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Gabriele Müller, Kay Hoffman: Systemisches Coaching

Cover Gabriele Müller, Kay Hoffman: Systemisches Coaching. Handbuch für die Beraterpraxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 3. Auflage. 251 Seiten. ISBN 978-3-89670-684-3. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR.
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Thema

Wäre das Buch jetzt eben zum ersten Mal erschienen, müsste man sich fragen, ob es noch etwas Neues bieten kann. Sind nicht Bücher desselben oder auch ähnlichen Titels schon etliche Male erschienen? Welcher besondere Aspekt könnte eine weitere Neuerscheinung wertvoll machen? Es handelt sich aber um die mittlerweile dritte Auflagen eines schon im Jahr 2002 von den Rezensenten hoch gelobten Buches - also offenbar eine erfolgreiche Publikation aus einer Zeit, in der viele der anderen Bücher zum Thema noch nicht auf dem Markt waren. Die Nachfrage nach dem Band von Müller und Hoffman hält offenbar an: Der Verlag schickt eine weitere Auflage an den Start - zugleich auch ein Signal dafür, dass das Thema Coaching nach wie vor aktuell ist.

Der Anspruch, mit dem das Buch auftritt, ist hoch: ein „Handbuch für die Beraterpraxis“ will es sein, also die enzyklopädische Orientierung eines Handbuchs verbinden mit einer praxisbezogenen Handreichung für Menschen in beratenden Berufen. Es versteht sich, wie die Einleitung zeigt, als eine Unterstützung für Profis: „Wenn Sie schon lange beratend tätig sind, besitzen Sie Interventionsfähigkeiten, die bereits automatisch integriert sind. In diesem Fall ist es leicht, zu vergessen, wie anspruchsvoll es doch war, die dazugehörigen Kompetenzen zu erlernen. Vor allem wie es Ihnen gelungen ist, diese Kompetenzen zu verinnerlichen. Sie werden sich an eine Fülle von Informationen und Methoden erinnern. Doch wie ist diese Fülle zu ordnen? Hier ist unser Buch eine Orientierungshilfe, die unbewusste Kompetenz in bewusste Kompetenz zu überführen.“ (S. 19)

Das ist in der Tat vielversprechend: dass Interventionsmethoden und zielführende Fragestellungen in ihrem jeweiligen Bezugsrahmen präsentiert werden und auf diese Weise stringent in ein Coachingkonzept integriert werden können. Was den Band wohltuend von reinen Methodensammlungen unterscheidet, darauf weist Gunther Schmidt in seinem Vorwort hin. Viele Arbeiten zum Thema Coaching suggerierten „strategische Planbarkeit und Machbarkeit, ja Kontrollierbarkeit der komplexen Prozesse in menschlichen Interaktionen und in Organisationen“ (S. 9), der vorliegende Band aber lasse sich auch auf das Unbewusste und Intuitive ein, auf das nicht Beherrschbare und das nicht Steuerbare, das die „Tiefenschicht“ jeder Beratung darstellt. Das zeigt schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis, das Worte wie „Herz“, „Liebe“, „Träumen“ und „Zufall“ enthält - lauter Bereiche, die sich einer zielgerichteten methodischen Beeinflussung entziehen. Dass sie hier nicht ausgespart werden, ist, wie gesagt, verheißungsvoll.

Autorinnen

Die beiden Autorinnen haben eine Ausbildung bei Gunther Schmidt am Heidelberger Institut für systemische Forschung absolviert. Gabriele Müller (vgl. www.isco-ag.de) ist Dipl.-Soz.Pädagogin und seit 1993 als Coach, Organisationsberaterin, Mediatorin und Managementtrinerin tätig. Kay Hoffman hat Philosophie studiert und diverse Fortbildungen, unter anderem in NLP, Hypnotherapie und systemischer Aufstellungsarbeit absolviert. Ihr detaillierter Lebenslauf findet sich auf (www.kayhoffman.de).

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit dem genannten Vorwort von Gunther Schmidt, das an sich schon einen sehr profunden Beitrag darstellt und also mehr ist als nur ein wohlwollendes Geleitwort. Bevor das Buch „richtig“ beginnt, also noch vor der Einleitung, gibt es ein weiteres nicht unwesentliches Kapitel. es ist überschrieben mit: „Die Lösung bitte sofort, Probleme haben Zeit - Vom Problem zur Lösung“. Das schließt an Schmidt an: er hat den Begriff der „Problemlösungsbalance“ in die Diskussion eingeführt. Sie bedeutet „den Drahtseilakt, sowohl beim Problem als auch bei der Lösung zu bleiben und hinzunehmen, dass beide sich ständig ändern.“ (S. 17) Aber die Lösung ist der Motor der Veränderung, nicht das Problem - deshalb hat das Problem Zeit. Allein die Aussicht auf eine Lösung wirkt als Gegenzauber und wirkt sofort. In diesem Sinne ist Beratung nach dem Verständnis der Autorinnen lösungsorientiert.

