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Matthias Müller: Polyglotte Kommunikation

Cover Matthias Müller: Polyglotte Kommunikation. Soziale Arbeit und die Vielsprachigkeit ihrer Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 370 Seiten. ISBN 978-3-89670-912-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit.
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Thema

Im Gegensatz zur Sozialpädagogik sind Forschung und Lehre der Sozialarbeit und ihre Praxis weit weniger akademisch eng verknüpfte Arbeitsbereiche. Demgemäß legt der Autor Ausführungen zu eben diesem Theoriedilemma Sozialer Arbeit seinem Theorieentwurf zugrunde. Ziel der Publikation von Matthias Müller ist es gerade, Sozialwissenschaft und Sozialarbeit zusammenzubringen auf der Höhe moderner und postmoderner Wissenschaftsauffassung. Dazu führt der Autor komplementär zwei unterschiedliche Perspektiven, Praxis-/Sozial- und Systemtheorie, konsequent aus. Im Unterschied zu den systemtheoretisch fokussierten Forschungen zur Theorie Sozialer Arbeit von Schneider (1995), Merten (1997), Kleve (1999) und Bommes/Scherr (2000), an die der Autor anknüpft, verbindet er die systemtheoretische Perspektive von Luhmann (1984/1997) und Baecker (1994, 2001, 2005) mit der sozialtheoretischen von Bourdieu (1976, 1998). Diese Doppelperspektive, komplex, anspruchsvoll und spannend zugleich, begleitet den Leser als roter Faden der Lektüre und sie gibt dem Theorieentwurf sozialer Arbeit ein gesellschaftheoretisches Fundament. Der Begriff „Polyglotte Kommunikation“benennt das differenztheoretisch bestimmte kommunikationstheoretische Modell von Matthias Müller. Soziale Arbeit ist dabei als Sprache zwischen Systemen und Akteuren zu begreifen, die mit ihrer Komplexität Vielsprachigkeit hervorbringt. Der innovative Theorieentwurf der polyglotten Kommunikation unternimmt es, genau diese interdependente Vielsprachigkeit wissenschaftlich zu fassen.

Entstehungshintergrund

Die Publikation beruht auf der Dissertation des Autors zum Thema: „Polyglotte Kommunikation sozialer Arbeit. Eine sozialarbeiterische Kommunikationstheorie der Praxis.“ Freie Universität Berlin 2007.

Aufbau

Die Arbeit ist in drei große Abschnitte unterteilt, die Unterkapitel in fortlaufender Zählung führen. In I Welt-Versionen findet der Leser die erkenntnistheoretische Grundlegung zentraler Begriffe. Hier werden die später komplementär geführten Perspektiven, die akteurs- und die systemtheoretische, zunächst ausführlich und fundiert einzeln dargelegt und der zentrale Begriff der Vielsprachigkeit eingeführt. Müller lässt hier eine Theoriearchitektur entstehen.

Der Abschnitt II Differenzierung führt Matthias Müllers Theorie polyglotter Kommunikation sozialer Arbeit in komplementärer Perspektive gesellschaftstheoretisch aus. Im Zentrum stehen die Kommunikationen der postmodernen Gesellschaft als die Realität sozialer Arbeit; die Herausforderungen Integration und Inklusion.

Das Wesen sozialer Arbeit als polyglotter Kommunikation wird in III Praxistheorie differenziert begründet. Die milieu- und gleichzeitig funktional orientierte Herausforderung sozialer Arbeit begründet in Müllers Theorie einen eigenen funktional sprachlichen Markt. Zum Abschluss entwirft der Autor ein handlungsorientiertes Programm polyglotter Kommunikation sozialer Arbeit.

Inhalt

Um einen Blick in das Theoriegebäude der polyglotten Kommunikation sozialer Arbeit zu geben und die komplementäre Durchführung der Doppelperspektive zu veranschaulichen, soll hier exemplarisch Matthias Müllers Betrachtung sozialer Probleme erläutert werden. Diese folgt, wie die Untersuchungen der vorausgegangenen Kapitel, den beiden Welt-Versionen Akteur und System und den entstehenden Differenzen dieser verschiedenen Referenzpunkte. Müller konstatiert, dass „die Aufrechterhaltung der begrifflichen Differenzierung von Integration/Desintegration und der Inklusion/Exklusion“, aufgrund des komplementären Theorieaufbaues, „ermöglicht, unterschiedliche Facetten sozialer Probleme moderner Gesellschaft in den Blick zu nehmen.“ (210)

Aus der akteurstheoretischen Perspektive legt die Praxistheorie den Fokus auf die Ungleichheit der Akteure, das bestehende Normen- und Wertgefüge und dessen Potential, das Verhältnis von Akteur und Sozialstruktur thematisieren zu können. Vom sozialintegrativen Standpunkt ausgehend ist der Modus der Teilhabe der der Integration. Aus der systemtheoretischen Perspektive heraus legt die Systemtheorie den Fokus auf die Differenzierung moderner Gesellschaft in unterschiedliche Subsysteme und das Potential, die Funktionssysteme und ihre Systemstrukturen zu reflektieren. Aus systemintegrativer Blickrichtung wird Inklusion zum Modus der Teilhabe.

