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Peter Winterhoff-Spurk: Unternehmen Babylon

Rezensiert von Prof. Dr. Jürgen Nowak, 26.05.2009

Cover Peter Winterhoff-Spurk: Unternehmen Babylon ISBN 978-3-608-94436-5

Peter Winterhoff-Spurk: Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. 280 Seiten. ISBN 978-3-608-94436-5. 19,90 EUR. CH: 38,40 sFr.
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Thema

Das Buch ist eine umfassende Einführung in alle Aspekte und Dimensionen der anhaltenden Globalisierung, und zwar aus der analytischen Sicht eines Psychologen, der sich nach eigener Aussage auch einigermaßen sicher in der Soziologie, Geschichte und Kunstgeschichte fühlt (S. 228). Solch eine sozialpsychologische Sichtweise ist nach meiner Kenntnis bisher noch nicht in der Globalisierungsdebatte und -literatur vorkommen. Daher stehen in diesem Buche vorrangig die psychischen Folgen des sozialen Wandels und das inter-psychische Verhältnisse der Akteure zu- und miteinander im Mittelpunkt der Analyse.

Weiterhin fasziniert das Buch durch den historischen Vergleich anhand des Gemäldes von Pieter Bruegel aus dem Jahre 1563: Der Turmbau zu Babel, der für den Autor bereits folgendes ankündigt: „Auch zu Bruegels Zeiten fing die ökonomische Modernisierung schleichend an. Eine neue Oberschicht entwickelte sich, aber auch neue Armut. Der Calvinismus entwickelte sich als theologische Rechtfertigung des Reichtums, andererseits forderten die Wiedertäufer eine andere Verteilung von Besitz und Einkommen.“ (S. 9)

Ebenso wie der Babelturm nicht glückte, denn Gott zerstreute die Menschen über die ganze Erde mit verschiedenen Sprachen (1. Moses 11, Vers 8), so meint auch der Autor, dass der heutige sozioökonomische Wandel schief geht, wenn er nicht richtig gestaltet wird. Daher sein Credo: „Die Gestaltung des Wandels ist eine Aufgabe aller Bürger, das kann und darf nicht den politischen und ökonomischen Eliten allein überlassen werden.“ (S. 9)

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwölf Kapitel.

1. Bruegels Bild – Antwerpen im Jahr 1563

Das erste Kapitel schildert sehr eindrucksvoll den sozialen Umbruch in dem wohlhabend gewordenen Flandern im 16. Jahrhundert: Eine neue reiche Oberschicht an Kaufleuten, Reedern, Unternehmern und Offizieren, eine neue Mittelschicht aus Handwerksmeistern, Groß- und Kleinhändlern und Beamten und als Unterschicht die 75 % besitzlosen Arbeiter, Seeleute und Soldaten. Calvins Lehre von der Gnadenwahl war für die Ober- und Mittelschicht eine attraktive rechtfertigende Ideologie zur Akkumulation des Reichtums. Als Anschauungshintergrund wird das Bild Bruegels in jedem Kapitel einleitend analysiert, um zu zeigen, dass „schon alles mal dagewesen ist“ (S. 24).

2. Der unauffällige Priester – Die theoretischen Grundlagen der Globalisierung

Das zweite Kapitel beginnt im Mittelalter: Schon der Mönchorden der Zisterzienser führte durch das Ideal der Arbeit, die asketischen Lebensweise und die Organisation- und Planungsfähigkeit zum wirtschaftlichen Erfolg. Als Nachkommen werden die neoliberalen Marktfundamentalisten genannt, d.h. der Autor schreibt eine nüchterne und empirisch belegte Analyse des Neoliberalismus als theoretische Grundlage der Globalisierung.

3. Das Fenster mit den Hemden – Wie sich Arbeitnehmer verhalten

Als Folge der neoliberalen Globalisierung analysiert der Autor im dritten Kapitel die Folgen für die Beschäftigten: mehr prekäre Arbeitsverhältnisse, berufsbedingter Stress, Zunahme psychischer Berufserkrankungen, Burnout-Entwicklungen, innere Kündigungen und damit mögliches kontraproduktives Verhalten in oder gegen die Firma (Dienstahl, Vandalismus, Sabotage).

4. Der dicke Bauverwalter – Wie Manager agieren

Im vierten Kapitel ist der Baumeister in Bruegels Turm zu Babel heute der Manager, der zu 50 % aus den Großbürgertum kommt und als vorbildliche Führungskraft große Aktiengesellschaften charismatisch und medial lenken soll.

5. Pieter der Ältere – Wirtschaft in den Medien

Interessant sind die Ausführungen im fünften Kapitel zur Wahrnehmung von Wirtschaftsfragen in den Medien, bes. im Fernsehen, denn sie sind ein Spiegelbild der Bildungs- bzw. Sozialschichten: „Auch ist das Faktenwissen >„knowledge of<) bei den niedrigen Sozialschichten eher vorhanden als Wissen über Strukturen, Zusammenhänge und Hintergründe (>knowledge about<).“ (S. 111), d.h. für den größten Teil der Bevölkerung ist die Globalisierung eher ein randständiges Thema.

6. Risse im Fundament – Soziale Folgen der Globalisierung

Im sechsten Kapitel werden die Ergebnisse bisheriger sozialstatistischer Analysen über die sozialen Auswirkungen der Globalisierung zusammengefasst, wie u.a. von der romantischen Liebe zur Patchwork-Familie, zunehmende Einkommensunterschiede, steigende Armutsrisiken, eine Zunahme von Unsicherheit in der Lebensplanung, d.h. auf dem Wege in die >Drei-Drittel-Gesellschaft<.

