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Lothar Krapohl, Margret Neumann u.a. (Hrsg.): Supervision in Bewegung

Cover Lothar Krapohl, Margret Neumann, Jörg Baur, Peter Berker (Hrsg.): Supervision in Bewegung. Ansichten - Aussichten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. 345 Seiten. ISBN 978-3-938094-75-4. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Schriften der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Band 8.
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Thema

„Bewegung“ ist das erklärte Leitthema, das die Beiträge in diesem Buch verbindet: „Supervision bewegt, wird bewegt, gerät in Bewegung und bringt in Bewegung“, heißt es im Vorwort.

Entstehungshintergrund

Der Band ist erschienen in der Reihe „Schriften der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen“ und ist ein Reflex der Akademisierung von Supervision im Masterstudiengang Supervision. Die Ausbildungswege für Supervisorinnen und Supervisoren sind vielfältig: eine Reihe von privaten oder öffentlichen Bildungsinstituten führen berufsbegleitende Regel- oder Ergänzungsausbildungen nach Verbandsstandards (DGSv, EAS etc.) durch, und gleichzeitig entwickeln sich Studiengänge für Supervision an Universitäten und Fachhochschulen. Die akademische Beschäftigung mit Supervision bringt es einerseits mit sich, dass sich Supervision stärker als bisher in wissenschaftliche Diskurse einbringt und dadurch an Selbst-Bewusstsein gewinnt, andererseits entsteht eine umfangreiche Supervisionsforschung, die die Wirksamkeit dieses Beratungsformates mit den Mitteln empirischer Wissenschaft überprüft. Damit leisten die Hochschulen einen wichtigen Schritt in Richtung Professionalisierung des Faches Supervision und zugleich Reputationszuwachs für den Beruf des Supervisors bzw. der Supervisorin.

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren des Bandes sind alle auf die eine oder andere Weise mit dem Supervisionsstudium an der Katholischen Fachhochschule: als DozentInnen oder AbsolventInnen und/oder als VertreterInnen beteiligter Institutionen. Insofern kann man die Beiträge als eine multiperspektivische Selbstreflexion dieses Studiengangs lesen – was sie meines Erachtens besonders spannend macht.

Aufbau und Inhalt

Die Beiträge sind zu vier thematischen Blöcken zusammengefasst.

Die erste Überschrift lautet: “Supervision studieren?“ In einem ersten Beitrag reflektieren Jörg Baur (Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Supervision an der KFH NW) und Lothar Krapohl (Leiter des Studiengangs) die oben dargestellten Zusammenhänge von hochschulischen und nichthochschulischen Supervisionsausbildungen und schildern die Spezifica sowie das Curriculum und referieren schließlich erste Ergebnisse der Evaluation des Studiengangs an der KFH NW.
Obwohl es auch einen eigenen thematischen Block zum Thema „Supervision und Spiritualität“ in dem Band gibt, findet sich schon in diesem ersten Kapitel der Beitrag von Margret Nemann (Dozentin für systemische Beratung, systemische Beratung und Supervision) mit dem Titel: „Die spirituelle Ausrichtung des Masterstudiengangs Supervision“. Sie fragt nach der Bedeutung des (stark abgenutzten) Begriffes „Spiritualität“, verortet christliche Spiritualität im Kontext systemisch-konstruktivistischen Denkens und zeigt die Bedeutung auf, die das Thema im Zusammenhang der Supervisionsausbildung der KFH NW hat.
Jörg Baur stellt den Kompetenzbegriff in das Zentrum seines Beitrages „Arbeitswelten und Bildungslandschaften im Umbruch. Auswirkungen auf Kompetenzprofile in der Supervisionsausbildung“. Der Hochschulstudiengang Supervision muss sein Kompetenzprofil im Gespräch im Zusammenhang der bildungspolitischen Entwicklungen in Europa formulieren.
Dieses Kompetenzprofil wird im anschließenden Beitrag von Jörg Baur und André Janssen (Wissenschaftliche Hilfskraft im Studiengang) ausführlich diskutiert unter dem Titel: „Ein Forschungsbeitrag zur Kompetenzdebatte: Konstruktion und Evaluation des Kompetenzprofils des Masterstudiengangs Supervision der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen und des Bistums Münster.“

