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Lisa Rosen, Schahrzad Farrokhzad (Hrsg.): Macht - Kultur - Bildung

Cover Lisa Rosen, Schahrzad Farrokhzad (Hrsg.): Macht - Kultur - Bildung. Festschrift für Georg Auernheimer. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. 332 Seiten. ISBN 978-3-8309-2031-1. 34,90 EUR.
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Ein Leben für interkulturelle Kompetenz

Als Georg Auernheimer, der Mentor einer Aufbruchstimmung, die in Deutschland etwa Mitte der 1980er Jahre einsetzte und mit dem Ausrufezeichen "Interkulturelle Pädagogik" firmierte, 2005 von der Kölner Universität emeritiert wurde, da war allen klar, dass dieser berufliche Einschnitt kein Austritt aus dem Diskurs bedeuten konnte, dass Auernheimers Leitmotive "Gleichheit und Anerkennung" bei der gesellschaftlichen Integration von Einheimischen und Zugewanderten auch weiterhin bedeutsam, von ihm und seinen Schülerinnen und Schülern, vertreten werden würden. Die umfangreiche Liste seiner Veröffentlichungen zur Thematik beginnt 1984 mit dem "Handwörterbuch der Ausländerpädagogik", macht mit Einwürfen zur "Pädagogik in multikulturellen Gesellschaften" (1996) den Wechsel der Blickrichtung deutlich und fixiert mit der 2007 in fünfter Auflage erschienenen "Einführung in die Interkulturelle Pädagogik" (1990) seine Wirkungen auf den interkulturellen Dialog. Dass Georg Auernheimer sich auch nach seiner Emeritierung nicht "zur Ruhe gesetzt" hat, sondern sich weiterhin engagiert beteiligt an der bis heute nicht gelungenen Integration in unserer Einwanderungsgesellschaft, zeigt sein Beitrag "Interkulturelle Bildung als eine Dimension Politischer Bildung", in dem Sammelband von G. Gruber u.a. (Hrsg.), Demokratie lernen heute. Politische Bildung am Wendepunkt; 2008 (vgl. zur Thematik auch die Rezension zu: Wolfgang Gippert, u.a. (Hrsg.), Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven; sowie die Rezension zu Paul Scheffer, Die Eingewanderten. Toleranz in einer grenzenlosen Welt).

Herausgeberinnen und Entstehungshintergrund

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für interkulturelle Bildungsforschung der Universität Köln, Lisa Rosen, und die dortige Lehrbeauftragte und interkulturelle Trainerin, Schahrzad Farrokhzad, haben die bei zwei wissenschaftlichen Veranstaltungen 2004 und 2005 in Köln formulierten und diskutierten Beiträge, zusammen mit weiteren Positionsbeschreibungen zu Fragen der interkulturellen Kompetenz und zum interkulturellen Lernen, nun in einer Festschrift für Georg Auernheimer vorgelegt. Der Titel des Bandes ist gleichsam Programm und Auftrag, dem sich Auernheimer verpflichtet weiß: Macht, Kultur, Bildung sind zusammenhängende Phänomene menschlichen Handelns, die kulturelle und interkulturelle Identitäten schaffen. Gesellschaftliche Macht- und Ungleichheitsverhältnisse bedürfen der Analyse und damit der Veränderung hin zu "Chancengleichheit und Anerkennung unterschiedlicher (kultureller) Lebensentwürfe als Voraussetzung für ein konstruktives Zusammenleben in einer ethnisch-kulturell vielfältigen Gesellschaft". Das Verständnis von Kultur im Zusammenhang mit der kulturellen Identität und der interkulturellen Kommunikation ist bedeutsam für die Deutung des gesellschaftlichen Lebens, wie auch für eine aktive Teilnahme daran, weil die "Verwendung eines offenen und dynamischen Kulturbegriffs sowie die Betrachtung der Orientierung … von hoher Bedeutung" ist. Natürlich mündet alles in einem wahrnehmbaren, emanzipatorischen Bildungs- und Erziehungsbegriff, der sich in dem überkommenen und überholten deutschen Bildungssystem nicht verwirklichen lasse, sondern nur in einem "konstruktiveren Umgang mit Heterogenität" zu lösen sei.

