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Ulrich H. J. Körtner: Evangelische Sozialethik

Cover Ulrich H. J. Körtner: Evangelische Sozialethik. Grundlagen und Themenfelder. UTB (Stuttgart) 2008. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 406 Seiten. ISBN 978-3-8252-2107-2. 22,90 EUR.

Reihe: UTB - 2107.
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Thema

In diesem Lehrbuch entwickelt der Autor zunächst eine Allgemeine Theorie der Evangelischen Sozialethik. In ihr wird auf der Grundlage der von Max Weber entwickelten Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik der allgemeinethische Begriff der Verantwortung in Bezug zum protestantischen Begriff der Rechtfertigung gesetzt und daraus der Ansatz einer spezifisch theologischen Verantwortungsethik in evangelischem Verständnis entwickelt. Dabei geht der Autor neben der Frage nach dem Verhältnis von Ethik und Kirche in besonderer - und für die späteren Teile wichtigen - Weise auf die Problematik Ethischer Konflikte bzw. des ethischen Dilemmas ein. - In einer dem allgemeinen Teil folgenden materialen Ethik greift der Autor zentrale Themen der aktuellen ethischen Debatte auf und erörtert diese auf der Grundlage der von ihm entwickelten Theorieaspekte. - Am Ende jedes Kapitels wird ein umfangreicher Blick in die einschlägige Literatur zum Thema angeboten, der die Gesichtspunkte der innertheologischen Diskussion weit überschreitet.

Autor

Ulrich H.J. Körtner (Jahrg. 1957) ist seit 1992 Ordinarius für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Zugleich ist er Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin der Universität Wien.

In seinen zahlreichen Veröffentlichungen nehmen - vor allem seit 1992 - die Themen der biblischen Hermeneutik, der Ökumene sowie der Medizinethik ein besonderes Gewicht ein. Von 1998-2008 war Körtner auch Vorsitzender der Rudolf-Bultmann-Gesellschaft für Hermeneutische Theologie. Vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Österreich wurde er zum "Wissenschaftler des Jahres 2001" gewählt.

Aufbau und Inhalt

Gegenüber der ersten Auflage (1999) enthält die Neuauflage neben Aktualisierungen und Korrekturen im allgemeinen Teil vor allem ein neues Kapitel über die Kirche als Gegenstand und Ort christlicher Sozialethik sowie im materialen Teil einige wichtige Erweiterungen (Kap. 5: Politik und Staat) und Neuakzentuierungen insbesondere zu Fragen der Ökumene.

Die Einleitung (S. 15-32) entwickelt zunächst Zielsetzung und Ansatz des Werkes (S. 15-25), in der sich der Verfasser unter Berufung auf Hans Krämer zu einer "integrativen Ethik" bekennt. Sie muss - auf der Basis verantwortungsethischer Prinzipien - allerdings im theologischen Kontext neu gefasst werden, was nach Körtner vor allem durch den Bezug auf Luthers Rechtfertigungslehre als möglich erscheint. Auf dieser Basis lassen sich Aspekte der Pflichtenethik mit denen einer Güterlehre verbinden und weiterhin das Thema einer Tugendlehre erschließen. Körtner betont - sicherlich auch mit Blick auf die katholische Soziallehre und Moraltheologie - die Mehrdimensionalität der Ethik und warnt unter Berufung auf Dietz Lange vor der falschen Alternative einer Bekenntnis- und Ordnungsethik. Von daher ergibt sich in der Praxis für den Ethiker in erster Linie eine Beratungsfunktion im Sinne der ethischen Entscheidungshilfe für die eigentlichen Handlungsträger.

Es folgen in der Einleitung eine Erläuterung des Aufbaus mit Benutzerhinweisen sowie ein ausführliches Verzeichnis der Literatur zur Ethik der Gegenwart.