Die Einleitung nennt die Zielgruppe: Führungskräfte, Menschen in beratenden Berufen, in Managementfunktionen und Coaches. Sie nennt auch das Gliederungsprinzip - es wirkt zunächst simpel: Die Kapitel sind alphabetisch angeordnet, und im Grunde ist die Anordnung auch nebensächlich, da die Kapitel in sich abgeschlossen sind und nicht logisch aufeinander aufbauen. So beginnt es also mit „Absicht“ und endet mit „Zufall“ - 27 Kapitel enthält der Band. Ein kurzes Nachwort und ein ausführliches Literaturverzeichnis beenden das Buch.

Interessant ist allerdings der Aufbau der einzelnen Kapitel:

  • Es beginnt mit der Überschrift „Die Philosophie“ und bietet nicht nur einen philosophischen Hintergrund im engeren Sinn, sondern die theoretisch-systematische Einordnung des genannten Themas. Der Tenor dieser Abschnitte ist (dankenswerterweise!) nicht der Nachweis eigener Gelehrsamkeit, sondern die Redlichkeit des Denkens, das Verstehenwollen.
  • Es folgt der Abschnitt „Fragen aus der Beraterpraxis“, der das Thema im Kontext von Interventionen verortet. Es spricht für die große Praxisnähe des Buches, dass unter dieser Überschrift eine umfangreiche Reihe exemplarischer Coachingfragen genannt wird.
  • Die nächste Überschrift lautet „Managementstrategien“ - leicht irreführend, denn es geht nicht in jedem um Management i.e.S., sondern auch um weiterführende Beratungsansätze wie TZI, Prozessarbeit nach Mindell, um „kognitive Landkarten“ etc.
  • Es folgt der Abschnitt „Coachingtechniken“, in dem die Praxis des Coachings reflektiert, auf wichtige Zusammenhänge hingewiesen wird und gelegentlich auch konkrete Coachingschritte dargestellt werden.
  • In einem vorletzten Abschnitt werden die jeweiligen Themen in den systemischen Ansatz eingeordnet, der mit jedem Kapitel mehr angereichert wird.
  • Der letzte Abschnitt mit der Überschrift „Zitate“ kann sein, muss aber nicht. Aber manchmal sind solche Aphorismen ja auch im Coaching schöne Farbtupfer.

Diskussion

Es hat selten ein Buch gegeben, das ich so spontan mitgenommen habe, um es Ausbildungskursen als hilfreiche Literatur vorzustellen. Das theoretische Hintergrundwissen, das wir für solche Kurse aufbereiten und in ihnen vermitteln, steht hier schon aufbereitet und mit der Coachingpraxis verbunden zur Verfügung. Allerdings wird es einen guten Platz mehr gegen Ende als am Anfang einer Coachingausbildung haben - es ist kein Buch für Anfänger, wie schon der Rezensent der ersten Auflage hier bei socialnet betont hat (vgl. http://www.socialnet.de/rezensionen/263.php), sondern für BeraterInnen, die bereits über ein Interventionskonzept verfügen. Die Darstellung ist durchgängig wissenschaftlich gut fundiert, dennoch ist nicht der akademische Diskurs Ziel der Darstellung. Das Buch „erzählt“ vom Coaching, von seinen Bezügen, seinen Chancen, seiner Begründung, seinen Methoden. Dementsprechend gut lässt es sich lesen - und erstaunlicherweise kommt es ganz ohne die Graphiken aus, die sonst in der Coachingliteratur so beliebt sind. „Ich lese mich so gemütlich hinein“, sagt Gunther Schmidt im Vorwort über den Band von Müller und Hoffman. Das kann ich unterschreiben und hinzufügen: „Ich lese mich mit gutem Gewinn hindurch“.

Fazit

Ein gutes, praxisorientiertes, lehrreiches Buch, das Theorie verständlich darbietet und Interventionsstrategien und -methoden im Kontext eines systemischen Gesamtkonzepts vorstellt. Unbedingt empfehlenswert!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 16.03.2009 zu: Gabriele Müller, Kay Hoffman: Systemisches Coaching. Handbuch für die Beraterpraxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 3. Auflage. ISBN 978-3-89670-684-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7160.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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