Aufbau

In dem Sammelband haben eine Reihe von Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Diskussionspartner Georg Auernheimers mitgewirkt. Die Herausgeber gliedern das Buch nach den drei genannten "Auernheimerschen" Kriterien: MACHT – gesellschaftliche, postmoderne und sozialpsychologische Zugänge; KULTUR – Begriffsbestimmung und Grundlagen Interkultureller Pädagogik; und BILDUNG – empirische und methodische Beiträge.

1. Macht

Der Erziehungswissenschaftler Volker Schubert vom Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Hildesheim will im ersten Teil "Erziehung und Bildung in ihrer gesellschaftlichen Formbestimmtheit begreifen". Dabei macht er sich auf die Suche nach Elementen aus Auernheimers Beiträgen zu einer materialistischen Pädagogik, die er aber mit zwei Vorbehalten versieht: Zum einen den Vorbehalt, dass der Begriff "etwas Fertiges, Abgeschlossenes, klar Identifizierbares zu signalisieren" scheine; zum anderen, dass der Begriff als "Paradigma in Abgrenzung und Konkurrenz zu anderen" stünde. Klar ist jedoch, dass eine kritische Erziehungswissenschaft "pädagogische Fragen nicht unabhängig von ihrem gesellschaftlichen und politischen Kontext behandeln" könne. So weist Schubert eindringlich darauf hin, dass in dem Diskurs und in den globalen Anforderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen die historisch-materielle Praxis bei der Formulierung von pädagogischen Perspektiven gesellschaftstheoretisch begründet werden müssen.

Der Erziehungs- und Kultursoziologe an der Kölner Universität, Wolf-Dietrich Bukow, stellt "Überlegungen zu einer Reformulierung der Interkultureller Pädagogik unter den Bedingungen der Postmoderne" an. Dabei richtet er seinen Blick auf die von Auernheimer vertretene Interkulturelle Pädagogik, indem er nach den gesellschaftlichen Veränderungen Hier und Heute fragt. Er bemerkt, dass die Interkulturelle Pädagogik situationsadäquater argumentieren und wegkommen müsse von einem "operational geschlossenen Kulturbegriff". Mit seinem Plädoyer für eine "Pädagogik der Alltagskommunikation" rät er, "erstens die intrakulturellen Prozesse stärker zu würdigen, und zweitens die kulturellen Verschiedenheiten entsprechend der rasanten gesellschaftlichen Entwicklung `niedriger` (zu) legen und sich einem "diskursiv situierten Kulturbegriff in einer globalisierten Welt zu(zu)wenden".

Der Kölner Studiendirektor im Hochschuldienst Stefan Neubert, der Erziehungswissenschaftler Olaf Sanders und der Studienrat im Hochschuldienst Erol Yildiz, diskutieren den Komplex "Kultur und Identität: vom Ereignis zum Diskurs (und zurück)". Mit dieser hermeneutischen und verständnistheoretischen Auseinandersetzung über die Begriffe "culture / civilization" und "Kultur / Zivilisation" zeigen sie auf, dass Begriffsbildungen nicht nur sprachliche Verständigung bedingen, sondern sich auch direkt auswirken auf kulturelle Identitäten, die interkulturelle Kommunikation und nicht zuletzt auf die Integrationsbemühungen in einer Einwanderungsgesellschaft: "Erst durch die Anerkennung der Diversität, Komplexität und Widersprüchlichkeit kultureller Praxen und Identitäten wird eine veränderte Perspektive möglich", die Menschen als Individuen wahrnimmt und behandelt. 

Der Klagenfurter Erziehungswissenschaftler Peter Gstettner setzt sich mit seinem Beitrag "Ethnisierung der Minderheiten – die Ethnopluralismusfalle" am Beispiel der Nationenbildung in Ex-Jugoslawien (Slowenien), wie auch der ethnischen Minderheiten der Kärntner Slowenen und der Volksgruppen der Sinti und Roma, auseinander. Dabei konfrontiert er die Positionen des "Clash of Civilizations" Samuel P. Huntingtons mit den Positionen Auernheimers zur Multikulturalität und kommt zu dem Ergebnis, dass die "Ethnopluralismusfalle … für die heutige Zerreißprobe am Bildungssektor mitverantwortlich" ist, ohne dass in den genannten Ländern die Demokratie bei den Staatsbürgern für interkulturelle Lösungskompetenz gesorgt hätte (vgl. dazu die Gegenposition: Stefan Weidner, Manual für den Kampf der Kulturen. Warum der Islam eine Herausforderung ist; Vgl. die Rezension).

