socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jürgen Ebert: Reflexion als Schlüsselkategorie professionellen Handelns [...]

Cover Jürgen Ebert: Reflexion als Schlüsselkategorie professionellen Handelns in der sozialen Arbeit. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2008. 165 Seiten. ISBN 978-3-487-13692-9. 22,80 EUR.

Hildesheimer Schriftenreihe zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit - Band 16.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autor

Jürgen Ebert (Diplom-Pädagoge und Diplom-Sozialpädagoge) lehrt an der HAWK Hildesheim/Holzminden/Göttingen mit den Schwerpunkten Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit und Soziale Gerontologie.

Thema

Die Profession der Sozialen Arbeit und ihre zu stärkende bzw. besser zu fundierende Professionalisierung bilden den Ausgangspunkt und Rahmen für das vorliegende Buch. Ebert widmet sich der Frage der Akademisierung der Ausbildung zum Sozialarbeiter/Sozialpädagogen einerseits sehr engagiert, was besonders in seinen Schlussbemerkungen deutlich wird, andererseits arbeitet er die professionellen Standards für die Soziale Arbeit prägnant auf. Er stellt sich in und mit seinem Werk die Aufgabe, anhand qualitativer Analysen von Praktikumsberichten Studierender zu überprüfen, wie tief über Soziale Arbeit reflektiert wird, wie sehr professionelle Standards in der Sozialen Arbeit internalisiert sind. Aus den Ergebnissen seiner Untersuchung zieht der Autor Konsequenzen für eine entsprechende Akzentsetzung in der akademischen Ausbildung von Sozialpädagogen.

Eine ausgeklügelte qualitativ-empirische Untersuchung der Praktikumsberichte Studierender in unterschiedlichen Studienjahren an der FH Hildesheim bildet das Zentrum des Buches, deren Ergebnisse bereits Eingang fanden in konkrete Veränderungen des Curriculums beim Wechsel vom Diplom- zum Bachelor-Studiengang vor Ort – und zu weiteren Empfehlungen Anlass geben.

Ebert diskutiert den Wert von Standards in der Sozialen Arbeit, wie sie z.B. von der DBSH formuliert sind; diese sollen sowohl im Wissen (d.h. in der akademisch theoretischen Ausbildung) stärker verankert sein als auch im Können (praktisch angewandtes und anwendbares Handlungswissen) intensiver nutzbar gemacht werden. Die bewusste Anwendung (und Reflexion) der Standards in der Sozialen Arbeit stärken sowohl der Profession als auch den darin Handelnden den Rücken – besonders in Zeiten zunehmender Ökonomisierung der Sozialen Arbeit.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in insgesamt 7 Kapitel mit einer zusätzlichen Einleitung. Die Kernthematik lässt sich aus meiner Sicht in 3 Teile zusammenfassen:

  1. Diskussion des Professionalisierungstandes in der Sozialen Arbeit, der professionellen Handlungskompetenz basierend auf Wissenschaftswissen und Handlungswissen (Kompetenz und Performanz) – mit dem Kernaspekt „Reflexion“ (Kap. 1-4; S. 17-50) als notwendige Voraussetzung für die empirische Studie wie auch die daraus gezogenen Schlussfolgerungen
  2. Die empirische Studie mit der qualitativen Analyse der Reflexionstiefe in Praktikumsberichten Studierender an der FH Hildesheim (Kap. 5; S. 51-122)
  3. Übertragung der Ergebnisse auf die bessere akademische Ausbildung von professionellen Standards bzgl. Wissen und Handeln (Kap. 6 / 7; S. 123-152).

1. Professionalisierungsstand in der Sozialen Arbeit – Kernaspekt Reflexion

Der wechselseitige Transfer zwischen Theorie und Praxis als Kennzeichen der Profession Soziale Arbeit ist Ausgangsbasis für die Diskussion zu Standards der Sozialen Arbeit. Die Professionstheorie wird prägnant dargestellt mit entsprechend ausgewählten Modellen der Profession bzw. Professionalisierung.

Kompetenzen als Basis für professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit werden zunächst in verschiedenen Begrifflichkeiten dargestellt und dann für die Soziale Arbeit spezifiziert anhand unterschiedlicher Modelle - z.B. fachliche (instrumentelle), methodische (soziale) und persönliche (reflexive) Kompetenz – oder in einem weiteren Modell: Sozialkompetenz, Methodenkompetenz, Selbstkompetenz oder – zum dritten - das Konstrukt „Person als Werkzeug“, das die Bedeutung der Reflexion (Multiperspektive; eigene Befindlichkeit) hervorhebt.

„Kompetentes professionelles Handeln (kann) nur gelingen, wenn die Fachkraft zum einen die Handlungssituation ganzheitlich erfasst und zum anderen auf dieser Basis im Rahmen ihrer gegebenen persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten angemessen reagiert“ (S. 31). Das setzt Offenheit bei der Fachkraft voraus.

Die Diskussion um Wissenschaftswissen und Handlungswissen (Kap. 3) zeigt, dass Wissenschaftswissen - dem Wahrheitskriterium - und Handlungswissen, der Angemessenheit verpflichtet, beide im Professionswissen aufgehen (S. 35). Die professionelle Reflexion der beruflichen Praxis, so folgert der Autor, vermag das (theoretisch fundierte Erfahrungs-) Wissen in (praktisches) Können umzuwandeln (S. 37) et vice versa. Damit rückt „Reflexion“ als Schlüsselkompetenz ins Zentrum. Reflexion soll den professionell Handelnden einen Perspektivenwechsel zu sich, der Situation und dem Klienten ermöglichen. Neben der Notwendigkeit der Selbst-Reflexion ist das Gegenüber „ganzheitlich als Subjekt mit einem eigenen Erlebnis- und Erfahrungshorizont jenseits des aufgabenbezogenen Handlungsrahmens“ (S. 50) wahrzunehmen.

2. Empirische Studie zur Reflexionstiefe in Praxisberichten Studierender

Absicht des Forschungsansatzes war, zu hinterfragen, ob das Studium der Sozialen Arbeit die Studierenden in die Lage versetzt, sich gegenüber „praktischen“ Problemen reflexiv zu verhalten (S. 11). Als zentrale Bezugspunkte für die reflexive Auseinandersetzung werden gesehen:

  1. Einfluss persönlicher Faktoren in der professionellen Beziehung
  2. Einnehmen einer multiperspektivischen Sicht
  3. Verortung in den ethischen Standards der Sozialen Arbeit
  4. Auseinandersetzung mit Machtfaktoren
  5. Theoriegeleitete Reflexion

Leitfragen für die empirische Untersuchung sind:

  • „auf welchem Niveau (reflektieren) die Studierenden ihr Handeln“? (S. 53);
  • „(ändert) sich das Reflexionsvermögen im Studienverlauf“? (S. 54).

Ausgangspunkt der Studie sind Praktikumsberichte, die „im Studium der Sozialen Arbeit einen hohen Stellenwert“ (S. 54) haben; im Verlaufe des Studiums gibt es 3 Praxisphasen - je eine im Grund- (2.-3.) und Hauptstudium (4.-5.) sowie eine längere als Berufspraktikum (7.-8. Fachsemester). Je 11 freiwillig zur Verfügung gestellte Praktikumsberichte wurden qualitativ ausgewertet, insgesamt also 33 Berichte, die nach ihrem Reflexionsniveau analysiert wurden.

Ebert schildert ausführlich das Verfahren zur Kategorien- und Typenbildung. Der zugrunde gelegte Untersuchungsplan zeigt zwei unabhängige Variablen:

  1. Haltung - mit zwei Stufen: unkritisch (rein deskriptiv) vs. kritisch (analytisch)
  2. Perspektive – mit zwei Stufen: geschlossen (monoperspektivisch) vs. offen (multiperspektivisch)

Die abhängige, gemessene Variable ist das Reflexionsniveau: gering, mittel, hoch - bei folgenden Themenkomplexen:

  • Bezug zu allgemeinen Prinzipien/Verständnis von Sozialer Arbeit
  • Reflexion des Handlungsfeldes / Methodenverständnis
  • Reflexion der eigenen Einstellung
  • Reflexion der Lebensbedingungen der Klienten
  • Fall- / Situationsbeschreibung
  • Arbeitsbündnis
  • Reflexion der Rahmenbedingungen
  • Reflexion der Anleitung

Für diese Themenkomplexe („verdichtete Kategorien“) führt der Autor anschauliche Text-Beispiele aus den einzelnen Praktikumsberichten für mittleres bzw. hohes Reflexionsniveau an; die entsprechenden Reflexionen stammen aus vielfältigen Arbeitsfelder Sozialer Arbeit, wie z.B. Schulsozialarbeit, Hospiz, Drogenberatung, Jugendzentrum, Sozialdienst in einer Klinik, kommunale Jugendberatung, Freizeiteinrichtung für Kinder und Jugendliche, ASD (Kindeswohlgefährdung), Beratungsstelle für suchterkrankte Menschen, AIDS-Hilfe.

Als Ergebnis fasst Ebert zusammen:

  1. „Das Reflexionsniveau der Studierenden … ist besser als ihr Ruf (S. 121);
  2. „Im Studienverlauf (nimmt) die Fähigkeit zu einer vertieften reflexiven Auseinandersetzung mit professionsspezifischen Themen zu“ (S. 122)
  3. „Studierende mit Vorausbildung und Vorerfahrungen erreichen relativ häufig das hohe Reflexionsniveau“ (S. 122).

Aber es gibt auch deutlich relativierende Erkenntnisse: „Die reflexive Auseinandersetzung mit dem Selbstverständnis der Profession und der eigenen Einstellung bzw. dem eigenen Selbstbild und Professionsverständnis ist … noch nicht weit fortgeschritten“ (S. 122)

Eine kritische Anmerkung darf ich hier einfügen: obwohl der Autor darauf verweist, dass die Auswahl der Praktikumsberichte keineswegs repräsentativ ist, werden die Ergebnisse dennoch verallgemeinert. Diese Einschränkung schmälert allerdings nicht den Erkenntnisgewinn der Studie.

3. Transfer der empirischen Ergebnisse zur Ausbildung in Sozialer Arbeit

Auf der Basis der Ergebnisse der Studie – insbesondere der einschränkenden Ergebnisse - wurden (beim Wechsel zum Bachelor-Studiengang) verschiedene konkrete Vorschläge für das Curriculum „Theorie- und Praxisverknüpfung“ umgesetzt in der Konzipierung und inhaltlichen Ausrichtung der Module. Mehr Raum steht professionsspezifischen Themen zur Verfügung. „Der Aufbau des Moduls „Professionelle Identitätsbildung“ sieht Reflexionsseminare bereits im ersten Studienjahr vor“ (S. 122). Die SWS zur Vor- und Nachbereitung berufspraktischer Einheiten (Praxissemester) wurden bereits für das 1. Studienjahr verdoppelt (von 4 auf 8 SWS). Anregungen für die Lehre werden in folgenden Bereichen diskutiert:

  • multiperspektivische Fallarbeit
  • Fallrekonstruktion
  • Intervision / Kollegiale Beratung (mit einem Überblick über Phasen und Vorgehensweisen – S. 139)
  • Situationsanalyse (ebenfalls mit einem Schema versehen – S. 141)
  • Transformativer Dreischritt – mit erkenntnisleitenden Fragen

In Lehrveranstaltungen – so der Autor - darf nicht nur geredet werden über Reflexion, sondern sie muss auch praktisch geübt werden. Übungen zur theoriegeleiteten Reflexion müssen Eingang in die Lehre finden.

Auch die Anleitung in der Praxis muss diese Reflexionskultur übernehmen.

Diskussion

Dieses Buch sollte jeder Student der Sozialpädagogik/Sozialarbeit lesen, zumindest bevor er in die Praxis geht. Mit seinen Transfergedanken ist es auch dort zu empfehlen, wo der Bachelor-Studiengang installiert ist oder wird. Bologna-Prozess macht deutlich, dass eine Struktur - prozesshaft - verändert werden kann, wenn Belege für Verbesserungen vorliegen. Konkrete Umsetzungen der vorgelegten Ergebnisse und Erkenntnisse deuten die Relevanz sowohl für das Wissen, wie auch für das Können an, somit auch für die akademische Ausbildung (Lehrinhalte und Lehrformen) in der Sozialen Arbeit.

Ebert bietet mit seinem Buch einen kurzen, aber prägnanten Überblick über den Stand der Professionalisierungsdiskussion innerhalb der Sozialen Arbeit, analysiert den Begriff Reflexion und stellt mit anschaulichen Beispielen die Bedeutung und damit auch die notwendige Stärkung dieser sozialarbeiterischen Kompetenz für das Wissen und das Können in den Mittelpunkt seiner Überlegungen.

Die qualitativen Analysen der Praxisberichte mit den beispielhaften Auszügen für mittleres und hohes Reflexionsniveau ermöglichen Studierenden, Bezüge für ihre eigene Praxistätigkeit, aber auch für die anzufertigenden Praxisberichte herzustellen – insbesondere wenn sie ein duales Studium absolvieren.

Fazit

Das Buch regt an, nachzudenken, zu reflektieren und Änderungen in der Akzent-Setzung bei der Ausbildung – für sich selbst oder strukturell - vorzunehmen.


Rezensent
Prof. Dr. phil Ekkehard Rosch
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Ekkehard Rosch anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ekkehard Rosch. Rezension vom 15.06.2009 zu: Jürgen Ebert: Reflexion als Schlüsselkategorie professionellen Handelns in der sozialen Arbeit. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2008. ISBN 978-3-487-13692-9. Hildesheimer Schriftenreihe zur Sozialpädagogik und Sozialarbeit - Band 16. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7132.php, Datum des Zugriffs 17.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!