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Nicole C. Krämer u.a. (Hrsg.): Medienpsychologie

Rezensiert von Mag. Christian Schwarzenegger, 27.03.2010

Cover Nicole C. Krämer u.a. (Hrsg.): Medienpsychologie ISBN 978-3-17-020112-5

Nicole C. Krämer u.a. (Hrsg.): Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und Konzepte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. 379 Seiten. ISBN 978-3-17-020112-5. 36,00 EUR.
Reihe: Medienpsychologie
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Thema

Dieser als Lehrbuch und Nachschlagewerk konzipierte Band stellt nicht weniger als "58 zentrale Konzepte" der Medienpsychologie vor und versucht damit den aktuellen Wissensstand zu den selektierten Annahmen, Theorien und Begrifflichkeiten zu bündeln und in einer einheitlichen Darstellungsweise zu systematisieren. Der Band fokussiert dabei auf Konzepte genuin psychologischer Provenienz, greift aber etwa auch Begriffe, die der kommunikationswissenschaftlichen Theoriebildung entstammen auf, sofern diese in der Medienpsychologie Verwendung finden.

Herausgeberinnen und Herausgeber

  • Prof. Dr. Nicole C. Krämer ist Professorin für Sozialpsychologie, Medien und Kommunikation an der Universität Duisburg-Essen.
  • Prof. Dr. Stephan Schwan ist Leiter der Arbeitsgruppe "Wissenserwerb mit Cybermedia" am Institut für Wissensmedien der Universität Tübingen
  • Dr. Dagmar Unz ist Wissenschaftliche Assistentin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität des Saarlandes.
  • Prof. Dr. Monika Suckfüll ist Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaften an er Universität der Künste Berlin.

Die vier Herausgeber des Bandes sind zugleich auch Herausgeber der im Kohlhammerverlag erscheinenden Reihe „Medienpsychologie. Konzepte – Methoden – Praxis", deren Auftakt dieses Überblickswerk bildet. Insgesamt haben 32 Autoren zu diesem Werk beigetragen.

Entstehungshintergrund

Der Band wurde als Auftakt zur Reihe "Medienpsychologie. Konzepte – Methoden – Praxis", die von den Herausgebern des Bandes bei Kohlhammer herausgegeben wird, als übergreifendes Werk konzipiert. Ziel ist es dabei als Lehrbuch und Nachschlagewerk bestehende Einführungen, die typischerweise Konzepte und Theoretische Annahmen in Themenzusammenhänge und Anwendungsfelder eingebettet behandeln, durch eine Rückführung auf für sich genommene Erörterungen besagter Konzepte, Grundannahmen und Schlüsselbegriffe zu ergänzen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches und die Abfolge des Bandes orientiert sich an den „psychologischen Grundkonzepten Motivation, Kognition, Emotion, Kommunikation und Verhalten“ (S. 11). Der Abschnitt der unter Kognition subsumierten Begriffe nimmt dabei deutlich am meisten Platz ein, gefolgt von Kommunikation. Das Verhalten (mit den Kapiteln „Gewalt“ bzw. Prosoziales Verhalten) ist dann schließlich das merklich kürzeste.

Die großen Abschnitte sind mit Ausnahme von Teil III Emotion und Teil V Verhalten auch noch in sich unterteilt, bei Teil I Motivation wie auch Teil IV Kommunikation verläuft die Grenzziehung zwischen „Traditionelle Medien“ und „Individualmedien“ (Email, Onlinechat, Mobilkommunikation), der umfassendste Abschnitt Teil II Kognition erfährt auch die genauste Binnendifferenzierung und wird in folgende Bereiche gegliedert:

  • Aufmerksamkeitsprozesse“ (etwa für das Fernsehen ausgeführt von Markus Huff, S. 70-74),
  • Verarbeitungsprozesse im Arbeitsgedächtnis“ (u.a. wird hier der „Amount of Invested Mental Effort (AIME)“ erörtert, Maike Tibus, S. 96-101),
  • Medienbezogene Kompetenzen“ (ein dazugehöriger Begriff ist etwa „Perceived Reality“, Margrit Schreier, S. 112-117),
  • Interpretationsprozesse“ (z.b der „Hostile Media Effect“, Nicole C. Krämer, S. 139-143)
  • Mediale Präsentation“ (z.b. „Framing“ von Dagmar Unz S. 144-148)
  • Beabsichtigte kognitive Medienwirkungen“ (wie etwa „Entertainment Education“, erörtert von Bärbel Garsoffky, S. 161-165), sowie
  • Nicht beabsichtigte kognitive Medienwirkungen“ (u.a. „Digital Divide und Wissenskluft Hypothese“ diskutiert von Martina Mauch, S. 188-192)

Die einzelnen Hauptteile werden jeweils durch eine kurze Einführung durch einen der Herausgeber, bzw. der Teil Emotionen durch Frank Schwab eröffnet. Somit wird einerseits das Feld aufgespannt, auf dem die nachfolgenden Begriffe und Konzepte gepflanzt werden und wird andererseits zugleich erörtert, in welchen Zusammenhang und welcher Wechselwirkung einzelne Begriffe stehen, warum also die Begriffe im jeweiligen Abschnitt gemeinsam aufzufinden sind. Freilich kann bei einer maximalen Länge von eineinhalb Seiten, die diese Einführungen aufwiesen, das Feld lediglich mit breiten Latten und nicht feinmaschig umzäunt werden. Die Abhandlungen der einzelnen Begriffe weisen jeweils eine Länge von fünf bis acht Seiten auf und folgen, einem einheitlichen Aufbau und einer durchgängigen Darstellungslogik.

