Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Stefan Weidner: Manual für den Kampf der Kulturen

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 02.01.2009

Cover Stefan Weidner: Manual für den Kampf der Kulturen ISBN 978-3-458-71012-7

Stefan Weidner: Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag (Frankfurt am Main) 2008. 221 Seiten. ISBN 978-3-458-71012-7. D: 19,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 29,70 sFr.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

"Die Guten, obwohl sie an das Gute glaubten, wussten bald nicht mehr, was das Gute ist",

mit dieser Parabel führt der Kölner Orientalist, Autor, Übersetzer und Chefredakteur der auf arabisch, persisch und englisch erscheinenden Kulturzeitschrift "Fikrun wa Fann", Stefan Weidner,  in das schwierige Terrain ein, wie eine Auseinandersetzung mit dem Islam (welchen?) möglich ist, oder besser: sein könnte. Denn es ist ein "Versuch", den er dabei startet, kein Rezeptbuch und auch keine Offenbarung. Dabei geht es ihm nicht darum, den vielfältigen und vielschichtigen Meinungen und Informationen über den Islam weitere hinzuzufügen, sondern "eine Analyse des vorhandenen Meinungsspektrums vorzulegen".

Zielsetzung

Weidner will mit seinem Handbuch, das man wegen seiner buchbinderischen Handlichkeit getrost mit sich tragen, bei vielen Gelegenheiten zur Hand nehmen und lesen kann, eine "hermeneutische Wende" im Diskurs über und mit dem Islam herbei führen. Ein starkes Anliegen und ein notwendiges Unterfangen! Dabei geht er empathisch vor, wohlwollen und mit seiner Kompetenz als Islamkenner danach fragend, "was im Sandsturm der Informationen mit uns geschieht". Schon einmal dadurch, dass die Metapher "Kampf der Kulturen", wie sie der US-amerikanische Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington in der 1996 erschienenen deutschen Übersetzung als "Clash of Civilisations", durch den Begriff "Kampf der Kulturen" fehlgedeutet werde und eher einer "Kollision der Zivilisationen" entspräche. Zum anderen, dass die Metapher "Kampf" nicht zwangsläufig eine blutrünstige, auf Tod oder Leben hinführende Auseinandersetzung sein müsse, sondern auch als "Konkurrenz der Ideen", als "Wettstreit" und "Wettkampf", als kulturelles "Streitgespräch" denkbar sei. Allerdings finde eine Auseinandersetzung über Werte und politische Positionen zwischen dem "Westen" und dem "Islam", so der Autor, nicht als Dialog zwischen den Kulturen statt, sondern innerhalb der beiden Lagen: "Wir streiten weniger dialogisch mit dem Islam, als monologisch … über ihn; wir streiten miteinander über unser Islamverständnis und über das Verhältnis, das wir zum Islam einnehmen wollen". In gleicher Weise geschieht dies im Islam, wobei allerdings dort die Gewaltbereitschaft zur Verteidigung der eigenen Werte größer als bei uns ist. Dieses schiefe Bild schreibt Weidner in erster Linie der westlichen Übermacht auf kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Gebieten zu; und auch der kulturellen Ignoranz: "Wir orientieren uns nicht an den anderen, weil wir es nicht für nötig halten, weil wir das, was die anderen zum Diskurs beitragen, als irrelevant für uns einschätzen".

Es sind die klugen Reflexionen, die daher kommen wie Gedanken, die jeder von uns denkt, nicht immer bewusst, emotional und von Bildern bestimmt, die in der Informationsflut über uns kommen, die Weidners Nachdenken über unser Verhältnis zum Islam – und umgekehrt – provozieren und wach rufen; etwa seine Schilderungen seines Befindens, seiner Einstellungen und Gedanken während einer U-Bahn-Fahrt in London: Die Leser der überall in der Londoner Underground herumliegenden Gratis- und Anzeigenblätter, die den Eindruck von Unverbindlichkeit, Langeweile und Egoismus vermitteln, werden in seinen Augen konfrontiert mit dem abwesend wirkenden, konzentriert Koran lesenden Muslim. Die Bilder, die dabei auf ihn einströmen, sind bekannt: Attentäter? Fundamentalist? Westliche Dekadenz? Und siehe da: Es stellt sich eine Ahnung ein: "Verhandele ich nicht, während ich vorgebe, über den Islam und unser Verhältnis zu ihm zu reden, in Wahrheit nur meine eigene Gesellschaft und meine Haltung zu ihr…?" Und: Ist die Provokation, die der Islam erzeugt, nicht ein Bild oder ein Zerrbild dessen, was unser Bewusstsein von unserer eigenen Kultur bestimmt?

