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Winfried Böhm, Ursula Frost u.a. (Hrsg.): Handbuch der Erziehungswissenschaft

Cover Winfried Böhm, Ursula Frost, Lutz Koch, Volker Ladenthin, Gerhard Mertens (Hrsg.): Handbuch der Erziehungswissenschaft. Band I: Grundlagen Allgemeine Erziehungswissenschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2008. 1118 Seiten. ISBN 978-3-506-76350-1. 108,00 EUR, CH: 182,00 sFr.

Im Auftrag der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft herausgegeben.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-506-78469-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Es ist schon 26 Jahre her, dass zum letzten Mal der Versuch unternommen worden ist, den Stand der Erziehungswissenschaft in einem mehrbändigen Handbuch abzubilden. 1983 erschien der erste Band der zwölfbändigen, von Dieter Lenzen herausgegebenen "Enzyklopädie Erziehungswissenschaft", die zugleich Handbuch und Lexikon ist. Das davor letzte, 1969 begonnene Unternehmen eines Handbuchs, auf vierzehn Bände angelegt, musste mit dem fünften Band eingestellt werden (Thomas Ellwein u.a.: "Erziehungswissenschaftliches Handbuch"). Jetzt ist ein neuer Versuch gewagt worden. 2008 erschien der erste Band des auf drei Gesamt- bzw. sechs Teilbände angelegten "Handbuchs der Erziehungswissenschaft". Der zweite und dritte Gesamtband werden in 2009 folgen. Das Handbuch wird im Auftrag der "Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft" herausgegeben, einer 1876 gegründeten Wissenschaftsgesellschaft katholischer Forscher und Publizisten. Namenspatron der Gesellschaft ist der katholische Publizist Joseph Görres (1776-1848), Begründer der Wochenzeitschrift "Rheinischer Merkur"

Der hier zu besprechende erste Gesamtband "Grundlagen – Allgemeine Erziehungswissenschaft" umfasst, wenn ich mich nicht verzählt habe, 91 Beiträge von 61 Autoren.

Das Buch widmet sich den "Grundlagen", sowohl der Erziehung als auch der Erziehungswissenschaft. Es handelt, als Theorie, von der Erziehung allgemein und, als Metatheorie, von der Allgemeinen Erziehungswissenschaft. Beide Teilthemen sind angesichts der Differenzierung der Erziehungswissenschaft in zahlreiche Teildisziplinen und Forschungsparadigmen wichtig und dringlich. Die "Einheit des Pädagogischen" (S. XII) droht verloren zu gehen. Vielleicht war sie nie vorhanden, vielleicht ist sie nie herzustellen – aber immer wieder erscheint es als notwendig und – sonst käme kein Versuch zustande – auch als möglich, dem zentrifugalen Drift der Differenzierung einen zentripetalen Sog der Integration entgegenzusetzen. Darum geht es. Das Hauptgewicht der Beiträge liegt auf dem ersten Teilthema, der Theorie der Erziehung, und zwar im weiten Sinne.

Herausgeber

Die Herausgeber sind Professoren an vier Universitäten am Rhein und am Main. Ursula Frost und Gerhard Mertens gehören der Universität Köln, Volker Ladenthin gehört der Universität Bonn an, während Winfried Böhm Emeritus der Universität Würzburg, Lutz Koch der Universität Bayreuth ist. Alle sind Vertreter der Allgemeinen Erziehungswissenschaft und Mitglieder der Görres-Gesellschaft, zwei in Funktion (Ursula Frost als Vorstandsmitglied, Volker Ladenthin als Sektionsleiter Pädagogik). Bis auf Lutz Koch sind sie zugleich Herausgeber des "Handbuchs der Erziehungswissenschaft", um dessen ersten Band es hier geht.

