Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Lingenauber (Hrsg.): Handlexikon der Integrationspädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Hiltrud Loeken, 16.03.2009

Cover Sabine Lingenauber (Hrsg.): Handlexikon der Integrationspädagogik ISBN 978-3-89733-128-0

Sabine Lingenauber (Hrsg.): Handlexikon der Integrationspädagogik. Kindertageseinrichtungen. Projekt Verlag (Bochum) 2008. 207 Seiten. ISBN 978-3-89733-128-0. 18,90 EUR.
Reihe: Handlexikon der Integrationspädagogik
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Das vorliegende Buch ist Band 1 des neuen Handlexikons der Integrationspädagogik, das 2008 von Sabine Lingenauber, Professorin für Integrationspädagogik an der Hochschule Fulda, herausgegeben wurde. Der Band 1 ist dem Schwerpunkt „Kindertageseinrichtungen“ gewidmet, der geplante Band 2 soll sich auf den schulischen Kontext beziehen und ein dritter Band auf die Integration in Beruf und Freizeit. Das kompakte Lexikon versteht sich als Einführung in die Thematik und setzt wie die Herausgeberin in ihrem Vorwort schreibt, „keine Fachkenntnisse voraus“; es richtet sich somit auch an einen „Personenkreis …, der sich in das Thema neu einarbeitet“ (S. 7).

Aufbau und Inhalt

Das Handlexikon umfasst 30 alphabetisch geordnete Einzelbeiträge, die jeweils mit Literaturangaben und Querverweisen versehen sind. Eine Übersicht über die Autorinnen und Autoren findet sich im Anhang (S. 204-207). Das inhaltliche Spektrum reicht von Beiträgen zu Grundbegriffen und der theoretischen Fundierung der Integrationspädagogik bis zur Perspektive von Trägern, Eltern, Erzieherinnen und anderen Beteiligten. Im Folgenden werden die Stichworte kurz skizziert, wobei nicht der alphabetischen Anordnung gefolgt wird, sondern – so weit es geht – der Versuch unternommen wird, in einem inhaltlichen Zusammenhang stehende Begriffe zusammenzuführen.

Eingangs geht Thomas Rauschenbach auf die „Akademisierung der Erzieherinnenausbildung“ ein und weist auf ungeklärte Fragen hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Ausbildungssystems für die Berufsgruppe der Erzieher/innen hin.

Georg Feuser, der insgesamt 6 Stichworte übernommen hat, legt die von ihm entwickelte Konzeption einer „Allgemeine(n) (integrative(n)) Pädagogik“, die auf der materialistischen Behindertenpädagogik und der „Allgemeinbildungskonzeption von Klafki“ (S. 17) aufbaut und im Zusammenhang mit dem so genannten „Bremer Modell“ entwickelt wurde, dar. Unter dem Stichwort „Bremer Modell“ werden von ihm weiterhin die Bremer Entwicklung seit den 1980er Jahren wie auch die Essentials seines Ansatzes beschrieben. Der „Entwicklungslogische(n) Didaktik“ und der Arbeit am „Gemeinsame(n) Gegenstand“ als weitere Kernstücke der tätigkeitstheoretisch begründeten Konzeption Feusers sind weitere Stichworte gewidmet.

Maria Kron stellt mit dem in Frankfurt entwickelten Modell der „Integrative(n) Prozesse“, das seinen Ausgangspunkt im Interaktionsmodell der themenzentrierten Interaktion und der psychoanalytischen Interaktionstheorie (nach Lorenzer)hat, einen weiteren zentralen Ansatz der deutschen Integrationspädagogik vor.

Unter dem Stichwort „Ideengeschichte der Integration“ geht Feuser u. a. kritisch auf die seiner Meinung nach unzureichende Thematisierung der Ideengeschichte der Integration in der allgemeinen Pädagogik wie auch der realen Integrationsentwicklung im deutschsprachigen Raum ein. Ebenfalls kritisch wird von ihm der Begriff der „Inklusion“, der seit geraumer Zeit in die Integrationsdebatte Einzug gehalten hat, gewürdigt.

Die reale Entwicklung integrativer Erziehung und Bildung in Deutschland wird von Sabine Jobst unter dem Stichwort „Geschichte“ skizziert.

Sabine Lingenauber zeichnet in den Stichworten „Behinderung“, „Integration“ und „Normalität“ die Auseinandersetzung um diese Begriffe innerhalb der integrationspädagogischen Diskurse nach, wobei sie auf die Ergebnisse ihrer normalismustheoretischen Analyse der Werke von Eberwein und Feuser zurückgreift.

Auf die Kategorie „Gender“ und ihre Thematisierung in der Integrationspädagogik geht Ulrike Schildmann ein, während Kerstin Merz-Atalik in ihrem Stichwort „Migration / Interkulturelle Erziehung“ die Bedeutung der frühkindlichen Bildung von Kindern mit Migrationshintergrund und Anforderungen an den pädagogischen Umgang mit Diversity beleuchtet.

