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Michael Matzner, Wolfgang Tischner (Hrsg.): Handbuch Jungen-Pädagogik

Cover Michael Matzner, Wolfgang Tischner (Hrsg.): Handbuch Jungen-Pädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. 413 Seiten. ISBN 978-3-407-83163-7. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 67,00 sFr.

Reihe: Pädagogik.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-83171-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autoren

Michael Matzner ist Sozialpädagoge und arbeitet im Bereich der Jugendberufshilfe. Er nimmt Lehraufträge an Hochschulen in Heidelberg und Frankfurt am Main wahr. Wolfgang Tischner hat eine Professur an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg, wo er Pädagogik und Sozialpädagogik lehrt.

Entstehungshintergrund

Angesichts der Herausforderungen, die sich durch die öffentlich diskutierte Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem und der Abwertung des männlichen Geschlechts in vielen Zusammenhängen (s. Einleitung) stellen, wollen die Autoren der bislang von der Frauenforschung dominierten Diskussion zur geschlechtsspezifischen Pädagogik andere, auf Jungen gerichtete Aspekte hinzufügen. Das Buch richtet sich an pädagogische PraktikerInnen.

Aufbau …

Das Buch enthält 28 Beiträge, die unter folgende Bereiche subsummiert sind:

  • Biologische, psychologische und soziologische Grundlagen der Jungenpädagogik.
  • Jungen in pädagogischen Institutionen I: Tageseinrichtungen für Kinder
  • Jungen in pädagogischen Institutionen II: Schulen
  • Jungen in pädagogischen Institutionen III: Sozialpädagogische Einrichtungen und Angebote
  • Pädagogische Einzelfragen
  • Schlussfolgerungen und Ausblick.

… und Inhalt

Es liegt auf der Hand, dass in einer Rezension nicht 28 Beiträge dargestellt werden können. Ich kann daher nur einige Aspekte hervorheben, die mir aufgrund meiner fachlichen Orientierung besonders wichtig erschienen.

Doris Bischof-Köhler weist in ihrem Artikel „Geschlechtsspezifisches Verhalten von Jungen aus evolutionstheoretischer und entwicklungspsychologischer Perspektive“ auf die biologisch bedingte größere Verletzlichkeit des männlichen Geschlechts hin. Dennoch betont die Autorin – mit Recht –die „kulturelle Überformung“, wenn sie schreibt: „…die eigentliche Profilierung der Geschlechtsunterschiede ist das Werk der Gesellschaft“ (S. 31). Umso unverständlicher sind Bemerkungen wie die, dass „Männer wie auch kleine Jungen von Natur aus Imponierspezialisten sind“. Erstens wird hier tatsächlich durch die Sprachwahl das männliche Geschlecht abgewertet, zweitens aber wird hier der kulturelle Kontext komplett vernachlässigt.

Daniel Strüber weist in seinem Artikel „Geschlechtsunterschiede im Verhalten und ihre hirnbiologischen Grundlagen“ auf die Unterschiedlichkeit der Forschungsergebnisse zur „Lateralisierung kognitiver Funktionen bei Männern und Frauen“ (S. 39) hin. Aber auch hier werden soziale Aspekte vernachlässigt, wenn der Autor bei Jungen von körperlicher Aggressivität spricht, die von Anfang an vorhanden sei (S. 42). Schon in diesem Artikel wird gewarnt, dass die Lernmotivation der Jungen durch eine „einseitig auf weibliche Fähigkeiten und Arbeitsweisen“ (S. 46) ausgerichtete Pädagogik Schaden nehme.

Hartmut Kasten nun überrascht mit einem Artikel (Entwicklungspsychologische Aspekte der Erziehung und Bildung von Jungen), bei dem sich vermutlich nicht nur die Rezensentin die Augen reibt. Da werden kurz und knapp die wichtigsten theoretischen Entwürfe zur Bildung der Geschlechtsidentität dargestellt und analysiert. Die Bedeutung der elterlichen Kategorisierung und Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit wird deutlich, die Probleme geschlechtstypisierenden Verhaltens in Kita und Schule skizziert. Das Resümee entspricht dieser sachlichen, wissenschaftlich fundierten Darstellungsweise jedoch nicht. Da wird doch tatsächlich Dieter Lenzen zustimmend zitiert, der die schlechteren Leistungen von Jungen in der Schule auf die Feminisierung der Professionellen zurückführt. Und dies geschieht unvermittelt, ohne Bezug zum vorherigen Text, und daher auch ohne einen wissenschaftlichen Beweis.