Christoph Butterwegge, Kölner Politikwissenschaftler, provoziert mit seinem Titel "Garanten eines ruhigen Gewissens trotz Ausgrenzung von und Gewalt gegen Migrantinnen und Migranten", indem er über die Rolle von Kulturrassismus und Standortnationalismus beim Bau der Wohlstandsfestung (West-) Europas resümiert. Um das Bewusstsein der "Wohlhabenden" zu stärken, und um der Politik den richtigen Weg hin zu einer gerechteren (Einen) Welt zu weisen, plädiert er dafür, die im politischen und nationalen Diskurs benutzten Begriffe, wie "Ausländerfeindlichkeit", "Fremdenfeindlichkeit", "Xenophobie", die verharmlosen und irreleiten, gegen die tatsächlich zutreffende Bezeichnung für gesellschaftliche Macht- und Gewaltverhältnisse, die eine Weltanschauung und soziale Rangunterschiede zwischen Menschengruppen pseudowissenschaftlich zu rechtfertigen, zu ersetzen: Es ist "Rassismus", und nichts anderes!

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner liefert Erklärungen und Interventionen zu "Vorurteilen und Diskriminierungen zwischen ethnischen Gruppen". Mit dem Blick des Kritischen Realismus setzt er sich dafür ein, in der Reflexion und Forschung über rassistisches Denken und Handeln im Zusammenhang mit der mühsamen Entwicklung hin zu inter- und transkulturellen Gesellschaften in der globalisierten Welt zwischen Forschungssubjekt und –objekt zu trennen. Die wichtige Forschungs- und Erkenntnisfrage lautet: "Wieweit sind die psychologischen Erkenntnisse, auf die auch interkulturelle Pädagogik zurückgreift, kulturgebunden, und wieweit versagen diese Modelle, wenn sie auf die Begegnungen zwischen Menschen angewandt werden, die aus sehr anderen kulturellen Hintergründen kommen".

2. Kultur

Den zweiten Teil beginnt der Oldenburger Sozialpädagoge Rudolf Leiprecht, indem über den in der Interkulturellen Pädagogik benutzten Kulturbegriff reflektiert. Es geht darum, "Kulturalisierungen (zu) vermeiden". Dabei mischt er sich engagiert in den (verfestigten) Diskurs über "Kulturstandards" und andere interkulturelle Modelle ein und weist darauf hin, dass es, in der schulischen wie in der außerschulischen Bildung notwendig sei, einen Kulturbegriff zu benutzen, "der kulturalisierende, ethnisierende und nationalisierende Essentialismen, Dichotomisierungen und darauf aufbauende Mystifizierungen vermeiden hilft".

Die Professorin für Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Köln, Cristina Allemann-Ghionda, zieht mit ihrem, mit einem Fragezeichen versehenen Beitrag "Vom Postulat zur bildungspolitischen und didaktischen Umsetzung?", Bilanz über den Anspruch, interkulturelle Bildung eben nicht nur mit hehren Worten und Empfehlungen als eine allgemeinbildende Aufgabe darzustellen, sondern den Bildungsauftrag auch in die schulischen Lehrplänen und Rahmenrichtlinien zu etablieren – und damit wenigstens die Chance zu haben, dass Interkulturelles Lernen tatsächlich auch statt findet. Obwohl sie richtig die Frage stellt, ob denn "interkulturell gebildet werden (kann) und … interkulturelle Didaktik überhaupt möglich (ist), wenn gleichzeitig das mehrgliedrige Schulsystem mit früher Selektion besteht, bei der obendrein die soziale Herkunft, oft gekoppelt mit der ethnischen Zugehörigkeit und mit geschlechtsspezifischen und unreflektierten Genderperspektiven, ein in der Schule kaum hinterfragtes und ausschlaggebendes Kriterium darstellt?". Die notwendige Schulsystem-, wie auch die erforderliche Curriculumreform steckt wieder einmal in den Sümpfen von Unbeweglichkeiten, Unmöglichkeiten und Ideologien und lässt sich genau so wenig heraus ziehen, wie es auch bei der Implementierung der Interkulturellen Bildung in das schulische und außerschulische Lernen voran geht.

