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Angelika Rothmayr: Pädagogik und unterstützte Kommunikation

Cover Angelika Rothmayr: Pädagogik und unterstützte Kommunikation. Eine Herausforderung für die Aus- und Weiterbildung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2008. Orig.-Ausg., 2., überarbeitete Auflage. 276 Seiten. ISBN 978-3-86059-194-9. 24,90 EUR.

Reihe: Von-Loeper-Fachbuch. Unterstützte Kommunikation.
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Thema

Schwere Kommunikationseinschränkungen stellen für die betroffenen Menschen oft eine gravierende Beeinträchtigung ihrer Partizipationsmöglichkeiten dar. Auch die Angehörigen sehen sich meist großen Herausforderungen gegenüber. In der Unterstützten Kommunikation werden für die betroffenen Menschen und ihre Bezugspersonen nach interdisziplinären Wegen gesucht, die Kommunikationsmöglichkeiten zu erweitern und die Kommunikationseinschränkungen auszugleichen.

Angelika Rothmayr diskutiert die Unterstützte Kommunikation in Bezug auf die Frage nach einem geeigneten Kompetenzprofil für Studierende der Heilpädagogik in ihrer Promotion, die sie 2001 an der Universität Leipzig erfolgreich abgeschlossen hat. Das vorliegende Buch ist die zweite überarbeitete Auflage ihrer Dissertation.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin geht aus von der These: „Würde die Fachliteratur zu Unterstützter Kommunikation und umfassender Behinderung in der Ausbildung bestimmend berücksichtigt, ließe sich die Praxis verändern.“ (20) Aufbauend formuliert sie ihre Fragestellung für diese Arbeit:

  • „Wie lässt sich der Forschungsstand in die Ausbildungscurricula integrieren?
  • Welches sind Schlüsselbegriffe, was sind Inhalte, mit denen sich Ausbildung auseinandersetzen müsste, um die derzeitige Praxis [...] zu verändern?“ (ebd.).

Sie bearbeitet diese Frage, indem sie die deutschsprachige Fachliteratur von 1989 bis 1999 nach Beschreibungen notwendiger Kompetenzen für die Anwendung von Unterstützter Kommunikation durchsucht. Aus dieser Analyse erstellt sie eine Liste von 34 zentralen Themen vom Erfassen der Bedeutung von Sozialerfahrungen über Prozessorientierung und Partizipationsbarrieren bis hin zu kommunikativer Kompetenz. Diese strukturiert sie in 9 Kompetenzbereiche vom Eindenken und Einfühlen über kommunikative Kompetenzen, Kompetenzen zu Sprachentwicklungstheorie, didaktisch-methodische, technische, heilpädagogische, zwischenmenschliche Kompetenzen bis hin zu Reflexionskompetenzen und interdisziplinären Kompetenzen.
In diese Kompetenzbereiche ordnet sie die große Zahl der ermittelten Kompetenzen ein. Beispielhaft vertieft sie zwei Kompetenzbereiche („Einfühlen und Eindenken“ sowie „Allgemeine und spezifische kommunikative Kompetenzen“), indem sie wichtige Inhalte der Unterstützten Kommunikation in diesen beiden Bereichen darstellt.
Einen weiteren inhaltlichen Schwerpunkt legt sie auf ein reflektiertes positives Menschenbild, für das sie „Würde“ und „Schweigen“ als Basis diskutiert.

Thematisch zentral sind ihre Konsequenzen für die Ausbildung. Sie gibt eine Reihe von methodisch-didaktischen Anregungen, insbesondere das „Simulationsspiel als lernaktive Methode der Bildungspraxis“ und als „Möglichkeiten einer Annäherung“. Zudem stellt sie umfangreiche Überlegungen zu „Möglichkeiten des Einbezugs nicht lautsprachlich kommunizierender Menschen in die Ausbildung“ an.

Neu in der zweiten Auflage sind ihre Überlegungen zu „Standards Unterstützter Kommunikation“. Diese reichen vom Recht auf Kommunikation und Kommunikationsförderung, auf UK-Angebote, auf Zugang zu UK-Hilfsmitteln, auf den kontinuierlichen langfristigen Aufbau eines Kommunikationssystems über die Notwendigkeit, dass „alle Lehrkräfte, die mit nicht oder kaum lautsprachlich kommunizierenden Schülerinnen und Schülern arbeiten, [...] mindestens UK-Grundbegriffe kennen [müssen]“ bis hin zum Aufbau eines UK-Fundus an geeigneten Materialien in der Schule.

Ebenfalls ein neu integrierter Aspekt ist ein Stufenkonzept der Unterstützten Kommunikation in der Schule, das an der schulischen Einteilung in Grund-, Mittel-, Haupt- und Werkstufe orientiert ist. Er beginnt in der Grundstufe mit der Diagnostik, der Anbahnung und Versorgung. Die Mittelstufe zielt auf Festigung, Erweiterung und Intensivierung. In der Hauptstufe soll eine erneute Diagnostik und Planung erfolgen, während die Werkstufe die „Adaption an das zukünftige Berufsleben und den weiteren Lebensweg“ sowie die entsprechenden institutionellen Überblick im Fokus hat.

