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Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre

Cover Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. 167 Seiten. ISBN 978-3-525-40105-7. 16,90 EUR.

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Thema

Das Alter kommt so oder so. Und die alten Menschen werden absolut und relativ immer zahlreicher. Genügend Anschauung also für die Jüngeren, zu sehen, wie das ist, das Altwerden. Meint man. Gleichwohl tummeln sich viele Ratgeber von Altersabwehr bis zu sanftem Begleiten des Älter-Werdens. Therapeutische Berufsträger bieten gerne Hilfen vor dem Sturz in die Leere der Entpflichtungen an. So will auch Psychotherapeut Dr. Meinolf Peters über wohlfeiles Anti-Aging hinaus Rat und Hilfe geben.

Autor

Der Autor Dr. Meinolf Peters ist psychotherapeutisch in einer Rehabilitations-Klinik bei Bad Hersfeld tätig. Aus seiner reichhaltigen, therapeutischen Arbeit zeigt er in seinem bei Vandenhoeck & Ruprecht erschienen, 167 Seiten starken Buch "Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters". anhand zahlreicher Fallbeispiele Wege zur positiven Aneignung des Alters auf. Diese Aneignung erscheint ihm als gangbarer Mittelweg zwischen der passiven Hinnahme des Älterwerdens und übertriebener Immer-Noch-Aktivität.

Aufbau und Inhalt

Inhalte des Buchs von Dr. Meinolf  Peters sind in sechs Kapiteln beherzigenswerte Fingerzeige zu einer altersgemäßen, inneren Einstellung zum Älterwerden.

  1. Kapitel 1 schildert, wie heutzutage ein Großteil Älterer bewusst die Gestaltung des Alters ins Auge fasst.
  2. Kapitel 2 ist den Abwehrhaltungen des Anti-Aging gewidmet. Gesünderes Leben kann das Alter beschwerdefreier durchleben lassen, versäumt aber den ganzheitlichen Blick auf das Altern.
  3. Kapitel 3 bringt eine Besinnung zum Alter und Altern. Die heutige Altenpopulation zeichnet sich im Gegensatz zu früheren Alterskohorten durch höhere Anteile Selbstbestimmter und sozial Engagierter aus. Befürwortet werden eine Abkehr von Allmachtswahn und eine Sicht der Begrenzung des eigenen Lebens.
  4. Kapitel 4 ist mit 80 Seiten das umfangreichste der sechs Kapitel und behandelt das eigentliche Thema der Aneignung des Alters. Gewarnt wird vor Suchtmitteln, Hormonen, verbissenem Fitnesstraining und kosmetischen Korrekturen. Entschleunigung und Loslassen werden ins Spiel gebracht. Der Ausbau latent vorhandener Interessen, Änderungen familialer Abläufe, altengerechtes Wohnen, Lebensbilanzierung und gesellschaftliche Aktivitäten werden zur Diskussion gestellt.
  5. Kapitel 5 resümiert diese Aneignung im Sinne einer Kunst des Alterns als einen Spagat zwischen Aktivität und Hinnahme. Es geht um Verarbeiten und Durchdringen durch Schaffung von modifizierter Lebenskontinuität und Erinnern des gelebten Lebens.
  6. Kapitel 6 gibt therapeutische Hinweise mit Bildungsangeboten, Bewegungstraining, familien-, musik- und psychotherapeutischen Hilfen.

Diskussion

Mit seinen zahlreich gemachten Motivations- und Verhaltens-Vorschlägen geht das Buch sehr abwägend vor. Literarische Quellen und therapeutische Berichte sind aussagekräftig verarbeitet. Dem Grundtenor des Buches, eine Balance zwischen rückblickender Verarbeitung des Lebens und vorausblickender Steuerung zu finden, ist rückhaltlos zuzustimmen. Da lösen sich sogar scheinbare Gegensätze auf, dass einerseits Verlangsamung (Seite 88) und Loslassen (Seite 92) propagiert werden, andererseits der Aktivität das Wort geredet wird (Seite 131). Folglich ist das Buch mit seinem Aufruf zu Akzeptanz und Aneignung des Alters sehr therapeutisch ausgerichtet.

Ob alle Therapievorschläge in breiter Zahl hilfreich sind, steht da doch dahin. Im Einzelfall des Berichteten ist die Argumentation gut nachvollziehbar. In anderen Fällen bleibt der Verfasser aber doch zu sehr im psychologischen Klein-Klein hängen: Etwa mit Zärtlichkeiten und Aufmerksamkeiten älterer Paare als zweiter Sexualität (Seite 76), dem Altersprivileg des Mittagsschläfchens (Seite 83) oder der Selbstreflexion im Friseurstuhl (Seite 91). Da ist Frank Schirrmachers Idee von den aktiven Alten im "Methusalem-Komplott" als Überlebens-Notwendigkeit alternder Gesellschaften doch ein anderer Wurf.

Auch scheinen zu viele Einzelbeobachtungen vom Autoren Meinolf Peters eher zufällig gereiht wie der in jungen Jahren als Kriegs-Hungernder heimgekehrte, jetzt übergewichtige alte Herr, dem die Diätberaterin vergeblich eine Gewichtsreduktion empfiehlt (Seite 65) oder der 60jährige Hausbauer, der sich im Traum wegen der fehlenden Treppe zwischen erster und zweiter Etage ängstigt als Ausdruck seines Unbehagens vor dem baldigen Berufsaustritt (Seite 86).   

Kohortenspezifisch wird relativ oft auf die jetzt alten Vaterlosen und 1968er rekurriert. Die unspektakulär passiven Alten werden da doch zu wenig einbezogen. Bei der Annäherung männlicher und weiblicher Eigenschaften im Alter hätte (Seite 116) durchaus der Terminus Crossover benutzt werden können, bei der transzendentalen Ausrichtung (Seite 125) auch auf Victor Frankls Logotherapie hingewiesen werden können.

Fazit

Ein weiterer, diesmal behutsam psychologisierender Ratgeber zum Älterwerden. Er ist flüssig und gefällig geschrieben, auch mit persönlichem Gewinn zu lesen, irrlichtert aber hin und wieder etwas unentschieden mit seinen Optionen umher. Ein Buch für jene, die zwischen vielen Slalomstangen ihre Fährte nicht verpassen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 12.01.2009 zu: Meinolf Peters: Die gewonnenen Jahre. Von der Aneignung des Alters. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-525-40105-7.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-8379-2650-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7136.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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