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Mechthild Bereswill, Almut Koesling u.a.: Umwege in Arbeit

Rezensiert von Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl, 21.11.2009

Cover Mechthild Bereswill, Almut Koesling u.a.: Umwege in Arbeit ISBN 978-3-8329-3196-4

Mechthild Bereswill, Almut Koesling, Anke Neuber: Umwege in Arbeit. Die Bedeutung von Tätigkeit in den Biographien junger Männer mit Hafterfahrung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. 131 Seiten. ISBN 978-3-8329-3196-4. 22,00 EUR.
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Thema

Die qualitative sozialwissenschaftliche Studie basiert auf Interviews mit 30 heranwachsenden Männern mit (Jugend-) Hafterfahrung, die zwischen 1998 bis 2007 in regelmäßigen Abständen geführt wurden. Auf Grundlage dieser Längsschnittstudie, d.h. vor dem Hintergrund der authentischen Äußerungen zu den Übergängen oder Brüchen zwischen gesellschaftlichen Integrationsprozessen und geschlossenen Unterbringungen, rekonstruieren die Forscherinnen im Wege einer Sekundäranalyse der Interviews die Einstellungen und Stellungen der jungen Männer zur beruflichen Ausbildung und Arbeit, ihre biographischen Selbstdeutungen und ihre berichteten Handlungsmuster dazu. Die dahinter stehende Fragestellung speist sich aus der vom modernisierten Jugendstrafvollzug normativ gesetzten Bildungsannahme, dass angebahnte Arbeitsintegration ein Erfolgsausweis der Resozialisierungsbemühungen sei. Diesbezügliche Bildungserfolge und Erwerbsorientierungen gelten als das Unterpfand der geforderten Legalbewährung.

  • Lassen sich diese institutionell postulierten Ziele mit den biographischen Querschnitts- und Feinanalysen bestätigen?
  • Wirkt der Resozialisierungs-„Mechanismus“ des Arbeitens?
  • Wenn ja, wie?
  • Wenn nein, was folgt daraus für die verantwortlichen Akteure?

Die Fragestellung der Studie ist angesichts der föderalen Neuausrichtung des (Jugend-)Strafvollzuges hoch aktuell. Ihre möglichen Antworten sind dafür auf jeden Fall interessant, möglicherweise sogar brisant.

Inhalt

Nach einleitenden Kapiteln über die grundlegenden Zusammenhänge von Struktur, Bindung und Bildung, über Arbeitsintegration zwischen gesellschaftlich erforderter Anpassung und subjektiv geprägter und mit altergemäß geprägtem „Eigensinn“ ausgestalteter Aneignung von Arbeitsinteresse bietet die Studie zwei Durchgänge durch die biographischen Interviews:

  1. Zuerst eine komprimierte Querschnittsanalyse der Interviews zu den Übergängen in Arbeit in den Varianten „blockiert“, „brüchig“, „tragfähig“. Alle drei werden von einzelnen Untersuchungsteilnehmern praktiziert (S. 33-62).
  2. Ausdifferenziert und gut nachvollziehbar dargestellt sind drei anschließende biographische Einzelfall-Analysen (S. 63-111). Der zuerst dargestellte junger Mann offenbart die biographischen Hintergründe seines Durchhaltevermögens, der Zweite verrät seine Überlebensstrategie mit Arbeit und der Dritte bietet Einblicke in seine Rückzugsvarianten gegenüber den erlebten An- oder Überforderungen von Bildung, Arbeit und Beziehungen.

Einfache Antworten ergeben sich weder aus der Querschnitts- noch der Tiefenanalyse. Die realen Biographien verlaufen verblüffend anders und zugleich in aufschlussreicher Weise quer zu den normativen Erwartungen. Lassen sich gleichwohl „Knackpunkte“ identifizieren? Welche?

Diskussion

Die Forscherinnen bestätigen in ihren Fallanalysen wie ihrem Querschnittsresümee ihre schon eingangs dargestellte Annahme, dass "Bildung" viel mit "Bindung" zu tun hat, insbesondere bei den differenziert und sensibel dargestellten, offenkundig äußerst verletzlichen „Heranwachsenden“, die mit nicht verkraftbaren biographischen Scheiternserfahrungen belastet leben.