Der Kölner Lehr- und Lernforscher Kersten Reich reflektiert den Demokratiegedanken im Konzept der Interkulturellen Pädagogik, indem er insbesondere zwei Auernheimer-Bücher darauf hin befragt, welche Bedeutung sie der demokratischen Orientierung beimessen: "Der sogenannte Kulturkonflikt" (1988) und "Einführung in die Interkulturelle Pädagogik" (dritte Aufl. 2003). Daraus fokussiert er drei Thesen, die sich wie Handlungsanweisungen für die Verwirklichung der Ziele des Interkulturellen Lernens lesen: Es gibt Pluralität und Multikulturalität – Es gibt eine Gemeinschaft des Ungleichen – Es gibt kompensatorische und interkulturelle Erziehung.

Der Erziehungswissenschaftler Hans-Joachim Roth nimmt Stellung zur "Bedeutung der Sprache in der Interkulturellen Pädagogik". Dabei bezieht er seine eigenen Erfahrungen in der Schule und im Studium ein, wie auch seine lehrende und forschende Schwerpunktbildung im Rahmen der interkulturellen Kommunikation. Es geht um die Tatsache, dass Sprache, deren Macht und Ohnmacht, "nicht nur eine Frage der kommunikativen Beziehungsgestaltung und der Durchsetzung legitimer Kodes ist, sondern ebenso eine Frage der Legitimität von Sprachen und Sprecher selbst". Mit dem Ziel, einen wirklich echten, auf Augenhöhe stattfindenden interkulturellen Dialog zu ermöglichen, individuell und gemeinschaftlich, lokal und global, formuliert Roth sechs Forderungen für eine interkulturelle Kommunikation durchaus als didaktische Pflöcke für eine Interkulturelle Pädagogik gelten können.

Die Erziehungswissenschaftlerin an der FH Düsseldorf, Veronika Fischer, diskutiert "Interkulturelle Kompetenz im Kontext von Organisationsentwicklung". Die sich insbesondere im Rahmen der "institutionalisierten Kommunikation" etablierte Fähigkeit, interkulturelle Kompetenz zu entwickeln, definiert die Autorin als "sozialpädagogische Fähigkeit…, angemessen mit Situationen in der Einwanderungsgesellschaft umzugehen". Neben der individuellen Fähigkeit, Empathie zu entwickeln, will die Autorin insbesondere aufzeigen, dass es für die institutionelle Zusammenarbeit darauf ankommt, eine interkulturelle Öffnung zustande zu bringen. Die hierfür notwendigen Denk- und Handlungsprozesse macht sie deutlich.

Der Professor für Soziale Arbeit an der FHS Frankfurt/M., Stefan Gaitanides, stellt "Facetten des Distanz-Nähe-Problems in der interkulturellen Sozialarbeit" dar. Indem er einerseits seine eigenen Erfahrungen dieses Dilemmas formuliert, ordnet er andererseits die Brisanz des Distanz- und Nähe-Themas theoretisch ein. Weil in den Institutionen der Sozialen Dienste deutsche und nicht-deutsche MitarbeiterInnen tätig sind, empfiehlt der Autor ein "zirkuläres Interaktionssystem" mit einem aus der Transaktionsanalyse bekanntem Rollen- und Perspektivenwechsel der Beteiligten.

3. Bildung

Schahrzad Farrokhzad stellt Forschungsergebnisse zu "Schulerfahrungen von Akademikerinnen mit Migrationshintergrund" vor. Die diskutierten und in Fallbeispielen aufgezeigten Aussagen und Erfahrungen machen deutlich, dass das interkulturelle Wirken von Lehrerinnen und Lehrern für eine gelingende schulische Bildung von MigrantInnen (freilich nicht nur von diesen) bedeutsam ist; genau so, wie das Leitbild der Schule und ihr Bekenntnis zur Multikulturalität der Schüler- und Lehrerschaft Schritte in die richtige Richtung weisen. Die Genderforscherin an der Universität Flensburg, Martina Weber, referiert über "ethnische und geschlechtliche Unterscheidungen im Schulalltag". Mit Georg Auernheimer weist sie darauf hin, dass nicht selten Lehrkräfte, im Einklang mit dem Common Sense, ethnozentrische Defizitzuschreibungen bei der Beschulung und Beurteilung von allochthonen Schülerinnen und Schülern vornehmen und es deshalb einer Relativierung der Wahrnehmung und eines Perspektivenwechsels bei Ethnisierungsprozessen bedarf.

