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Reinert Hanswille, Annette Kissenbeck: Systemische Traumatherapie

Rezensiert von Dr. Michaela Schumacher, 15.10.2009

Cover Reinert Hanswille, Annette Kissenbeck: Systemische Traumatherapie ISBN 978-3-89670-651-5

Reinert Hanswille, Annette Kissenbeck: Systemische Traumatherapie. Konzepte und Methoden für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. 398 Seiten. ISBN 978-3-89670-651-5. D: 34,00 EUR, A: 30,80 EUR.
Reihe: Systemische Therapie
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Autoren und ihr Hintergrund

Beide Autoren arbeiten seit Jahren sowohl therapeutisch mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen als auch in der Aus- und Weiterbildung für systemische Kinder- und Jugendtherapeuten und Traumatherapeuten als Lehrende, Supervisoren und Lehrtherapeuten.

Zielgruppen

Das Buch wendet sich an alle Professionen, die in die Betreuung von traumatisierten Kindern/Jugendlichen eingebunden sind: an MedizinerInnen, TraumatherapeutInnen, FamilientherapeutInnen, MitarbeiterInnen im Sozialen Dienst.

Aufbau

Das Buch hat ein Geleitwort von Ellert Nijenhuis, ein Vorwort von Gunter Schmidt, eine Einleitung der Autoren. Es besteht aus zwei Teilen „Systemische Traumatherapie – Theoretische Grundlagen und Methoden“ und „Systemische Traumatherapie mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien“ mit acht Kapiteln, einem Verzeichnis der Abkürzungen, fünf Anhängen, einem Literaturverzeichnis und einer Kurzinfo über die Autoren.

Teil 1: Systemische Traumatherapie – Theoretische Grundlagen und Methoden

Kapitel 1: Traumatherapie und Systemtheorie

Die Systemtheorie liefert den theoretischen Rahmen für die traumatherapeutische Arbeit mit Einzelnen, Paaren, Familien und anderen sozialen Systemen. Die systemische Traumatherapie arbeitet sowohl individuumszentriert als auch systemisch und wählt dazu jeweils fünf Zugänge – das 5-Achsenmodell -: Traumaauslöser, Traumakontext, Traumadosis, Traumafokus und Traumabeziehungsmuster.

Kapitel 2: Grundlagen der Traumatherapie

Kurz und einsichtig werden die Geschichte und Etappen der Traumatherapie und die konstitutiven Variablen und Faktoren für die Entwicklung eines Traumas referiert. Vorgestellt wird ein phasenorientiertes Therapieverfahren und die einsetzbaren Methoden werden differenziert erläutert: Imaginative Stabilisierungsarbeit, Ego-State-Arbeit, Innerer BeobachterIn, Arbeit mit dem Inneren Kind und drei Verfahren zur Traumabegegnung – EMDR, Beobachter- und Bildschirmtechnik -. Überzeugend eingeführt wird in die „strukturelle Dissoziation als Metatheorie der Traumatherapie“ – psychobiologische Erklärungsansätze, Handlungssysteme, Emotionale Persönlichkeitsanteile (EP und ANP) und die zugehörigen Therapieimplikationen.

