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Peter-Georg Albrecht: Professionalisierung durch Milieuaktivierung und Sozialraumorientierung?

Cover Peter-Georg Albrecht: Professionalisierung durch Milieuaktivierung und Sozialraumorientierung? Caritas-Sozialarbeit in der Entwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 170 Seiten. ISBN 978-3-531-15874-7. 19,90 EUR.
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Thema

Sozialraumorientierung (SRO) stellt als ein problem- und damit zielgruppen- sowie bereichsübergreifender Ansatz der Sozialen Arbeit die Ressourcen von Menschen wie auch jene ihrer sozialen und räumlichen Lebenswelten ins Zentrum und zielt ab auf die Stärkung der Selbsthilfekräfte und der Eigeninitiative ihrer Adressaten. Ausdruck von Sozialraumorientierung sind engagierte Klienten Sozialer Arbeit sowie engagierte Bürger eines Gemeinwesens.

Wohlfahrtsverbände – in dieser Studie jene der Caritas – versuchen, SRO im Rahmen von Milieu-Aktivierung umzusetzen. Ausdruck von Milieuaktivierung sind bei Albrecht engagierte Kirchenmitglieder und Kooperationspartner der Kirchgemeinden.

Die beiden Ansätze – SRO und Milieuaktivierung - bedeuten für konfessionelle Wohlfahrtsverbände ein Paradigmawechsel: weg von der Defizitorientierung hin zu mehr Offenheit für Ressourcen, weg von der Einzelfallhilfe hin zur Arbeit mit und an Beziehungen zwischen Menschen und ihren Lebenswelten. Diese Neuorientierung gestaltet sich in der Triade Sozialarbeit-Klient-Ehrenamtlicher.

Die Studie von Albrecht untersucht, wie eine so verstandene Soziale Arbeit in einem konfessionellen Wohlfahrtsverband gelingt.

Autor

Dr. Peter-Georg Albrecht ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule Magdeburg-Stendal.

Entstehungshintergrund

Caritas international leistete 2002 Direkt- und Soforthilfe, als in Folge der Jahrhundertflut mehrere Menschen in Tschechien, Sachsen und Sachsen-Anhalt tödlich verunglückten und im seit Jahrzehnten nicht mehr gekannten Ausmaß Gebäude und Infrastruktur verloren gingen. Nach dem Wiederaufbau blieb Caritas international vor Ort und befasste sich mit den Folgeproblemen der Katastrophe: hohe Arbeitslosigkeit, Resignation und Verbitterung der Menschen in den Flutgebieten. Caritas entschied sich, mit zehn Dienststellen vor Ort sozialräumliche Entwicklungsarbeit zu leisten. Die Arbeit der Sozialarbeiter in den Standorten entlang der Elbe wurde 2005 zum ersten Mal qualitativ erforscht. In 30 leitfadengestützten Interviews ermittelte die Studie – neben anderen Themen – eine Typologie von drei Formen der Kooperation zwischen Caritasdiensten und Kirchgemeinden. Die Studie aus dem Jahr 2005 gilt als Vorstudie für die hier dargestellte Forschungsarbeit aus den Jahren 2007/2008.

Aufbau

In den Kapiteln 1 – 3 zeichnet der Autor Entwicklungslinien der Verbandsarbeit nach. Er skizziert die Positionierung der Freiwilligenarbeit in den Wohlfahrtsverbänden im Rückblick und verortet der aktuelle Stand zwischen Engagementförderung und Unternehmensentwicklung. Wohlfahrtsverbände sind gleichermaßen Mitgliederorganisationen, wie auch soziale Unternehmen, die Dienstleistungen erbringen und ihre Mitarbeiter bezahlen. Und als soziale Dienstleister stehen auch die Wohlfahrtsverbände an der Schnittstelle zwischen Bürgergesellschaft und Markt und müssen zwei Handlungslogiken – jener der Ökonomisierung und Professionalisierung einerseits und jener als Trägerorganisation für bürgerschaftliches Engagement andererseits – gerecht werden.

Die Arbeit des Deutschen Caritasverbandes sieht Albrecht zuallererst als Hilfe für Menschen in Not und darüber hinaus als Anwaltschaft für, mit und durch Benachteiligte(n). Dabei gehört der Dienst der Caritas wie Gottesdienst und Verkündigung zum Lebensvollzug der Kirche, in dem sich die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe konkretisiert.

Die Milieuaktivierung des Caritasverbandes will zur Verlebendigung von Gemeinden beitragen. Dies gelingt seit Jahrzehnten über das Engagement von Freiwilligen in Kooperation mit hauptamtlichen Professionellen.

Der Bezug zur SRO ist demgegenüber im Deutschen Caritasverband bisher kaum expliziert. Das Leitbild ist vor allem individuumsbezogen verfasst: der einzelne Mensch in Not, weit weniger die Lebens- und Sozialräume der Menschen waren im Fokus. Der Autor zeigt anhand vieler Originalzitate aus Verbandstexten, wie wenig die SRO in Leitbild, Satzung und Verbandsordnung Fuß gefasst hat. In jüngster Zeit erfolgte aber eine sozialräumliche Neuorientierung, in der folgende Arbeitsformen zentral sind: Aktivierung von Ehrenamtlichen, die Ergänzung von bestehenden Diensten vor Ort und die Förderung von Gemeinwesenarbeit. Neu will Caritas die Ehrenamtlichen als Multiplikatoren bei der Umsetzung ihrer auf das Gemeinwesen bezogene Ideen und Interessen unterstützen. Durch die Sensibilisierung sowie den Aufbau von Strukturen für gemeinwesenbezogenes Handeln vor Ort soll die Gemeinwesenarbeit gefördert werden.

