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Christoph Menke, Arnd Pollmann: Philosophie der Menschenrechte zur Einführung

Cover Christoph Menke, Arnd Pollmann: Philosophie der Menschenrechte zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2007. 256 Seiten. ISBN 978-3-88506-639-2. 14,90 EUR, CH: 26,00 sFr.

Reihe: Zur Einführung - 339.
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Die Menschenrechte sind ein Ereignis, "das vergisst sich nicht mehr" -

- die von Immanuel Kant entliehene Aussage klingt wie eine Fanfare und ein Fanal. Die Frage nach den Menschenrechten ist ein Ergebnis des philosophischen (westlichen) Nachdenkens im 17. und 18. Jahrhundert und der Erkenntnis, dass jeder Mensch von Natur aus Rechte habe, was sich, spätestens in der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung und in der Französischen Revolution, in den Forderungen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ausdrückte und zu politischen Auffassungen als "Bürgerrechte" entwickelte. Als die Generalversammlung der 1945 gegründeten Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" proklamierte, da lag (wieder einmal) die Erfahrung der Menschen zugrunde, dass die "Verkennung und Missachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei" führen – und die Hoffnung, dass die Menschheit endlich erkennen möge, dass die "Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet", wie dies in der Präambel der Menschenrechtserklärung formuliert wird und in Artikel Eins der Erklärung eindeutig und unmissverständlich zum Ausdruck kommt: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen" (vgl. dazu auch den Kommentar: Zum 60. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948; in: www.socialnet.de/materialien/46.php; Dezember 2008).

Thema

Menschenrechte sind für alle Menschen gültig, und die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgelegten Werte und Normen sind allgemeinverbindlich, also nicht interpretier- und relativierbar. Jeder Mensch auf der Erde, ob jung oder alt, arm oder reich, mächtig oder ohnmächtig, religiös oder atheistisch, soll die in der Menschenrechtserklärung gesetzten Rechte in Anspruch nehmen können. Das Problem ist freilich, wie dieses Recht verwirklicht werden kann, überall auf der Welt. Deshalb sind seit langem Wissenschaftler, Politiker und Menschenrechtsvertreter damit beschäftigt, die individuelle und kollektive Bedeutung der Menschenrechtserklärung in die Köpfe und das Machtstreben der Menschen zu bringen.

Autoren

Der an der Universität Potsdam lehrende Philosoph und stellvertretende Direktor des dortigen Menschenrechtszentrums, Christoph Menke, und der am Institut für Philosophie der Universität Magdeburg, gleichzeitig Gründungsmitglied der Arbeitsstelle Menschenrechte, Arnd Pollmann, haben in der Taschenbuchreihe "Zur Einführung" des Junius-Verlags ein Kompendium vorgelegt, das insbesondere die philosophische und historische Bedeutung der Menschenrechte argumentiert.

Aufbau und Inhalt

Die Autoren gliedern das Buch in vier Teile:

  1. Grundbestimmungen,
  2. Reichweite,
  3. Menschenwürde,
  4. Politik,

um zum Schluss in einem Exkurs an ausgewählten Beispielen die "Juckepunkte" der Menschenrechtsdiskussion und –realität aufzuzeigen. Es ist insbesondere die Frage nach der Verbindlichkeit – und damit nach der Verwirklichung – der Menschenrechte, die die Philosophin Hannah Arendt bereits 1949 in ihrem Essay "The Right of Man" veranlasste, danach zu fragen: "What are They?" und vor allem danach, wie die Erkenntnis im Denken und Handeln der Menschen Fuß fassen könne, dass jedes Individuum uneingeschränkt ein "Recht auf Rechte" habe. Es sind also die grundlegenden Auffassungen vom Menschsein, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte mit den Begriffen Recht – Moral – Politik zum Ausdruck kommen und sich begründen mit den Instrumenten Vertrag – Vernunft – Anerkennung. Diese Ethiken formulieren die Autoren ausführlich aus und liefern so eine Reihe von Argumenten für die Durchsetzung der Menschenrechte, lokal und global.

Im zweiten Teil geht es um das so genannte "Universalismusproblem", das im internationalen Diskurs in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Bedeutung gewonnen hat. Dabei wird von Vertretern der kulturpluralistischen Auffassung festgestellt, dass "die Menschenrechte sich zwar… auf alle Menschen beziehen mögen, dass die universelle Berücksichtigung aller Menschen selbst aber eine Überzeugung ist, die nur in einigen Kulturen akzeptiert und praktiziert wird". Im Kampf um die Verwirklichung der allgemeingültigen und unteilbaren Menschenrechte ist es wichtig, die Argumentationen der Gegner dieser Auffassung zu kennen, um sich mit ihnen dialogisch auseinander setzen zu können. Da sind erst einmal die "Relativisten", nicht zu verwechseln oder sie gar zusammen mit den absoluten Gegnern des Menschenrechtsgedankens zu sehen, die damit argumentieren, dass in der Menschenrechtserklärung formulierte Grundfreiheiten dann nicht berücksichtigt werden können, "wenn sich eine Gemeinschaft über sie einig ist: etwa, weil sie denselben religiösen Glauben oder dieselben sittlichen Grundsätze teilt". Es sind also nicht (nur) Ignoranten oder Allmachtbesessene, die die Universalität der Menschenrechte bestreiten. Eine zweite Argumentationslinie tut sich auf, wenn der Gedanke des Naturrechts universal begründet wird und sich in Auffassungen des "Universalismus" nieder schlägt. Weil sich dies allzu leicht in ethnozentrischem Denken äußert. Diese Gedankengänge sind kompliziert und zudem eine Gratwanderung, weil einerseits die Forderung nach einem "allumfassenden Gesetz" allzu leicht in einer "statischen" Festlegung eines Katalogs von Grundrechten und Grundfreiheiten mündet; andererseits den Relativierungen und spezifischen Auslegungen der Grundlagen des Rechts Tür und Tor öffnen. Darin verborgen ist die philosophische Entscheidung, ob "jeder Mensch gleich", oder "jeder Einzelne ein anderer" sei.

