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Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Cover Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2008. 191 Seiten. ISBN 978-3-579-06980-7. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 31,90 sFr.
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Thema

Michael Winterhoff beschreibt in seinem Buch drei verschiedene Beziehungsstörungen zwischen Eltern und ihren Kindern, mit den daraus resultierenden „Folgen“. Diese „Folgen“ zeigen sich, so der Autor, nicht nur in der Familie, sie wirken sich auch auf die Gesellschaft aus, indem sie z.B. das Arbeitsverhalten der Jugendlichen und ihre späteren Paarbeziehungen verändern.

Autor

Michael Winterhoff wurde 1955 geboren. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder. In Bonn studierte er Humanmedizin und ist heute in eigener Praxis Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf den aktuellen Störungsbildern der psychischen Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Michael Winterhoff betrachtet die Störungen aus tiefenpsychologischer Sicht.

Zielgruppe

Dieses Buch richtet sich an Eltern, die ihr Erziehungsverhalten überdenken wollen, an Erzieherinnen, Lehrer, Kinder- und Jugendpsychotherapeuten, kurz gesagt an alle, die mit Kindern und Jugendlichen privat oder beruflich befasst sind.

Inhalt

Im Mittelpunkt seiner Betrachtungen steht die psychische Entwicklung der Kinder. Der Autor beschreibt die Psyche als etwas „Geheimnisvolles“ und „Unanfassbares“, dabei jedoch auch als die Grundlage, um die Art von Problemen zu beschreiben, mit welchen Kinder und Jugendliche zu ihm in die Praxis kommen. „Psychische Fehlentwicklungen sind nicht greifbar und in einer Welt, die nur glaubt, was sie sieht, nicht als Wunde akzeptiert.“ (Winterhoff, 2008; S 70) Bei den Erwachsenen und den Eltern hat sich laut Winterhoff zudem die Vorstellung durchgesetzt, dass sich die Psyche von allein entwickelt. Erst wenn die Erwachsenen (Eltern, Lehrer, Erzieher) verstehen, dass die Psyche Wiederholungen, Kontinuität, Training und Strukturen benötigen, kann sich die Psyche entwickeln, so Winterhoff.

Michael Winterhoff versteht sein Buch keinesfalls als einen Erziehungsratgeber. Sein Ziel ist es, die Leser anzuregen, über die Erziehung nachzudenken. Er beschreibt oft, dass es in früheren Zeiten keine Ratgeber zur Erziehung gab und die Kinder trotzdem zu guten Erwachsenen heranwuchsen, die Arbeiten gingen und Familien gründeten. Der Autor beschreibt, dass die verschiedenen Konzepte in Kindergärten und Schulen wirkungslos bleiben, bis man sich wieder darauf besinnt, welche Grundvoraussetzung diese Konzepte benötigen: „eine psychische Reife unserer Kinder.“ (ebd. S. 18) Diese Reife wird heute aber zu wenig gefördert.

Er weist darauf hin, dass Kinder heute viel zu oft als kleine Erwachsene angesehen und den Erwachsenen ebenbürtig gemacht werden. Damit seien die Kinder jedoch restlos überfordert. (vgl. ebd. S. 19) Diese Auffälligkeit beschreibt er in verschiedenen Beispielen; so etwa in der Familie, in der das Kind z.B. selbstverständlich bei Gesprächen über Finanzen oder die Beziehung der Eltern miteinbezogen wird; oder aber an einem sehr extremen Kindergartenkonzept, in welchem es für Kinder Wellnessangebote gibt, in welchem Kinder eine große Entscheidungsfreiheit haben. Dabei, so Winterhoff, würden die Erwachsenen ihre eigenen Bedürfnisse auf ihre Kinder übertragen. Er stellt die Frage, welche Kinder sich Massagen, Sauna und ähnliches von allein wünschen und dafür den Spielplatz vernachlässigen würden.

