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Josef Schmid: Wohlfahrtsstaaten im Vergleich

Cover Josef Schmid: Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. Soziale Sicherung in Europa: Organisation, Finanzierung, Leistungen und Probleme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. 546 Seiten. ISBN 978-3-531-17481-5. 24,95 EUR.
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Thema und Begriff

Der europäische und globale Kontext hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur für die Praxis nationaler Sozialpolitikgestaltung erheblich an Bedeutung gewonnen. Gleiches gilt für die Theorie und den internationalen Vergleich sozialstaatlicher Regulierung. Grund ist neben der anhaltenden Krisen-, Ab- und Umbau-Rhetorik vor allem das Interesse am Gelingen und Scheitern auswärtiger Lösungen. Josef Schmid nennt die „vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung“ im Vorwort zur aktuellen Auflage daher auch „eine sozialwissenschaftliche Wachstumsindustrie mit einer beachtlichen Entwicklungsdynamik“ (S. 31).

Die „Wohlfahrts-Semantik“ ist zudem, auch darauf verweist Schmid, ein „politisches und ideologisches Kampfgebiet“ (S. 42). So wohnt der Bezeichnung „Wohlfahrtsstaat“ aus normativer Perspektive eine gewisse negative Konnotation inne: als Ausdruck für die Tendenz des Staates zur allumfassenden Betreuung seiner Bürger. Als Alternativkonzept wird zumeist der Terminus „Sozialstaat“ in Stellung gebracht; und dabei – obwohl häufig auch synonym verwendet – als Grenze und Kampfansange gegen einen übermächtig gewordenen „Versorgungsstaat“ verstanden. Aus rein deskriptiver Perspektive ist die Vokabel „Wohlfahrtsstaat“ indes schlicht umfassender zu verstehen als die Bezeichnung „Sozialstaat“, weil sie über bloße soziale Hilfe oder den Ausgleich von Benachteiligungen hinausgeht. Dergestalt hat sich der Begriff mittlerweile in der politikwissenschaftlichen Forschung durchgesetzt. Und das ist auch der Grund, weshalb sich der Autor für diese Terminologie-Variante entschieden hat (S. 43).

Autor und Entstehungshintergrund

Josef Schmid ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Tübingen. Sein Lehrbuch hat inzwischen selbst eine kleine Geschichte. Erstmals im Jahr 1996 erschienen, begleiteten die nachfolgenden Auflagen (2. Aufl. 2002, Nachdruck 2006, 3. Aufl. 2010) inzwischen rund anderthalb Jahrzehnte Sozialstaatsforschung und Reformdiskussion. Die aktuelle Auflage wurde vor allem in den Kapiteln zur Bildungspolitik (neu: Kapitel 20), zum Gerechtigkeitsdiskurs, zur Demografie und zur sozialpolitischen Bedeutung der Europäischen Union überarbeitet und erweitert. Ebenso wurde das Datenmaterial der zahlreichen Schaubilder (insgesamt 148 Abbildungen) aktualisiert. Der Stand des Bandes entspricht somit, wie der Autor schreibt: „pauschal Herbst 2009“ (S. 31).

Aufbau

Einen Überblick über das ambitionierte Vorhaben des Autors liefert bereits der Blick auf das 13 Seiten umfassende Inhaltsverzeichnis (S. 5-17). In 22 Kapiteln, die fünf Abschnitten zugeordnet sind, wird das Unternehmen entfaltet, einerseits „in die theoretischen Grundlagen des Wohlfahrtsstaatsvergleichs“ einzuführen und andererseits einen ersten Zugang zu den Themen zu liefern, wie sie „international diskutiert werden“ (S. 53).

Demzufolge führt der erste Abschnitt des Buches (Kapitel 1 bis 3) zunächst in Methoden, Theorien und Kontroversen des Wohlfahrtsstaatsvergleichs ein. Präsentiert werden die erkenntnisleitenden Fragestellungen des Bandes sowie die konzeptuellen Elemente des eigenen Ansatzes, ehe die aktuelle politisch-ökonomische Lage des Wohlfahrtsstaates diskutiert und der Stand der Forschung referiert wird.

Der zweite Abschnitt (Kapitel 4 bis 10) widmet sich dem Vergleich ausgewählter nationaler Profile. Der Ländervergleich umfasst die Nationen Deutschland, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Schweden und Spanien, wobei die Auswahl jeweils vor dem Hintergrund und mit dem Ziel bestimmter Typisierungen erfolgt. Die Gliederungsstruktur der einzelnen Kapitel ist dabei weitgehend analog konzipiert.

