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Judith Mai: Behinderung und Normalität

Cover Judith Mai: Behinderung und Normalität. Montessori-Pädagogik als Ausweg aus der Normalisierungsgesellschaft. Projekt Verlag 2008. 68 Seiten. ISBN 978-3-89733-190-7. 11,00 EUR.
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Titel und Thema

Worum geht es in diesem Buch? Nach dem Titel zu urteilen um „Behinderung und Normalität“ sowie um Montessoripädagogik, die – so der Untertitel - als „Ausweg aus der Normalisierungsgesellschaft“ gesehen und als Basis einer Pädagogik verstanden wird, die inklusive Bildung und Erziehung ermöglicht.

Was die „Pusteblume“ (Löwenzahn) auf dem Cover mit Behinderung und Normalität zu tun hat, bleibt unerfindlich. Vielleicht soll sie als Anregung dienen, über statistische Mittelwerte nachzudenken oder einfach nur dazu dienen, die etwas karge Gestaltung des Buches aufzulockern.

Autorin

Über die Autorin erfährt man lediglich, dass sie an der Hochschule Fulda Soziale Arbeit studiert hat. Vermutlich handelt es sich um ihre Abschlussarbeit (Diplom oder Bachelor).

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben Einleitung (1. Kapitel) und Fazit (6. Kapitel) in vier Kapitel gegliedert, die

  • über „Theorieansätze zur Erklärung der gesellschaftlichen Konstruktion von Normalität“ (2.Kapitel)
  • über „Behinderung als Menschenbild der Sonderpädagogik“ (3. Kapitel) und
  • „Integration“(4.Kapitel)
  • zur „Montessoripädagogik und die Hoffnung der Inklusion“ (5. Kapitel) reicht.

Das „Quellenverzeichnis“ (7.) enthält neben 22 Titeln zwei Internetquellen.

Zielgruppe

Hinweise, an welche Adressaten sich das Buch wendet, sucht man vergeblich. Weder auf dem Cover noch in der Einleitung oder im Fazit finden sich diesbezügliche Hinweise.

Diskussion

Der Text des Buches ist besonders in der ersten Hälfte geprägt durch pauschalierende Urteile /Verurteilungen. Da ist im ersten Teil die Rede von der „Normalisierungsgesellschaft“, die es zu bekämpfen gelte, doch es wird nicht erläutert, auf welche Personen und/oder Personengruppen in welchen gesellschaftlichen Institutionen und Regionen und bildungs-(politischen) Konstellationen sich der Angriff richtet. Wer sucht nach welchen Wegen und Auswegen, mit welchem Erfolg oder Misserfolg?

An einem Beispiel sei dies expliziert: In den ersten beiden Sätzen des Kapitels 2.2 mit der Überschrift „Rückschlüsse auf die Thematik Behinderung“ ist unter Verweis auf Anne Waldschmidt 2007 folgendes zu lesen: „Die Disziplinartechniken bemächtigen sich…in Armee, Fabrik, Krankenhaus und Schule des menschlichen Körpers. Dieser wird zur Zielscheibe der Disziplinartechnologien.“ (S.13). Da Disziplinartechnologien nicht selbst auf menschliche Körper zielen können, stellt sich die Frage, wer hier auf wen zielt, wer hier von wem an den Pranger gestellt wird. Was bedeutet dieser Satz zum Beispiel für einen Schüler mit einer schweren Körperbehinderung, der sich nur mit Hilfe eines hochtechnisierten Rollstuhls selbstständig fortbewegen kann?

Als nächstes wird „die Sonderpädagogik“ kritisch betrachtet, wobei auch hier -wenig hilfreich- Verallgemeinerungen dominieren. Eine differenzierte Betrachtung müsste verschiedene Fachrichtungen vertreten durch Lehrende mit ganz unterschiedlichen Theorien und Menschenbildannahmen in verschiedenen Hochschulen in bildungspolitisch unterschiedlich orientierten Bundesländern in den Blick nehmen und der Frage nachgehen, ob und wenn ja welchen Einfluss sie auf Prozesse der Integration und Inklusion/Exklusion im außerschulischen und schulischen Bereich gehabt haben oder noch haben.

Im letzten - interessantesten - Teil des Buches hebt die Autorin hervor, dass eine heterogene Schülerschaft in der Montessori-Pädagogik nicht als Hindernis sondern als Chance verstanden wird. Auf dieser Basis gepaart mit einer Friedenserziehung nach Montessori könne Inklusion gelingen.

Unter Verweis auf Hinz 2004 stellt die Autorin „den Index für Inklusion“ vor, „ein Selbstevaluationsmaterial für Schulen, die den Anspruch haben, eine Schule für alle Kinder zu sein“ (S.50) und das Prädikat „gute Schule“ verdienen. Ein beachtenswerter Ansatz, doch die Autorin versäumt es, den Urheber zu nennen. Sie führt lediglich aus, dass das Verfahren bereits „in vielen Ländern zum Einsatz“ komme, dass es „den Index for Inclusion auch auf Ungarisch, Rumänisch, Urdu und Hindi“ gäbe und Andreas Hinz und Ines Boban die Rechte erworben und die „Adaption des Textes“ übersetzt haben (S.50).

Sicherlich ist der Autorin beizupflichten, dass es viele Montessori-Schulen in Deutschland gibt, die im Sinne des dargestellten Verfahrens als „gute Schulen“ gelten können. Doch daneben gibt es zum Beispiel Montessori-Sonderschulen (Förderschulen), Montessori-Hauptschulen oder Gymnasien, die dem Inklusionsanspruch bisher noch nicht entsprechen. Hier - wie an vielen weiteren Stellen des Buches- sind die Aussagen der Autorin nicht präzise genug.

Ein weiterer Aspekt ist kritisch anzumerken: Die Autorin hätte in einem Buch, in dem es um Montessori-Pädagogik und Normalität geht, eigentlich nicht übersehen dürfen, dass sich Maria Montessori selbst mit „Normalisation und Deviation“ beschäftigt hat und damit – in Anlehnung an die Medizin - einen in drei Phasen verlaufenden Prozess der Gesundung (Normalisation) des Kindes kennzeichnet, in dem die Selbsttätigkeit eine zentrale Rolle spielt.

Fazit

Ich kann dieses Buch nur mit Einschränkungen empfehlen. Die Ausführungen zu „Normalität“ und „Sonderpädagogik“ sind entbehrlich, statt dessen hätte sich die Autorin intensiver mit Maria Montessori und ihrer Pädagogik beschäftigen und in Kombination mit der Inklusionsdebatte ein Buch mit dem Titel „inklusive Montessoripädagogik“ schreiben können. Dazu bieten die letzen beiden Kapitel gute Ansätze.


Rezensentin
Prof. Dr. Wiebke Ammann
Fachhochschule Hannover


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Zitiervorschlag
Wiebke Ammann. Rezension vom 13.07.2009 zu: Judith Mai: Behinderung und Normalität. Montessori-Pädagogik als Ausweg aus der Normalisierungsgesellschaft. Projekt Verlag 2008. ISBN 978-3-89733-190-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7135.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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