Entstehungshintergrund

Paul Mikat, ehemaliger Rechtsprofessor und Kultusminister des Landes Nordrhein-Westfalen stellte 2001 auf der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft als damaliger Präsident den Plan vor, die Reihe ihrer Nachschlagewerke (Staatslexikon 19937, Lexikon der Bioethik 1998, Handbuch der Wirtschaftethik 1999) um ein viertes, und zwar ein "Handbuch der Pädagogik" zu ergänzen. Da die Gesellschaft mit ihren zwanzig Sektionen fachlich breit aufgestellt ist, kann sie solche editorischen Projekte mit einer gewissen Selbstverständlichkeit in Angriff nehmen. Was die Erziehungswissenschaft betrifft, gibt sie immerhin seit 1925 die "Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik" heraus. Ende 2005 begann die Arbeit.

Aufbau und Vorgehen bei dieser Rezension

Das Buch umfasst fünf Teile mit insgesamt 44 Kapitel. Der erste Teil, "Metatheorie" genannt, hat in sieben Kapiteln die Erziehungswissenschaft zum Thema. Die anderen vier Teile sind, als Aspekte einer Objekttheorie, dem Gegenstand der Disziplin gewidmet und noch einmal, oberhalb der Kapitel, in Abschnitte gegliedert. Dabei besteht nicht der Anspruch, "positionsübergreifend eine systematische allgemeinpädagogische Einheitskonstruktion zu verfassen". Man hat den "Grundlagendiskurs schon im Ansatz unter Berücksichtigung differenztheoretischer Positionen angelegt" (S. XV).

Der zentripetale Sog der Integration, den das Buch nichtsdestotrotz entfalten soll, wird nicht inhaltlich, sondern formal angestrebt: "mit Hilfe einer straffen Strukturierung des Grundlagendiskurses selbst" (S. XV). Da es im Rahmen einer Rezension unmöglich ist, die Inhalte der 91 Beiträge, sei es noch so kurz, zu referieren, geschweige denn zu würdigen, muss ich mich beschränken. Ich fokussiere meine Besprechung erstens auf die Struktur des Bandes. Zweitens konzentriere ich mich auf die objekttheoretischen Teile, Abschnitte und Kapitel, da sie den Großteil des Buches ausmachen und thematisch von breiterem Interesse sein dürften.

Das Phänomen der Erziehung i.w.S. wird aus fünf Perspektiven befragt:

  1. Was ist Erziehung (Begriffe)?
  2. Wer erzieht (Verhältnisse)?
  3. Unter welchen Voraussetzungen wird erzogen (Bedingungen)?
  4. Wozu wird erzogen (Ziele)?
  5. Wie wird erzogen (Formen)?

Begriffe der Erziehung (Teil II, 1. Abschnitt)

Erziehung in dem weiten Sinne der Erziehungswissenschaft wird in vier Grundbegriffe differenziert: Erziehung, Bildung, Sozialisation und Lernen. "Erziehung und Bildung haben sich durch eine turbulente und wechselvolle Geschichte hindurch als die Problemtitel der Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft herauskristallisiert…" (S. 163) "Im Unterschied zu den an intentionalen und ethischen Perspektiven orientierten Begriffen … beschreiben die Theorien der Sozialisation und des Lernens Prozesse und Bedingungen der faktischen Persönlichkeitsgenese" (S. 164) – im ersten Fall auf gesellschaftlicher, im zweiten auf individueller Ebene. Der Umstand, dass der dritte traditionelle Grundbegriff, nämlich Unterricht, fehlt und auch im Kapitel zur Bildung kaum Erwähnung findet, kann als Indiz für die "philosophische Orientierung" (S. 53) des Bandes verstanden werden. Unterricht scheint den Herausgebern zu konkret oder zu technisch zu sein und für eine in der Metatheorie gleichfalls benannte, für die Allgemeine Erziehungswissenschaft aber nicht vorgesehene "empirische" und "praktische Orientierung" zu stehen. Die vier bis sieben Beiträge pro Grundbegriff sind so disparat, dass ausser der Orientierung an einer "philosophy of education" (S. 53), wie die Allgemeine Erziehungswissenschaft bezeichnenderweise im angelsächsischen Sprachraum heisst, keine Gemeinsamkeiten zu entdecken sind. Das entspricht zwar dem "positionsübergreifenden" (S. XV) Ansatz des Bandes, bleibt aber dennoch für ein Handbuch unbefriedigend – zumal unabhängig von den Positionen in den Kapiteln zu den Grundbegriffen keine Systematik erkennbar ist.