Ausgehend von der maßgeschneidert einführungsadäquaten Frage „Worum geht es?“ folgt eine „Darstellung der Annahmen“, wird die „Typische Methodik“ beschrieben, mit der zu besagtem Ansatz gearbeitet werden kann bzw. wurde um schließlich „Zentrale empirische Befunde“, die dabei erzielt wurden zu skizzieren und bestehende „Kritik“ am vorgestellten Begriff oder Konzept zu umreißen. Beschlossen wird ein Eintrag jeweils durch ein Verzeichnis der verwendeten „Literatur“, die jedoch keine expliziten weiterführende Literaturhinweisen bereitstellt. Minimale Abweichungen, etwa dass beim Beitrag von Nina Haferkamp zur „Theorie der Schweigespirale“ die Frage Worum es geht und die Darstellung der Annahmen gemeinsam abgehandelt werden oder bei Margrit Schreiers Text zur „Perceived Reality“ der Begriff Konstruktdimensionen anstatt Darstellung der Annahmen verwendet wird, bestätigen als geringfügige Ausnahmen die Regel der Einheitlichkeit nur.

Imponierend ist, wie die Autoren es in den allermeisten Fällen geschafft haben, in der Kompaktheit eines einzelnen Absatzes tatsächlich ein „darum geht es also“ zu vermitteln, das dann in der Darstellung der Annahmen genauer erörtert wird. Ganz eilige Leser oder jene, die ihren Wissensbestand nur kurz auffrischen und sich rasch orientieren möchten, können bisweilen mit dem Einstieg zu den Beiträgen schon genug haben.

Beschlossen wird der Band durch ein – wohl der Fülle an Beiträgern geschuldet – knappes Autorenverzeichnis, das je nur eine Dienstadresse und Emailkontaktmöglichkeit angibt, auf weiterführende biographische Angaben oder Nennung von Arbeitsschwerpunkten jedoch verzichtet, einem Personen- sowie einem Stichwortverzeichnis.

Diskussion

Das vorliegende Einführungsbuch macht dem Rezensenten große Freude und erfüllt dabei gleichzeitig auch noch den eigens formulierten Anspruch und bietet mit seiner beinahe lexikonartigen Struktur eine nützlich Ergänzung zu vorhandenen Einführungen, in Form klassischer Aufsatzsammlungen. Zu häufig ist es sonst der Fall, dass Einführungen nirgendwo hinführen, wenn man den Weg nicht bereits sehr gut kennt, und Studierende ohne Vorwissen entweder überfordert werden, oder aber nach einer kurzen Darlegung allein gelassen werden und etwa darüber wie kritisch und kontrovers ein Ansatz rezipiert und diskutiert wird, nichts erfahren oder aber wo dies geleistet wird der Überblickscharakter verloren geht. Gerade wenn einzelne Theorien und Konzepte nur in Anwendungszusammenhängen vorkommen, kann es als Anfänger schwierig sein herauszulesen und herauszulösen, wie denn das Konzept nun ganz allgemein zu verstehen wäre. Gleichzeitig kann auch der umgekehrte Fall zutreffen und es fehlt der vorgestellten Theorie das Aufzeigen von Anwendungsdimensionen und eine Antwort auf die Frage, welche Phänomene damit überhaupt und unter Einbeziehung welcher Methodik erklärt werden sollen.

Die Vorgehensweise, die in diesem Band eingehalten wurde vermeidet beide Extreme und schafft es die klare Beschreibung des Konzepts mit der Nennung typischer Anwendungsfelder zu verbinden. Eine Ursache dafür, dass dieser Band als Nachschlagewerk tatsächlich so gut funktioniert mag darin begründet sein, dass jeder Beitrag im Reviewing nicht nur von mindestens einem der Herausgeber und einem weiteren Beiträger des Bandes kommentiert wurde, sondern, dass auch Kommentare und Anregungen von Studierenden zu jedem der Beiträge eingeholt wurden. Die Kernzielgruppe eines Lehrbuches in die Konzeption desselben einzubeziehen erweist sich nicht nur als plausibel sondern auch als höchst effektiv.

Vielleicht wäre es hilfreich gewesen zu den einzelnen Beiträgen jeweils über die im Beitrag verwendete Literatur hinaus auch noch auf zentrale Klassiker, so diese nicht ohnehin zitiert wurden, zur weiterführenden Lektüre hinzuweisen. Bereits angesprochen wurde die Kürze der einführenden Texte, die die einzelnen Ordnungsrubriken zusammenfügen und zusammenhalten sollen. Vielmehr als die Stichworte anzumoderieren ist so nicht möglich und die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Begriffen können eher nur angedeutet, denn ausgesprochen oder gar erörtert werden. Im Gemenge der 58 Einzelbeiträge ließe sich zudem auch diskutieren, ob nicht manche Begriffe, die nun über unterschiedliche Teilbereiche verstreut stehen nicht besser zusammengefasst worden wären. Beide Kritikpunkte büßen allerdings an Schärfe ein, wenn man das Buch für das gezielte Lesen einzelner Schlüsselbegriffsbehandlungen heranzieht.

Lehrbücher und Nachschlagewerke, die wie das vorliegende unter reger Beteiligung einer Vielzahl einschlägig Forschender erstellt werden (in diesem Fall sind besonders Mitarbeiter in den Arbeitsbereichen der Herausgeber stark vertreten), vermessen nicht nur ein inhaltliches Wissenschaftsfeld sondern stecken es in gewisser Weise auch personell ab und geben Studierenden auch mit zu erkennen, wer etwas wozu zu sagen hat und vielleicht für weiterführende Befassung mit einem Themenfeld interessant sein könnte. Unter diesem Gesichtspunkt wäre es wünschenswert gewesen, wäre das Autorenverzeichnis weniger spartanisch ausgefallen, und ergänzend noch das eine oder andere zusätzliche Wort zur Verortung und Beschreibung der Beiträger und deren Arbeitsschwerpunkten gefallen.

Generell ließen sich an den drei Verzeichnissen in einer allfälligen nächsten Auflage noch Verbesserungen vornehmen. Sowohl beim Personenverzeichnis,wo durch die Ergänzung der Vornamen der genannten Personen doch eine erhöhte Orientierungsfunktion geboten werden könnte, wie auch im Stichwortverzeichnis, wo einzelne Einträge nicht sofort zu erkennen geben, nach welchem Prinzip sie als relevant ausgewählt wurden (etwa beim „Kinozuschauer“, bei dem es im einzigen Zusammenhang in dem er vorkommt, keinen Unterschied macht, ob ein Film im Kino, im Fernsehen oder sonst wie gesehen wird und das Stichwort daher auch nur bedingt tauglich ist, S.124 im Beitrag zu „Rezeptionsmodalitäten“). Dies sind jedoch letztlich Marginalien, die dem überaus positiven Gesamteindruck des Bandes nicht schmälern können.

Fazit

Diese Aufbereitung von Schlüsselbegriffe und Konzepte zur Medienpsychologie, wie sie von Krämer, Schwan, Unz und Suckfüll in diesem Band aufbereitet wurden, stellt ein Nachschlagewerk dar, wie man es sich im besten Sinne nur wünschen kann. Der Aufbau und die Gliederung sind weithin schlüssig und ordnen zusammengehörige oder einander ähnelnde Themen- bzw. Phänomenkomplexe überwiegend nachvollziehbar und instruktiv an. Besonderes Lob verdient die einheitliche Darstellungsweise, die es schafft nicht nur oberflächlich formal sondern auch tatsächlich in der Umsetzung einem klaren Konzept zu folgen und die Einträge somit wirklich vergleichbar zu gestalten und die Informationen konsistent aufzubereiten. Gerade angesichts der Fülle an beteiligten Beiträgern ist dies ein hohes Verdienst der Herausgeber, denn nicht selten hat man Nachschlagewerke gerade an mangelnder Einheitlichkeit scheitern sehen. Ein weiteres zentrales Kriterium für Lehrbücher – die Einsteigerfreundlichkeit der Präsentation – wird hier, nicht zuletzt aufgrund des beispielhaften Selektion- und Reviewprozesses (wie ausgeführt auch unter Einbindung Studierender) ebenfalls in hohem Maße erfüllt. Nachschlagewerke, Lexika und Einführungsliteratur kann niemals das sukzessive Erarbeiten der Primärliteratur und die systematische Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand zu einem Thema ersetzen. Was ein derart angelegter Band aber leisten kann, das erfüllt die „Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und Konzepte“ sehr gut: Das Buch ist übersichtlich, kompakt, zielgruppengerecht und somit nicht weniger als ein empfehlenswerte Einstiegshilfe in die Interessen- und Zuständigkeitsgebiete sowie die darin gebräuchlichen grundlegende Konzepte der Medienpsychologie.

Rezension von
Mag. Christian Schwarzenegger
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Es gibt 3 Rezensionen von Christian Schwarzenegger.

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Zitiervorschlag
Christian Schwarzenegger. Rezension vom 27.03.2010 zu: Nicole C. Krämer u.a. (Hrsg.): Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und Konzepte. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-17-020112-5. Reihe: Medienpsychologie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7100.php, Datum des Zugriffs 27.05.2022.


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