Kapitel 3: Konzeptionelle Überlegungen für eine systemische Traumatherapie

Erklärt und diskutiert werden elf zentrale systemische Aspekte –

  • Systembezogenheit;
  • Inneres System;
  • Kybernetik 2. Ordnung: Beobachterposition und Wirklichkeitskonstruktion;
  • Kontextbezogenheit;
  • Elemente der therapeutischen Beziehung – Autonomie fördernd, fürsorglich, ressourcen-, lösungs- und zukunftsorientiert -;
  • Ressourcen-, Entwicklungs- und Wachstumsorientierung – biologische, individuelle, systemische und spirituelle Ressourcen; Salutogenese – Kohärenzgefühl, Gefühl von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit; Resilienz als aktiver, lebenslanger und interaktiver Prozess; Posttraumatic Growth,
  • Körper und Bewegung – traumatische Erlebnisse schlagen sich im Gehirn nieder, beeinflussen das Körperbewusstsein, können Triggercharakter annehmen –
  • Lösungs-, Zukunfts- und Alltagsorientierung – auszubilden, einzuüben und zu aktivieren sind neue neuronale Erregungsmuster durch genaues Beschreiben von künftigen Gedanken, Gefühlen, Tätigkeiten, Empfindungen etc. (Zukunftsdialog)
  • Auftragsklärung und Zielorientierung (gutes Selbstmanagement)
  • Musterorientierung – Problemmusterveränderung durch Unterschiedsbildung, Unterbrechung, Irritation, Bereicherung, Wechsel und/oder Komplexitätserhöhung bzw. –reduktion
  • Respektlosigkeit und Humor – alles zu nutzen, was dem/der Traumatisierten hilft und unterstützt, Lebendigkeit, Vitalität und Humor wieder zu entdecken.

Kapitel 4: Methodische Ideen für eine systemische Traumaarbeit

Eine Vielfalt von aufklärenden, sinnvollen und sinnstiftenden Methoden wird vorgestellt und in konkreten Fallvignetten, Illustrierungen und Checklisten etc. plastisch und nachvollziehbar exemplifiziert. Verknüpfungen und Erweiterungen mit anderen Tools werden benannt und angeregt. Die erläuterten Methoden sind: Skulpturarbeit, Familien-/Systembrett, Inneres und äußeres reflektierende Team, Genogrammarbeit, Beziehungslandkarte, Ressourcenorientierte Techniken, Körperarbeit – 9 Techniken-, Fragetechniken – 8 Fragebögen mit Beispielen-, Wunderfrage nach dem BASK-Modell, Skalierungen, Aufgaben zwischen den Sitzungen, Memory Lane – Zeitlinienarbeit, Externalisierung, Unsere Wohnung – unser Haus ( Landkarten für Trigger, Ressourcen, Grenzen).

Teil 2: Systemische Traumatherapie mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien

Kapitel 5: Trauma und Entwicklung im Kindes- und Jugendalter

Aus drei Perspektiven gehen die Autoren das Thema an.

  • Bindungstheorie mit den Aspekten inkohärente Beziehungsmuster, transgenerationale Weitergabe, Bindungsdesorganisation und Dysregulationsmuster.
  • Neurobiologie mit den Aspekten implizites und explizites Wissen, neuronale Netzwerkresonanz und neuroplastische Veränderungen, Hirnlandschaften, Handlungssysteme ( Verteidigung und Alltagsüberleben)
  • Psychotraumatologie mit den Aspekten Amygdala als Stressmelder, Neokortex als Navigationssystem, inkohärente oder fragmentierte Ich- und Systemstrukturen

Bei einer multiplen und chronisch interaktionellen Traumatisierung misslingt Kindern/Jugendlichen oft eine ausreichende Integration sensorischer, emotionaler und kognitiver Information, was eine instabile Affektregulation zur Folge hat.

Alterstypische Traumasymptome und Entwicklungsdefizite werden in einer Übersicht aufgelistet und auf dissoziative Symptome – psycho- und somatoferne – explizit eingegangen, um Fehldiagnosen und Medikamentenwahl einzugrenzen. Für die Eckpunkte der Skala – einfach traumatisiertes und komplex traumatisiertes System – werden 5 Dimensionen und drei indirekte Traumatisierungen – latente Traumathemen oder Traumaknoten, Co-Traumatisierung, Sekundärtraumatisierung im Helfersystem – skizziert und erläutert. Abschließend wird dargelegt, wie die integrative Synergie und Selbstorganisation gestärkt und gefördert werden können (Co-Evolution in traumatisierten Systemen).

Kapitel 6: Diagnostik mit traumatisierten Systemen

Zwei diagnostische Zugriffsweisen – individuelle und Systemdiagnose – werden mit ihren Unterdimensionen – basis-, ressourcen- und traumaorientierte Diagnostik – dargelegt und z.T. mit konkreten Methoden unterlegt. In EMIL, ein vom Autorenteam entwickeltes und erprobtes Modell für Interventionen und Lösungen wird ausführlich und verständlich eingeführt.

