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Werner Schiffauer: Parallelgesellschaften

Cover Werner Schiffauer: Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? transcript (Bielefeld) 2008. 147 Seiten. ISBN 978-3-89942-643-4. 16,80 EUR, CH: 29,00 sFr.

Reihe: XTexte.
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Thema

Die Begriffe "Parallelgesellschaft" und "Leitkultur" spielen in der politischen Diskussion der letzten Jahre nach wie vor eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt lieferten "Zwangsheiraten", "Ehrenmorde" und auch Gewaltverbrechen, in die Migranten involviert waren, den Anlass dafür. Es ging und geht dabei vor allem um die größte, die türkisch dominierte muslimische Minderheitengruppe in Deutschland.

Der Autor des hier zu besprechenden Buches greift nun dieses Thema auf und setzt sich mit den Leitkulturtheoretikern auseinander und will nachweisen, "dass gesellschaftliche Solidarität auch in Situationen kultureller Differenz entsteht und behauptet werden kann." (S. 18) Er will zudem auf empirischem Weg zeigen, dass die Respektierung von Differenz nicht nur wünschenswert, sondern machbar ist, und die Chancen identifizieren, die sich mit der Respektierung von Differenz eröffnen.

Er stützt sich dabei auf drei ethnographische Fallstudien, deren Schwerpunkte (Ehrenmord, Rolle der islamischen Gemeinden in den Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil sowie gesellschaftliche Identifikation von jungen Menschen mit Migrationshintergrund) in der Debatte um Parallelgesellschaften eine zentrale Rolle spielen.

Autor

Prof. Dr. phil. Werner Schiffauer ist Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder. Seine Forschungsschwerpunkte sind Migration, Strömungen im europäischen Islam sowie heterogene Gesellschaften.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von einem umfangreichen Literaturverzeichnis und einer Danksagung besteht das Buch aus sieben Kapiteln.