7. Der Steinmetz mit der roten Kappe – Psychische Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen

Im siebten Kapitel untersucht der Autor das (kurzfristige) Wohlbefinden, das (langfristige) Lebensgefühl der Menschen und die Angstabwehr unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen. Die sozialen Aufsteiger in die Oberschicht denken nach dem Motto >Jeder ist eines Glückes Schmied, und wer es nicht schafft, ist ein Versager.

8. Der kackende Arbeiter – Ein neuer Sozialcharakter entsteht

Eines der spannendsten ist das achte Kapitel, da diese Thematik bisher nicht in der Diskussion und Literatur zur Globalisierung behandelt wurde. Es geht um die Entwicklung eines neues Sozialcharakters als die „historisch dominante Konfiguration von Gefühlen, Denk- und Verhaltensweisen, die durch ökonomische, soziale und kulturelle Verhältnisse einer bestimmten Zeit und Region hervorgebracht wird“ (S. 161). Das Bruegel‘sche Bild des „kackenden Arbeiters“ bedeutet Respektlosigkeit und Arbeitsverweigerung, die „innere Kündigung“ ins Privatleben.

In Anlehnung an den (immer männlichen) Schauspieler der römischen Antike – genannt >histrio< - nennt der Autor diesen neuen Sozialcharakter >histrionisch <: „Seine Gefühle sind schnell erregt, flach, oberflächlich, labil, theatralisch und wenig differenziert. … Sein Denken ist egozentrisch, oberflächlich, intuitiv, wenig strukturiert und impressionistisch. … Er kann sich nicht lange konzentrieren und lebt stark in Hier und Jetzt. … Schließlich ist er leicht beeindruck- und beeinflussbar “(S. 170). Dieser histrionische Sozialcharakter entsteht durch die längere Bindungsunsicherheit im familiären Umfeld und durch die mediale Berieselung wie u.a. Seifenopern im Fernsehen und passt zur globalen Dienstleistungsgesellschaft.

9. Nimrod – Die Verehrung der polischen Eliten

Obgleich im neunten Kapitel die Politiker mit 6 % auf dem vorletzten Platz der Beliebtheitsskala stehen, werden diese Menschen gesellschaftlich hofiert: VIP-Logen, respektvolle Begrüßung usw. Der Autor glaubt, „dass hier eine fatale Interaktion von Merkmalen des Sozialcharakters, medialer Darstellung von Politik und Politikern und Persönlichkeitsmerkmalen und Verhaltensweisen von Politikern vorliegt“ (S. 191).

Während das gehobene Bürgertum und das Großbürgertum sich eher für die größere Macht und höheren Einkommen in den Chefetagen der Wirtschaft interessiert, kommen die narzisstisch orientierten Politiker aus den aufstiegsorientierten unteren Mittelschichten und lassen sich medial als potentielle Showstars inszenieren. Die Mehrheit der Bevölkerung orientiert sich am Image und ist mit diesen Inszenierung offenbar zufrieden.

10. Der niederländische Envarer – Eigenschaften erfolgreicher Unternehmen

Im zehnten Kapitel geht um die Unternehmer. >Envarer< ist ein niederländisches flaches, aber seetüchtiges, von einem Mann gesteuertes Lastenschiff, das bis zu 100 Tonnen Gewicht transportieren konnte. Es symbolisiert den aufkommenden Reichtum der Niederlande, der ideologisch mit dem Calvinismus gerechtfertigt wird. Heute sind es die kurzfristig nach Profit strebenden Manager in Großunternehmen versus die familienorientierten Mittelstandsfirmen, die noch an das Wohl ihrer Beschäftigten denken.

11. Die schlafenden Männer – Vom Lob der Faulheit

Das elfte Kapitel zieht einen empirischen Vergleich zwischen den reichsten Menschen dieser Welt einerseits zu den rund 12 Millionen Menschen, die unter Zwang sklavenähnlich arbeiten und zu den 2,7 Milliarden Menschen, die nur 2 Dollar pro Tag haben, andererseits. Der Autor zieht daraus den Schluss, dass die Arbeitsbedingungen anders gestaltet werden müssen.

Der Mensch ist weder eine >Ich-Aktie<, die nach der kapitalistisch-protestantischen Arbeitsethik nur „workaholic“ unter Stress steht, noch ist Arbeit nach präkapitalistisch-mittelalterlicher Auffassung die Strafe für einen Sündefall, sondern „es wäre an der Zeit, einen ‚dritten Weg‘, eine postkapitalistisch-humanistische Arbeitsethik zu finden:

Arbeit ist eine, aber nicht die wichtigste, lust- und sinnvolle Tätigkeit zum Wohle des Einzelnen und der Gemeinschaft. Gemeinsam Essen, Feiern, Faulenzen - das Schlaraffenland - gehören auch zu einem erfüllten menschlichen Leben.“ (S. 249). Recht hat der Autor !

12. Dunkle Wolken – Bruegels zweiter Turm

Im letzten Kapitel wird noch einmal die gefährliche Gemengelage aus ökonomischen Fehlentwicklungen und individuellen Reaktionen benannt. Der Autor fasst seine sozialpsychologischen Erkenntnisse zum heutigen Lebensgefühl der Menschen und zum neuen Sozialcharakter zusammen.

Fazit

Wer sich kritisch über die Globalisierung mit allen ihren folgenreichen sozialen Dimensionen und insbesondere ihren sozialpsychologischen Aspekten informieren möchte, dem sei das Buch sehr zu empfehlen.

Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Nowak
Hochchullehrer an der Alice Salomon Hochschule Berlin

Es gibt 3 Rezensionen von Jürgen Nowak.

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Zitiervorschlag
Jürgen Nowak. Rezension vom 26.05.2009 zu: Peter Winterhoff-Spurk: Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2008. ISBN 978-3-608-94436-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7161.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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