Ab etwa der Hälfte des Buches beschreibt Winterhoff die Beziehungsstörungen, welche es zwischen Eltern und Kindern, aber auch zwischen Erziehern/ Lehrern und Kindern geben kann. Er fasst diese Störungen als einen „stufenweisen Prozess“, der einen Beginn mit der Partnerschaftlichkeit (erste Beziehungsstörung) erfährt, den Übergang zur Projektion (zweite Beziehungsstörung) und schließlich die Symbiose (dritte Beziehungsstörung) beinhaltet.
In der Partnerschaftlichkeit nehmen sich die Eltern aus ihrer Erzieherrolle heraus. Eltern sollten jedoch dafür sorgen, dass sich psychische Funktionen bei ihrem Kind entwickeln können. Sie sollten deshalb ggf. ein Fehlverhalten sanktionieren. Aber in der ersten Beziehungsstörung passiert solches nicht, da die Eltern-Kind-Beziehung nicht mehr hierarchisch, sondern partnerschaftlich ist, d.h. die Eltern haben ihr Kind in nicht altersgemäßer Weise als Partner an ihrer Seite akzeptiert. Nach Michael Winterhoff gilt dieser partnerschaftliche Umgang in unserer Gesellschaft bereits als normal.
Die zweite Beziehungsstörung (Projektion) ist nach Winterhoff bei Eltern zu finden, „die in eine Situation (geraten), in der sie das Kind zur Befriedigung ihrer eigenen Bedürfnisse benötigen.“ (ebd. S. 116) Sigmund Freud beschreibt die Projektion ähnlich: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen“. Michael Winterhoff kritisiert, dass das Kind für die Eltern als Messlatte gilt, damit diese erkennen wie gut sie selber sind. Dem Autor zufolge befindet sich die heutige Gesellschaft in dieser zweiten Beziehungsstörung.
Die Symbiose, welche dann die dritte Störung beschreibt, ist z. Z. nur bei Einzelfällen vorzufinden. Symbiose bedeutet nach Winterhoff die Verschmelzung der elterlichen mit der kindlichen Psyche, was somit zu einer Fixierung der Eltern auf ihr Kind führt. Diese führt dazu, dass die Kinder ihre Gegenüber nicht mehr als „Menschen“ wahrnehmen, sondern lediglich als „Gegenstand“, über den sie uneingeschränkte Kontrolle gewinnen möchten.

Winterhoff führt aus, es sei wichtig, dass Eltern bzw. alle Erwachsenen Kindern gegenüber abgegrenzt auftreten. Kinder müssten lernen, dass sie nicht das Maß aller Dinge seien, sondern dass sie sich in der Familie, wie auch in der Gesellschaft einordnen, z.T. auch unterordnen. Dies ist ein Lernprozess, welcher mehrere Jahre andauert.
Eltern und/ oder andere Erwachsene sollten den Kindern klar sagen, was sie machen bzw. was sie lassen sollen. So beschreibt der Autor ein Beispiel aus seiner Praxis. Eine Mutter kommt mit ihrem Kind in seine Sprechstunde. Michael Winterhoff unterhält sich mit der Mutter; während dessen beginnt das Kind die Tasche der Mutter auszuräumen. Der Autor hätte in dieser Situation dem Kind gesagt, dass es damit aufhören soll. Außerdem hätte er bei Nichtbeachten des Gesagten die Tasche weggestellt, damit das Kind eine Grenze erfährt, so dass es nicht alles machen kann, was er gern möchte.

Diskussion

Das Buch ist gut verständlich geschrieben, es ist teilweise zum Schmunzeln, jedoch wird auch immer wieder hervorgehoben, wie gravierend die Beziehungsprobleme zwischen Eltern und Kindern seien. Dabei lässt der Autor unterschiedliche Erziehungsstile und -ziele außer Acht. Es entsteht teilweise der Eindruck, als ob seine Beschreibung der einzige Weg zur Problemlösung sei, ohne in Betracht zu ziehen, dass jeder Mensch eine andere Herangehensweise an Erziehung hat und es auch Kinder gibt, die nicht zu Tyrannen mutiert sind.
In seinem Buch wird kaum auf andere weiterführende Literatur hingewiesen, was die Frage aufwirft, ob seine Ausführungen überwiegend auf seinen Erfahrungen als klinischer Praktiker beruhen oder auch theoretisch und empirisch abgesichert sind.

Fazit

Das Buch „Warum unsere Kinder Tyrannen werden – oder: Die Abschaffung der Kindheit“ ist mit der bereits 10. Auflage ein Bestseller geworden. Es war 2008 der meistgekaufte Erziehungsratgeber (!), obwohl der Autor sein Buch nicht als solchen versteht. Ein großer Teil des Erfolges liegt nach Meinung der Rezensentin an den prägnanten, eindringlichen Beispielen, welche er in seinem Buch immer wieder anführt und welche auch durch die Medien bekannt geworden sind.


Rezension von
Doreen Hampel


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Zitiervorschlag
Doreen Hampel. Rezension vom 17.03.2009 zu: Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden oder: Die Abschaffung der Kindheit. Gütersloher Verlagshaus Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH (Gütersloh) 2008. ISBN 978-3-579-06980-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7079.php, Datum des Zugriffs 19.05.2021.


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