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Istifan Maroon: Burnout bei Sozialarbeitern

Rezensiert von Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle, 20.05.2009

Cover Istifan Maroon: Burnout bei Sozialarbeitern ISBN 978-3-487-13701-8

Istifan Maroon: Burnout bei Sozialarbeitern. Theorie und Interventionsperspektiven. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2008. 199 Seiten. ISBN 978-3-487-13701-8. 38,00 EUR.

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Thema

Burnout ist ein ebenso populäres wie wissenschaftlich umstrittenes Syndrom. Von Freudenberger und Maslach Ende der 1970er Jahre als emotionale Erschöpfung, Arbeitsüberdruss und Depersonalisation vor allem in psychosozialen und Gesundheitsberufen definiert, hat es weit über diese Betroffenengruppen hinaus Resonanz gefunden. Burnout erweist sich in der mit veränderten Belastungen und Risiken behafteten Arbeitswelt westlicher Leistungsgesellschaften als arbeitsmoralisch unverdächtiges, „legitimes“ Störungsbild. Die Verwendung des Begriffs in der Alltagssprache hat epidemische Ausmasse angenommen, sie ist auch trotz in jüngerer Zeit aufgekommener kritischer Ansätze fest im allgemeinen Bewusstsein verankert. Burnout ist ein Markt: für Medien, Ratgeber, Präventions- und Behandlungsformen und für seriöse wie selbsternannte Experten. Umstritten bleibt der wissenschaftliche Wert des Syndroms: In die beiden grossen Klassifikationssysteme psychischer Störungen (DSM IV und ICD-10) fand Burnout nur untergeordneten Eingang, da es nicht genügend von anderen Störungsbildern abgegrenzt werden konnte. Der Stand des wissenschaftlichen Wissens wird von Experten als dürftig bis deprimierend eingeschätzt (Burisch 2006, 226; Rösing 2003, Schaufeli & Enzmann 1998). Dessen ungeachtet ist Burnout der Kernbegriff, wenn deren Berufstätige in pädagogischen, sozialen und Gesundheitsberufen über Belastung, Stress und Erschöpfung reflektieren.

Hintergrund

In der Literatur zu Burnout finden sich mittlerweile etliche Publikationen, die spezifische Berufsgruppen adressieren, z.B. Lehrer, Pflegeberufe oder Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Das Buch von Maroon fokussiert schon im Titel auf die Sozialarbeit. Spezifische Belastungsfaktoren und -strukturen eines Arbeitsfeldes zu erhellen und dazu ans Arbeitsfeld angepasste Präventions- und Interventionsstrategien anzubieten, könnte der Anreiz berufsspezifischer Veröffentlichungen sein. Für die Soziale Arbeit finden sich dazu bereits einige Arbeiten (Rörig/Reiners-Kröncke 2003, Beusch 1987, Beer 2003, Cherniss 1999).

Aufbau und Inhalt

Das Kapitel 1 führt in die Thematik ein; Verbreitung und Komplexität von Burnout in der Sozialarbeit werden thematisiert. Der Autor bezieht sich dabei ausschliesslich auf angloamerikanische Publikationen und Verhältnisse: Ob nur Sozialarbeiter oder generell Fachkräfte der Sozialen Arbeit angesprochen sind, bleibt unklar, da für die Besonderheiten Sozialer Arbeit im deutschen Sprachraum keine Adaption geleistet wird.