Der zweite thematische Schwerpunkt steht unter der Überschrift: „Supervision und Forschung“. Damit ist weniger der interdisziplinäre akademische Diskurs gemeint als vielmehr die wissenschaftliche Forschung im Kontext der Supervision selbst, die sich unterscheiden lässt „in Supervision als Gegenstand von Forschung und Supervision als Mittel zur Forschung“. (S. 88)
Dieses Feld umreißt Peter Berker (Professor mit dem Lehrgebiet Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit und Sozialmanagement) in seinem Beitrag „Forschung und Supervision – zu selten gestellte Fragen.“
Ein spannendes, weil lange supervisionsresistentes Feld supervisorischer Arbeit nimmt Bardo Schaffner (Dozent und Lehrsupervisor im Studiengang) in den Blick: „‚Wenn die Lehrer wüssten, was sie wissenÖ‘ Wissensmanagement-Schule-Supervision“. Er referiert in seinem Beitrag Wissenstheorien und das Wissensmanagement in Schulen, um dann nach dem spezifischen Beitrag von Supervision bei der Wissensgenerierung und beim Wissensmanagement in der Schule zu fragen.
Einen Akzent mehr auf die Praxisforschung in der Supervision legt Cäcilia Scholten (Absolventin des Masterstudiengangs) mit ihrem Beitrag „‚SchonÖ aber noch nicht‘ – Die Kontraktbeziehung im Supervisionsprozess“, indem sie ein Forschungsprojekt zum Thema Kontraktgespräch, Kontraktprozess und Kontraktbeziehung vorstellt.
Rita Paß und Ursula Tölle (beide Professorinnen mit dem Lehrgebiet Theorien und Konzepte Sozialer Arbeit) skizzieren die Fragestellung eines weiteren Forschungsprojektes, in dem die Auswirkungen des jeweiligen professionellen Selbstverständnisses der beteiligte Akteure auf die Kooperation und ihre Ergebnisqualität erforscht werden. Die verschiedenen Zugänge der Akteure finden ihre Analogie in der Verschiedenheit professioneller Prägungen im Forscherinnenteam, in dem die Arbeitsweise der Sozialforschung der Fragehaltung der Supervision begegnet.

Ein drittes Kapitel ist überschrieben mit „Systemisch-konstruktivistische Supervision“. Lothar Krapohl eröffnet dieses Kapitel mit dem Aufsatz: „Systemisch-konstruktivistische Supervision – Supervision in einer veränderten Zukunft.“ Supervision hat es mit der Berufswelt von Menschen zu tun und muss deshalb die veränderten global-ökonomischen Bedingungen reflektieren, unter denen Arbeit heute stattfindet. Krapohl überprüft, ob der Konstruktivismus einerseits und die Systemtheorie , wie sie Niklas Luhmann entwickelt hat, geeignete Theorieinstrumente sind, um wesentliche Dimensionen gegenwärtiger Arbeitssysteme zu erfassen und gleichzeitig Supervision als ein eigenes Arbeitssystem dazu in Beziehung zu setzen.
Die Anschlussfähigkeit von Supervision an die Systeme, mit denen sie es zu tun hat, reflektiert Gisela Keil (Dozentin für systemische Beratung, systemische Sozialarbeit und Supervision) in ihrem Beitrag „Systemische Methoden in der Supervision“. Ein System lässt sich nicht steuern, bestenfalls irritieren und dadurch zu Musterveränderungen anregen. Für solche Systeminterventionen stellt die Autorin eine Reihe klassischer systemischer Methoden zusammen.
Michael Wedding (Absolvent des Masterstudiengangs) schließt mit einem Artikel über „Supervision als metaphorisches Sprachhandeln“ an, verortet Supervision als kommunikatives Handeln im Kontext einer Sprachpragmatik und fragt dabei besonders nach der Bedeutung von Metaphern in der Supervision.
Heribert W. Gärtner beschließt dieses Kapitel mit dem Essay „Mitarbeiterführung als geplante Irritation“ und fragt nach der Bedeutung, die Führungshandeln in systemischer Perspektive haben kann.

Das Spezifikum einer Supervisionsausbildung an einer katholischen Fachhochschule thematisiert das vierte Kapitel „Supervision und Spiritualität“. Einen einführenden und grundsätzlichen Artikel liefert Raphael Günther (Absolvent des Studiengangs) unter der Überschrift „‚Werden, der man ist‘. Überlegungen zum Verhältnis von Supervision und Spiritualität.“
Margret Nemann verbindet Supervision und Spiritualität, indem sie ein Supervisionskonzept mithilfe von Leitworten aus dem (apokryphen) Buch Tobit entwickelt: Weg, Barmherzigkeit/Solidarität und Lobpreis.
Sr. Hannah Schulz (Absolventin des Studiengangs) entwickelt in ihrem Beitrag ein vierdimensionales Modell von Sinn als einem grundlegenden Begriff systemischer Theorie. Sie unterscheidet Sinn als funktionale Kategorie der Systemtheorie, als Qualität der Autonomie im Konzept des Konstruktivismus, als „objektiven“ Sinn des Realismus und schließlich als transzendental-spirituellen Sinn.
Die Kategorie „Sinn“ nimmt Nicole Marjo Gerlach (Absolventin des Studiengangs) in ihrem Aufsatz „Ohne Sinn kein Gewinn – Führungskräfteberatung im 21. Jahrhundert“. Sie greift zurück auf das von Krapohl behandelte Thema moderner Arbeitswelten und stellt die Frage, ob nicht gerade Führungskräfte angesichts dieser Herausforderungen spirituelle Sinnstiftungen benötigen.
Annette Perino (Teilnehmerin des Masterstudiengangs und Dozentin für Supervision und Coaching in den Niederlanden) stellt einen persönlichen Bericht über ihre Erfahrungen im Studiengang an den Schluss: Sie reflektiert die fachlichen und spirituellen Lernerfahrungen und zeichnet auch Miniaturen des Lernens im Kurs.

Diskussion

Ein so breit gefächerter Strauß von Supervisionsblumen ist schwer zu diskutieren. Und überhaupt ist Diskussion nicht der angemessene Umgang mit Blumensträußen. (Und manche Metaphern sind auch nicht besonders treffsicherÖ) In diesem Band werden viele Themen behandelt, viele Perspektiven eingenommen, viele Verbindungen geknüpft. Nicht alle Themen werden jeden Leser, jede Leserin interessieren. Wer selbst Supervisionsausbildungen durchführt, den werden die Überlegungen zur Professionsentwicklung, zur Einbindung in europäische Bildungsdiskussionen, zur Supervisionsforschung etc. besonders ansprechen. Wer Supervision vor allem mit der sozialwissenschaftlichen Brille betrachtet, wird viel zu entdecken haben. Wer sich noch einmal des konstruktivistisch-systemischen Ansatzes vergewissern will, findet gute Reflexionen. Und wer mit Supervision im Raum der Kirche befasst ist, wird die Gedanken zu Supervision und Spiritualität zu schätzen wissen. Das Band, das all diese einzelnen Beiträge zusammenhält, ist der Studiengang Supervision an der KFH NW.

Die Frage, wie viel und welche Professionalisierung Supervision braucht, mag kontrovers diskutiert werden. Die Supervision hat ihre Wurzeln in der reflektierten Praxis der Sozialarbeit. Sie ist, im Unterschied zur Psychotherapie, kein genuin akademisches Fach. Bis heute liegt der Schwerpunkt der Supervisionsausbildung bei privaten oder öffentlichen Bildungsinstituten, die berufsbegleitende Weiterbildungen anbieten. Niemand wird solchen Weiterbildungsgängen die Professionalität absprechen wollen. Berufsverbände wie die DGSv oder die EAS haben durch die Erarbeitung von Standards, Zertifizierungen und Qualitätssicherungsverfahren dafür gesorgt, dass die professionellen Ansprüche nicht in die Beliebigkeit der ausbildenden Institute gestellt sind. Supervision ist also auch dann professionell, wenn sie nicht akademisch ist.

Dennoch ist es eines deutliches Zeichen fortgeschrittener Professionalisierung, wenn ein Fach sich selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Reflexion macht. Das können – auch darauf wird in diesem Band hingewiesen – nichtakademische Ausbildungsinstitute aus personellen und/oder finanziellen Gründen im Allgemeinen bestenfalls eingeschränkt leisten. Es ist kein Zufall, dass Supervisionsforschung im eigentlichen Sinn bislang fast ausschließlich im akademischen Kontext (Universität Krems, Universität Kassel und eine Reihe von Fachhochschulen) stattfindet. Dennoch bleibt Supervision, wie der Band zeigt, auch im akademischen Kontext, vor allem eine Praxis, und die theoretischen Gedanken haben deutlich den Charakter einer Praxistheorie. Empfehlenswert ist das Buch deshalb für SupervisorInnen, die Lust haben, an dieser Schnittstelle von reflektierter Praxis und entwickelter Theorie mitzudenken und auf diese Weise auch die eigene Professionalisierung voranzubringen. Und wer anregende Gedanken und Konzeptüberlegungen zum Thema Supervision und Spiritualität sucht, der sollte die Beiträge dieses Buches unbedingt lesen!

Fazit

Eine breit gefächerte, reiche Sammlung von Beiträgen zu wichtigen und zentralen des Faches Supervision, die sich allemal anzuschaffen lohnt!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 10.10.2009 zu: Lothar Krapohl, Margret Neumann, Jörg Baur, Peter Berker (Hrsg.): Supervision in Bewegung. Ansichten - Aussichten. Verlag Barbara Budrich (Opladen, Berlin, Toronto) 2008. ISBN 978-3-938094-75-4. Reihe: Schriften der Katholischen Fachhochschule Nordrhein-Westfalen - Band 8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7143.php, Datum des Zugriffs 17.11.2018.


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