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in drei Teile. Im ersten Teil, geht es, wie oben erwähnt, um Hinführungen zum Thema, als Reflexion unseres eigenen Empfindens, unserer Vorstellungen und Einstellungen zum Islam, wie auch deren Positionen zu uns. Das Ringen um die Frage, ob dies sich mehr in Gegensätzlichem, Fremdem, Streitbarem ausdrückt, als in Gemeinsamem, bringt den Leser zum Nachdenken, und durch die semantischen und hermeneutischen Reflexionen vielleicht sogar zu Ansätzen von Perspektivenwechsel.

Im zweiten Teil legt Stefan Weidner "Grundzüge einer Grammatik des Kampfs der Kulturen" dar. Die Frage nach dem – Wer wir sind – bedarf des Nachdenkens über das – Wer wir waren / Woher wir kommen – also eines Geschichtsbewusstseins; genau so wie die nach dem: Wohin wir gehen (wollen). Es ist die "Geschichtsvergessenheit", die den gegenwärtigen Diskurs um unser Islambild behindert. Weidner nennt das Phänomen "Gegenwartsstau" und erklärt: "Es läuft in unserer Aufmerksamkeit so viel Gegenwart auf, dass zur Vergangenheit kein Durchkommen mehr ist". Damit laufen wir, intellektuell und emotional, geradewegs in die Sackgasse der großen Doppeldeutigkeiten und Verwirrungen, in der "scheinbar fixe Bedeutungen plötzlich aufgehoben sind oder ins Fließen geraten; in dem jede Orientierung versagt, weil es keinen Pol, keinen Anfang und kein Ende, kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch, kein Eigenes und Fremdes, kein Wir und die Anderen gibt". Einen interessanten Argumentationsstrang liefert der Autor der Frage, ob die globale Institution der Menschenrechte "kulturkampftauglich" sei. Dafür führt er drei Ebenen des Menschenrechtsgedankens ein: Die eine ist die ideelle Ebene mit der Feststellung, dass es Menschenrechte gibt. Als zweite nennt er die gesetzliche Festschreibung von Menschenrechten in den Nationalstaaten; und die dritte die konkrete Wirksamkeit und Anwendung im individuellen und gesellschaftlichen Leben der Menschen. Er lässt keinen Zweifel daran, dass die Ebenen zwei und drei keine Relativierungen zulassen. Es ist die ideelle erste Ebene, die es schwierig macht, Ideen, Worte, Konzepte und Formulierungen mit dem Menschenrechtsgedanken zu verbinden: "Ist man als Muslim imstande, sich mit der UN-Menschenrechtscharta zu identifizieren?". Und wie, wenn es die Scharia gibt, das Problem der Ungleichheit der Geschlechter, der Apostasie, das Problem mit der Meinungsfreiheit, usw. Die Unterschiede zwischen den Determinierern und den Indeterminierern werden dabei deutlich. Weidner deckt die verschiedenen Sichtweisen und Standpunkte auf, indem er auf die Computersprache zurück greift: "Die Indeterminierer begreifen den Islam als Software, die Determinierer als Hardware". Während die ersteren in der mangelnden Abgrenzung ihrer Positionen zu anderen viel Angriffsflächen und Missverständnisse produzieren, sind es die letzteren, deren Sichtweisen Ähnlichkeiten und Überschneidungen zu fundamentalistischem Gedankengut aufweisen (vgl. dazu auch die Rezension zu Markus Schmitz, Kulturkritik ohne Zentrum. Edward W. Said und die Kontrapunkte kritischer Dekolonisation). Auch der Diskussion um die Frage nach der "Aufklärung" weicht Weidner nicht aus. Ist es doch die Behauptung, die in der Auseinandersetzung um die Bedeutung und Veränderbarkeit des Islam immer wieder vorgebracht wird, dass nämlich "der Islam weder eine Aufklärung kannte noch auch überhaupt kennen kann". Dieser Kampfbegriff jedoch lässt sich nur benutzen und verstehen, wenn wir mit Aufklärung die europäische meinen und die Frontstellung "Vernunft contra Religion und Despotismus" benutzen. Sinnvoller und für den interkulturellen und interreligiösen Dialog weiterführender wäre es, würden wir die Konflikte benennen: "Religion, mit Hilfe der Vernunft geläutert, contra Despotismus von Tradition und überlieferter Herrschaft". So outet sich Weidner selbst als Indeterminist: "Lieber weiß ich, dass ich zu wenig weiß, als dass ich etwas zu wissen glaube, was ich nach Maßgabe gesunder neuzeitlicher Skepsis nicht wirklich wissen kann".