Verhältnisse der Erziehung (Teil II, 2. Abschnitt)

In dem Abschnitt "Grundverhältnisse und soziale Wirklichkeit" werden vier Ebenen der Erziehung unterschieden und mit je einem Beitrag bedacht: "… vom Nahraum personaler Verhältnisse über die Erziehung und Bildung in Gruppen und Institutionen bis hin zur gesamtgesellschaftlichen Perspektive…" (S. 403). Diese Einteilung entspricht den Ebenen der Soziologie Luhmanns von Interaktion, Organisation und Gesellschaft, die sich auch in den Sozialisationstheorien findet – zu ergänzen um die pädagogisch relevante Ebene der Gruppe.

Bedingungen der Erziehung (Teil III)

Die Bedingungen werden nach der klassischen Dichotomie von "nature" und "nurture" in naturanthropologische und kulturanthropologische Perspektiven zweigeteilt. Dass die naturanthropologische Abteilung neben den der Pädagogik geläufigen philosophischen Anthropologien eines Helmut Plessner oder Arnold Gehlen auch naturwissenschaftliche, hier neurophysiologische und genetische Erkenntnisse thematisiert, ist angesichts der Biologie als heutiger Leitwissenschaft nur konsequent. Die Beiträge zur kulturanthropologischen Perspektive sind leider nicht nach Inhalten, sondern nach (beliebig anmutenden) Perspektiven sortiert: phänomenologische, historische und humanökologische Zugänge. Die Disziplin der Kulturanthropologie selbst, in Deutschland "Ethnologie" genannt, kommt dabei überhaupt nicht zu Wort. Ebenso wenig werden neben den allgemeinen, für alle Menschen geltenden Bedingungen die gesellschaftlichen und individuellen Voraussetzungen thematisiert und damit neben den anthropologischen auch soziologische und psychologische Erkenntnisse einbezogen.

Ziele der Erziehung (Teil IV)

Im folgenden Teil werden, stets mit mehreren Beiträgen bedacht, die "Zieldimensionen" abgehandelt. Das geschieht unter den fünf Rubriken theoretischer, ethisch-politischer, ästhetischer, religiöser und technisch-ökonomischer Erziehung und Bildung, wobei letzterer auch, systematisch deplatziert, bildungsökonomische Beiträge zugeschlagen werden. Da dem Teil leider keine Einführung vorgeschaltet ist, kann man nur vermuten, dass hier ein wertethischer Hintergrund gegeben ist. Die Ziele der Erziehung werden offensichtlich in fünf Wertdimensionen angesiedelt. Mit den Worten z.B. eines Max Scheler: Wahrheit, Gerechtigkeit und Schönheit, gipfelnd in Heiligkeit, fussend auf Nützlichkeit. Da dieser Teil des Bandes am umfangreichsten angelegt ist, wird deutlich, dass die "philosophische Orientierung" des Buches normative Gesichtspunkte entschieden mit einschließt. Insbesondere damit will man sich von vergleichbaren Werken absetzen. Dem Auftraggeber des Handbuchs und dem Selbstverständnis seiner Herausgeber dürfte es dann weiterhin geschuldet sein, dass die religiöse Erziehung und Bildung innerhalb der Ziel- und Wertdimensionen die größte Aufmerksamkeit erfährt. Für die Ziele insgesamt bleibt zu bedenken, dass sie kaum unabhängig von Inhalten gegeben sind und der Teil "Zieldimensionen" somit zugleich Aussagen zu eben diesen Inhalten trifft.