  1. Das einleitende Kapitel handelt von »Parallelgesellschaften« - Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Es werden drei unterschiedliche Positionen in der Diskussion um "Parallelgesellschaft" und "Leitkultur" festgemacht und vorgestellt. Eine düsteres Bild von Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil zeichnende und das Scheitern der Integration beschwörende Position, eine Position, die "Parallelgesellschaften" als gesellschaftlich notwendige "Durchlauferhitzer" betrachtet und daher keinen Anlass zu Alarmismus sieht, und eine dritte Position, die sich zur ersten gegenpositioniert, indem sie die Rolle der Mehrheitsgesellschaft bei der Herausbildung von "Parallelgesellschaften" hervorhebt und feststellt, dass ein gesellschaftlich bedingtes Phänomen kulturalisiert und entpolitisiert würde. Schiffauer zeigt dann anschließend die Schwachpunkte dieser Positionen und plädiert "für einen neuen Realismus, für eine neue Kultur des genauen Hinsehens". (S. 15)
  2. Im zweiten Kapitel wird die erste Fallstudie vorgestellt, bei der es um das Thema Ein Ehrdelikt - Zum Wertewandel bei türkischen Einwanderern geht. Es wird der Versuch eines Ehrenmordes mit den betroffenen Personen und ihrem Umfeld und mit der Vorgeschichte skizziert, wodurch deutlich wird, wie der Mensch beeinflusst wird und wie er ein adäquates Selbst- und Weltbild entwickelt. Aufgezeigt werden aber auch die gegenläufigen Tendenzen der Entwicklung von Werte- und Deutungsmustern in der Migration (S. 40f.): "Die Ehre verliert ihren zwingenden Charakter"; "der Freiheitsraum der Familienmitglieder wächst erheblich"; "die Idee der Familienehre verblasst auf diesem Hintergrund"; "die Wahrung der Ehre wird immer mehr zur persönlichen Sache des Einzelnen"; das "an Ehre orientierte Handeln verliert seinen formalen und ritualisierten Charakter"; "Werte wie Ehre nehmen den Charakter allgemeiner Maximen an"; "die Meinungen, was denn Ehre nun eigentlich ist, treten infolge all dieser Prozesse immer mehr auseinander". Schiffauer stellt aber auch Faktoren fest, die Werte stabilisierend wirken können: Die Rhetorik der Ehre mit kulturellen Schablonen z.B. über "Männer" und "Frauen" existieren weiter; "diese Mechanismen sind besonders wichtig, wenn es darum geht, von inneren Problemen in Gruppen abzulenken"; neben der Lebensphase "spielen auch die Jungmännergruppen beziehungsweise Eckensteherkulturen in den Einwanderervierteln" eine wichtige Rolle; ebenso bedeutsam ist die Angst vor dem Fremd-Werden der eigenen Kinder; nicht zuletzt "hat der anhaltende Nachzug aus der Türkei weitgehende Konsequenzen auf die Entwicklung der Werte". Es wird dann insgesamt schlussgefolgert, dass die in den Diskussionen über Parallelgesellschaften gezeichneten Bilder nach diesen Erkenntnissen relativiert werden müssen, vor allem das der geschlossenen kulturellen Welten.
  3. Die zweite, im 3. Kapitel vorgestellte Fallstudie thematisiert Die islamischen Gemeinden in der »Parallelgesellschaft«. Bauen diese in Stadtteilen Inseln auf, um dort ihre Regeln durchzusetzen? Schiffauer geht dieser und anderen Fragen nach, indem er die Stadtteilarbeit der islamischen Gemeinde Milli Görüş auf die Jugendarbeit, auf die Summercamps bzw. Korankurse und auf die Familienarbeit/-beratung bezogen untersucht. Aus seinen Beschreibungen gelangt er zu der Erkenntnis, dass es der islamischen Gemeinde gelinge, "dem Abgleiten in Delinquenz, Rauschgift- und Drogenkonsum" entgegenzuwirken und "die Integration in Schule und Arbeit bewusst" zu fördern – "und zwar sowohl für Frauen als auch für Männer. Sie entwickelt ebenfalls beachtliche Initiativen in ihrer Familienberatungstätigkeit in Bezug auf die Stärkung der Stellung der Frau in den Familien. Dies verbindet sich mit einem hohen Grad von Einbindung über einen elaborierten Organisationsrahmen und dem Vermitteln einer starken religiösen Identität. Außer Frage scheint mir ebenfalls zu stehen, dass Letzteres nicht der Abschottung von der Gesellschaft dient, sondern eher dem empowerment - denn letztendlich sollen sowohl der Rückhalt in der Gemeinde als auch eine starke religiöse Identität den Einzelnen in die Lage versetzen, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Man wird also kaum bestreiten können, dass die Mitgliedschaft in der IGMG durchaus integrativ in Bezug auf die gesellschaftlichen Teilbereiche Schule und Arbeit ist und Desintegrationstendenzen, die mit Delinquenz, Rauschgift und soziopsychischen Problemen zusammenhängen, aktiv entgegenwirkt. Von dem Vorwurf, Parallelgesellschaften errichten zu wollen, bleibt … nicht viel übrig. Was allerdings bleibt, ist die Frage nach der Integration in das politische Feld." (S. 83f.) Ob die Bindungskräfte ihr Potenzial entfalten würden oder ob es Rückschläge gibt, hänge weitgehend auch vom Verhalten der Mehrheitsgesellschaft ab.
  4. Im vierten Kapitel werden die Ergebnisse der dritten Fallstudie vorgestellt, in der Großstädtische Identifikationen untersucht werden. Die Zwischenüberschrift "Deutsch-Sein – das schreckt doch irgendwie ab" nimmt bereits eines der wesentlichen Ergebnisse der Studie vorweg: Das Bekenntnis der zweiten und dritten Generation der Migranten zu Deutschland fällt schwer. Im Gegensatz dazu steht die generelle Bejahung der Stadt, in der man lebt, die man als Heimat betrachtet. So lautet dann auch eine weitere Zwischenüberschrift "Ich bin eine Berlinerin". Diese lokale Bindung sieht Schiffauer als ein großes Potential dafür, sich für die Stadt zu engagieren und für ihre bessere Zukunft zu kämpfen, und weist beispielhaft auf die erfolgreiche Aktion von etwa 50 Frauen aus Kreuzberg "Drogendealer haut ab" hin. Durch adäquate Aktivierung dieses Potentials kann in Deutschland einer zunehmenden Segregation entgegengesteuert werden. "Dies erfordert allerdings, dass Schulpolitik als zentraler Eckpfeiler von Stadtpolitik insgesamt wahrgenommen wird und die bisherigen halbherzigen und weitgehend ineffizienten Maßnahmen durch entschlossene Maßnahmen ersetzt werden." (S. 106)
  5. Schiffauer versucht nun im fünften Kapitel (Kulturelle Vernetzungen) den Zusammenhang zwischen Kultur und Integration aufzuzeigen. Zunächst: Das suggestive Bild der modernisierungsresistenten Verkapselung in eine abgeschlossene Lebenswelt, also Parallelgesellschaft, trägt nicht. Auffällig ist ehe eine sehr ausgeprägte Heterogenität in den Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil. Er setzt sich dann mit verschiedenen Zugängen zum Kulturbegriff auseinander und hält fest, dass Kultur für ihn "im Wesentlichen ‚gemacht‘ ist". Handlungen und Prozesse sind entscheidend. Prozesse sind erstens die Entfaltung gemeinsamer Normen, Werte und Deutungsmuster im Kommunikationsprozess, zweitens die reflexive Rückwendung auf die Normen, Werte und Deutungen, die sich eingespielt haben, und drittens das Gestalten des Verhältnisses von Gruppen zueinander. Kulturelle Integration betreffend hält Schiffauer fest, dass eine kulturell integrierte Gesellschaft sich nicht dadurch auszeichne, dass alle Kulturen (Sub-, Jugend- etc.), die sich in ihr finden, ein gemeinsames Merkmal haben. Wichtig sei viel mehr, "dass es fließende Übergänge, Überkreuzungen und Überschneidungen" (S. 119), also eine kulturelle Vernetzung, gäbe. Dann werde sich ein Gefühl "kultureller Identität" herstellen. Bezüglich der Forderung nach gemeinsamem Fundament argumentiert er, dass einerseits große kulturelle Nähe Konflikte nicht lösbarer machen und andererseits kulturelle Vernetzungen die Chance zu pragmatischen Einigungen bieten würden. "Man braucht dazu keine allen Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsamen Werte, sondern Überschneidungen und Überkreuzungen." (S. 120)
  6. Folgerichtig appelliert er dann im sechsten Kapitel für eine kluge Politik der Differenz. "Eine Politik, der an gesellschaftlichem Zusammenhalt liegt, wird . einen offenen Austausch mit allen Gruppierungen anstreben, die innerhalb der Gesetzesordnung agieren und sie darüber kommunikativ einbinden." (S. 123) Diese "Politik der Einbindung nutzt das Potenzial von pluralen kulturellen Zugehörigkeiten und Loyalitäten bei der Gruppe der ‚anderen Deutschen‘ . und vermeidet Eindeutigkeitszwänge." (S. 125) Tragfähige Koalitionen, Kooperationen und Dialoge würden aber nur dann zustande kommen, wenn man diese Gruppe als gesellschaftlichen Partner akzeptiert und prinzipiell wertschätzt.
  7. Im letzten Kapitel Schluss: Und die Leitkultur? kehrt der Autor zum Gedanken der Leitkultur zurück und hält fest: Die Beschwörung gemeinsamer Werte sowie der Notwendigkeit einer Leitkultur und der ständige Hinweis auf Gefahren der Parallelgesellschaft verringere eher die Chancen der Ausbildung von Gemeinwohlorientierung bei Menschen mit Migrationshintergrund, als dass sie sie fördert. "Gerade wenn man den Gedanken teilt, dass Kultur eine wichtige Rolle für den Integrationsprozess und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt, ist man gut beraten, den Gedanken der Leitkultur aufzugeben und ihn durch den Gedanken der kulturellen Vernetzung zu ersetzen, der in jeder Hinsicht einer offenen und freiheitlichen Gesellschaft angemessener ist." (S. 138)

Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis und einer Danksagung ab.

Diskussion

Das Buch stellt mit Schiffauers Beschreibungen und seinen politischen Argumentationen einen wertvollen Beitrag dazu dar, von einfältigen Argumentationen abzusehen und den Prozesscharakter von Lebenswelten zur Kenntnis zu nehmen. Der Autor liefert sehr plausible Erklärungen für die Unterschiedlichkeit von verschiedenen Lebens- und Kulturformen in Deutschland. Seine herangezogenen Fallstudien mit rekonstruktiven Verfahren sind dabei sehr hilfreich.

Für die Soziale Arbeit ist vor allem die zweite Fallstudie von besonderem Belang. Sie zeigt auf, welche zahlreichen Initiativen der Sozialen Arbeit die islamischen Gemeinden inzwischen entwickelt haben. Die Beschreibungen von der Jugendarbeit über Familienberatung bis Stadtteilarbeit machen deutlich, dass diese nicht zur Bildung von Parallelgesellschaften im Sinne von Abschottung von der Gesellschaft führen, sondern vielmehr zur Integration durch persönliche Stärkung der einzelnen Gemeindemitglieder.

Doch ob die Wirkungen der Sozialen Arbeit der hier untersuchten islamischen Gemeinden um Milli Görüş nur positiver Natur sind und ob die intendierte und wohl vielfach erfolgreiche Stärkung der islamischen Identität politisch auch desintegrierend wirken kann, muss hinterfragt werden. Zumal die untersuchte islamische Gemeinde vor noch nicht langer Zeit einen Rückzug predigte und es in der Gemeinde durchaus Personen gibt, die radikale Positionen vertreten und die Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik in Frage stellen. Schiffauer ist sich dieser Problematik bewusst, thematisiert sie jedoch nicht weiter. Er warnt vielmehr davor, die "erheblichen Bindungskräfte" zu unterschätzen, "die sich entfalten, wenn man sich auf die Gesellschaft einlässt". (S. 84) Das Aufzeigen einiger dieser Bindungskräfte gelingt ihm in dieser Publikation in vorzüglicher Weise.

Fazit

Durch die vorliegende, gut gegliederte und sprachlich sehr sorgfaltige Veröffentlichung erhält man migrations-/integrationspolitisch einen großen Gewinn. Das Buch von Schiffauer kann allen an diesem Themenkomplex Interessierten empfohlen werden.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 27.01.2009 zu: Werner Schiffauer: Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-643-4. Reihe: XTexte. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7125.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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