Caritas international hat von 2003 an konzeptionelle Orientierungspunkte für die SRO vorgelegt. Darin sind die Ziele, Zielgruppen und Kooperationspartner, Arbeitsformen und Qualifikationsanforderungen für die sozialraumorientierte Arbeit enthalten. Von der allgemeinen Sozialberatung – traditionell ausgerichtet auf das katholische Milieu – will die SRO durch die Aktivierung des Milieus versuchen, ein caritatives Füreinander und für die Sozial- und Lebensräume aller Menschen zu gestalten. Der Dienst Gemeindecaritas will zukünftig: Verbesserung der materiellen und kommunikativen Lebenssituation im Sozialraum, Orientierung an den Bedürfnissen der Menschen, Suchen von Lösungsansätzen im Stadtteil, Förderung von Eigeninitiative und Selbsthilfepotenzialen von Betroffenen und Vernetzung und Kooperation mit anderen Institutionen.

Was bisher fehlte ist nach Albrecht die konzeptionelle Ausarbeitung der Ziele und Praxisanforderungen Sozialräumlicher Arbeit im Caritasverband, sei es als unabhängiges Konzept oder als Erweiterung bestehender Konzepte. Diese Lücke will Albrecht in diesem Buch anhand seiner Studie füllen.

In den Kapiteln 4 – 6 werden das Konzept der Studie und die Ergebnisse präsentiert, die im Kapitel 7 als Konturen eines neuen Basis-Caritasdienstes diskutiert werden. Kapitel 8 enthält eine Reihe von Empfehlungen für die Sozialarbeitskonzepte des Deutschen Caritasverbandes, die im Kapitel 9 bezogen auf weitere Wohlfahrtsverbände diskutiert werden. Das Buch schließt mit einem Glossar und Literaturangaben.

Inhalte

Nach der historischen und aktuellen Positionierung der SRO im Deutschen Caritasverband widmet sich das Buch im Hauptteil einer qualitativen Studie, die in den Jahren 2007 und 2008 bei 24 Sozialarbeitern verschiedener Ebenen des Caritasverbandes geführt wurden. Den Kern bilden die Interviews aus vier Amtsstellen, die sich mit Sozialraumorientierter Arbeit befassen. Neben den leitfadengestützten Interviews erfolgten drei Gruppendiskussionen in unterschiedlicher Zusammensetzung (konzeptuell gemischten Gruppen und solche mit nur Mitarbeitern aus der sozialräumlichen Arbeit). Der Studie liegen acht Arbeitshypothesen zu Grunde, die in typisierender Sozialarbeiterportraits exemplifiziert werden. Albrecht unterscheidet und erläutert anhand mehrerer Dimensionen vier Typen:

  • Die Protagonisten, die die Sozialraumorientierte Arbeit als neues Paradigma und Leitbild Sozialer Arbeit verstanden wissen wollen.
  • Die Experimentierenden, die sich mit der Kirche und ihrem Verband identifizieren, beiden auch teilweise kritisch gegenüber stehen. Sie sind teilweise offen für neuen Kooperationen und Entwicklungen.
  • Die Skeptischen: als längjährige Mitarbeiter haben sie eine kritische Sicht auf die Sozialraumorientierte Arbeit sowie verschiedene verbandliche Entwicklungen.
  • Die Wohlwollenden sehen als Dienstellenleiter die Arbeit der Experimentierenden stärker in gesamtverbandlicher Sicht. Sie sind ihr gegenüber offen, aufgeschlossen und wohlwollend.

Als zentrales Ergebnis der Studie sieht Albrecht, dass sich alle Sozialarbeiter - neben unterschiedlichen Positionen - zum Empowerment als Arbeitsprinzip und als Voraussetzung für die SRO bekennen. Die Ergebnisse der Studie werden im Detail dann entlang der acht Hypothesen diskutiert. Der Autor unternimmt zwei Erklärungsversuche für die Studienergebnisse und formuliert einige Schlussfolgerungen – auch in Bezug zu dem Entwicklungen in anderen Wohlfahrtsverbänden. Für Albrecht legt die Studie nahe, über die Entwicklung eines neuen Caritasdienstes nachzudenken, die neuen

Diskussion

Die Arbeit richtet sich wohl primär an Fachpersonen aus der kirchlichen Verbandsarbeit, die mit den hier untersuchten Konzepten vertraut sind. Für ein breiteres Fachpublikum bleibt die Studie zu sehr in Details und in "inneren" Angelegenheiten verhaftet, als dass sich die Lektüre lohnen würde. Es ist kein leichtes Unterfangen, in der Fülle der Zitate und Fußnoten eine stringente Gedankenführung zu erkennen und generalisierbare Erkenntnisse aus der Studie abzuleiten. Es ist mir – auch in mehreren Anläufen – nicht gelungen, die zentralen Aussagen und Anliegen des Autors zu erschließen.

Fazit

Der hermetische Charakter des Textes mit einer Vielzahl von nicht stimmigen Begriffen, von verbandsinternen Zitaten und Nebenspuren lässt die Rezensentin etwas ratlos zurück.


Rezension von
Prof. Dr. Kitty Cassée
Institutsleiterin kompetenzhoch3.ch
Homepage www.kompetenzhoch3.ch
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Zitiervorschlag
Kitty Cassée. Rezension vom 31.08.2009 zu: Peter-Georg Albrecht: Professionalisierung durch Milieuaktivierung und Sozialraumorientierung? Caritas-Sozialarbeit in der Entwicklung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-15874-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7104.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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