Formen der Erziehung (Teil V)

"Was immer wir tun, es hat eine bestimmte Form…" (S. 937). Den "Formen pädagogischen Handelns", d.h. der Art und Weise der Erziehung und Bildung, ist der letzte Teil des Buches gewidmet. Es ist eine Stärke des Bandes, damit neben der "philosophischen Orientierung" zusätzlich doch noch die "praktische Orientierung" aufgegriffen zu haben. Denn die kommt bisher in allen pädagogischen Nachschlagewerken zu kurz. Innovativ sind die Kapitel über die "Großformen" und "Fehlformen des Erziehens". Dem zweiten, konkret-methodischen Abschnitt fehlt leider eine Einführung. So ist nicht ganz nachvollziehbar, in welchem Zusammenhang die vier Kapitel zueinander stehen. Offensichtlich werden im Kapitel zur "semiotischen Dimension" eher Unterrichtsmethoden, in den Kapiteln"personal orientierte" und "vermittelnde Formen pädagogischen Handelns" eher Erziehungsmethoden i.e.S. behandelt. Da die Unterrichtsmethoden nur aus der Rhetorik und nicht auch aus der Didaktik heraus betrachtet werden, verengt sich der Blick auf primär verbalen Unterricht. Den beiden die Erziehungsmethoden differenzierenden Kapiteln kommt das Verdienst zu, erstmals seit Erich E. Geißlers Buch "Erziehungsmittel" aus dem Jahre 1973 den Versuch unternommen zu haben, das Thema übersichtlich und möglichst vollständig aufzuarbeiten.

Diskussion

Der Titel des ersten Bandes des "Handbuchs der Erziehungswissenschaft" ist insofern ein wenig verunglückt, als das Wort "Grundlagen" unspezifisch bleibt: "Grundlagen der Allgemeinen Erziehungswissenschaft", "Grundlagen der Erziehung" oder "Grundlagen des Handbuchs der Allgemeinen Erziehungswissenschaft"? Es wird auch nicht deutlich, inwiefern dieser Band aus zwei Teilbänden bestehen soll. Es war sehr hilfreich, dem Band eine klare und nachvollziehbare Struktur zu geben und einzelne Teile oder Abschnitte noch einmal mit einer Einführung zu versehen. Dass dann für Teil IV "Zieldimensionen" eine Einführung fehlt und für Teil V "Formen pädagogischen Handelns" die Einführung nur den ersten Abschnitt erläutert, erscheint als inkonsequent. Der Auftraggeber des Handbuchs und die meist zur Görres-Gesellschaft gehörenden und für deren Vierteljahresschrift für wissenschaftliche Pädagogik schreibenden Herausgeber und Autoren sorgen für einen roten Faden des Bandes, den man vielleicht, bei aller Unterschiedlichkeit der Beiträge, als schon genannte philosophische Orientierung kennzeichnen kann. Damit kommen soziologische und psychologische, auch historische und komparative Perspektiven deutlich zu kurz. Kein Schaden, wenn man den Band nicht als State of the Art der gesamten Disziplin versteht, sondern als besonderen und damit ergänzungsbedürftigen Akzent. Unverständlich bleibt, warum dem Band weder ein Autorenverzeichnis noch ein Sach- und Personenregister beigegeben worden ist.

Fazit

Der erste Band des neuen "Handbuchs der Erziehungswissenschaft" besticht durch eine klare Struktur, die Fülle der Perspektiven und die gedankliche Tiefe der meisten Beiträge. Dass er mit seiner in weiten Teilen philosophischen Orientierung in gewissem Sinne einseitig ist, kann der Leser, je nach eigener Couleur, als Vor- oder Nachteil verstehen. Für ein Handbuch mit programmatischem Anspruch dürfte das normal sein.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 29.01.2009 zu: Winfried Böhm, Ursula Frost, Lutz Koch, Volker Ladenthin, Gerhard Mertens (Hrsg.): Handbuch der Erziehungswissenschaft. Band I: Grundlagen Allgemeine Erziehungswissenschaft. Verlag Ferdinand Schöningh (Paderborn) 2008. ISBN 978-3-506-76350-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7119.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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