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Heiko Kleve: Konstruktivismus und Soziale Arbeit

Heiko Kleve: Konstruktivismus und Soziale Arbeit. Einführung in Grundlagen der systemisch-konstruktivistischen Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 3., überarb. u. erw. Auflage. 174 Seiten. ISBN 978-3-531-16046-7. 16,90 EUR.
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Kontext und Anliegen

Systemische Methoden haben vor Jahren Einzug in die sozialpädagogische Praxis gehalten und gehören mittlerweile zum selbstverständlichen Repertoire in allen Praxisfeldern. Gleichzeitig sind mit dem Paradigma der Lebensweltorientierung, das spätestens mit dem 8.Jugendbericht und dem in seiner Folge verabschiedeten Kinder- und Jugendhilfegesetz zumindest für die Jugendhilfe zum handlungsleitenden Maßstab geworden ist, die subjektiven Deutungsmuster der AdressatInnen und ihre Konstruktionen von Welt als zentrale Ausgangspunkte Sozialer Arbeit identifiziert worden. Zunehmend wurde darüber hinaus deutlich, dass die Professionellen und ihre Institutionen ihrerseits mit sozialen Repräsentationen und ihren jeweiligen Konstruktionen von Normalität und Wirklichkeit die Lebenswelt ihrer AdressatInnen deuten und interpretieren.

Wir haben es in der Sozialen Arbeit (wie anderswo auch) allenthalben mit sozialen Konstruktionsprozessen und systemischen Zusammenhängen (und Methoden) zu tun. Während über die „praktische Seite“ dieser Entwicklung zahlreiche Veröffentlichungen vorliegen, die verständlich und kompakt als Orientierungshilfe für Praktikerinnen und Praktiker dienen können, ist der interessierte Leser was die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus angeht, abgesehen von einzelnen Veröffentlichungen in Fachzeitschriften vor allem auf die Werke der Begründer des Konstruktivismus (Heinz von Förster, Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawik u.a) und der Systemtheorie (Talcott Parsons, Niklas Luhmann u.a) verwiesen. Diese erweisen sich häufig als sperrig und voraussetzungsvoll, so dass theorieungewohnte PraktikerInnen ihren Versuch, Konstruktivismus und Systemtheorie auch theoretisch verstehen zu wollen, schnell aufgeben.

Heiko Kleve ist es mit der vorliegenden Veröffentlichung gelungen, diese Zusammenhänge theoretisch hinreichend differenziert und anspruchsvoll, zugleich aber übersichtlich und verständlich darzustellen. Bei der vorliegenden 3. Auflage handelt es sich im Wesentlichen um eine Neuauflage des bereits 1996 in einem anderen Verlag unter gleichem Titel erschienen Werkes, das im Anhang um ein Glossar zu Grundlagen, Geschichte und Grundbegriffen ergänzt wurde.

Aufbau und Inhalt

Der Autor legt zunächst überzeugend und anschaulich dar, dass der „Normalisierung“ als zentraler Funktion Sozialer Arbeit angesichts der Pluralisierung der Lebenswelten verbindliche, handlungsleitende Normen abhanden gekommen sind. Stattdessen sind die professionellen Akteure auf ihre eigenen Deutungen, Wertungen und Moralvorstellungen verwiesen. „Ob Sozialarbeiter nun normalisieren, problematisieren oder helfen, jedes Mal orientieren sich ihre Erkenntnisse und Handlungen auf ihr Klientel, aber die Ausgangs- und Endpunkte dieser Tätigkeiten sind immer die selbstreferentiell konstruierten Wirklichkeiten (Normen, Werte oder Problemdefinitionen) der Helfer, der sozialen Organisationen bzw. des Funktionssystems Sozialer Arbeit.“ (38)

Vor diesem Hintergrund entwickelt der Verfasser mit Rückgriff auf Kernbegriffe der Systemtheorie zentrale Zusammenhänge der Konstruktion von Wirklichkeit. Zunächst wendet er sich der „Wirklichkeit als biologischer und psychologischer Konstruktion“ zu und beschreibt Kognition, Beobachtung, Beschreiben und Verstehen als die grundlegenden Prozesse von individueller (und professioneller) Wirklichkeitskonstruktion. Mit anschaulichen Beispielen aus der sozialpädagogischen oder psychologischen Praxis werden diese Prozesse verständlich illustriert. Ziel dieses Abschnittes ist es „…das Phänomen der Selbstreferenz, welches letztlich allem unseren Tun und Erleben zugrunde liegt, ausgehend von den biologischen Grundlagen unserer Erkenntnisfähigkeit bis hin zu den kommunikativen Verstehensprozessen.“ zu betrachten.