Der erste (allgemeine) Hauptteil befasst sich mit Grundlagen Evangelischer Sozialethik. Dabei werden fünf thematische Aspekte in den Blick genommen:

  1. "Was ist Sozialethik" - u.a. mit einer Unterscheidung von Moral und Ethik sowie der Erläuterung der vier Dimensionen menschlichen Handelns und ethischer Urteilsbildung.
  2. "Evangelische Ethik und Kirche" - mit einer Klärung des Begriffs der "Kirchlichen Ethik" sowie einer Erläuterung der Gestaltung und der gesellschaftlichen Funktionen von Kirche.
  3. "Sozialethik als Verantwortungsethik. Der Verantwortungsbegriff in der ethischen Diskussion der Gegenwart" - als erste Bestimmung des ethischen Ausgangspunktes des Verfassers
  4. "Ethik im Widerstreit. Ethische Konflikte und konfligierende Ethiken" - wo im Blick auf Hans Küngs Postulat eines "Weltethos" an die notwendige Reflexivität der Ethik erinnert wird.
  5. "Rechtfertigung und Verantwortung. Der Ansatz einer theologischen Verantwortungsethik" - als zweiter und eigentlicher Bestimmung des ethischen Ausgangspunktes.

Im zweiten Hauptteil geht es um Themen materialer Sozialethik, also um aktuelle Konkretionen. Die Themen diese Hauptteils sind:

  • Menschenrechte aus theologischer Sicht (Kap. 6)
  • Politik und Staat (Kap. 7)
  • Sicherung des Weltfriedens aus der Sicht christlicher Friedensethik (Kap.8)
  • Grundprobleme der Medizinethik (Kap. 9)
  • Ehe, nichteheliche und homosexuelle Lebensgemeinschaften aus theologisch-ethischer Sicht (Kap. 10)
  • Chancen und Risiken der Gentechnik (Kap. 11)
  • Ökonomie und soziale Menschenrechte (Kap. 12)
  • Entgrenzung der Wirtschaft und der ethische Sinn des Sonntags (Kap. 13)

Ein Glossar sowie ein umfassendes Register schließen den Band ab.

Zielgruppe

Das Werk ist zunächst Lehrbuch im klassischen Sinn, also geeignet für Studierende der Evangelischen Theologie sowie der Diakoniewissenschaften. Darüber hinaus ist es aber auch für alle am ethischen Diskurs Mitwirkenden eine überaus interessante Einführung in die Denk- und Argumentationsformen einer Evangelischen Sozialethik, die sich nicht in der Binnensemantik konfessioneller Theologie erschöpft.

Als Handbuch ist es zudem für alle am sozialethischen Wissenschaftsbetrieb Beteiligten eine nützliche Arbeitshilfe, nicht zuletzt wegen der umfassenden Literaturangaben und des benutzerfreundlichen Glossar- und Registerapparates.

Diskussion

Das Buch führt die zuletzt von Martin Honecker (1995) repräsentierte Tradition Evangelischer Lehrbücher der Sozialethik fort. Seine Besonderheit besteht in der präzisen Ortsbestimmung Evangelischer Sozialethik: In ihrer Akzentuierung des verantwortungsethischen Prinzips und der daraus resultierenden Mehrdimensionalität ethischen Denkens unterscheidet sie sich einerseits klar von der eher ordnungs- und gesinnungsethischen Prägung katholischer Ethiken. In ihrer integrativen Sicht des Verhältnisses der philosophisch begründeten Verantwortungsethik mit dem reformatorischen Prinzip der Rechtfertigungslehre bezieht sie andererseits eine spezifisch theologische Position, die den philosophischen Diskurs in ihr Denken mit einbezieht - und ernst nimmt. Insofern steht Körtners Position in bester Tradition eines reflexiven Bewusstseins theologisch-ethischen Denkens seit Schleiermacher. Im interdisziplinären ethischen Diskurs - sowohl innerhalb der Geisteswissenschaften als auch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften - ist dies eine hervorragende Basis.

Fazit

Das Buch ist - in seiner zweiten Auflage noch verstärkt - unbedingt empfehlenswert für alle am gesellschaftsethischen Diskurs Beteiligten. Auch für Nichttheologen ist seine Lektüre von großem Gewinn und ein wichtiger Beitrag zur Qualitätssicherung des ethischen Diskurses. - Für Studierende ist es - nicht zuletzt durch seine Benutzerfreundlichkeit und klare Strukturierung - eine unentbehrliche Hilfe.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 28.02.2009 zu: Ulrich H. J. Körtner: Evangelische Sozialethik. Grundlagen und Themenfelder. UTB (Stuttgart) 2008. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8252-2107-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7080.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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