Der dritte Abschnitt (Kapitel 11 bis 15) verlässt dann die länderzentrierte Perspektive und konzentriert sich – aus einem systematischen Blickwinkel heraus – auf den internationalen Vergleich von sozialer Sicherung, genauer: auf die Komparatistik von Zielen, Personenkreis, Finanzierung, Leistungsniveau und Anspruchsvoraussetzungen in den Bereichen Arbeitslosigkeit, Familie und Mutterschutz, Gesundheitspolitik, Renten- sowie Unfallversicherungssysteme.

Im vierten Abschnitt (Kapitel 16 bis 20) stehen aktuelle Probleme und ihre ausländischen Lösungen im Mittelpunkt. Exemplarisch behandelt werden etwa die dänischen und französischen Versuche der Gleichstellungspolitik oder die aktive Arbeitsmarktpolitik in Schweden. Eingebettet sind die Fallanalysen stets in grundlegende Erwägungen zum behandelten Themenkreis.

Der fünfte Teil (Kapitel 21 bis 22) fragt schließlich nach Erträgen und möglichen Problemlösungen für Deutschland. Er berücksichtigt dabei neben allgemeinen Entwicklungstrends, neuen und alten Akteuren auch die Möglichkeiten von europäischen Lösungsansätzen und richtet den Blick auf Perspektiven jenseits der allgegenwärtigen Krisendiskurse.

Die abschließenden Kapitel versammeln schließlich Links (Kapitel 23) und Literatur (Kapitel 24) zur Thematik.

Inhalt

Ausgehend von der praktischen Frage „Kann man vom Ausland lernen?“, sind dem Lehrbuch zunächst Überlegungen zu Chancen wie Grenzen des Sozialstaatsvergleichs vorangestellt. Neben den pragmatischen Vorteilen – besseres Verständnis des eigenen Landes, Erweiterung von Lösungsperspektiven oder Übernahme gelungener ausländischer Antworten (S. 35) – nennt der Autor drei weitere analytisch-methodische Aspekte:

  • So ermöglicht der Vergleich erstens die empirischen Wissensbestände zu verbreitern und zu vertiefen.
  • Zum Zweiten bietet er die Möglichkeit, Hypothesen, die am Einzelfall gewonnen wurden auf Verallgemeinerbarkeit zu prüfen; und umgekehrt: aus Theorien deduktiv abgeleitete Hypothesen an einem Einzelfall zu testen.
  • Und drittens schließlich kann der Vergleich auch auf induktivem Wege die Grundlagen für Innovationen in der Theoriebildung und Methodologie schaffen.

Auch die analytischen und statistischen Probleme des Wohlfahrtsstaatsvergleichs werden von Schmid thematisiert, etwa die Verfügbarkeit von ausreichendem und vergleichbarem Datenmaterial, die unterschiedliche Berücksichtigung von Steuererleichterungen oder die Einbeziehung von Rand- und Schnittbereichen zur Sozialpolitik (Wohlfahrtsproduktion in Familien, Selbsthilfegruppen, Verbänden oder Betrieben). Hinzu kommen Schwierigkeiten aufgrund von Unterschieden in den politisch-kulturellen Entwicklungen der einzelnen Länder. So wird in angelsächsischen Ländern beispielsweise die Bildungspolitik zum Bereich der Sozialpolitik gezählt, während dies umgekehrt in Deutschland z.B. für die Regelung der Arbeitsbedingungen und der betrieblichen Mitbestimmung gilt (S. 43).

Dem naheliegendsten Nutzen, der sich aus dem analytischen Blick über den nationalstaatlichen Tellerrand ergibt, nämlich gelungene Konzepte und Problemlösungen zu adaptieren, sind freilich Grenzen gesetzt. Diese Grenzen werden seit längerem unter dem Stichwort „Pfadabhängigkeit“ (S. 47) diskutiert. Gemeint ist damit, dass potenzielle Handlungsalternativen eingeengt werden, weil alle Reformversuche stets der nationalen Spezifik Rechnung zu tragen haben: Die Historizität der Institutionen, die gewachsene Stellung der Akteure, sowie alle in der Vergangenheit getroffenen Entscheidungen erhöhen nicht nur das Risiko des Scheiterns, sondern sind auch die Ursache für die relativ konstanten und konsistenten Typen des Wohlfahrtsstaates.