Lothar Böhnisch betont die soziale Konstruktion von Männlichkeit und stellt den notwendigen Zusammenhang zwischen pädagogischen Imperativen und dem gesellschaftlichen Umfeld her.

Margarethe Blank-Mathieu ist mit dem ersten Artikel zu Pädagogischen Institutionen, dem Kindergarten, vertreten. In dem Artikel werden Krippenkinder unterschlagen, als wenn Kinder erst mit 3 Jahren in eine pädagogische Institution kommen. Dies trifft jedoch – wenngleich im Westen Deutschlands noch häufiger - nicht immer zu und wird aufgrund des Krippenprogramms der Bundesregierung immer weniger zutreffen. Die Reflexionen über die Umgestaltung der Kindertageseinrichtung und vor allem über die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit den Eltern sind möglicherweise hilfreich. Auch in diesem Artikel wird wieder auf das Problem der fehlenden Repräsentanz von Männern in der Frühpädagogik hingewiesen.

Der Artikel von Heike Diefenbach „Jungen und schulische Bildung“ ist insofern interessant, als die Autorin, die 2002 gemeinsam mit Klein einen Artikel veröffentlichte, in dem die Korrelation zwischen schlechten Abschlüssen von Jungen und dem Mangel an männlichen Lehrern nachgewiesen werden sollte, inzwischen von dieser Behauptung abgewichen ist. Es gibt keine empirisch haltbaren Befunde zu der Behauptung, es sei das Geschlecht der Lehrkräfte, das verantwortlich für die Bildungsbenachteiligung der Jungen sei (S. 104). Hochinteressant ist der Artikel von Tim Rohrmann zu Jungen in der Grundschule, in dem die Koedukation von mehreren Seiten beleuchtet wird. Ebenso gibt Norbert Kluge brauchbare Hinweise zum Umgang mit „Jungen und Sexualität“. Und dann wieder ein Artikel wie der von Bruno Köhler zu „Jungen und Geschlechterpolitik“, in dem behauptet wird, dass Jungen nicht nur die Verlierer im Bildungssystem, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt seien (339). Dem Autor sind offenbar die Zahlen zur schlechteren Bezahlung von Frauen und ihre enorme Unterrepräsentanz in Führungspositionen verborgen geblieben.

Ein Lichtblick in diesem Durcheinander ist der Artikel von Klaudia Schultheis, in dem aktuelle Forschungsergebnisse zur Jungenforschung dargestellt werden. Hier wird auf wissenschaftliche Erkenntnisse und nicht auf Hypothesen rekurriert. Die Autorin stellt auch dar, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass Lehrerinnen Jungen schlechter behandeln als dies ihre männlichen Kollegen tun.

Diskussion

Schon bei der Darstellung der Inhalte wird deutlich, dass dieses Buch wichtige Fragen aufwirft, sie aber – entsprechend der Vielfalt der AutorInnen – unterschiedlich behandelt. Während es einige Artikel gibt, die neue Einsichten vermitteln und für die Pädagogik wichtige Anregungen geben, strotzen andere vor eigenen Vorurteilen und Bewertungen. Das ist sehr schade, denn dass Jungen mehr Aufmerksamkeit in der Pädagogik zuteil werden muss, ist ganz unbestritten. Zur Klärung des Chaos im Hinblick auf die Ursachenforschung für die Benachteiligung von Jungen im Bildungssystem sei auf einen Artikel der Rezensentin „Männerbilder in Konkurrenz“ verwiesen, erschienen bei ErzieherIn.de – Das Portal für die Frühpädagogik.

Fazit

Ein äußerst heterogenes Buch. Mit vielen Artikeln hilft es, einen anderen pädagogischen Blick auf Jungen zu bekommen. Mit anderen aber verstärkt es deren prekäre Situation und mit wieder anderen werden Hypothesen als Wissenschaft dargestellt.


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 12.06.2009 zu: Michael Matzner, Wolfgang Tischner (Hrsg.): Handbuch Jungen-Pädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2008. ISBN 978-3-407-83163-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7157.php, Datum des Zugriffs 28.11.2020.


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