das Themenspektrum der aktuellen Kindheitsforschung vermisst und Lust auf weiterführende vertiefende Lektüre macht.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit


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Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 30.09.2003 zu: Klaus Hurrelmann, Heidrun Bründel: Einführung in die Kindheitsforschung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2003. 2., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-407-25282-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/703.php, Datum des Zugriffs 17.01.2019.


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