Hierbei wird der biographische Ansatz allerdings wegen der von ihm methodisch eingenommenen (S. 16, 29f) und durchgehaltenen Betroffenenperspektive angesichts des dargebotenen Mix aus subjektiv verzerrter Sach- und Selbstdarstellung zwangsläufig selbst affirmativ, selektiv und moralisierend. Der vorsichtig angedeutete kritische Befund der aufwendigen Studie erschöpft sich dann in dem Hinweis auf institutionell zu unpersönlich begleitete Bildungsangebote und zu häufige Wechsel der relevanten Bezugspersonen in den biographischen Umbruchssituationen (S. 116f). Die Erfassung der Wucht der strukturellen Rahmenbedingungen bleibt dabei theoretisch ausklammert und wird als gegeben unterstellt, wie und weil von den Interviewten erlebt. Und das, obwohl die Studie summarisch wie in den Einzelfällen analysiert, dass die jungen Männer vor ihrer Delinquenzphase jahrelang nicht am “Lernen“, sondern an der für die Regelschule spezifischen Anbindung des Lernens an Überforderungsstrukturen gescheitert sind, nämlich am Lernen unter Zeitdruck mit Ausgrenzung ausgerechnet derer, die mehr Lernunterstützung benötigten als andere. Einige Interviewpartner formulieren das in geradezu begrifflicher Brillanz (S. 83, 96). Würde die biographische Perzeption hier um eine Strukturanalyse dieser Rahmenbedingungen erweitert, könnte man die subjektiven Verzerrungseffekte – die Qualität des genannten „Eigensinns der Subjekte“ (S. 16) – nachvollziehbarer und kritischer einschätzen. Es folgten daraus wahrscheinlich auch andere Lösungsvorschläge als die in der Studie angesprochenen, nämlich eine kontinuierlichere persönliche Begleitung in den fortbestehenden Überforderungen. Man käme dann möglicherweise eher auf Anregungen, die belastenden Momente der Lernstrukturen in Schule und Ausbildung – außerhalb wie innerhalb geschossener Einrichtungen – zu canceln, zumindest den Zeitdruck, die Ausgrenzung und die Degradierung. Mit mehr strukturanalytischen Anteilen würden auch die bildersprachlichen Ausmalungen dieser theoretischen blinden Flecke entbehrlich, wenn die Bildungsbiographinnen mehrfach auf ihre eigenen Assoziationen der trostlosen Inhaftierten-Biographien mit „zu wenig Proviant“ auf einer langen Reise zurückkommen (S. 29, 34, 103) oder dass sie „mit leeren Händen“ da stünden.

Die Studie zu studieren hat dennoch einen eigenen Sinn, und zwar paradoxer Weise aus den gleichen Gründen, die für die Forscherinnen die methodisch auferlegten Interpretationsbarrieren darstellen. Sie bietet eben authentische und interpretatorisch durchaus sehr sorgfältig typisierte Selbsteinschätzungen junger Männer im Rückblick auf ihre Bildungs- und Arbeitsbiographie im Kontext mit den Brüchen der Inhaftierung, den Bedrängnissen der parallel (weiter-)laufenden kriminellen Handlungsmuster und den „labilen Übergängen“ dazwischen.

Fazit

Die Studie bietet damit sonst nur schwer zugängliche subjektive Zugänge, nämlich sortierte Destillate von Selbstdeutungen erlebter Inhaftierung und Resozialisierung durch Lern-, Ausbildungs- und Arbeitsangebote, die so komprimiert in der Praxis kaum zu erlangen sind. Damit ist der Kreis der Nutznießer dieser Studie benennbar: Lehrende, Studierende, professionelle oder ehrenamtliche Akteure, die sich mit Fragen der Resozialisierung von jungen Männern mit Hafterfahrungen befassen und sich in sie hineindenken wollen oder sollen, sei es zum besseren Verstehen des Selbstverständnisses der jungen Männer oder zur Vorbereitung auf Gespräche und die Arbeit mit ihnen.

Rezension von
Prof. Dr. iur. Walter H. Kiehl
Ehemaliger Rechtsanwalt, lehrt u.a. Strafrecht, Jugendkriminologie und Jugendstrafrecht am Fachbereich „Soziale Arbeit und Gesundheit“ der Frankfurt University of Applied Sciences Main,
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Es gibt 11 Rezensionen von Walter H. Kiehl.

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Zitiervorschlag
Walter H. Kiehl. Rezension vom 21.11.2009 zu: Mechthild Bereswill, Almut Koesling, Anke Neuber: Umwege in Arbeit. Die Bedeutung von Tätigkeit in den Biographien junger Männer mit Hafterfahrung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2008. ISBN 978-3-8329-3196-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7042.php, Datum des Zugriffs 15.08.2022.


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