Diskussion

Wie ordnet sich dieses Buch nun in den aktuellen Kenntnisstand der Unterstützten Kommunikation ein? Die Situation von Menschen mit schweren Kommunikationseinschränkungen und die Unterstützte Kommunikation erhalten seit vielen Jahren eine kontinuierliche Zunahme des Interesses, wie es etwa an den Mitglieder der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation und auch an den Fachveröffentlichungen zu erkennen ist. Daher ist die Qualifizierung von Fachleuten in Sachen Unterstützte Kommunikation ein wichtiges und praxisrelevantes Thema.

Mit der Umstellung der Studiengänge auf das Bachelor- und Mastersystem mit den neu zu definierenden Kompetenzbereichen und Modulen bestand in den letzten Jahren zusätzlich die Chance, aktuelle Inhalte etwa zur Unterstützten Kommunikation in die Studiengänge zu integrieren. Für die Bereiche Weiterbildung und die Entwicklung von Qualitätsstrukturen in Einrichtungen der Behindertenhilfe gilt teilweise vergleichbares. Vor diesem Hintergrund kam das Buch von Angelika Rothmayr zur richtigen Zeit.

Die Analyse notwendiger Kompetenzen und die Gliederung in neun Kompetenzbereiche bieten hier tatsächlich einen Ansatzpunkt. Dabei ist die Wichtigkeit des Menschenbilds und der Grundhaltung ein Punkt, den Angelika Rothmayr stärker betont und herausgearbeitet hat, als das bisher der Fall war.

Demgegenüber hat das Buch klare Schwächen bei den Grundbegriffen. So steht AAC keinesfalls für „unterschiedliche unterstützende und alternative Möglichkeiten der Kommunikation mit nicht lautsprachlich kommunizierenden Menschen“ (S. 34), sondern für „ergänzende und ersetzende Kommunikation“ (Schlosser 1992). Entsprechend ist AAC auch nicht Abkürzung für „augmentative, alternative Communication“ (S. 34), sondern für „Augmentative and Alternative Communication“ – wobei den Gründungsmitgliedern wichtig war, dass sowohl unterstützende als auch ersetzende Kommunikation eingeschlossen sind. Zudem geht es nicht nur um „nicht lautsprachlich kommunizierende Menschen“, sondern um alle Menschen mit Kommunikationseinschränkungen, explizit auch um Menschen, die etwa nicht schreiben können. Korrekturen wären hier bei der nächsten Überarbeitung angeraten.

Interessant ist das Buch insbesondere für Fachleute, die mit der Entwicklung von Curricula im Bereich der Unterstützten Kommunikation befasst sind. Hier stellt es einen ersten Einstieg in die Thematik dar. Wünschenswert wären Bezüge zu den neuen Studien- und Weiterbildungsstrukturen im Rahmen des Bolognaprozesses – insbesondere für die Entwicklung von Modulhandbüchern.

Eine weitere sinnvolle Ergänzung wäre die Differenzierung der Zielgruppen von Qualifizierungsmaßnahmen. Dieses Buch bezieht sich implizit ausschließlich auf SonderschullehrerInnen. Aber für die Verbesserung der unterstützt kommunizierenden Menschen werden auch Fort- und Weiterbildungen für medizinische und therapeutische Fachleute, für (außerschulische) HeilpädagogInnen und für Pflegekräfte benötigt. Nachgefragte Qualifizierungsmaßnahmen reichen von einem kurzen Impulsvortrag vor Führungskräften großer Einrichtungen über Sensibilisierungsmaßnahmen für ehrenamtliche Begleiter und ein- bis zweitägigen Schulungsmaßnahmen bis hin zum Studienschwerpunkt Unterstützte Kommunikation im Bachelorstudiengang Heilpädagogik oder einem Masterstudiengang Unterstützte Kommunikation. Abhängig davon sind unterschiedliche Module und Kompetenzbereiche notwendig.

Im Zusammenhang mit der Etablierung von Qualifizierungsmaßnahmen zentral sind Strukturen der Evaluation. Wie kann geprüft werden, ob die angestrebten Kompetenzen im Rahmen der Qualifizierung von den Teilnehmern tatsächlich erreicht wurden. Das lässt sich für Faktenwissen möglicherweise noch relativ einfach überprüfen. Aber wie kann das bei Themen wie Menschenbild und Grundhaltung erfolgen?

Fazit

Insgesamt hat dem Buch die Straffung in der zweiten Auflage gut getan. Es ist die erste deutschsprachige Forschung zu Kompetenzzielen von Qualifzierungsmaßnahmen der Unterstützten Kommunikation, der weitere folgen mögen. Hilfreich wäre etwa die Auswertung von internationaler Literatur mit einer Fokussierung auf Lehrbücher, die Einbettung in Strukturen der Curriculums- und Qualitätsentwicklung einschließlich der Evaluation und die Differenzierung nach Zielgruppen etwa in einer ökosystemischen Sicht.


Rezension von
Prof. Dr. Gregor Renner
Professor für Heilpädagogik und Unterstützte Kommunikation Katholische Hochschule Freiburg
Homepage www.kh-freiburg.de
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Zitiervorschlag
Gregor Renner. Rezension vom 29.09.2009 zu: Angelika Rothmayr: Pädagogik und unterstützte Kommunikation. Eine Herausforderung für die Aus- und Weiterbildung. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2008. Orig.-Ausg., 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-86059-194-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7065.php, Datum des Zugriffs 29.10.2020.


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