Vielleicht gelingt es, aus diesem Dilemma heraus Lichtpunkte zu entdecken, die dazu führen können, dass eine gemeinsame Anerkennung der Menschenrechte möglich wird, gewissermaßen im "Prozess der Universalisierung", in dem "alle sich so verstehen und womöglich so verändern sollten, dass die es genauso sehen". Es ist die "Menschenwürde", die in Artikel Eins des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland von 1949 an oberster Stelle steht: "Die Würde des Menschen ist unantastbar". In der Menschenrechtsdeklaration verbinden sich "die Anerkennung der Würde eines jeden Menschen und die Anerkennung der Rechte eines jeden Menschen".

Die schwierigste Frage, die im internationalen Diskurs sich zu beinahe unvereinbaren Positionen ausgewachsen hat, ist die nach der politischen Bedeutung der Menschenrechte. Es geht um den Zusammenhang von Demokratie und Menschenrechten, und zwar nicht einer spezifischen Demokratie-Auffassung, sondern um die grundsätzliche Entscheidung, dass "Menschenrechte der demokratischen Selbstregierung als moralische Prinzipien vorgegeben sein müssen". Die Autoren neigen dazu, als einzige, derzeit erkennbare Lösung zur Durchsetzung der Menschenrechte überall auf der Erde eine gemeinsam (dialogisch) zu schaffende Weltordnung zu favorisieren. Eine "Politik des Weltbürgerrechts", so utopisch dies auch in der momentanen Situation der Hegemonien und Machtkonstellationen in der Welt auch klingen mag, ist wohl tatsächlich die alleinige Möglichkeit, die Menschheit humaner, gerechter und freier zu entwickeln, als sich dies derzeit darstellt.

Wie aber kann das gelingen? Nicht hegemonial und ideologisch, sondern demokratisch und dialogisch. Das bedeutet dann auch, demokratisches Leben, wie wir es in den westlichen Demokratien verstehen, nicht besserwisserisch auf die Fahnen zu schreiben und mit dem Zeigefinger und den mächtigen Mitteln unserer Wohlhabenheit durchzusetzen, sondern empathisch vorzuleben. Und wie sollen Menschenrechtsverletzungen, die es überall auf der Welt gibt, verhindert und geahndet werden? Die Vereinten Nationen haben seit den 1990er Jahren damit begonnen, so genannte UN-ad-hoc-Tribunale gegen Menschenfeinde und Kriegsverbrecher zu schaffen, wie etwa als Folge der Kriege im ehemaligen Jugoslawien, der ethnischen Massaker in Ruanda und der Bürgerkriegsverbrechen in Sierra Leone. Und 1998 wurde in Den Haag der Internationale Gerichtshof eingerichtet, der Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verfolgen soll. In Straßburg arbeitet der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, der auf der Grundlage der Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten insbesondere individuelle Menschenrechtsverletzungen aburteilt. Ein Internationaler Gerichtshof für Menschenrechte, besteht noch nicht.

Fazit

Eine "Philosophie der Menschenrechte" muss basieren auf einem Gedankengerüst für humanes, ethisches Denken und Handeln der Menschen und auf einem Handlungsrahmen zur Verwirklichung der allgemeingültigen und unteilbaren Menschenrechte für alle Menschen überall in der Welt. Christoph Menke und Arnd Pollmann haben mit ihrem Taschenbuch natürlich keine Rezeptologie dafür geliefert, sondern eine Fülle von Gedankengut und Informationen für die Notwendigkeit bereit gestellt, dass Menschenrechte zum Menschsein gehören. In der Präambel der UNESCO, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Bildung, Wissenschaft und Kultur, heißt es, weil Kriege in den Köpfen der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geiste der Menschen errichtet werden. Analog dazu lässt sich sagen: Weil Menschen Rechte innewohnen, muss auch das Recht ihrer Verwirklichung in die Köpfe der Menschen gepflanzt werden!

Der Einführungsband "Philosophie der Menschenrechte" ist sicherlich ein wichtiges Kompendium für alle, die in der Schule, der Hochschule, der Öffentlichkeit und in der Zivilgesellschaft mit Menschen und für sie tätig sind.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.01.2009 zu: Christoph Menke, Arnd Pollmann: Philosophie der Menschenrechte zur Einführung. Junius Verlag (Hamburg) 2007. ISBN 978-3-88506-639-2. Reihe: Zur Einführung - 339. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7118.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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