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Ulf Neumann, Muzaffer Perik u.a. (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule

Cover Ulf Neumann, Muzaffer Perik, Wilhelm Schmidt, Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule. Konzepte - Praxis - Methoden. Schüren Verlag (Marburg) 2002. 206 Seiten. ISBN 978-3-89472-265-4. 14,80 EUR.
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Einführung in das Thema

Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen ist immer wieder ein prominentes Thema in der öffentlichen Diskussion. Gerade nach Ereignissen wie Erfurt werden von öffentlicher und politischer Seite Maßnahmen zur Eindämmung von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen gefordert, z.T. werden in kurzer Zeit Aktionsprogramme aufgelegt, in der eine Vielzahl von Maßnahmen finanziell unterstützt wird. In den Jahren 1992-1996 wurden beispielsweise im Rahmen des Aktionsprogramms der Bundesregierung gegen Aggression und Gewalt ca. 30 Millionen EURO an öffentlichen Geldern zur Unterstützung von Maßnahmen gegen Aggression und Gewalt bzw. Fremdenfeindlichkeit ausgegeben. Neben solchen, teilweise kurzfristigen Programmen ist sicherlich auch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Problematik in Schule und Jugendarbeit notwendig, um effektiv mit dem Problem umgehen zu können. Der vorliegende Band möchte hierzu Impulse liefern.

Hintergründe für die Entstehung des Buches und Einschätzung der Tauglichkeit der Autoren

In dem Band vereint sind AutorInnen, die in ihrer praktischen Tätigkeit mit Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert sind. Anliegen des Bandes ist (nach Worten der Herausgeber) die sachliche Thematisierung von Fragen der Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule, um so einen Beitrag dazu leisten, aktiv mit Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen umzugehen.

Aufbau, Inhalte und Gliederung

Insgesamt umfasst der herausgegebene Band 11 mehr oder weniger unabhängige Beiträge. Die Mehrzahl der Beiträge stellt praktische Maßnahmen im Umgang mit Aggression und Gewalt dar, die in der Schule und/oder Jugendarbeit angesiedelt sind. Zum Teil werden aber auch theoretische Überlegungen zu der Problematik vorgelegt. Im Folgenden wird ein kurzer Überblick über die einzelnen Beiträge gegeben:

Der erste Beitrag von Peter-Ulrich Wendt präsentiert eigene Umfrageergebnisse zum Gewalterleben von Jugendlichen und geht auf Implikationen der Ergebnisse für die Jugendarbeit ein. Dabei weist der Autoren auch darauf hin, dass gesellschaftliche Ursachen der Aggression und Gewalt bei Jugendlichen mitberücksichtigt und angegangen werden müssen.

Heike Blum und Detlef Beck stellen im zweiten Beitrag eine Maßnahme zur Förderung konstruktiver Konfliktaustragung vor und plädieren dafür, dass solche Maßnahmen auch langfristig beispielsweise in Schulen etabliert werden.

Im dritten Beitrag von Axel Trender und Arnim Graßhoff wird über eine Form mobiler Jugendarbeit mit jugendlichen Aussiedlern berichtet und über deren Effektivität reflektiert.

Der vierte Beitrag von Ulf Neumann schließt direkt an den vorangehenden an, wobei hier auf den Nutzen von Trendsportarten wie "Skaten" oder "Inlinern" in der Gewaltprävention eingegangen wird.

Franz Behr und Jutta Lucke stellen im fünften Beitrag ein Kommunikationstraining mit HauptschülerInnen vor, wobei relativ unstrukturiert verschiedene Bausteine des Kommunikationstrainings beschrieben werden.

Ulf Neumann umschreibt im sechsten Beitrag den möglichen Beitrag von Kampfkunst (Judo) für Gewaltprävention, wobei er primär auf die zugrundeliegende Philosophie der Kampfkunst eingeht.

Im siebten Beitrag wiederum stellt Carola Stein ein Unterrichtsprojekt zur Gewaltprävention in Berufsvorbereitungsklassen vor.

Reinhard Koch geht im achten Beitrag auf die Wichtigkeit von Vernetzungen verschiedener Präventionsprojekte ein und stellt dies am Beispiel der Braunschweiger Arbeitstelle gegen Rechtsextremismus dar.

Der neunte Beitrag von Brigitte Mehrfert stellt ein Projekt zur konstruktiven Konfliktaustragung im Rahmen der Stadtteilarbeit im Soester Süden vor.

Claudia Biallas und Anja Vogel beschreiben im zehnten Beitrag, wie Schule und Jugendarbeit in Zusammenarbeit gegen Aggression und Gewalt vorgehen kann.

Das Buch wird mit dem Beitrag von Susanne Martin abgeschlossen, die ein Konzept zur Gruppenleiterausbildung vorstellt.

Die Beiträge, die sich mit der Darstellung von Praxisbeispielen beschäftigen, beginnen zunächst mit einer kurzen Beschreibung der Rahmenbedingungen, in die die Präventionsprojekte eingebettet sind. Alle Beiträge werden durch eine kurze Literaturliste abgeschlossen.

Den Beiträgen voraus geht ein kurzes Vorwort durch die Herausgeber.

Am Ende des Bandes findet die/der LeserIn Informationen zu den Herausgebern und den AutorInnen.

Zielgruppen

Der Band richtet sich primär an in der Jugendarbeit Tätige, die in ihrem beruflichen Alltag mit Aggression und Gewalt konfrontiert sind. Aber auch LehrerInnen und politisch Verantwortliche auf kommunaler und Kreisebene werden durch den Band angesprochen.

Bewertung

Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen stellen ein gesellschaftliches Phänomen dar, welchem aktiv durch geeignete Präventionsmaßnahmen begegnet werden muss. Insofern liefert der Band Anregungen und Beispiele für mögliche Maßnahmen, wie man dem Problem in Schule und Jugendarbeit präventiv entgegenwirken kann. Meine Bewertung des Bandes beruht auf folgenden drei Punkten:

1. Die Qualität der einzelnen Beiträge ist sehr unterschiedlich. Zum einen ist bei einem Teil der Beiträge der Zusammenhang zum Oberthema nur schwer erkennbar bzw. der praktische Nutzen zweifelhaft (Beitrag von Susanne Martin zur Gruppenleiterausbildung; Beitrag von Ulf Neumann zur Kampfkunst und die Bedeutung für Gewaltprävention), zum anderen ist bei einem Teil der vorgestellten Praxisbeispiele der theoretische Hintergrund unklar (Beitrag von Brigitte Mehrfert).

2. Ein Irrtum, der immer wieder in Publikationen zu Aggression und Gewalt auftaucht, ist die Annahme, dass eine Möglichkeit zur Reduktion von Aggression und Gewalt darin bestehen kann, den Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten "zum Luft ablassen" (z.B. Fitnessgeräte) zu geben. Dieser Irrtum, der auf die berühmte Katharsis-Hypothese zurückgeht, kann so nicht stehen gelassen bleiben, da die wissenschaftliche Forschung mittlerweile klar zeigen kann, dass beispielsweise sportliche Betätigung allein nicht zum Abbau von Aggression beiträgt. Hier sollten die AutorInnen Ihre Ausführung präzisieren und die flankierenden Maßnahmen näher beschreiben.

3. Ein Manko, was vielen Präventionsmaßnahmen gegen Aggression und Gewalt gemein ist (vgl. Wagner, van Dick & Christ, 2002), ist die fehlende empirische Überprüfung ihrer Wirksamkeit, d.h. ob die Maßnahme tatsächlich auch zu einer Reduktion von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen führt. Auch die im vorliegenden Band dargestellten Präventionsmaßnahmen bilden hierin keine Ausnahme. Zwar wird zum Teil in Form der Eigenreflexion von Erfolgen berichtet, dies ersetzt allerdings nicht die empirische Überprüfung. Zumindest sollte die fehlende Evaluation in den einzelnen Beiträgen kritisch angemerkt werden, da ohne Evaluation eine abschließende Bewertung der Maßnahmen nicht möglich ist.

Fazit

Mit oben genannten Einschränkungen kann der Band vorwiegend Tätigen in Schule und Jugendhilfe (SozialpädagogInnen, LehrerInnen) empfohlen werden. Die/der LeserIn bekommt durch die Lektüre Anregungen für die eigene berufliche Tätigkeit. Für die Planung konkreter Präventionsmaßnahmen sind die Beiträge nicht ausreichend beschrieben (theoretischer Hintergrund, genaue Darstellung der Bausteine, notwendige strukturelle Vorgaben, etc.) und somit auch nicht geeignet.

Literatur

Wagner, U., van Dick, R. & Christ, O. (2002). Möglichkeiten der präventiven Einwirkung auf Fremdenfeindlichkeit/Antisemitismus und fremdenfeindliche/antisemitische Gewalt. In: Landeshauptstadt Düsseldorf (Hrsg.), Düsseldorfer Gutachten: Empirisch gesicherte Erkenntnisse über kriminalpräventive Wirkungen (S. 265-332). Düsseldorf: Landeshauptstadt Düsseldorf. Kostenfrei zu beziehen unter www.duesseldorf.de/download/dg.pdf.


Rezensent
Dipl.-Psych. Oliver Christ
FernUniversität in Hagen, Institut für Psychologie, LG Psychologische Methodenlehre und Evaluation


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Zitiervorschlag
Oliver Christ. Rezension vom 06.05.2003 zu: Ulf Neumann, Muzaffer Perik, Wilhelm Schmidt, Peter-Ulrich Wendt (Hrsg.): Gewaltprävention in Jugendarbeit und Schule. Konzepte - Praxis - Methoden. Schüren Verlag (Marburg) 2002. ISBN 978-3-89472-265-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/712.php, Datum des Zugriffs 15.06.2019.


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