Die sehr klar strukturierte Entfaltung der Theorie nimmt eingangs die Konstrukte der Exklusions- und Inklusionsindividualität, die je die Differenzierung Akteur-System aufrecht erhalten, in den Blick. Anschließend wir das Begriffspaar Integration/Desintegration im Verhältnis zueinander geklärt und dessen Problempotential erörtert. Dieselbe Prozedur unternimmt der Autor anschließend mit den Konstrukten Inklusion/Exklusion.

Soziale Probleme werden so in der Müllerschen Theorie auf vierfache Weise entwickelt. Seine These ist, dass „soziale Probleme moderner Gesellschaft … Integrations-/Desintegrations-, Inklusions- und Exklusionsphänomene sein können.“ (216) Angesichts der Unmöglichkeit von Eindeutigkeit und der Pluralität von Wahrheitsauffassungen in unserer heutigen Gesellschaft verstellt die Aufrechterhaltung eines klassischen Begriffsverständnisses von Integration den Blick für den unklar definierten Integrationsrahmen von Integration als Schließung oder Integration als Einschluss und die damit verbundenen diffusen und teilweise vereinseitigend betrachteten Desintegrationsphänomene, die aus positionaler, emotionaler oder moralischer Anerkennungsbeschädigung erwachsen. Das Begriffspaar Inklusion/Exklusion, auf Parsons zurückgehend, erweitert die akteurstheoretische Perspektive zu einem Panorama teilsystemischer oder systeminterner Differenzierungen. Soziale Probleme stehen nunmehr in einem differenztheoretischen Deutungszusammenhang. Vorallem können Veränderungsmechanismen der Funktionssysteme der Gesellschaft in den Blick genommen werden. Müller lehnt hier an den Baekerschen Motivverdacht: Funktionssysteme operieren hin zu Aufrechterhaltung ihnen bestimmter Eigenzustände und dienen der systemeigenen Reproduktion. Sie stehen unter dem „Verdacht“ mehr system- als akteursorientiert zu nutzen (Baeker 2002).

Abschließend erörtet Müller die problematischen Inklusions- und Exklusionsphänomene limitierte und Hyperinklusion sowie vier graduell differenzierte Problembereiche der Exklusion, Entrationalisierung des Systems, gradueller Verlust der Systemfunktion, explizite/dauerhafte Exklusion und Exklusionsdrift.

Diskussion

Wie die vorangegangene Inhaltsbeschreibung zeigt, besteht eine der großen Herausforderung der Arbeit von Matthias Müller an den Lesenden in den Begrifflichkeiten. Zum Teil begegnet man einer gewissen Redundanz der Erläuterungen, die Lesbarkeit erschweren. Der theoretische Charakter dieser Publikation ermöglicht es eben nicht, Anschaulichkeitsbedürfnis und Beispielneugier der Lesenden zu bedienen. Kaleidoskopisch öffnet der Autor das analytische Potential der beiden Referenzpunkte Akteur und System in komplementärer Anwendung. Dergestalt erweist sich die innovative Theorie Müllers als anschlussfähig und einladend für empirische Untersuchungen zur sozialen Arbeit. Dafür die Theorie polyglotter Kommunikation als Referenzrahmen und theoretisches Fundament nun zur Verfügung zu haben, ist ein Gewinn für die Wissenschaft der Sozialen Arbeit.

Fazit

Der Autor ordnet akribisch und ausgezeichnet nachvollziehbar systematisch die Begriffe, die er eingangs in verschiedene Dimensionen hin ausdifferenziert hat. Die Leistung der Arbeit besteht in genau dieser komplexen Ausdifferenzierung. Müllers Doppelperspektive ermöglicht multiple und gleichzeitige präzise Zugänge zu den Problembereichen unserer Gesellschaft. Er zeigt überzeugend, wie sich die Hilfefunktionen Sozialer Arbeit sowohl akteurs- als auch systembezogen in moderner Gesellschaft entfalten. Nicht zuletzt erfährt soziale Arbeit durch diese Erkenntnis beträchtliche Aufmerksamkeit und eine angemessene Würdigung.


Rezensentin
Grit Claudia Heinrich
M.A., Interkulturelle Trainings und Coaching Hamburg


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Zitiervorschlag
Grit Claudia Heinrich. Rezension vom 04.08.2010 zu: Matthias Müller: Polyglotte Kommunikation. Soziale Arbeit und die Vielsprachigkeit ihrer Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. ISBN 978-3-89670-912-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7059.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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