In diesem Kontext gilt Schmid die klassische Unterteilung von Esping-Andersen (S. 99-111) in einen liberalen (z.B. USA, Kanada, Australien), einen konservativen (z.B. Deutschland, Österreich, Frankreich) und einen sozialdemokratischen Typus (z.B. Schweden, Norwegen, Dänemark), bei aller daran zu Recht formulierten Kritik, noch immer als der „Dreh- und Angelpunkt der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung“ (S. 111). Den Charme des Modells erkennt er vor allem in der überschaubaren Zahl der identifizierten Typen, weshalb er allenfalls die Ergänzung um einen mediterranen und einen postsozialistisch-mittelosteuropäischen Typ für sinnvoll hält. Das Differenzierungsmodell von Esping-Andersen bildet dann auch weitgehend den Hintergrund für die Untersuchung und Verortung der einzelnen Länder; und dient als Paradigma der systematischen Erkundung im 4. Abschnitt des Bandes.

Diskussion

Schmid hat sein Lehrbuch in recht kluger Weise weiterentwickelt. Es zählt damit zu einer kleinen Handvoll von Standardwerken, die das grundlegende konzeptionelle Rüstzeug für die Analyse des Wohlfahrtsstaatsvergleichs liefern – und zugleich die empirische Wirklichkeit vermitteln, also einen Einblick in die unterschiedlichen nationalen Wege der sozialstaatlichen Organisation und Finanzierung von Lebensrisiken (Alter, Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit) und die sozialpolitischen Maßnahmen des Staates (Familie, soziale Mindestsicherung) aufzeigen.

Schmids Einführung ist kein allzu theorielastiges Buch. Es geht ihm erkennbar um Konkretes, also in erster Linie um die problemorientierte Diskussion gelungener Vorbilder und realistischer Reformmöglichkeiten. Er bedient sich dabei einer Sprache, die den Band sowohl als Einstiegslektüre wie auch als Grundlage weiterführender Forschung fast uneingeschränkt einsetzbar macht. Aus formaler Sicht gibt es zwar ein paar unschöne Tippfehler zu viel; auch führen alte und neue Rechtschreibung zum Teil ein paralleles Dasein; und gelegentlich hätte ein Register hilfreiche Dienste leisten können. Doch wird dies durch die kluge Gliederung und den übrigen Vorzügen des Bandes leicht wettgemacht: Die kapitelweise Lektüre wird durch den weitgehend synchronen Aufbau der Länderstudien deutlich vereinfacht und ermöglicht so einen raschen und unkomplizierten Zugang zur vergleichenden Betrachtung der unterschiedlichen Nationen. Jedes Einzelkapitel ist zudem mit einer Kurzbibliografie ausgestattet, was erheblich dazu beiträgt, Schneisen in die unübersichtliche Landschaft der Forschungsliteratur zu schlagen.

Der Konzeption des Buches entsprechend, beteiligt sich Schmid auch nicht vordergründig an den vielen tagespolitischen oder ideologischen Diskursen über einen vermeintlich ausufernden Sozialstaat oder die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Gelegentlich freilich, zeigt sich Schmid der aktuellen Krisenrhetorik ein wenig überdrüssig. Immerhin gilt, und daran erinnert der Autor gewiss zu Recht: „Die Entwicklung des Wohlfahrtstaates bzw. der Aufbau umfassender sozialer Sicherungssysteme zählt unbestritten zu den grundlegendsten Errungenschaften, die die europäischen Gesellschaften auf ihrem Weg ins 20. Jahrhundert hervorgebracht haben.“ (S. 45) In diesem Rahmen, auch das betont Schmid, sei die Entwicklung nicht nur ein zentrales „Element des ‚Europäischen Modells‘ und ein Spezifikum im Vergleich zu anderen Regionen der Welt“; es konnten zudem „in den vergangenen 110 Jahren die Werte Sicherheit, Wohlfahrt, Freiheit und Gerechtigkeit in hohem Maße realisiert werden“ (S. 45).

Fazit

Alles in allem ein Lehrbuch von vorbildlichem Format. Der Band führt sowohl in Nutzen, Probleme und Theorien des Wohlfahrtsstaatsvergleichs ein wie er über das sozialstaatliche Profil einer gelungenen Auswahl europäischer Nationen aufklärt. Geeignet scheint das Buch daher nicht nur für Studierende und Lehrende in den Fächern Politikwissenschaft, Soziologie, Ökonomie und angrenzende Disziplinen, sondern auch als hilfreiches Rüstzeug zum Selbststudium für alle Interessierten in Fragen der Wohlfahrtsstaatsanalyse.


Rezension von
Dr. rer. pol. Thomas Schölderle
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Zitiervorschlag
Thomas Schölderle. Rezension vom 04.02.2011 zu: Josef Schmid: Wohlfahrtsstaaten im Vergleich. Soziale Sicherung in Europa: Organisation, Finanzierung, Leistungen und Probleme. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 3., aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-531-17481-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7045.php, Datum des Zugriffs 03.12.2021.


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