Kapitel 7: Therapie mit traumatisierten Systemen

Die vier Eckpfeiler des therapeutischen Prozesses sind – motivationale Klärung, Ressourcenaktivierung, Problemaktualisierung und Problemlösung. Die traumatherapeutische Arbeit mit Kindern verlangt sowohl ein multimethodisches Vorgehen als auch eine konzeptionelle Vielseitigkeit. Wichtige -an Fallvignetten illustrierte – Elemente dieses Prozesses sind:

  • Affektregulation
  • Zielklärung, Zeitplanung und Zugänge zum System
  • Systemtherapeutischer Zugang über die fünf Traumaachsen –Traumaauslöser, -kontext, -dosis, -fokus und –beziehungen –
  • Vier Therapiephasen – Orientierung im System, Stabilisierung im System, Traumabegegnung im System und Traumaintegration im System.

Kapitel 8: Interventionen mit traumatisierten Systemen

Unterschieden wird nach Interventionen innerhalb und außerhalb der Therapie. Sich bewährt habende Interventionen innerhalb der Therapie sind

  • Psychoedukative Elemente – spielerisch z.B. Expeditionen, detektivische Spionage, Metapherarbeit z.B. für die Therapiephasen, Symptomauf- und –erklärung
  • Affektregulation durch z.B. Übungen wie Tresor, Sicherer Ort, durch Ressourcenarbeit und Hypnoimagination, eine 7schrittige Triggerkontrolle und Traumaarbeit mittels innerer Zeitreisen
  • Familienzentrierte Techniken – Trigger- und Lösungsrad, systemische Zeitreise, mediale Traumabegegnung mittels Malen, Narrativen und/oder Skulpturen
  • Gruppentherapie zur Entwicklungs- und Kompetenzförderung unter Peers
  • Elternarbeit mit Ressourcen- und Traumafokus
  • Systeminterventionen bei Verlustrauma und bei Akuttrauma
  • Pharmakotherapie

Interventionen außerhalb der Therapie sind

  • Entwicklungsförderung durch Spielen, Körperbewegung, kreatives und musisches Gestalten
  • Netwerkarbeit der beteiligten „HelferInnen“ und Helfersysteme – Austausch, Offenheit, Respekt
  • Kinder- und Jugendhilfegesetz
  • Differenzierte Jugendhilfemaßnahmen

Bei den Interventionen außerhalb besteht ein hoher Handlungsbedarf, so müsste nicht nur das elterliche Umgangsrecht dem Kinderschutz wohl nachgeordnet werden, sondern die politisch Verantwortlichen müssten auch ausreichende finanzielle Mittel, personelle Ressourcen und Strukturen zur Verfügung stellen, damit eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohl der Traumatisierten möglich wird.

Fazit

Dieses Buch zeugt sowohl von der tiefen Erfahrung und hohen Kompetenz der Autorin/des Autors als auch von ihrem Respekt und ihrer Würdigung anderer therapeutischer Zugänge. Dadurch gelingt es ihnen, die drei Zugänge – Systemtheorie, Neurobiologie und klassische Traumatherapie – höchst kompetent und differenziert miteinander zu verschränken und bisherige Schranken/Vorurteile zu überwinden. Sie schließen mit diesem „einem schon lange überfälligen und bemerkenswerten“ eine Lücke – so Nijenhuis im Geleitwort. Es ist sprachlich klar und verständlich geschrieben und eröffnet den Lesenden seinen Reichtum sowohl in der Theorie als auch mit seinen konkreten Beispielen und den sauber beschriebenen Methoden.

Rezension von
Dr. Michaela Schumacher
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Zitiervorschlag
Michaela Schumacher. Rezension vom 15.10.2009 zu: Reinert Hanswille, Annette Kissenbeck: Systemische Traumatherapie. Konzepte und Methoden für die Praxis. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2008. ISBN 978-3-89670-651-5. Reihe: Systemische Therapie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/7169.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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