Das Kapitel 2 definiert und beschreibt den Begriff, die Ursachen und Verläufe von Burnout. Nach der Begriffsklärung werden einige neuere Perspektiven zum Verständnis und ein Überblick zum Stand der Forschung gegeben. Danach werden die bekannten Symptome von Burnout, deren Wahrnehmung und mehrere Kategorisierungen von Verhaltensmustern beschrieben. Der nächste Abschnitt beschreibt Burnout als multidimensionalen Prozess: Ein erster sozialarbeitsspezifischer Abschnitt beschäftigt sich mit Phasen der Berufslaufbahn bei Sozialarbeitern und deren Weg ins Burnout: Beginnend mit recht pauschal unterstellten Berufsmotiven wie „Idealismus und einem gewissen Sendungsbewusstsein (…) - die üblichen Gründe für die Berufswahl“ (35) - werden zwei deutlich holzschnittartige und lineare Verläufe vom Enthusiasmus von Berufsanfängern über Stagnation, Frustration und Indifferenz zum deprimierten Ausscheiden aus dem Beruf oder der Behandlung von Burnout beschrieben. Fünf weitere, einander z.T. widersprechende Phasenmodelle werden anschliessend nebeneinander gestellt. Der Autor geht danach auf soziale, personale, Klienten- und Beziehungsmerkmale ein: Mit Freudenberger wird die betroffene Fachkraft als Helferpersönlichkeit beschrieben, entweder emotional überengagiert und in altruistischer Geberrolle oder als autoritäre Persönlichkeit, „die immer alles im Griff haben muss“ (50). Die Variablen der Beziehung zwischen Fachkraft und Klient werden maximal defizitorientiert beschrieben: „Die Natur des Kontaktes ist kritisch und geht eingleisig vom Helfer aus“ (59), der emotionale Druck ist hoch und Veränderungsoptionen sind gering. Die pauschal konstatierte „exzessive Nähe“ zum Klienten führt zur Entgrenzung und Gegenübertragung (60), gleichzeitig wird ein Bild der Beziehung suggeriert, das Freundschaft und Gefährtenschaft von Fachkräften und Klienten und fehlende professionelle Distanz unterstellt. Das Klientenbild benutzt schliesslich Attribute wie „abhängig, passiv, unter chronischen Problemen leidend, voll Hass, Scham, Schuld, Zorn, Trauer und „dem verzweifelten Bedürfnis nach einem Retter“ (61). Klienten sind „entweder passiv und unmotiviert oder aggressiv und manipulativ“ (61), hier wird ein befremdlich defizitorientiertes und pessimistisches Menschenbild wahrnehmbar. Die institutionellen Arbeitsbedingungen, ausschliesslich auf US-amerikanische Verhältnisse bezogen, sind ebenso defizitorientiert beschrieben; sie treffen mindestens auf Schweizer Verhältnisse in keiner dem Rezensenten bekannten Weise zu: „Hohes Arbeitspensum, … Mangel an Autorität, …, strenge Formalien, … endloser Papierkrieg, … Stress verursachende Arbeitsbeziehungen, … Abwesenheit von Supervision, … beschränkte Mittel, …rigide Strukturen, … ein zentralisiertes und formalisiertes Machtgefüge und schliesslich Bürokratie“ (65), Bedingungen, die geeignet sind, nicht nur Studienanfängern die Aussichten auf eine positive Berufstätigkeit zu verderben. Der Schlussabschnitt skizziert Risikofaktoren für Fachkräfte in der Einzelfallhilfe und Gemeinwesenarbeit (ebenfalls mit impliziten Bezügen auf das US-amerikanische Sozialwesen), die nur schwer mit der Realität der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum in Einklang zu bringen sind: Dass z.B. unmotivierte und widerständige Klienten so umworben werden, dass sie zwar immer wieder kommen, aber nicht veränderungsbereit sind (81), ist in Zeiten der aktivierenden Sozialhilfe nur schwer vorstellbar.

Das Kapitel 3 beschreibt Instrumente zur Diagnose und Messung von Burnout. Das bekannte Maslach Burnout Inventory MBI wird in einer allgemeinen und sozialbereichsspezifischen Form dargestellt, die Auswertung erfolgt als Selbsteinschätzung, die Interpretation und Schlussfolgerungen werden dem Leser überlassen. Daran schliessen sich die Überdrussskala von Pines und zwei weitere Instrumente zur Selbstdiagnose an, deren Validität bleibt offen.

Das Kapitel 4 beschreibt selbstmanagementorientierte und soziale Interventionsmöglichkeiten: Die individuelle Interventionsstrategie orientiert sich am Coping-Modell von Lazarus: es wird angeleitet, wie Fachkräfte durch systematische Wahrnehmung, Reflexion und Arbeit an ihren arbeitsbezogenen Problemen aus Burnoutzuständen herausfinden könnten. Der Autor definiert fünf Voraussetzungen zur Selbsthilfe wie Problembewusstsein, Verantwortung und kognitives Verständnis. Er beschreibt vordringliche Problembereiche wie die Arbeitsbelastung, Kontrollmacht, Belohnung, Gemeinschaft u.a., aus diesen werden eine Vielzahl von verhaltensorientierten Empfehlungen abgeleitet. Offen bleibt dabei die Frage, ob Selbsthilfe im Burnoutprozess nicht zu früh („Verleugnen und mangelndes Problembewusstsein“) oder zu spät („Eskalation und Notwendigkeit professioneller Hilfe“) kommt. Weiter werden Strategien sozialer Unterstützung durch Familie, sozialen Nahraum („Gemeinschaft“) und Arbeitsumfeld aufgezeigt. Die Rolle von sozialen Unterstützungssystemen am Arbeitsplatz wird verdeutlicht. Differenziert werden soziale Unterstützungsmassnahmen durch den Arbeitgeber beschrieben.

Schliesslich empfiehlt der Autor Supervision als bedeutsames Unterstützungssystem im Arbeitsfeld. Er beschreibt dazu drei Formen, „administrative Supervision“ mit Elementen von Führung und Kontrolle, „pädagogische Supervision“ mit Elementen von Wissensvermittlung, Lernarrangements und beruflicher Sozialisation und „unterstützende Supervision“ wie sie vermutlich einem Verständnis von Supervision im deutschsprachigen Raum am ehesten entgegenkommt. Die an der amerikanischen Tradition der Supervision orientierten Ausführungen (mit einer wenig fachspezifischen Übersetzung der Begrifflichkeiten) lässt eher an ein kombiniertes internes fach-, führungs- und psychosozial orientiertes Coaching/Mentoring durch Vorgesetzte denken, das auch Wissensvermittlung, das Arrangieren von Arbeitsbedingungen und Dienstplänen, Entlastung und Vertretung in der Organisation, sowie Mitarbeitergespräche zum Leistungsausweis der Supervisanden beinhaltet, Führungsaufgaben, die in der Regel nicht in den Aufgabenbereich von Supervision fallen.

Am Ende des vierten Kapitels stehen fünf Fallstudien, die verschiedene Verläufe von Burnoutprozessen und deren Bearbeitung exemplarisch darstellen. An diese schliesst sich eine summarische Zusammenfassung und Schlussfolgerungen für die Praxis der Sozialarbeit an.

Diskussion

Ein Fachbuch, das Burnout für die Zielgruppe der Fachkräfte Sozialer Arbeit im deutschsprachigen Raum berufsspezifisch verstehbar und bewältigbar machen will, muss auf die aktuellen Bedingungen der Sozialen Arbeit, ihre besonderen Belastungen und Bewältigungschancen Bezug nehmen, andernfalls läuft es Gefahr, an den Adressaten vorbei zu argumentieren – bei der Heterogenität der Sozialen Arbeit ein anspruchsvolles Unterfangen. Dies ist beim vorliegenden Buch in doppelter Weise nicht geglückt: Zum einen verirrt sich das Buch im Raum: Es bezieht es sich nicht auf die Verhältnisse der Sozialen Arbeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Zum anderen verirrt es sich in der Zeit: Maroon bezieht sich auf die „klassischen Ausbrenner der Siebziger Jahre, (…) an unrealistisch hohen altruistischen Zielsetzungen Gescheiterte“, die mittlerweile die Ausnahmen seien (Burisch 2006, X). Beim Lesen wähnt man sich in den Vereinigten Staaten der 1970er Jahre, in der Wachstumsphase der Sozialen Arbeit, dem Enthusiasmus und der damaligen Aufbruchsstimmung innerhalb eines scheinbar erheblich dysfunktionalen sozialstaatlichen Systems. Der über allem liegende Pessimismus und die Defizitorientierung im Bild von Sozialsystem, Institutionen, Klienten, Fachkräften und deren Arbeitsbeziehungen irritieren erheblich: der Rezensent hatte Mühe, unter den als desaströs beschriebenen Verhältnissen die Wirklichkeit mindestens der Schweizer Sozialarbeit wiederzuerkennen.

Vielleicht trug dazu auch die wenig kultursensible Übersetzung bei, die einseitige Bezüge auf angloamerikanische Verhältnisse, Zahlen, Daten, Fakten macht und diese nicht zum deutschen Sprachraum in Beziehung setzt. Die deutschsprachige Literatur wird nicht zur Kenntnis genommen (Burisch, Fengler, Hillert/Marwitz, u.a.). Begrifflichkeiten und Konzepte, z.B. zur Supervision werden nicht mit denen im deutschsprachigen Diskurs abgeglichen, so dass Missverständnisse und Fehlinterpretationen z.B. über die Rolle von Supervision in der Burnoutbehandlung wahrscheinlich werden. Der Übersetzung geschuldet ist möglicherweise auch das konsequente Ignorieren genderbezogener Formulierungen, dies irritiert angesichts eines Anteils von 80 % weiblichen Studierenden in Bachelor- und Diplomstudiengängen der Sozialen Arbeit selbst den nicht immer gendertreuen Leser.

Viele Verdopplungen zu Begriffen und Modellen blähen das Buch auf: Die Mehrfachaufzählung z.B. von Begrifflichkeiten, Klassifikationen von Symptomen, Phasenmodellen oder Selbsttests, sind für ein wissenschaftliches Fachbuch bedeutsam, für einen praxisorientierten Ratgeber aber schwerfällig, zumal der wissenschaftliche Diskurs um kontroverse Positionen ausbleibt. Maroon pendelt unentschieden zwischen der Aufzählung wissenschaftlichen Wissens und praxisorientierter Reflexionshilfe hin und her. Dabei wird Burnout als Syndrom nirgends kritisch hinterfragt, die Positionen werden kaum je ernsthaft diskutiert, und das Buch zementiert so einige bereits kritisierte Burnoutmythen mehr als es sie reflektierbar macht. Hilfreich hingegen sind die konkreten Anregungen zur Intervention bei Burnout: Die Analyse- und Interventionsmöglichkeiten in Selbsthilfe, sozialem Nahraum und Institution können Betroffene anregen, sich und ihre Arbeitsumgebung gezielt zu verändern und sich professionelle Hilfe zu organisieren. Die Ausführungen zur im angloamerikanischen Raum weit verbreiteten Vorgesetztensupervision (Belardi in Otto-Thiersch 2001, 1867) bleiben hinter dem Stand der Entwicklung von Supervision in Deutschland, Österreich und der Schweiz zurück.

Fazit

Das Buch beschreibt die bekannten Wissensbestände zu Burnout und schafft Bezüge zu einer Sozialarbeit unter sehr dysfunktionalen sozialstaatlichen und institutionellen Rahmenbedingungen und mit als sehr abhängig-aggressiv-unkooperativ beschriebenen Multiproblemklienten. Die defizitorientierte Haltung irritiert und ist wenig ermutigend, die durchaus vorhandenen Belastungen im Berufsfeld der Sozialarbeit auf sich zu nehmen. Die wenig gelungene Rezeption angloamerikanischer Bezüge und die fehlende Adaption auf den deutschsprachigen Raum erfordert einige eigenständigen Übersetzungsleistungen des Lesers. Das Buch gibt Anleitung zur Selbsthilfe und sozialen Unterstützung im sozialen Nahraum, in der Institution und durch Supervision für Betroffene, die bereits genug Problembewusstsein besitzen um an sich arbeiten zu können, aber noch stabil genug sind, um nicht psychotherapeutische Hilfe zu benötigen. Eine Stärke des Buchs ist die konkrete und strukturierte Anleitung zur Selbsthilfe und zur Nutzung sozialer Unterstützung.

Rezension von
Dr. rer. soc. Wolfgang Widulle
Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Olten/Schweiz
Institut Beratung, Coaching und Sozialmanagement
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Es gibt 39 Rezensionen von Wolfgang Widulle.

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ISSN 2190-9245