socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Martina Gühne, Kai Gold: Einzel- und Gruppenaktivitäten in der psychiatrischen Pflege

Cover Martina Gühne, Kai Gold: Einzel- und Gruppenaktivitäten in der psychiatrischen Pflege. Planen, gestalten, durchführen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2008. 164 Seiten. ISBN 978-3-437-28170-9. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 39,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Einzel- und Gruppenaktivitäten stellen wesentliche Arbeitsfelder psychiatrischer Pflege dar und bedürfen einer fachlichen Fundierung. Im Rahmen der Durchführung von Gruppenangeboten gewinnt gerade die Rolle der Pflegenden in den letzten Jahren im Vergleich zu anderen Berufsgruppen zunehmend an Bedeutung. Das vorliegende Buch gibt Anregungen zur Gestaltung von Aktivitäten und Beschäftigungsangeboten in der Psychiatrischen Pflege. Dabei gehen die Autoren auch der Frage nach, wie die richtige Intervention für den jeweiligen Patienten gefunden wird und wie ein Programm möglichst abwechslungsreich zu gestaltet ist. Die Autoren Martina Gühne und Kai Gold haben in vielen Jahren ihrer Tätigkeit in psychiatrischen Kliniken und über entsprechende Weiterbildungen eine hohe Expertise im Hinblick auf mögliche Einzel- und Gruppenaktivitäten entwickelt. Gemeinsam mit weiteren Kollegen lassen sie das Fachpublikum nun an diesem Erfahrungsschatz teilhaben.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in Zwei Teile. Im ersten - eher grundsätzlich gehaltenen - Teil gehen die Autoren kurz auf Aufgaben und Ziele psychiatrischer Pflege ein und stellen theoretische Rahmenbedingungen dar. Hier erfolgen eine Darstellung des Pflegeprozesses sowie eine kurzer Hinweis auf das Interaktionsmodell nach Peplau. Den auf dem Klappentext angekündigten Bezug zu dem Modell der Selbstfürsorge von Dorothea Orem vermisst man an dieser Stelle.

Im weiteren Verlauf des ersten Teils präsentieren die Autoren grundsätzliche Überlegungen zum Ablauf von Aktivitäten. Sie gehen auf Fragen wie zeitliche oder finanzielle Rahmenbedingungen von Aktivitäten ein, gehen der Frage nach, wie sich Patienten zu Aktivitäten motivieren lassen und weisen auf die Bedeutung von Gruppengröße und Gruppendynamik hin. Darüber hinaus widmen sie sich der konkreten Durchführung bzw. Nachbereitung von Einzel- oder Gruppenaktivitäten.

Der Schwerpunkt des Buches liegt im zweiten Teil des Buches. Hier werden konkrete Vorschläge für Einzel- bzw. Gruppenaktivitäten dargestellt. Themenbereiche sind

  • „Lebenspraktisches Training“,
  • „Soziale Kompetenz und Kommunikation“,
  • „Freizeitgestaltung“,
  • „Umgang mit der Erkrankung“,
  • „Persönliches Wohlbefinden“ und
  • „Geistige Aktivierung“.

Die Bandbreite der vorgeschlagenen Interventionen reicht von alltagsnahen Angeboten wie z.B. Kinobesuch oder Pflanzenpflege und gärtnerische Tätigkeiten bis hin zu eher therapeutischen Ansätzen wie Skilltraining oder Entspannung nach Jacobson. Auch auf psychoedukative Angebote wird eingegangen. Das Buch wartet auch mit innovativen Ideen zur Aktivitätsgestaltung. Beispielhaft sei hier auf das „Erinnerungszimmer“ verwiesen, welches – eingerichtet mit Gegenständen und Möbeln aus vergangenen Zeiten – älteren Menschen die Möglichkeit gibt, erlebte und erinnerungswürdige Momente wieder lebendig werden zu lassen.

Diskussion

Das Buch ist von Praktikern für Praktiker geschrieben und bietet viele Anregungen für alltagsrelevante Interventionen. Es ist übersichtlich gegliedert und gut lesbar geschrieben. Den Autoren ist hoch anzurechnen, dass sie auch Zeugnis ablegen über eine Form der psychiatrischen Pflege, die heute in Zeiten kürzerer Liegezeitung und Leistungsverdichtung in den Kliniken allzu oft nicht mehr vorkommt. Vielmehr wird zu häufig das Alltagsnahe der psychiatrischen Pflege, wie z.B. Einkaufstraining, Zeitungsgruppe oder Gartengruppe dem medizinischen Hauptarbeitsgang in der Behandlung geopfert. Die Stärke des Buches liegt in der Breite der vorgestellten Angebote. Dafür bleiben die Autoren gerade wenn es um Fragen wie Psychoedukation oder Skilltraining geht, eher an der Oberfläche. Dem Buch merkt man die große Berufserfahrung der Autoren an. Allerdings fehlt an manchen Stellen der Verweis auf relevante Literatur. Auch haben die Autoren kritische Fragen in diesem Themenkomplex nicht thematisiert. Dazu gehört z.B. die Frage, ab wann ein Gruppenangebot eigentlich als therapeutische Intervention zu werten ist oder welche Rolle die Pflege im interdisziplinären Team im Hinblick auf Gruppenangebote zukünftig spielen soll. Soll es z.B. entsprechend qualifizierte Pflegende geben, die im Rahmen der Dialektisch-Behavioralen Therapie entsprechende Gruppenangebote durchführen? Ist das Gruppentraining sozialer Kompetenzen etwas für Sozialarbeiter, Psychologen oder doch Pflegende? Auch hätte dem Buch angesichts von Kostendruck und Qualitätssicherung eine Diskussion um die Frage nach der Wirksamkeit solcher Angebote gut getan.

Fazit

Diesem Buch ist eine weite Verbreitung in verschiedenen Settings der psychiatrischen Versorgung zu wünschen. Dabei eignen sich viele Angebote auch bzw. gerade für Einrichtungen, in denen man länger mit den Patienten bzw. Klienten zu tun hat. Nicht ausdrücklich formuliert profitiert das Buch von einer modernen und zukunftsfähigen Version psychiatrischer Pflege, was v.a. in den am Alltag der Patienten orientierten Angeboten zum Ausdruck kommt. Begründung der Maßnahme aus der Literatur heraus und Diskussionen kommen etwas kurz.


Rezension von
Dr. rer. medic Michael Schulz
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bethel Ev. Krankenhaus Bielefeld


Alle 1 Rezensionen von Michael Schulz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Schulz. Rezension vom 16.11.2009 zu: Martina Gühne, Kai Gold: Einzel- und Gruppenaktivitäten in der psychiatrischen Pflege. Planen, gestalten, durchführen. Urban & Fischer in Elsevier (München, Jena) 2008. ISBN 978-3-437-28170-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7097.php, Datum des Zugriffs 08.04.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung