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Miryam Eser Davolio, Matthias Drilling: Gemeinden antworten auf Rechtsextremismus

Cover Miryam Eser Davolio, Matthias Drilling: Gemeinden antworten auf Rechtsextremismus. Perspektiven für eine Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. 289 Seiten. ISBN 978-3-258-07390-3. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 49,00 sFr.
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Thema, Entstehungshintergrund, Autorin und Autor

Die konkrete Auseinandersetzung mit rechtsextremen Erscheinungsformen vor Ort stellt eine zentrale Aufgabe kommunalpolitischer Arbeit gegen Rechts dar. Denn die Kommune ist in vielerlei Hinsicht der Schauplatz, auf dem der politische Kampf der Rechtsextremen um Einfluss ausgetragen wird. Dies zeigt sich exemplarisch in dem „Vier-Säulen-Konzept“ der NPD, das den „Kampf um die Straße“, die „Parlamente“, die „Köpfe“ und den „organisierten Willen“ beinhaltet. Der Machtgewinn im kommunalen öffentlichen Raum stellt nach solchen Vorstellungen die Basis da für die angestrebte politische Hegemonie. Daher bedarf es strategischer Überlegungen, Erfahrungsaustausch und lebensnaher Handlungskonzepte, um auf die rechte Gefahr adäquate Antworten geben zu können. Dieser Aufgabe widmen sich die Autoren einer Untersuchung, welche die Auswertung kommunaler Handlungskonzepte gegen Rechts in der Schweiz zum Gegenstand hat. Das Buch stellt die Ergebnisse dieser im Zeitraum von 2003-2006 durchgeführten Studie dar, die unter dem Titel „Soziale Arbeit und Rechtsextremismus – Evaluation von Interventionsansätzen und Entwicklung von Guidelines“ im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms „Rechtsextremismus –Ursachen und Gegenmaßnahmen“ (NFP 40+) durchgeführt wurde.

Die Autoren dieser Studie kommen aus dem Bereich der sozialen Arbeit. Miryam Eser Davolio ist Erziehungswissenschaftlerin und tätig am Institut Sozialplanung und Stadtentwicklung der Hochschule für soziale Arbeit der FH Nordwestschweiz. Sie beschäftigte sich schon im Vorläuferprogramm des Nationalen Forschungsprogramms mit der Auswertung der Wirkungsweise von antirassistischem Projektunterricht am Pestalozzianum in Zürich. Matthias Drilling ist Geograph und ebenfalls tätig im selben Institut. Er beschäftigt sich mit Stadt- und Quartiersentwicklung und verfasste u.a. die Studie „Schulsozialarbeit. Antworten auf veränderte Lebenswelten“.

Die Evaluation der gemeinwesenorientierten Interventionen gegen Rechtsextremismus erfolgte in Vergleichsform bei neun Kommunen mit einem ländlichen und kleinstädtischen Milieu.

Aufbau

  • Zur Skizzierung der Ausgangslage wird in dem Buch zunächst der Stand der Forschung wiedergegeben, das eigene methodische Vorgehen erläutert und die Art der Befragung der Projektteilnehmer erläutert.
  • Daran anschließend werden im zweiten Kapitel die Berichte aus den jeweiligen Gemeinden zusammenfassend präsentiert.
  • Im dritten Kapitel werden die Aspekte zum Thema erörtert, die alle Gemeinden betreffen;
  • im vierten Kapitel werden die Methodik der Auswertung der jeweils spezifischen kommunalen Interventionen erläutert.
  • Im fünften Kapitel werden die unterschiedlichen Interventionsformen in den Kommunen dargestellt und im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse diskutiert.
  • Abschließend wird eine Einschätzung der Wirkungen der Interventionen sowie einige zentrale Gidelines im Umgang mit Rechtsextremismus präsentiert.

Inhalt

Zunächst wird einleitend betont, dass Rechtsextremismus vielfältige Erscheinungsformen aufweist und „nicht auf ein Jugendproblem reduziert“ werden soll. Damit grenzen sich die Autoren wohltuend von vielen einseitigen Fixierungen auf Jugenddelinquenz bei der kommunalen Auseinandersetzung mit Rechts ab. Richtigerweise verweisen die Autoren auf die Notwendigkeit zur Beachtung der „Kontextvariablen“, den gesellschaftlichen Ermöglichungsbedingungen rechtsextremer Erscheinungsformen hin. Zur Situationserhebung wurden Befragungen in Form von Interviews mit dreizehn Leitfragen durchgeführt. Befragt wurden kommunale Akteure aus den Bereichen Polizei, soziale Dienste, Schule und Initiativen gegen Rechts. Allen Befragten wurden dreizehn Leitfragen gestellt, um einen Einblick in die Lagesituation bekommen zu können. Leider wird in dem Buch nicht tiefgehend auf die grundsätzliche Problematik solcher Befragungen eingegangen: die Diskrepanz zwischen Realität und jeweiliger Wahrnehmung, politisch motivierter Deutung sowie unterschiedlicher Beweggründe zur Bewertung der Befragten. In der Realität spielen bei derartigen Befragungen nämlich völlig andere Faktoren wie etwa Imagepolitik in der Kommune oder Angst der Befragten aus Politik und Verwaltung, in einem ‚schlechten Licht‘ dazustehen, eine wesentliche Rolle bei den Antworten. Dieser Aspekt kommt in der Untersuchung zu kurz.

Die Bestandsaufnahme in den neun ausgewählten Kommunen gibt ein vielfältiges Bild lokaler und regionaler rechtsextremer Erscheinungsformen, das durchaus verallgemeinerbar ist. Daraus leiten die Autoren allgemeine Schlüsse ab: Zunächst wird konstatiert, dass rechtsextrem motivierte Ereignisse meist erst dann als Problem wahrgenommen werden, wenn es zu Gewalt oder Störung im öffentlichen Raum kommt und wenn Ereignisse medial aufgegriffen und die kommunalen Entscheidungsträger unter Druck gesetzt werden. Als wichtigste Wirkung von Interventionsansätzen wurden in den Kommunen allgemein die Thematisierung der Rechtsextremismusproblematik und die politische Sensibilisierung der verschiedenen kommunalen Akteure benannt.

Die Autoren beschreiben die Ergebnisse der Gemeindebefragungen mit einem Drei-Phasen-Modell: Politisierung – Institutionalisierung – Professionalisierung. Während in der ersten Phase die politische Sensibilisierung im Vordergrund steht, prägen die Vernetzung der Handlungsakteure und die Entwicklung von Präventions- und Handlungskonzepten die wesentlichen Säulen der zweiten Phase. Die dritte Phase beinhaltet die Überprüfung der Effektivität von Struktur und Maßnahmen sowie die Entwicklung von Schritten zur nachhaltigen Wirksamkeit.

Die von den Autoren durchgeführte Evaluation der jeweiligen kommunalen Interventionen zeigt deutlich, dass es kein monokausal herleitbares Schema gibt, um Rechtsextremismus im kommunalen Alltag zu begegnen. Vielmehr – das wird in den Auswertungen der jeweiligen kommunalen Interventionen detailliert veranschaulicht – erfordern spezifische Begebenheiten die Entwicklung von lebens- und alltagsnahen Handlungsschritten. Allerdings sind zugleich auch allgemeingültige Rahmenbedingungen für eine effektive Intervention gegen Rechtsextremismus im kommunalen Raum zu benennen, die von den Autoren pointiert beschrieben werden. Sie betreffen in erster Linie die aus dem Drei-Phasen-Modell ableitbaren Handlungsschritte. Zudem haben die Autoren Guidelines zur effektiven Arbeit gegen Rechtsextremismus entwickelt, die Allgemeingültigkeit beanspruchen können.

Fazit

Die Untersuchung hat ihre Schwächen dort, wo es um die grundsätzliche Problematik von Evaluation kommunaler Maßnahmen gegen Rechtsextremismus geht, da die Metaebene – die kritische Analyse struktureller Probleme in Politik, Verwaltung und die Schwierigkeit zur Demokratisierung bürokratischer Handlungsabläufe – hierbei zu kurz kommt. Das tut dem Wert der Untersuchung für eine praxisnahe Auseinandersetzung mit rechtsextremen Erscheinungsformen im kommunalen Alltag jedoch keinen Abbruch.

Vielmehr wird dort ein breiter Fundus an Anregungen und Handlungsmöglichkeiten bereitgestellt, der eine überaus hilfreiche Grundlage für die Entwicklung effektiver kommunaler Aktivitäten bereitstellt. Obwohl die Untersuchung die Situation in der Schweiz betrifft, können die dort beschriebenen Maßnahmen und Problematiken in weiten Teilen Gültigkeit für die Arbeit hierzulande beanspruchen. Dies gilt nicht zuletzt auch für den dort geschilderten Beitrag der Sozialen Arbeit zu dem Problem: „Die Soziale Arbeit kann aufgrund ihres Wissens in Gemeinwesenarbeit, Stadtentwicklung, Mediation und soziokultureller Animation eine breite Palette von Interventionsformen und –abläufen anbieten. Den Kern dieser Interventionen bietet das Konzept des Empowerments, der Selbstbefähigung der lokalen Akteure zur Problembewältigung.“ Hier wird zugleich die politische Anforderung einer solchen Arbeit deutlich: die Hilfe zur demokratischen Selbstbefähigung, die den besten Schutz gegenüber undemokratischen Einflussnahmen bietet. Dazu bietet die Untersuchung wertvolle Hilfe.


Rezension von
Dipl.-Soz.wiss. Alexander Häusler
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Arbeitsstelle Neonazismus der FH Düsseldorf
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Zitiervorschlag
Alexander Häusler. Rezension vom 02.12.2009 zu: Miryam Eser Davolio, Matthias Drilling: Gemeinden antworten auf Rechtsextremismus. Perspektiven für eine Kooperation zwischen Verwaltung und Zivilgesellschaft. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2008. ISBN 978-3-258-07390-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7149.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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