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Birgit von Derschau, Wolfgang Büscher: Lebenslänglich. Vergessene Opfer und [...]

Cover Birgit von Derschau, Wolfgang Büscher: Lebenslänglich. Vergessene Opfer und die Arbeit des Weissen Rings. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2008. 172 Seiten. ISBN 978-3-579-06993-7. 16,95 EUR.
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Zu dem Titel liegt eine Leseprobe vor.

Thema und Hintergrund

Die Autoren geben im Vorwort das Credo und die Zielsetzung des Werkes mit: Die Gesellschaft habe sich um die Opfer (von Straftaten) mit der gleichen Verantwortung und Kraft zu kümmern, wie sie es seit jeher der Täterseite zuteil werde. Zu oft würden Opfer in ihrer Not und ihrem Leid einfach vergessen und fokussiere das öffentliche Interesse zu einseitig auf das Tatgeschehen, die Persönlichkeit des Täters, seine Verfolgung und Verurteilung. Das Buch setzt dem die Darstellung von 25 schweren Verbrechen aus Opferperspektive entgegen.

Inhalt

Die 25, gemäss dem Vorwort, wahren Geschichten von Opfern schwerer Straftaten, wobei auffallend viele Geschichten von häuslicher Gewalt (Paargewalt und Gewalt gegenüber Kindern) und von Sexualdelikten handeln.

Die Geschichten werden in einfachem, leicht lesbarem, teilweise boulevardeskem Stil meist aus Opferperspektive dargestellt und vermögen so Emotionalität - Entsetzen, Verzweiflung, Trauer - von Opfern gut darzustellen, wobei in einigen Geschichten auch Hoffnung bzw. Hoffnungsschimmer zum Ausdruck kommen. Die Opfergeschichten werden nicht von den Opfern selbst erzählt, sondern sind journalistisch aufgearbeitet. Die Geschichten enthalten viel direkte Rede und suggerieren ein unmittelbares Bild des Erlebens der Straftat und der Folgen für die Opfer. In den dargestellten Geschichten sind die Opfer- und die Täterrolle scharf getrennt.

In einzelnen Geschichten wird auch Kritik an der opferunfreundlichen Behandlung durch Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichten laut, bis hin zur Anklage gegen Fehlurteile zu Ungunsten des Opfers. Die im Titel angekündigte Darstellung der Arbeit des WEISSEN Rings zu Gunsten der Opfer erschöpft sich in Hinweisen auf durchwegs positiv dargestellte Unterstützung des WEISSEN RINGS.

Diskussion

Die Geschichten der 25 Opfer berühren und führen zu einem Gefühl von Mitleid und Empathie. Die Darstellungen enthalt aber weder im Hinblick auf das Erleben der Opfer, noch hinsichtlich der Fallgeschichten eine besondere Tiefe. So fehlen Nuancen der Fallgeschichte und der Rollen von Opfer- und Tätern, wie sie für die strafrechtliche Rekonstruktion unabdingbar sind. Auch das Erleben der Opfer wird nicht in der Differenziertheit dargestellt, wie sie oft bei Fallschilderungen durch Opfer selber spürbar ist.

Die jounalistische Rekonstruktion der Geschichten führt zu einer gewissen Verfremdung und Distanz zu den betroffenen Opfern, so dass die beim Lesen ausgelösten Emotionen eher oberflächlicher Natur bleiben. Bein manchen Geschichten wäre eine unvermittelte und direkte Darstellungen durch Opfer unter Umständen besser geeignet gewesen, die Komplexität und Ambivalenz der mit Opferschaft verbundenen psychischen Situation sichtbar zu machen.

Als Leser bleibt man überdies mit der Frage allein, was wie getan werden muss, um solche Straftaten seltener werden zu lassen, oder um Opfer von Straftaten nachhaltig zu unterstützen.

Das Buch will solche Fragen aber auch gar nicht beantworten, sondern nur, aber immerhin, mit 25 kurzen Opfergeschichten Empathie für Opfer von Straftaten wecken.

Fazit

Wer leicht lesbar Geschichten von Opfern schwerer Straftaten aus Opferperspektive erzählt nachlesen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient. Wer mehr Tiefe in der Auseinandersetzung mit Strafrecht und Opferunterstützung sucht, findet sie hier allerdings nicht.


Rezensent
Peter Mösch Payot
Mlaw, LL.M.
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Zitiervorschlag
Peter Mösch Payot. Rezension vom 24.09.2009 zu: Birgit von Derschau, Wolfgang Büscher: Lebenslänglich. Vergessene Opfer und die Arbeit des Weissen Rings. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2008. ISBN 978-3-579-06993-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7088.php, Datum des Zugriffs 26.06.2017.


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