Im dritten Teil legt Weidner interessante Fragen, Erlebnisse, Erfahrungen und Fundstücke seiner Auseinandersetzung mit dem Islam vor, als "kleine Chrestomatie des Kampfes der Kulturen", was man ja verstehen kann als "Lehrmeinungen", natürlich weder in papistischem noch in koranischem Sinne,. Damit beginnt er sehr konkret und überzeugend einen Dialog, der jenseits der ideologischen Hintergründe und Fallstricke. Auch wenn er den gewaltbereiten islamischen Fundamentalismus im Islam mit dem vergleicht, was der deutsche Nationalsozialismus mit dem Patriotismus gemacht hat (sicherlich wird er dafür genug Schimpfe bekommen!), so kommt er in der Essenz seiner Überlegungen doch zu dem Ergebnis, dass das größte Hindernis für einen Dialog auf Augenhöhe wohl darin besteht, dass die mediale Erwartung und Aufmerksamkeit für einen echten Dialog, und zwar auf beiden Seiten, schwierig macht und nicht selten verhindert. Mit einem Seitenhieb auf gewünschte Präsentationen, etwa in Fernsehdiskussionen und Talkshows provoziert er: "Am telegensten wäre ein muslimischer Islamwissenschaftler, der nicht für, sondern gegen seine Kultur spricht. Er könnte drei Repräsentationsfunktionen auf einmal erfüllen: als Islamwissenschaftler, als Muslim, aber zugleich als dem Islam das Verständnis verweigernder Vertreter der westlichen Moderne".

Fazit

Bei einer Diskussionsveranstaltung im April 1997 bei der Alfred Herrhausen Gesellschaft für internationalen Dialog in Frankfurt/M., mit dem Titel "Kampf der Kulturen oder Weltkultur?", führte Samuel P. Huntington aus, dass sich auf absehbare Zeit hin die Beziehungen zwischen dem Westen und dem Islam im besten Fall distanziert und erbittert, im schlimmsten Fall aber konfliktreich und gewalttätig entwickeln würden, freilich mit der längerfristigen Perspektive einer freundlicheren Koexistenz. "Bis dahin aber muss der Westen fest und entschieden handeln, um seine Sicherheit, seine Kultur und seine Lebensweise gegen die vom islamischen Militarismus und von der islamischen Migration ausgehenden Gefahren zu verteidigen". Dieser Sichtweise des "Kampfes der Kulturen" ist vehement und stimmenreich widersprochen worden. Wenn Stefan Weidner sich in seinem Handbuch nun daran macht, für den Kampf der Kulturen einzutreten, dann nicht als militärisch-kämpferische Auseinandersetzung, sondern als "Wettbewerb der kulturellen Ideen". Dass dies kein leichtes, mediales und ideologisch gefüttertes Unterfangen sein kann und darf, dafür liefert der Autor vielfältige, diskussionswürdige Argumente und rationale wie emotionale Überlegungen, wie der "Kampf" nicht blutig und verlustreich, sondern intelligent und human geführt werden kann.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
Mailformular

Es gibt 1561 Rezensionen von Jos Schnurer.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.01.2009 zu: Stefan Weidner: Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist. Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-458-71012-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7056.php, Datum des Zugriffs 05.12.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht