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Otger Autrata, Bringfriede Scheu: Soziale Arbeit

Cover Otger Autrata, Bringfriede Scheu: Soziale Arbeit. Eine paradigmatische Bestimmung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. 197 Seiten. ISBN 978-3-531-16271-3. 29,90 EUR.

Reihe: VS research - Forschung, Innovation und soziale Arbeit.
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Autoren

Prof. Dr. Bringfriede Scheu ist Leiterin des Studienbereichs Soziales an der Fachhochschule Kärnten/Österreich.

Dr. habil Otger Autrata ist Privatdozent an der Universität Osnabrück und leitet das Rottenburger-Feldkirchner Forschungsinstitut für subjektwissenschaftliche Sozialforschung (RISS).

Thema

Die vorliegende Veröffentlichung ist der erste Band in einer Reihe mit dem Titel „Forschung, Innovation und Soziale Arbeit“ und nimmt Bezug auf ein grundlegendes Anliegen der Autoren: Die Zielsetzung von Sozialer Arbeit besteht nicht nur in der Lösung von sozialen Problemlagen, sondern vielmehr soll sie aktiv das Soziale mitgestalten, damit entsprechende Problemlagen gar nicht erst entstehen können. Dies impliziert den Anspruch eines erweiterten Paradigmas, welches die Autoren „Gestaltung des Sozialen durch die Soziale Arbeit“ nennen. Soziale Arbeit wirkt bei der Einflussnahme auf Gesellschaftsformen wie auch auf die soziale Praxis mit. Grundlegende Begriffe sind in diesem Zusammenhang „Partizipation“ und „Sozialraum“. Als Basistheorie dient die Subjektwissenschaft, welche theoriegeleitet vom Abstrakten zum Konkreten auf eine Reihe wesentlicher Strukturprinzipien Bezug nimmt. Erst sozialwissenschaftliche und sozialräumliche Studien, modellhafte Praxis und Evaluation verdichten das Paradigma „Gestaltung des Sozialen durch Soziale Arbeit“. Die Autoren stellen in diesem Zusammenhang eine Reihe von Studien und Untersuchungen zu den Themen Jugendgewalt, Suchtprävention, Exklusions- bzw. Inklusionsprozessen im Kindergartenalter und Partizipation von Jugendlichen vor. Diese werden auf dem Hintergrund der theoretischen Annahmen diskutiert und sollen eine Debatte über die Neuausrichtung der Sozialen Arbeit als Profession wie auch als Disziplin eröffnen.

Aufbau und Inhalt

Im Kapitel 1 („Historische Einordnung“) wird Soziale Arbeit als eine Profession skizziert, die bis in die Gegenwart hinein Menschen, welche sich in Not- und Problemlagen befinden, Hilfe- und Unterstützungsleistungen anbietet. Trotzt enormer Qualifizierungsleistungen stößt Soziale Arbeit weiterhin an ihre Grenzen: Armut und Notlagen sind nicht nur an den Rändern feststellbar, sondern bereits in der Mitte der Gesellschaft angelangt. Soziale Arbeit konnte im Laufe ihrer geschichtlichen Entwicklung immer wieder neue Arbeitsansätze für die jeweiligen Problembereiche entwickeln. Die teilweise zugrunde liegende Zufälligkeit und Planlosigkeit ihres Vorgehens hat ihre Ursache gerade in einer fehlenden paradigmatischen Ausrichtung.

Im Kapitel 2 („Entwicklung für die Soziale Arbeit“) orientieren sich die Autoren unter anderem an dem Verständnis der Sozialpädagogik von Gertrud Bäumer (1873-1954) und Paul Natorp (1854-1924). Insbesondere Natorp versuchte mit seinem Begriff von „Gemeinschaft“ und „Subjekt“ eine Verbindung von Prozess und Gestaltung des Sozialen herzustellen. Soziale Arbeit findet nicht in einem eng begrenzten Arbeitsbereich statt, sondern es geht um den permanenten Zusammenhang von Individuen und Gesellschaft. Soziale Arbeit arbeitet in diesem Sinne nicht nur kurativ, sondern auch präventiv in sozialen Problembereichen.

In Kapitel 3 („Erkenntnisse aus Projekten zu Jugendgewalt“) wird der Zusammenhang zwischen theoriegeleiteter Konzeption und praktischer Umsetzung verdeutlicht. Die zunehmende Jugendgewalt zu Anfang der Neunziger Jahre in Verbindung mit Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus führte zu einer Vielzahl von Sozialprojekten. Das durch Bundesmittel eingerichtete „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt“ hatte in den neuen Bundesländern einen Umfang von insgesamt 140 Projekten in 30 Schwerpunktgebieten. Kritisch wird hier die Zielsetzung des Projektes wie auch die Rolle der Sozialen Arbeit diskutiert. Die Autoren erkennen gerade dort eine fortschrittliche Sozialarbeit, wo sie präventiven und sozialräumlichen Ansätzen folgt. Eigene Sichtweisen und Analysen werden dabei zur Richtschnur für weiteres Handeln. Gerade in diesen Projekten zeigen sich die grundlegenden Schwierigkeiten, mit denen Soziale Arbeit zu kämpfen hat: Eine Pädagogisierung des Klientels, fehlende Evaluation der Projekte und eine teilweise mangelhafte Ausbildung führen zu einer geringen Professionalität des beruflichen Handelns. Eine erfolgreiche Umsetzung wird am Beispiel der wissenschaftlichen Begleitung und der damit verbundenen Ergebnisse im Rahmen des Bundesmodellprojektes „Gewaltprävention und Gewaltbekämpfung im kommunalen Sozialraum“ am Standort Rottenburg in Baden-Württemberg aufgezeigt. Erfolgreiche Prävention kann von Seiten der Sozialen Arbeit durch Bürgerbeteiligung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit aktiv mitgestaltet werden.

In Kapitel 4 („Prävention von Alkohol- und Nikotinkonsum“) wird die Diskussion der vorangegangenen Projekte, welche bereits in den Neunziger Jahren abgeschlossen waren, wieder aufgenommen. Eine Jugendstudie der Stadt Moosburg soll Anhaltspunkte für die kommunale Situation liefern. Bereits der Begriff „Prävention“ beinhaltet Fragestellungen von Sozialraum, Lebenssituation und gesellschaftlicher Kultur. Die vorgestellte Studie basiert auf der Erkenntnis, dass präzise kleinräumige Informationen benötigt werden, damit eine regionale Perspektive entstehen kann. Diese Informationen lassen sich jedoch nicht nur in quantifizierbare Kennwerte aufschlüsseln. Die sozialräumliche Analyse basiert auf der Auswertung einer Befragung von Jugendlichen und einer qualitativen Evaluationsstudie zur Wirksamkeit des Projektes. In dieser Studie wird kritisch diskutiert, welche Aufgaben die professionellen Fachkräfte im Gegensatz zu partizipierenden Bürgern des Sozialraums übernehmen.

Im Kapitel 5 („Exklusion und Inklusion im Kindergartenalter“) stellen die Autoren sich die grundsätzliche Frage, ob bereits im Kindergartenalter Inklusions- und Exklusionsprozessen zu erkennen sind. Daraus abgeleitet sollen Vorschläge zur Prävention von derartigen Ausgrenzungsprozessen abgeleitet werden. Ausführlich wird auf die Definition und Inklusion bzw. Exklusion und eine sozialpsychologische Theoriebildung eingegangen. Als Forschungsansatz wird eine Interviewmethode mit Spielcharakter entwickelt, die dem Entwicklungsstand und den Bedürfnissen der Kinder entspricht. Dies wird ergänzt durch die wissenschaftliche Methode der teilnehmenden Beobachtung. In der Untersuchung konnte nachgewiesen werden, dass einer Exklusion in Gruppen von Kleinkindern immer auch Vergleichs- und Kategorisierungsprozesse vorausgehen. Ausgrenzung ist bereits bei Kindern auch als eine Frage von Macht und Identitätsbildung zu interpretieren, was durch die Leitlinien der verantwortlichen Pädagogen zusätzlich verstärkt werden kann.

Im Kapitel 6 („Partizipation von Jugendlichen“) untersuchen die Autoren den Begriff der politischen Partizipation. Ausgehend von der deutschen Shellstudie und Verweise auf ähnlich gelagerte Untersuchungen in anderen europäischen Ländern wird auf die Frage eingegangen, wie Soziale Arbeit auf Partizipationsprozesse unterstützend und fördernd wirken kann. Eine Jugendstudie der Stadt Geislingen aus dem Jahr 1995 wird mit der Shellstudie verglichen und kommt zu dem Ergebnis, dass Jugendliche sich eher engagieren würden, wenn es ihren tatsächlichen Bedürfnislagen entsprechen würde. Soziale Arbeit ist auch hier aufgefordert eine grundlegende Partizipation zu fördern.

Diskussion

Die Autoren weisen auf eine Grundproblematik von Sozialer Arbeit hin, die für ihre ganze Entstehungsgeschichte immanent ist. Hat Soziale Arbeit eine kurative oder eine präventive Funktion? Beseitigt sie eher die Missstände einer zunehmend ökonomisierten Gesellschaftsordnung oder versucht sie verändernd auf diese einzuwirken? Die Autoren beziehen hier eine eindeutige Position und plädieren dafür, dass Soziale Arbeit den sozialen Raum mitgestalten soll. Theoretische Diskussionen, Klärung von Begrifflichkeiten und fundierte Analysen sind die wesentlichen Grundlagen hierfür. Das Buch liefert mit seinen Studien einen produktiven Beitrag für die andauernde Diskussion über die oftmals widersprüchlichen Zielsetzungen von Sozialer Arbeit. Zwischen gesellschaftlicher und professioneller Zielsetzung in Bezug auf Problembearbeitung bzw. Prävention liegt ein schmaler Grat. Besonders hervorzuheben ist die Erkenntnis der Autoren, dass Soziale Arbeit im stärkeren Maße die beruflichen Freiräume selbstständig erkennen, nützen und gestalten sollte. In diesem Zusammenhang kann Soziale Arbeit nur dann eine glaubwürdige Rolle finden, wenn sie fundierte Forschung betreibt. Das Buch zeigt unter anderem auf, dass die Stärken der Sozialen Arbeit in qualitativen Forschungsmethoden liegen. Die Subjekte und ihre Interessen in den Mittelpunkt zu stellen waren schon immer eines der zentralen Anliegen der Profession.

Dem hohen Anspruch, ein neues Paradigma in die Fachdiskussion zu implementieren, wird das Buch jedoch nur in Ansätzen gerecht. Eine fundierte Theoriediskussion wird nur an wenigen Passagen des Buches angerissen. Hinweise auf wichtige Theorieansätze fehlen. Gerade Staub-Bernasconi mit ihren Beiträgen zur Paradigmengestaltung der Sozialen Arbeit und der ethischen Fundierung werden ausgeblendet bzw. mit dem Hinweis abgetan, dass die Unterscheidung in individuumszentrierten, soziozentrierten und systemischen Paradigmen „nur bei ihr“ zu finden sei. Der Bezug auf Natorp und Nohl verweist auf eine Historie der Sozialpädagogik, die zwar moderne Sozialarbeit beeinflusst hat, aber eben nur einen Teil des theoretischen Fundus darstellt. Hier wäre eine gründlichere Auseinandersetzung angezeigt gewesen. Nicht immer erschließt sich auch der Kontext der Studien im Gesamtzusammenhang. Weshalb Studien, die bereits Mitte der Neunziger Jahre durchgeführt wurden, erst im 2008 veröffentlicht werden, ist nicht nachvollziehbar. Eine abschließende Diskussion und ein Fazit des Buches fehlen. Für die Verständlichkeit des Buches wären Graphiken, Schaubilder und eine bessere Gliederung ebenfalls empfehlenswert gewesen.

Fazit

Trotz einiger Einwände stellt das Buch für Studierende wie auch für Lehrende einen wichtigen Beitrag zur professionellen Gestaltung der Sozialen Arbeit dar. Soziale Arbeit als eine Praxiswissenschaft muss genau an jenen Ansprüchen ansetzen, an denen die Autoren sie verorten: Beim Subjekt im sozialen Raum und den Möglichkeiten der (Mit-) Gestaltung. Insbesondere für Studierende der Masterstudiengänge dürfte das Buch Interesse wecken, wie und in welcher Form Forschung im Rahmen der Sozialen Arbeit durchgeführt werden kann. Die weitere Veröffentlichungsreihe wird sicherlich zum gemeinsamen Anliegen beitragen, dass Soziale Arbeit als eine wissenschaftliche fundierte Profession gesellschaftlich anerkannt wird.


Rezensent
Prof. Dr. Martin Albert
Homepage www.srh.de
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Zitiervorschlag
Martin Albert. Rezension vom 05.11.2009 zu: Otger Autrata, Bringfriede Scheu: Soziale Arbeit. Eine paradigmatische Bestimmung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-531-16271-3. Reihe: VS research - Forschung, Innovation und soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7139.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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