Der mit „Wirklichkeit als soziale Konstruktion“ überschriebene dann folgende Abschnitt beschreibt hingegen die interaktiv-kommunikativen Aspekte von Wirklichkeitskonstruktionen. Der Verfasser macht deutlich, „dass unsere gemeinsame Realität ein auf der Basis von Sinn erzeugtes Konstrukt ist, welches in der heutigen Gesellschaft insbesondere durch Funktionssysteme repräsentiert wird. So konstruiert nicht nur das individuelle Bewusstsein innerhalb seiner autopoietischen Organisation Wirklichkeit, sondern gleichfalls die Gesellschaft.“ (96f)

Daran anschließend entwickelt der Verfasser Handlungsanregungen für eine konstruktivistische Soziale Arbeit. Seiner Auffassung nach liegt der Wert des konstruktivistischen Paradigmas nicht zuletzt darin, dass es uns dafür sensibilisiert, „…dass Personen den sozial vorkonstruierten Wirklichkeiten nicht hilflos ausgeliefert sind. Es sind auch immer andere Möglichkeiten der Konstruktion vorstellbar.“ (97)

Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen die von Paul Watzlawik u.a. entwickelten vier Schritte des Wandels:

  • Erstens: die klare, konkrete und von den Sichten der Klienten und den anderen Beteiligten ausgehende Darstellung und Definition der Probleme…
  • Zweitens: die Untersuchung der kognitiven Modelle, Hypothesen, Sichtweisen (kurz: der Landkarten) und kommunikativen Interaktionsmuster der Klienten, die mit ihren bisherigen und erfolglosen, ihre Probleme zumeist verschlimmernden Lösungsversuchen einhergehen…
  • Drittens: eine klare, von den Klienten und den anderen Beteiligten ausgehende Bestimmung des Ziels bzw. der Lösung…
  • Viertens: die Erarbeitung und Realisierung eines Weges zur Herbeiführung des Ziels bzw. der Lösung… (vgl. 105).

An diesen vier Schritten macht der Verfasser ausführlich und anschaulich den Nutzen systemisch-konstruktivistischen Denkens für die Soziale Arbeit deutlich und deutet Grundzüge lösungsorientierten Handelns an, die wir dann in einschlägigen Methodenhandbüchern weiter entfaltet vorfinden. So gelingt ihm ein Brückenschlag zwischen anspruchsvoller Theorie einerseits und praktischen Konsequenzen andererseits, indem er versucht, „…konstruktivistisches Denken für die Reflexion theoretischer und praktischer Problemstellungen Sozialer Arbeit nutzbringend anzuwenden.“ (141)

Fazit

Der vorliegende Band bildet auf anschauliche, verständliche und anregende Weise die Grundlagen systemischer und konstruktivistischer Theoriebildung ab und belegt mit zahlreichen Praxisbeispielen deren Relevanz für sozialpädagogisches Handeln. Die Übersichtlichkeit und die Form der Darstellung machen das Buch zu einer geeigneten Lektüre für alle, die einen verständlichen, praxisbezogenen und dennoch anspruchsvollen Einstieg in die Grundgedanken des konstruktivistischen Paradigmas suchen. Die Lektüre ist insbesondere auch den PraktikerInnen zu empfehlen, die täglich mit systemischen Methoden arbeiten, ohne diese angemessen theoretisch zu verorten.


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 30.06.2009 zu: Heiko Kleve: Konstruktivismus und Soziale Arbeit. Einführung in Grundlagen der systemisch-konstruktivistischen Theorie und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 3., überarb. u. erw. Auflage. ISBN 978-3-531-16046-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7060.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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