Die Kölner Dozentin für Erwachsenenbildung, Angelika Krämer, stellt die Ergebnisse einer im Schuljahr 2003/04 durchgeführten Lehrerbefragung an Grundschulen vor. Dabei ging es insbesondere darum, die Meinungsbildungsprozesse von Lehrkräften zu untersuchen und die im Forschungsprojekt ermittelten Ergebnisse mit anderen Forschungsprojekten zur Thematik zu vergleichen. Die bekannten Fakten, wie sie im wissenschaftlichen Diskurs präsent sind, dass die Schule nicht in der Lage sei, die Benachteiligungen und Unterschiede aufzufangen, die die Kinder mit in die Schule brächten, sind z. B. auch dadurch erklärbar, wie in der Lehrerbefragung deutlich wurde, dass "der Hauptaspekt in der pädagogischen Einschätzung ( ) weniger auf dem Fördergedanken (liegt), sondern eher auf dem Selektionsaspekt". Weder Auernheimer in seinen Arbeiten, noch Angelika Krämer weisen jedoch mit dem Zeigefinger auf die Lehrkräfte; vielmehr sind es Defizite in der Lehreraus- und –fortbildung wie im Bildungssystem, die diese Ergebnisse zu Tage fördern.

Die Professorin für Interkulturelle Bildung an der Universität Hamburg, Ursula Neumann, berichtet über "Einstellungen von Eltern zur Zweisprachigkeit", indem sie Ergebnisse aus Befragungen an bilingualen Grundschulen in Hamburg diskutiert. Obwohl es in Deutschland nach wie vor nur wenig bilinguale Grundschulen (und auch weiterführende Schulen) gibt, dürfte doch interessant sein, welche Motive Eltern bewegen, ihre Kinder gerade in solche Schulen zu schicken. Die Ergebnisse sind eindeutig. Mehrschichtig jedoch sind die (bildungs-)politischen Bedenken gegen bilinguale Schulen, nicht nur, weil sie angeblich zu teuer für die Schulträger seien, sondern vor allem, weil damit "eine gesellschaftliche und politische Anerkennung von Zweisprachigkeit" zum Ausdruck käme. Dafür aber, so scheint es, ist unsere Gesellschaft noch nicht bereit.

Wassilios Baros, Hochschullehrer für Interkulturelle Bildung und Erziehung an der griechischen Demokritos Universität, beschließt den Sammelband mit seinen Überlegungen zu "Wirklichkeitskonstruktionen und Familienbeziehungen von Migrantinnen und Migranten". Dabei befragt er drei unterschiedliche theoretische Erklärungsansätze danach, inwieweit sie dazu taugen, die Befindlichkeiten von MigrantInnen in unserer Gesellschaft zu erfassen. Dabei kommt er zu der, in der hier verkürzten Aussage wohl missverständlich klingenden, jedoch im Zusammenhang mit der Frage nach deren individuellen Identitätsentwürfen und -orientierungen logischen Nachfrage, "inwieweit Kultur … als Kategorie zur Analyse der Situation von Migrant(inn)en geeignet ist".

Fazit

Die Festschrift für Georg Auernheimer stellt sich weder als Lob- noch als Abgesang für den verdienstvollen interkulturellen Wissenschaftler dar. Weil er noch "mitten in seiner Forschungskraft" steht und der Diskurs über eine humane, gerechte und globalisierte (Eine) Welt von Auernheimer weitere Reflexionen und Ideen benötigt, kann man den Sammelband als einen "Zwischenbericht" lesen – und ein Kompendium seiner Innovationen und Wirkungen auf den interkulturellen, gesellschaftlichen Prozess. Wenn MitarbeiterInnen und SchülerInnen die Gedanken des Meisters weiter entwickeln, tritt das ein, was (nicht nur) Interkulturelle Pädagogik auszeichnet: Intelligent und gleichberechtigt auf Augenhöhe zu kommunizieren!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.01.2009 zu: Lisa Rosen, Schahrzad Farrokhzad (Hrsg.): Macht - Kultur - Bildung. Festschrift für Georg Auernheimer. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2008. ISBN 978-3-8309-2031-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7089.php, Datum des Zugriffs 19.01.2021.


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