Verschiedene Formen integrativer Erziehung werden in ihrer Entwicklung und mit ihren spezifischen Vor- und Nachteilen von Maria Kron („Einzelintegration“) und Birgit Papke („Integrative Kindertageseinrichtungen / Gruppen“) vorgestellt. Ulrich Heimlich zeichnet die Bedeutung der „Modellversuche“ für die Entwicklung integrativer Erziehung und die pädagogische Qualität von Kindertageseinrichtungen nach. In einem weiteren Stichwort widmet er sich der Frage nach der Bestimmbarkeit und Förderung der „Qualität“ von Kindertageseinrichtungen und der gemeinsamen Erziehung, während Irmtraud Schnell mit dem „Index für Inklusion“ eine Handreichung für Einrichtungen vorstellt, die eine inklusive Entwicklung anstreben und umsetzen wollen.

In weiteren Stichworten widmet sich Sabine Lingenauber dem „Übergang von der Kindertageseinrichtung in die Grundschule“, dem in aktuellen Erziehungs- und Bildungsplänen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird, und der Reggio-Pädagogik, einem integrationspädagogischen Ansatz, der vor allem auf Vernetzung verschiedener Akteure setzt. Mit der „Montessori-Pädagogik“ wird von Reiner Exner ein weiteres pädagogisches Konzept gewürdigt, auf das im Kontext integrativer Erziehung und Bildung häufig zurück gegriffen wird.

Zum Stand der gemeinsamen Erziehung in anderen Ländern werden exemplarisch die Entwicklung in („Internationale Perspektive") „Australien“ (Andrea Sens), „Österreich“ (Gerald Knapp) und „Schweden“ (Ingrid Pramling Samuelsson) vorgestellt.

Christa Roebke beschreibt aus der „Elternperspektive“ die Bedeutung der Elterninitiativen und ihren Einfluss auf die Integrationsentwicklung und Mechthild von Niebelschütz schildert aus der „Erzieherinnenperspektive“ die Erfahrungen bei der Umstrukturierung einer Sonderkindertagesstätte in eine integrative Einrichtung. Unter der Überschrift „Subjektperspektive“ berichtet Ariane Jaeger von ihren eigenen Erfahrungen als Kind mit Hörschädigung in einem integrativen Kindergarten und einer integrativen Schule. Ergänzt werden diese verschiedenen Perspektiven durch die Ausführungen von Ilse Wehrmann zur „Trägerperspektive“ mit Blick vor allem auf die Entwicklung in Bremen.

Matthias Schilling schließlich gibt einen differenzierten Einblick in die „Quantitative Entwicklung“ der integrativen Erziehung in Kindertageseinrichtungen, wie sie auf der Basis des Datenmaterials der Kinder- und Jugendhilfestatistik nachgezeichnet werden kann.

Diskussion

Das vorliegende Handlexikon bietet einen guten Einblick in zentrale Entwürfe und Konzepte der (deutschsprachigen) Integrationspädagogik und deren Entwicklung. Dem trägt auch der Titel Rechnung, der auf den Begriff der Inklusion, wie er in der neueren Fachdiskussion auch verwendet wird, verzichtet, ohne dass dies jedoch von der Herausgeberin explizit begründet wird. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem Inklusionsbegriff erfolgt in einem Stichwort. Inhaltlich ist eine eindeutige Präferenz für das von Georg Feuser entwickelte Modell der „Allgemeinen (integrativen) Pädagogik“ mit ihren verschiedenen Implikationen (z.B. entwicklungslogische Didaktik, Arbeit am Gemeinsamen Gegenstand) zu erkennen. Die wissenschaftlichen Beiträge werden ergänzt durch die teilweise bewusst subjektiv akzentuierten Perspektiven verschiedener Akteure (Eltern, Erzieherinnen u.a.). Die Beiträge beziehen sich primär auf den gewählten Fokus Kindertageseinrichtungen, viele weisen aber auch darüber hinaus.

Leser und Leserinnen, die sich schon länger mit der Integrationspädagogik und den dazugehörigen Diskussionen sowie der Umsetzungspraxis befassen, werden in dem Handlexikon vor allem viel Bekanntes wiederfinden. Praktiker und Praktikerinnen werden möglicherweise Ausführungen zu konkreten Rahmenbedingungen (z.B. rechtliche Grundlagen, Finanzierung, Behinderungsklassifikationen, Personal etc.) und praktische (pädagogisch-didaktische) Handreichungen vermissen.

Zielgruppen und Fazit

Das Handlexikon der Integrationspädagogik ist sehr gut geeignet für Leser/innen, die sich neu mit der Materie befassen und sich einen Einblick in die bisherige Entwicklung und damit einhergehende theoretische Entwürfe und Diskussionen verschaffen wollen. Es kann daher auch sehr gut in der Ausbildung, z.B. in den neuen Studiengängen zur Pädagogik der frühen Kindheit, eingesetzt und empfohlen werden.

Rezension von
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
Website
Mailformular

Es gibt 11 Rezensionen von Hiltrud Loeken.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 16.03.2009 zu: Sabine Lingenauber (Hrsg.): Handlexikon der Integrationspädagogik. Kindertageseinrichtungen. Projekt Verlag (Bochum) 2008. ISBN 978-3-89733-128-0. Reihe: Handlexikon der Integrationspädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7096.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht